Der Konstruktive Realismus (CR) ist eine von dem österreichischen Philosophen Friedrich Wallner entwickelte wissenschaftstheoretische Betrachtungsweise bzw. ein Denkgebäude.
Sein zentrales Anliegen ist die Einsicht in die RelationalitätKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 122. wissenschaftlicher Erkenntnisse und damit verbunden die Abkehr von der klassischen Auffassung, Wissenschaft könne zu verbindlichen Aussagen über die Wirklichkeit kommenKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 88–89, 118–125.. Stattdessen konstruiert Wissenschaft Realitäten, indem sie von ungeprüften und kulturell bedingten Vorannahmen ausgehtKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 67, 87–88. Diese Realitäten stellen – fachspezifische – MikroweltenKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 64 dar, innerhalb derer der Wahrheitsbegriff als „lokale Wahrheit“Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 112. seine Berechtigung erhält und auch VerbindlichkeitKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 100 gegeben ist.
"Die Grundeinsicht des Konstruktiven Realismus lautet, dass Erkenntnis nicht im Konstruieren von Modellen bzw. 'Mikrowelten' liegt, sondern im 'verfremdenden' Verstehen des Zusammenhangs von wissenschaftlichen Konstrukten und deren Voraussetzungen."Friedrich G. Wallner: Systemanalyse als Wissenschaftstheorie III: Das Vorhaben einer kulturorientierten Wissenschaftstheorie in der Gegenwart (= Culture and Knowledge 16). Peter Lang, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-631-60542-4, aus der Kurzbeschreibung am Schutzumschlag
Die zentrale Methode zur Aufdeckung versteckter und nicht weiter hinterfragter Vorannahmen der jeweiligen Fachdisziplin ist die der VerfremdungKlünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 101–103.
Zweck des CR ‚Der CR versteht sich als therapeutische Philosophie, die der Scientific Community zum Selbstverständnis helfen will. ... Konstruktiver Realismus beansprucht nicht, Einsicht in die Welt, sondern Einsicht in das Funktionieren der Wissenschaft zu haben.‘Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 85 Diese Herangehensweise will die Normativität der Wissenschaft, speziell den Alleingeltungsanspruch westlicher Wissenschaft („es gibt nur eine einzige Wahrheit“) verhindern, und das Feld für konkurrierende, alternative Strukturierungsversuche von „Welt“ offen halten.Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 14
Der Zweck des Konstruktiven Realismus ist, die Normativität von Wissenschaft zu umgehen. Da Normen kulturspezifisch sind (siehe Sozialkonstruktivismus), schlägt der CR vor, eine Wissenschaft in ihrer kulturellen Abhängigkeit (Lebenswelt) zu betrachten. Hat man so die Voraussetzungen, auf welchen das Normensystem der untersuchten Wissenschaft beruht, analysiert, kann das Prinzip der Normativität beim Betrachten der jeweiligen Wissenschaft vermieden werden.
Geschichtliche Grundlagen Das Erkenntnisstreben des Menschen ist auf die Wirklichkeit gerichtet. Die Naturwissenschaften versuchen, jene Gesetze zu entdecken, die den Naturerscheinungen zugrunde liegen. Gegen die Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erkennen, gibt es theoretische und empirische Einwände.
Zu den empirischen Einwänden zählt die Erfahrung, dass sich wissenschaftliche Überzeugungen vielfach über kurz oder lang nicht aufrechterhalten ließen. Beispiele dafür wären die Ablöse des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild oder die Phlogistontheorie. Die Relativitätstheorie wies die so überzeugend anmutende Newton’sche Physik als Konstrukt aus, das in der Realität nicht gefunden werden kann, da es keine masselosen Systeme gibt, und die Ergebnisse der Quantenphysik mit der Einführung des absoluten oder objektiven ZufallsAnton Zeilinger: Einsteins Schleier. Die neue Welt der Quantenphysik. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50281-4, S. 51–64, 99. zerstörten das Konzept eines umfassenden Determinismus bzw. der Berechenbarkeit der Welt (s. Laplacescher Dämon). Die Wissenschaftler und Philosophen des Wiener Kreises beschäftigten sich mit der Frage, wieso es geschehen konnte, dass Erkenntnisse, die als unbezweifelbar angesehen wurden, plötzlich widerlegt waren. Sie vermuteten Fehler in der Methode als Ursache für falsche wissenschaftliche Sätze. Letztlich scheiterte der Versuch, Kriterien anzugeben, die wissenschaftliche Sätze – und gemeint waren solche, die unbezweifelbar die Wirklichkeit abbilden –, als solche auszuzeichnen. Autoren wie Paul Feyerabend zogen daraus den Schluss, der verkürzt zu der berühmten Aussage „anything goes“ führte: ‚Regentänze seien genauso gut wie Wettervorhersagen, Wahlprognosen nicht besser als Astrologie‘.
Aus dem historisch vielfach nachgewiesenen Scheitern des gesicherten Erkenntnisgewinns hinsichtlich einer außerhalb des Menschen angesiedelten „Wirklichkeit“ (objektive, vom Menschen unabhängig vorgestellte, aller Erkenntnis vorausgehende Welt), ergibt sich auch einer der theoretischen Einwände gegen die Erkenntnismöglichkeit der Wirklichkeit: wie kommt man überhaupt auf die Idee, dass menschliches Denken in der Lage ist, Strukturen der Wirklichkeit zu erkennen? Was haben menschliche Begriffe als Bewusstseinsphänomene mit jenen Kräften und Gesetzen zu tun, von denen postuliert wird, dass sie der Welt zugrunde liegen (könnten)? Man müsste die Position eines „absoluten Geistes“ beziehen können, der sowohl den Inhalt des menschlichen Bewusstseins als auch den betreffenden Ausschnitt der Welt fehlerfrei beobachten kann, um beurteilen zu können, ob das, was ein Mensch über die Wirklichkeit denkt, zumindest teilweise übereinstimmt mit dem, wie die Wirklichkeit ist.Gerhard Klünger: Freiheit im Kontext der Wissenschaftskritik. Peter Lang, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-631-63004-4, S. 4 Der häufig vorgebrachte Hinweis auf die Erfolge der Wissenschaft und ihrer Vorhersagen (speziell im Bereich der Technik) können nicht als Beweis für die grundsätzliche Richtigkeit der gefundenen Gesetze genommen werden, da auch mit – aus heutiger Sicht – sogar ganz falschen Weltbildern richtige Vorhersagen getroffen werden konnten, beispielsweise die Vorhersage von Mondfinsternissen im Kontext eines geozentrischen Weltbildes (siehe Geschichte der Mondbeobachtung).
Das vom Wiener Kreis aufgeworfene Methodenproblem wurde als nicht umgehbares wissenschaftsinhärentes Problem erkannt: Der Zirkel von Gegenstand und Methode. Solange man den Gegenstand nicht kennt – denn würde man ihn schon kennen, bedürfte es ja keiner wissenschaftlichen Erforschung –, müsste man, um ihn so zu erforschen, wie er "wirklich" ist, eine dem Gegenstand angemessene Methode einsetzen. Die richtige Methode zu wählen setzt aber voraus, dass man den Gegenstand der Untersuchung bereits kennt.Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 139–140 Umgekehrt bedeutet das, dass die jeweilige Fachdisziplin immer nur das finden kann, was die jeweils eingesetzte Methode hergibt.
Die empirischen Befunde über das Scheitern für wahr gehaltener Satzsysteme sowie die theoretischen Einwände hinsichtlich des Denkvermögens führten zu einer Abkehr von der Ansicht, Wissenschaft würde die Wirklichkeit beschreiben. Eine der philosophischen Folgen war die Geburt der Konstruktivismen: Wissenschaft findet nicht Gesetze, sie erfindet sie.Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 131–132 Wissenschaft spricht nicht über die Wirklichkeit – und wenn sie es tut, höchstens irrtümlich, ihrer eigenen Voraussetzung nicht eingedenk –, sondern konstruiert Realitäten: Mikrowelten, innerhalb derer die jeweiligen Satzsysteme stimmen und auch verifiziert werden können (d. h., bislang nicht an der Wirklichkeit scheiterten), wodurch es zu etwas kommt, was „lokale Wahrheit“ genannt werden kann. Der Erkenntnisanspruch der Wissenschaft wird aufrechterhalten, indem sich der Erkenntnisanspruch nicht an die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit richtet, sondern Teile der Lebenswelt systematisiert und Mikrowelten hinsichtlich der Lebenswelt interpretiert werden.Klünger: Wörterbuch des Konstruktiven Realismus. 2011, S. 14, 15, 41, 68, 107, 130
Zur Ontologie des CR
Der Konstruktive Realismus unterscheidet zwei klare Weltbegriffe, Wirklichkeit – das, was dem menschlichen Bewusstsein gegenübersteht – und Realität – der konstruierten Welt der Wissenschaft. Einzelne (sub)disziplinäre Konstruktionsleistungen werden als Mikrowelten bezeichnet, der kulturspezifische Hintergrund Lebenswelt.
Wirklichkeit Vor jeder wissenschaftlichen Handlung wird – aus der Sichtweise des CR – der der Handlung zukommende Gegenstand als vorhanden vorausgesetzt – Diese gegebene Welt wird als Wirklichkeit bezeichnet; die Welt in der wir leben, die "von sich aus wirkt", ohne dass man dies erkennen kann – Wirklichkeit kann also nicht Gegenstand der Erkenntnis sein. Realität Durch wissenschaftliche Aktivität auf methodisch kontrollierbarem und überprüfbarem Wege wird ein neuer Gegenstand produziert, über dessen Beziehung zu seiner Voraussetzung noch keine Aussage erfolgt. Dieser Bereich kann grundsätzlich verstanden werden, da er geschaffen wurde. "verum et factum convertuntur" (Giambattista Vico) Mikrowelt Einzelne wissenschaftliche Konstruktionsleistungen, disziplinäre und subdisziplinäre Realitäten Lebenswelt tradierte Systeme bewährter Überzeugungen, kulturspezifischer Hintergrund
Die Verfremdung im CR Die Verfremdung (Strangification) ist die zentrale Methode im Konstruktiven Realismus. Im Prinzip geht es darum, ein Satzsystem s1 aus seinem (disziplinären) Kontext k1 herauszulösen und in einem anderen Kontext k2 (oder mehreren) zu betrachten, um sich einem Verständnis der (impliziten) Voraussetzungen der wissenschaftlichen Handlungen im Kontext k1 anzunähern. Verfremdung in die eigene Methodologie am Beispiel Mathematik In der Schule wird der Dreisatz (die Schlussrechnung) besprochen. 10 Arbeiter bauen 1 Fertigteilhaus in 10 Tagen zu 8 Stunden. Wie lange benötigen 20 Arbeiter für dieselbe Arbeit? Ein besonders eifriger Schüler rechnet aus, wie lange 1 Million Arbeiter benötigen würden, und kommt auf 0,288 Sekunden. Als er das Ergebnis stolz präsentiert, lachen Lehrer und Klasse. Der Schüler versteht das Gelächter nicht, da er keinen Rechenfehler begangen hat.
Es kommt Unsinn dabei heraus, wenn die Rahmenbedingungen des Bereichs, in dem die Mathematik angewendet wird, nicht berücksichtigt werden. Die Verfremdung bringt die methodischen Voraussetzungen der Mathematik zum Vorschein – zum Beispiel, dass man Gleichungen mit beliebigen Zahlen (ungleich Null oder Unendlich) multiplizieren kann, ohne dadurch ihre Gültigkeit zu ändern. Diese Voraussetzungen sind offensichtlich andere wie jene der Lebenswelt. Die Verfremdung arbeitet in diesem Beispiel mit einer Reductio ad absurdum, wodurch gezeigt wird, dass die Mathematik nicht eins zu eins auf die Lebenswelt angewendet werden kann.Beispiel in Anlehnung an
Der folgende Witz beruht auf demselben Prinzip: Sparberater zum Kunden: „Bei einem monatlichen Beitrag von nur 100 Euro erhalten Sie nach 1000 Jahren 100 Millionen Euro ausbezahlt. Das ist doch was!!“ Verfremdung menschlicher Beziehungen in die Statistik Wie hat man die größte Chance, den Menschen kennenzulernen, der am besten zu einem passt? Man könnte folgende Überlegung anstellen: Je mehr potentielle Partner man kennenlernt, desto größer ist die Chance, dass der Richtige dabei ist. Also sollte man mit möglichst vielen eine Affaire haben. Es zeigt sich jedoch, dass es die Chance, den besten zu finden, bei dieser Strategie nicht um den Faktor 100 steigert, wenn man statt 50 Affairen 5000 hat. Durch die Verfremdung menschlicher Beziehungen in die Statistik stellt sich heraus, dass menschliche Beziehungen nicht quantifizierbar sind.
Verfremdung menschlicher Denkprozesse in Gehirnfunktionen