Rasseschlüssel 53 UST mini|Graukühe in einer Herde im Nationalpark Hortobágy mini|Ungarisches Steppenrind (Tierpark Berlin), Porträt Als Ungarisches Steppenrind oder Ungarisches Graurind, , bezeichnet man eine alte Hausrindrasse aus dem ungarischen Tiefland, die vom Aussterben bedroht ist. Sie gehört zur Gruppe der podolischen Rinder und eignet sich besonders für extensive Beweidungssysteme.
Beschreibung mini|Ein Stier mit dem charakteristischen „Okular“ Das Ungarische Steppenrind ist schlank, großrahmig und hochbeinig. Die Widerristhöhe beträgt beim Bullen 145 bis 155 cm, bei der Kuh 135 bis 140 cm, das Gewicht beim Bullen 800 bis 960 kg, bei der Kuh 500 bis 600 kg. Die Rinder sind robust, anspruchslos, leichtgebärend und langlebig. Die meist genau nach oben weisenden Hörner sind lang, gebogen und ausladend. Stiere können bis zu 80 cm lange Hörner haben.
Farbe Die Färbung der Tiere ändert sich mit der Anzahl der Lebensjahre. Die Kälber sind nach der Geburt rötlich-gelb, wobei verschiedene Schattierungsgrade von hell bis dunkel unterschieden werden können. Im Alter von zwei bis drei Monaten hellt sich das Fell auf und beginnt grau zu werden. Zwischen dem vierten und sechsten Monat nehmen sie vollständig graue Farbe an. Bei ausgewachsenen Graurindern kommen verschiedene Abstufungen von Silberweiß bis Aschgrau vor.
Die männlichen Tiere, die Stiere, werden bis zum Alter von drei bis vier Jahren eher rußfarben. Der Hals, der untere Teil der Unterschenkel, ein Teil der Brust, der Schulterbereich, der Brustkorb sowie die Seite und Unterseite des Bauchs werden dunkler. Eine sehr ins Schwarze gehende Färbung ist bei Züchtern nicht beliebt, stellt aber keinen Mangel dar. Um die Augen herum weisen die männlichen Tiere einen dunklen Ring auf, der als „Ókula“ (Okular) bezeichnet wird. mini|Kuh mit noch rötlich gefärbtem Kalb An der Wurzel des Horns bilden die längeren Haare der Kühe einen Haarkranz, während sie bei den Stieren gelockt sind. Die Wimpern sowie die Fortsätze an den Ohren und die Schwanzquaste sind schwarz. Die Haut ist schiefergrau, nur zwischen den Oberschenkeln, am Euter und an den Ohren ist sie rosa.
Die Gaumenfarbe kann entweder rosa oder schiefergrau und fleckig sein. Bei der Auslese der Zuchttiere gelten Individuen mit schiefergrauem Gaumen als vorteilhaft. Die andere Gaumenfarbe, bzw. die schwärzere Rußfarbe bei Stieren ist auf den Einfluss anderer, zum Beispiel maremmanischer Rassen zurückzuführen und wird deshalb von Züchtern gemieden. Auf diese Weise streben diese die Erhaltung der einheitlichen Merkmale des Ungarischen Steppenrindes an.
Die Fellfarbe kann sich auch mit der Jahreszeit ändern. Im Winter sind die Tiere dunkler und das Fell enthält mehr rötlich schattierte Haare. Das schützende äußere Fell ist im Sommer kurz, dick und gerade, im Winter jedoch verdichtet und lang. Nach dem Fellwechsel im Frühling ist die Farbe am schönsten.A magyar szürke szarvasmarha / Szakmai kiadvány
Typen Es lassen sich Unterscheidungen zwischen folgenden Erscheinungsformen treffen:
Primitiver Typus Merkmale: Unterentwickelt, kleiner Körper, niedrige Widerristhöhe Beim Auftreten dieser Eigenschaften spielen schlechte Futterqualität und unangemessene Lebensumstände eine Rolle. Charakteristisch sind die weniger harmonisch geformten Hörner und schiefe Struktur der Beinknochen.
Typus mit grobem Jochbein Diese Variante ist von großer Widerristhöhe, weist einen tiefen Brustkorb und lange Beine auf, was lebhaftere Bewegungen ermöglicht.
Milchproduzierender Typus Diese Tiere sind von kleiner, aber wohlgeformter Gestalt und haben dünnere Hörner. Das Euter ist stärker entwickelt.
Großbetriebstypus Heute das am häufigsten anzutreffende Graurind ist von wohlgeformter Erscheinung und hat oft gemusterte Hörner. mini|Ein Stier mit typisch maremmanischen Merkmalen im Tierpark Berlin Die Erhaltung der Typen dient insbesondere der Bewahrung des genetischen Bestands.
Verwandte Rassen Es gibt viele verwandte Rassen, von denen folgende am nächsten verwandt sind:
Maremmaner Rind Das Maremmaner Rind ist eine mittelitalienische Rasse. Sie hat einen höheren Widerrist und ähnelt dem Graurind in der Farbe, ist jedoch etwas dunkler gefärbt. Zwischen den beiden Weltkriegen und in den 1970er Jahren wurden die Tiere zur Auffrischung des Bestandes benutzt. Heute werden diese Nachkommen stufenweise ausgemustert.
Siebenbürgener Steppenrind Diese gedrungene und füllige Rasse wurde im Lauf der Zeit oft mit dem Ungarischen Graurind gekreuzt. Um das Jahr 1800 herum beschäftigten sich Züchter mit dieser Rasse und selektierten im Interesse der Fleischproduktion. Einige legten jedoch auch Wert auf die Milchleistung, was sich im Ergebnis der Züchtung niederschlägt. In den 1950er Jahren wurde keine selbständige Züchtung mehr betrieben und die Rasse verschwand Mitte der 1960er Jahre.
Ukrainisches Steppenrind Das Ukrainische Steppenrind hat kürzere Hörner als das Ungarische Steppenrind, weist aber dieselbe Färbung auf. Die äußerliche Erscheinung ist aber nicht sehr homogen. Die Rasse hat ein gutes Potential als Milchproduzent, dies ist jedoch in rauen Umweltbedingungen nicht realisierbar. Es gibt nur noch wenige Exemplare dieser Rasse in nur einer einzigen Zucht.
Geschichte Das ungarische Steppenrind kam wahrscheinlich im 9. Jahrhundert mit der Einwanderung der Ungarn aus deren vorheriger Heimat im Osten ins ungarische Tiefland. In der frühen Neuzeit war es vor allem wegen seines Fleisches geschätzt, im 19. Jahrhundert machte es dann als Arbeitstier Karriere – auch in Österreich und Deutschland. Vor hundert Jahren kam es dann außer Mode. Das Rekordtief war ein Bestand von 187 Kühen und 6 Bullen.
Rinderhandel mini|Ausschnitt aus dem Feszty-Panorama: Árpád und seine Stammesfürsten Die historischen Quellen deuten auf einen ununterbrochenen Rinderhandel zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert hin.
Im 14. und 15. Jahrhundert kam es zu einer Wende in Westeuropa, die in den östlichen Ländern weitgehend ausblieb. Mit der Entfaltung des Gewerbes gewann die Rolle von Städten an Bedeutung und Leibeigene zogen massenhaft dorthin. Der Fleischbedarf der wachsenden Stadtbevölkerung wurde mit Rinderexporten aus den östlichen Gebieten bedient. Das ungarische Steppenrind gelangte nach Nürnberg, Augsburg, München und Ulm ebenso wie nach Italien und Mähren.Hankó Béla: A magyar háziállatok története ősidőktől máig Im 17. Jahrhundert erreichte dieser Handel mit einer geschätzten Anzahl von 100.000 Rindern im Jahr einen Höhepunkt.Dr. Bodó Imre: Magyar szürke szarvasmarha Allein in Nürnberg wurden jährlich 70.000 Tiere verkauft. Sie konnten sich wegen der hohen Qualität ihres Fleischs gegenüber konkurrierenden Arten durchsetzen. In deutschen Städten wurden Gesetze erlassen, die die Aufnahme anderen Fleischs in die Fleischbanken untersagten, sobald ungarische Viehherden auf dem Markt eintrafen, damit das teurere Produkt nicht mit schlechterer Qualität vermischt werden konnte.
Der Handel wurde auch während der osmanischen Herrschaft nicht unterbrochen. Auch die Osmanen profitierten durch Steuereinnahmen vom Rinderhandel.
Ein Großteil des Handels war in den Händen einer reichen Händlerschicht, allerdings hatten auch die bürgerlichen Bauern der Minderstädte, wie zum Beispiel Großgrundbesitzer, Anteil daran.Bellon Tibor: A magyar szürkemarha Dies änderte sich 1622, als der Wiener Hof den Rinderhandel monopolisierte. Im Ergebnis gab es 1695 dem Bericht eines kaiserlichen Kommissars zufolge in Debrecen keine Graurinder mehr. Dies entsprach zwar nicht der Wirklichkeit, jedoch war die Zahl der Tiere drastisch zurückgegangen. Der letzte Nürnberger Rindermarkt fand 1713 statt. In den vorangegangenen Jahrhunderten war der Rinderhandel aber von so großer Bedeutung, dass die Wirkung auf die ungarische Gesellschaft und Wirtschaft noch heute erkennbar ist.
Verödung der Dörfer und Entwicklung von Minderstädten Im 14. und 15. Jahrhundert kam es zu einer weitläufigen Entvölkerung und Verödung vieler Dörfer (pusztásodás) in Europa. Auch in Ungarn führten wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren sowie Plagen zum Aussterben von Dörfern. Diese Entwicklung begann mit dem Tatarensturm und beschleunigte sich unter der türkischen Herrschaft. Die Bewohner kleiner Dörfer zogen in größere Siedlungen um, wo sie sich besser geschützt fühlten. Die Felder, auf denen zuvor Landwirtschaft betrieben wurde, lagen brach, und langsam breitete sich die natürliche Vegetation wieder aus.Eintrag pusztásodás im Magyar néprajzi Lexikon in der MEK Auf diese Weise bildeten sich große, unbewohnte und als Weiden nutzbare Flächen, die insbesondere in der ungarischen Tiefebene (Alföld) eine Voraussetzung für Rinderhaltung in größeren Ausmaßen darstellten. mini|Károly Sterio: Gulyás (Kohlezeichnung, Mitte 19. Jahrhundert)
Da Rinderzucht und -handel die ertragreichsten Wirtschaftszweige in der türkischen Besatzungszeit waren, wirkte sich dies positiv auf die Entwicklung in den entsprechenden Siedlungen aus. Die Großbauern der Minderstädte im Alföld betrieben die Rinderzucht weiter und nahmen Handelsbeziehungen mit dem Westen auf. Die Züchtung in mächtigen Herden weckte bei mehreren zehntausend Kleinbauern, die in Selbstversorgung lebten, Interesse für die Rinderwirtschaft. Die wohlhabend werdenden Minderstädte und die Dorfbauern spielten eine große Rolle dabei, dass die Selbstverwaltung der ungarischen Siedlungen während der osmanischen Besatzung erhalten blieb. Der Ertragsüberschuss ermöglichte die Unabhängigkeit von den Gutsherren und den Aufstieg von Minderstädten wie Cegléd oder Mezőtúr. In einigen Fällen wie Debrecen und Kecskemét entwickelten sich größere Städte. Die Unabhängigkeit der Minderstädte und ihre wirtschaftliche Kraft begünstigten auch die Verbreitung der Reformation im ungarischen Tiefland. Die Einnahmen des Rinderhandels spielten außerdem beim Kampf gegen die Osmanen eine bedeutende Rolle, da so die Versorgung der Soldaten sichergestellt werden konnte. Die Einkünfte der Rinderhaltung bedeuteten nicht nur im Tiefland wichtige Einnahmen. Auch die entlang der Handelsrouten liegenden Siedlungen hatten Anteil an den Einnahmen. Die mächtigen, aus mehr als 1000 Rindern bestehenden Herden hatten unterwegs Bedarf an Wasser und Weideflächen, die ihnen bei den Siedlungen gegen eine sogenannte „Grasmiete“ (fűbér) zur Verfügung gestellt wurden.
Die Reisenden wurden in Schänken mit Proviant und Getränken versorgt. Diese Raststätten lagen ungefähr 12 bis 14 Kilometer voneinander entfernt, was genau der Strecke entspricht, die eine Herde zwischen zwei Fütterungen und Tränkungen zurücklegen konnte. Ungefähr 20 bis 40 Morgen Land wurden ihnen unentgeltlich zugewiesen. Für die Überquerung von Flüssen musste bezahlt werden. Insgesamt handelte es sich um eine beachtliche Einnahmequelle. Allein zwischen dem 22. Juli 1563 und dem 9. März 1564 wurden 30.428 Rinder durch den Hafen von Vác getrieben, das an der Hauptverkehrslinie nach Wien und Deutschland lag. Einem Bericht des Hafenbuchs zufolge stammten alle Tiere aus dem Tiefland.Bellon Tibor: A Tisza néprajza Eine bedeutende Steuerquote auf die Einnahmen vermehrte auch die königliche Schatzkammer.
Die Siedlungen, an denen Rindermärkte abgehalten wurden, erfuhren im Lauf der Zeit große Fortschritte. Bedeutende ungarische Städte waren Győr und Sopron, die an der Handelsroute nach Deutschland lagen. Weitere wichtige Städte sind Nagykanizsa, wo der Rinderhandel in den 30er und 40er Jahren des 16. Jahrhunderts eine Blütephase erlebte, als die Familie Kanizsa den sich nach Italien und in die Steiermark ausdehnenden Handel vorantrieb.
In Győr erlangte der Rinderhandel eine besondere Bedeutung. Als die Stadt im Jahr 1598 nach der vier Jahre dauernden türkischen Herrschaft befreit wurde und die geflüchtete Bevölkerung zurückkehrte, war der Rinderhandel eine der ersten Tätigkeiten, womit sich die Stadt erholte.
Heiducken, Bauern und Großgrundbesitzer