mini|Hans Blüher, um 1920 mini|Das Grab von Hans Blüher auf dem Friedhof Hermsdorf in Berlin. Hans Erich Karl Albert Hermann BlüherSterberegister StA Reinickendorf von Berlin Nr. 285/1955 (* 17. Februar 1888 in Freiburg in Schlesien; † 4. Februar 1955 in Berlin) war ein deutscher antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und Philosoph. Als frühes Mitglied und „erster Historiker“ der Wandervogelbewegung erlangte er in jungen Jahren große Bekanntheit. Teils interessiert aufgenommen, teils als skandalös empfunden und bekämpft wurden seine Ausführungen zu homosexuellen Aspekten im Wandervogelbetrieb, die Blüher bald darauf zu einer Theorie der männerbündischen Gesellschaft ausbaute.
In der Übergangsphase vom Kaiserreich zur Weimarer Demokratie atheistisch und zeitweise sozialistisch orientiert, entwickelte Blüher sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg zum Protestanten, Antisemiten, Antifeministen und Monarchieanhänger. Er gilt als Vertreter der Konservativen Revolution. Vom Nationalsozialismus wandte Blüher sich nach eigenen Angaben ab, nachdem 1934 der SA-Führer Ernst Röhm auf Befehl Hitlers ermordet worden war.
Seit 1924 lebte Hans Blüher als freier Schriftsteller und LaienanalytikerClaudia Bruns: Kontroversen zwischen Freud, Blüher und Hirschfeld. Zur Pathologisierung und Rassisierung des effeminierten Homosexuellen. In: dieselbe, Ulrike Auga et al. (Hrsg.): Dämonen, Vamps und Hysterikerinnen. Geschlechter- und Rassenfigurationen in Wissen, Medien und Alltag um 1900. Festschrift für Christina von Braun. transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1572-2, S. 161–183, hier S. 162. in Berlin-Hermsdorf. Hier arbeitete er nach seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben in der NS-Zeit an seinem 1949 erschienenen philosophischen Hauptwerk Die Achse der Natur.
Schüler des humanistischen Gymnasiums Steglitz 1896 verließen Blühers Vater, der Apotheker Hermann Blüher, und seine Frau Helene mit dem achtjährigen Hans das schlesische Freiburg und verlegten ihren Wohnsitz zunächst nach Halle und 1898 nach Steglitz, wo der nun Zehnjährige auf das örtliche Gymnasium geschickt wurde. In seiner 1912 vorgelegten ersten Abrechnung mit dieser Schulzeit schrieb Blüher:
Später urteilte Blüher teilweise deutlich milder und dankbarer. Schuldirektor Robert Lück, den Blüher noch 1912 als einen etwas engstirnigen christlichen Pädagogen geschildert hatte,„Dabei gehörte er aber nicht zu den üblichen Pastorennaturen, die nichts anderes kennen. Seine Liebe war bei den Griechen; das klassische Altertum galt ihm als Vorstufe zur christlichen Wahrheit, und insofern liebte er es, insofern verzieh er ihm.“ (Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage. Berlin-Tempelhof 1913, S. 27) erfuhr in der Zweitfassung von Blühers autobiographischer Darstellung Werke und Tage eine Aufwertung. Blüher würdigte Lücks Lebenswerk und bezeichnete die Auswahl des Lehrerkollegiums als meisterhaft: „Wie er das eigentlich fertiggebracht hat, ist jedermann ein Rätsel geblieben. Er hatte hier ein offenbares Charisma. Fast glich das Kollegium einem Orden.“Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 25.
In seinem Lebensrückblick stellte Blüher seine frühere Schule in die Reihe jener Gymnasien, denen er eine herausragende Rolle im deutschen Kulturleben zuerkannte. Nirgends sonst in Deutschland sei der Boden für den Streit der humanistischen Bildungsmacht und der romantischen Gegenbewegung so fruchtbar gewesen; der Wandervogel und die Jugendbewegung hätten nur hier entstehen können.Hans Blüher: Werke und Tage (Geschichte eines Denkers). Autobiographie. München 1953, S. 16.
Wandervogel In den Wandervogel aufgenommen wurde Hans Blüher 1902 als 33. Mitglied. Dabei handelte es sich um eine feierliche Prozedur, die Karl Fischer für jeden der neu einrückenden „Füchse“ abhielt. Nach einer Belehrung über Ziele und Gedanken der Wandervogelbewegung wurde der Aspirant darauf eingeschworen, dem Oberbachanten FischerZu Fischers Wandervogel-Nomenklatur siehe: „Oberbachant“ Karl Fischer sowie seinen Bachanten und Burschen die Treue zu halten und wo nötig zu gehorchen. Versprach er dies in Gegenwart mindestens zweier weiterer Zeugen, die das Versprechen beglaubigten, so trug Fischer den Namen in das Scholarenbuch ein.Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang. Dritte Auflage. Berlin-Tempelhof 1913, S. 133.
Hans Blüher begriff diese Gemeinschaft als eine Protestbewegung gegen die „verwitterten Ideale“ der „alten Generation“, denen man durch eigene Anschauungen und Erfahrungen energisch widerstehen müsse.Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage. Berlin-Tempelhof 1912, S. 189/191. Gegenüber allen pädagogisierenden und auf einen bequemen Wanderbetrieb gerichteten Tendenzen nahm Blüher eine strikt ablehnende Haltung ein. Vorgaben, wonach aus Rücksicht auf jüngere Teilnehmer die Quartiersuche frühzeitig stattzufinden habe, zeigten für ihn nur „mangelndes Verständnis für das große Erlebnis des Grauens, das der Wald und die Nacht in den Gemütern auch der Älteren erzeugt.“ Es liege eine weichliche Vernachlässigung der jungen Persönlichkeit darin, „die Kraft solcher wertvollen Stunden zu brechen“. Auch von Empfehlungen, bei anhaltendem Regen die Wanderung vor Erreichen des Ziels abzubrechen, um Kleidung und Stimmung nicht nachhaltig zu beeinträchtigen, hielt Blüher wenig: „Das alles empfiehlt sich in der Tat für schwache Gemüter, die sich von vornherein sagen müssen, daß sie nicht die Kraft haben, die Unbilden der Witterung mit dem Überschwang ihrer Jugendlichkeit zu übertönen, und wer die alte Wandervogelbachantik kennt und kein Degenerat ist, der kennt auch die unvergeßliche Pracht solcher verzweifelten Regenwettermärsche.“Hans Blüher: Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang. Zweite Auflage. Berlin-Tempelhof 1912, S. 167 f.
Zusammen mit Walter Benjamin, Ernst Joëll, Fritz Klatt, den Brüdern Hans und Walter Koch, Hans Kollwitz, Erich Krems, Alfred Kurella und Alexander Rüstow gehörte er dem so genannten Westender Kreis an,Ulrike Koch: „Ich erfuhr es von Fritz Klatt“ – Käthe Kollwitz und Fritz Klatt. In: Käthe Kollwitz und ihre Freunde: Katalog zur Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstages von Käthe Kollwitz. Hrsg. vom Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Lukas Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-86732-282-9, S. 65. der den linken Flügel der bürgerlichen Jugendbewegung zusammenführte.Anna M. Lazzarino Del Grosso: Armut und Reichtum im Denken Gerhohs von Reichersberg. C. H. Beck, München 1973, S. 83. Klatt war wahrscheinlich der geistige und publizistische Motor dieses Bundes.
In hymnischen Worten blickte Blüher noch in seinem sechsten Lebensjahrzehnt auf jene märkischen Landstriche zurück, in denen die Steglitzer Wandervögel ihre wochenendlichen Naturerlebnisse suchten und fanden. Diese etwa im Vergleich zu Süddeutschland unscheinbare Landschaft wollte entdeckt sein „mit der ganzen Glut und Geschmeidigkeit unseres Herzens: diese Landschaft mußte bezwungen werden, ihr Götterwort mußte uns zukommen, sonst wären wir Jugend zugrunde gegangen am unreinen Atem der Väterkultur. […] Das Nuthetal, auf dem die ersten Feuer der Jugendbewegung brannten, hatte uns getränkt mit der geschichtlichen Kraft, die seit Jahrhunderten in ihm stak, und uns zu sich genommen. Wir stiegen von seinen Hügeln ab und waren ein Stand.“Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 206 f.
In der Steglitzer Gesellschaft bildeten diese ungewohnten Formationen von Jugendlichen einen sehr eigentümlichen Kontrast zur sonstigen Bürgerschaft, wenn sie nach ausgiebiger Wanderung heimkehrten:
Hans Blüher, dem sein markant-hageres Äußeres den Fahrtennamen „Gestalt“ eintrug, entwickelte sich zu einem der treuesten Anhänger Fischers, hatte seinerseits an Fischer aber auch entscheidenden Rückhalt in seinem Wandervogel-Dasein. Von einer Sommerfahrt an den Rhein 1903 wurde Blüher vom Fahrtleiter Siegfried Copalle wegen mangelnder Einordnung nach Hause geschickt, was Fischers Billigung nicht fand. Dieser stellte sich auch in der Folge schützend vor ihn.Hans Blüher (biographische Hinweise); in: Werner Kindt (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band I: Grundschriften der deutschen Jugendbewegung. Diederichs, Düsseldorf 1963, S. 558.
Einen ebenfalls äußerst nachhaltigen Eindruck auf Hans Blüher machte der vermögende Rittergutsbesitzer Wilhelm (Willie) Jansen, den Blüher, nun selbst Fahrtleiter, bei einer Sommerreise 1905 von der Rhön bis an den Bodensee mit seiner Gruppe kennengelernt und für die Wandervogelbewegung gewonnen hatte. Über Jansens Wirkung schrieb er:
Wie zuvor Karl Fischer wurde nun Wilhelm Jansen der idealisierte Jugendführer, der durch Charisma und Begabung zu seiner Autorität kam und nicht durch Paragraphen oder Macht – wie es den Lehrern vorgeworfen wurde. Durch das Element der Freiwilligkeit erhielt das Modell des Jugendführers eine ungeahnte Dynamik, die zumeist als romantisch-schwärmerisch bis faszinierend-unheimlich beschrieben wurde. Die Selbsterziehung der Jugend machte es überdies möglich, sich von den als überkommen erlebten Traditionen der Elterngeneration loszusagen und eigene Wege des Erwachsenwerdens zu erproben.Vgl.: Claudia Bruns: Politik des Eros. 2008, S. 211. Zumindest für Blüher wurde Jansen zur stilbildenden Persönlichkeit der Jugendbewegung:
Das Motiv des als ursprünglich und wahrhaftig wahrgenommenen nackten Körpers findet sich nicht nur in der Jugendbewegung, sondern auch in anderen Formen lebensreformerischer Gruppierungen und Ideengebäude. Hier wie da wurde vorwiegend der Bezug zu der als edel und wahr idealisierten Nacktheit antiker Kulturen hergestellt.
Historiker des Wandervogels Sieben Jahre verbrachte Hans Blüher, der 1907 sein Abitur ablegte, in der Wandervogelbewegung, bevor er 1909 ausschied. Doch auch danach riss die Verbindung nicht ab, zumal Blüher auch während des Aufspaltungsprozesses der Organisation zu seinen frühen Freundschaften stand und Deutungshoheit über die Entwicklung der Bewegung reklamierte, nach eigenem Bekunden dabei angespornt und unterstützt von Willie Jansen, der ihn auch gedrängt haben soll, einer Darstellung der Wandervogel-Entwicklung von anderer Seite durch ein eigenes Werk zuvorzukommen.Hans Blüher: Werke und Tage. München 1953, S. 323.
Mit Wandervogel. Geschichte einer Jugendbewegung gestaltete der im Erscheinungsjahr 1912 Vierundzwanzigjährige, wie Armin Mohler anmerkt, wirkungsmächtig die „klassische Darstellung“ und gleichzeitig die „Legende“ der Geschichte dieser Bewegung.Armin Mohler: Die konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch. 3. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 31. Bereits im Titel erhob er den Anspruch, ihren Aufstieg, Blüte und Niedergang zu erfassen und verständlich zu machen. Dabei kam es ihm darauf an, schrieb er im Vorwort, das scheinbar Unverknüpfte zusammenzubinden und das Bewegende an den Bewegungen zu finden. Im Gegensatz zum bloßen Chronisten müsse jeder Geschichtsschreiber sich dieser subjektiven Seite seines Schaffens stellen.