mini|Weiße Dame von Auahouret. Felsmalerei in der Sahara um 4000 v. Chr. mini|Bronzekopfskulptur der Yoruba, Ife, Nigeria etwa 12. Jahrhundert Afrikanische Kunst bezeichnet die Kunst des subsaharischen Afrikas, die sich – wie auch die übrige afrikanische Kultur – vom berberisch bzw. arabisch beeinflussten Norden des Kontinents, den Staaten des Maghrebs, unterscheidet. Afrikanische Kunst umfasst die künstlerische Produktion vieler sehr verschiedener Ethnien. Aufgrund der sozialen Strukturen Afrikas, die hauptsächlich kulturelle Gegenstände aus Holz oder anderen natürlichen Materialien hervorbrachten, der klimatischen Bedingungen sowie einer Umwelt, die Termiten und andere Schädlinge begünstigt, sind relativ wenige historischen Objekte der traditionellen afrikanischen Kunst Arten von überliefert. Die afrikanische Kunst ist so vielfältig wie die dafür verwendeten Materialien. Hinsichtlich der Verbreitung der Materialien gibt es große Unterschiede. Skulpturen können aus Holz, Keramik, Metall oder wie die berühmten Shona-Skulpturen in Naturstein gearbeitet sein. Holz- und Steinskulpturen sind ausschließlich bei bäuerlichen Kulturen, nicht jedoch bei Jägern und Sammlern oder Hirtennomaden verbreitet.Koloss o. J., Vorwort, S. 8. Für die Kleidung werden viele verschiedene textile Materialien verwendet wie Kitenge, Mud- und Kentestoff. Auch ist das Töpfern in vielen Regionen eine weitverbreitete Handwerkskunst.
Da die künstlerisch gestalteten Werke des damals kolonisierten Kontinents erst seit des 20. Jahrhunderts in Europa als Objekte „authentischer Kulturen“ geschätzt, erforscht und vor allem gesammelt werden, sind die meisten Werke in den Museen und Sammlungen innerhalb wie außerhalb Afrikas sowie auf dem Kunstmarkt mit wenigen Ausnahmen nicht älter als 150 Jahre.
Heute überholte, diskriminierend klingende Begriffe wie Primitivismus, Negerplastik (Carl Einstein) oder (in Frankreich) art negre waren affirmative Schlagworte der Klassischen Moderne, die sich die abstrahierten Formen und die exotische Aura der afrikanischen Objekte zum Vorbild nahm.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Interesse an den ästhetischen Qualitäten der afrikanischen Kunst und ihre Vorbildwirkung für die europäischen Expressionisten in dem Maße zurück, in dem die einsetzende ethnologische Forschung die Kunstwerke vor allem als funktionale Elemente der „materiellen Kultur“ betrachtete. Erst mit der Dekolonisierung seit den 1960er Jahren traten die ästhetischen Aspekte wieder in den Vordergrund, sofern sie nicht durch gesellschaftspolitische Debatten überlagert wurden.Koloss o. J., Vorwort, S. 9.
Grundsätzliche Bemerkungen zum westlichen Kunstbegriff mini|Maske aus Gabun mini|Mambila-Figur aus Nigeria
Die Betrachtung „afrikanischer Kunst“ stellt bereits eine der jeweiligen Kultur fremde Sichtweise durch den bürgerlich-europäischen Kunstbegriff dar. Aus der Perspektive der Menschen, die kulturelle Gegenstände oder Riten hervorgebracht haben, handelt es sich nach ethnologischer Sicht jedoch um komplexe materielle oder auch nicht-materielle kulturelle Ausdrucksformen, die sich letztendlich jedem fremden Verständnis verschließen.
Afrikanische Kultur kann auf zweierlei Art untersucht werden: Bei der kulturinternen Beschreibung wird die Bedeutung des Objektes oder der kulturellen Praxis aus dem Blickwinkel des Produzenten oder Teilnehmers notiert (emischer Blick). Wird dagegen eine außerhalb Afrikas entstandene Begriffswelt angewandt, führt das zu einer Projektion des Forschungsgegenstands auf eine Fremdperspektive (etische Betrachtung), wo aufgrund ästhetischer Kategorien des Betrachters Vergleiche und Bewertungen angestellt werden. Diese Projektion nimmt jedoch schon die Interpretation vorweg. Einen „kulturneutralen“ Ansatz für die Betrachtung gibt es nicht.Till Förster: Kunst in Afrika. DuMont, Köln 1988, S. 10–33.
Ein Beispiel für die unterschiedlichen Wahrnehmungsperspektiven stellt die Beschreibung von Masken und der dazu gehörigen Riten dar. Diese werden als Mittel der Verkleidung oder Verstellung in einem Schauspiel mit einem magischen Kern bezeichnet, mit je nach Kultur und innerhalb dieser nach Art der Maske unterschiedlich symbolischem Anteil oder Wirklichkeitsgehalt.
In jedem Fall werden losgelöst von der kultureigenen Intention unter dem Begriff Afrikanische Kunst Äußerungen der materiellen Kultur nach den Kategorien Form, Technik, Material oder Herkunftsort der verschiedensten Kulturen klassifiziert. Das jeweilige Verständnis von afrikanischer Kunst durch die Betrachter ist dabei immer subjektiv.
Während bis weit in das 20. Jahrhundert von anonymen Kunstschöpfungen ausgegangen wurde, werden in jüngerer Zeit deren individuelle Züge betont, und die Betrachtung des Kulturwandels gewinnt eine größere Bedeutung.Rainer Greschik, Nils Seethaler: Vorwort. In: Lobi. Westafrikanische Skulpturen aus der Sammlung Greschik. Herausgegeben anlässlich der Ausstellung „Die Entdeckung des Individuums“ in der Lutherstadt Wittenberg, 2016.
Vorgeschichte Die zahlreichen Felsbilder der Sahara stellen nur im weitesten Sinn afrikanische Kunst dar, doch liefern sie wertvolle Aufschlüsse über den Wandel des Klimas und damit auch der Tierwelt. Die Felsritzungen Dabous-Giraffen in Niger sind circa 8.000 Jahre alt. Während Darstellungen von Wasserbüffeln seit etwa 6000 Jahren allmählich verschwinden, später auch solche von Giraffen, Nashörner und zuletzt von Elefanten (und mit ihnen der naturalistische Stil), treten neben anderen Wildtieren wie Gazellen Hirtenszenen mit Hausrindern in der Vordergrund. Vor etwa 3000 Jahren erscheinen dann Pferde in stark schematisierter Darstellungsform, zunächst z. T. mit Streitwagen, dann auch mit Reitern. In der Römerzeit taucht dann das Kamel auf.Schaedler 1997, S. 18 f.
Mit geschätzt bis zu 25.000 Jahren sind die bisher mindestens 100.000 aufgefundenen Felsbilder der San bzw. ihrer Vorgänger im südlichen Afrika (Namibia, Botsuana, Lesotho, Swasiland, Mosambik, Angola und Südafrika) zum Teil noch wesentlich älter. Während die älteren Bilder naturalistische Tierszenen oder mythische schamanistische Wesen zeigen, finden sich unter den späteren Darstellungen vor allem Darstellungen von Zeremonien, Überfälle und Schlachten, wobei die verschiedenen Ethnien durch unterschiedliche Farben, Waffen und Ornamente gekennzeichnet sind.Schaedler 1997, S. 20 Erst im 19. Jahrhundert erlosch die Tradition der Feldritzungen und -zeichnungen der San, die mit einer Mischung aus Mineralfarben und Tierblut erstellt wurden.
Traditionelle Kunst Die Kunst der Völker Afrikas ist fest mit Mythologien, Festen und Ritualen verbunden: Die Welt der Ahnen und Götter lebt in dieser Kunst weiter. Viele Masken und Figuren haben eine soziale Funktion. Sie gelten als Schutz gegen böse Kräfte und Krankheiten, werden bei Erntedankfesten oder anderen zeremoniellen Feierlichkeiten (Beschneidungsritual, Feste zu Ehren einzelner Götter, Ahnengedenken) getragen. In den Masken residiert aber nicht der Ahne. Vielmehr stellen sie nur ein Abbild dar. Der durch die Stammestradition festgeschriebene Formenkanon lässt außerdem die Individualität des Dargestellten zurücktreten. Andere Masken repräsentieren Geister, die es zu besänftigen gilt oder die durch die Anfertigung der Maske gerufen werden. Da die Masken keinen menschlichen Ausdruck fixieren, sondern eine Erscheinung, wäre ihre Charakterisierung als „expressionistisch“ unzulässig.Schaedler 1997, S. 13–15 Einige Figuren sind auch Symbole der Fruchtbarkeit.
Weitere erhaltene Holzobjekte sind v. a. Kopfaufsätze, Prunkstäbe und Stabaufsätze, Throne und Hocker (Karyatidenhocker), Grabstatuetten und Ahnenfiguren, rituelle Statuetten, Fetische und Reliquiare sowie geschnitzte Türen.
Auch Schmuck ist eine populäre Form der afrikanischen Kunst und signalisiert den gesellschaftlichen Status einer Person, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder er wird aus ästhetischen Gründen getragen. Bei der Herstellung des Schmucks werden traditionelle Materialien wie Tigerauge, Hämatit, Sisal, Kokosnussschale, Glasperlen und Ebenholz verwendet.
Die Kunst der großenteils seit Jahrhunderten islamisierten Völker des oberen Nigergebiets, wo die ersten großen subsaharischen Königreiche entstanden, konzentriert sich demgegenüber nicht auf skulpturale, sondern auf ornamentale Kunst z. B. bei der Wollweberei und auf monumentale Lehmbauten.Schaedler 1997, S. 60 Wenn es bei ihnen Masken gab wie bei den Malinke, waren diese völlig abstrakt.Schaedler 1997, S. 65
Die wichtigsten Kunstzentren verteilen sich auf dem Gebiet folgender heutiger Nationalstaaten:
MaliSkulptur der Dogon und BamanaGuineaSkulptur der BagaGuinea-BissauSkulptur der Bijagos (Bidyogo)Sierra LeoneSteinskulptur der Kissi; Elfenbeinschnitzereien der Sapi; Skulptur der MendeBurkina FasoSkulptur der Bobo und MossiElfenbeinküsteSkulptur der Senufo, Dan und BauleGhanaSkulptur der AschantiNigeriadie alte Kunst von Nok, Ife und Benin; die Skulptur der Yoruba, Igbo, Ibibio, Ijo, Ejagham, im Norden die Kunst der Jukun, Chamba und TivKamerunSkulptur des Graslands (Bamileke, Bamun)GabunSkulptur der Fang, Kota, Kwele, Tsogo und Punu-LumboRepublik KongoSkulptur der Mbochi-Kuyu, Bembe, und BatékéDemokratische Republik Kongo (Zaire)Skulptur der Bakongo und Yombe, der Luba, Songye, Kuba, Luluwa, Pende, Yaka und LegaAngolaSkulptur der ChokweKeniaSkulptur der Kikuyu, Perlarbeiten der MassaiUgandaTextilkunst und Flechtwaren der Region BugandaTansaniaSkulptur der Makonde und Nyamwezi, Perlarbeiten der MassaiMosambikSchnitzkunst und Terrakottamasken der MakondeSüdafrikaFlechtarbeiten der Zulu, Perl- und Flechtarbeiten der Xhosa, geometrische vielfarbige Flecht- und Webkunst der NdebeleNamibiaFelsmalereien der San
Frühe Hochkulturen mini|Äthiopien: Kreuz des Imperators Tewodros, frühes 19. Jh. Die frühesten bekannten Skulpturen stammen von der Nok-Kultur aus Nigeria und entstanden um etwa 500 v. Chr. Auch die Kunst des Alten Ägypten beeinflusste die Gestaltung der Objekte, die südlich der Sahara hergestellt wurden. Abgebildet wurde die überreiche Natur bei gleichzeitiger Tendenz zur Abstraktion bei der Darstellung von Tieren, Pflanzen oder natürlichen Formen. Um das 13. Jahrhundert entstanden komplexere Methoden der Herstellung von Kunst, verbunden mit der Verbreitung des Islam und seinem Formenvokabular. Bronze- und Messingguss, oft geschmückt mit Elfenbein oder Edelsteinen, wurde in weiten Teilen Westafrikas geschätzt. Die Künstler waren oftmals an Königshöfen tätig wie jenen von Benin. Die Perfektion dieser Masken führte dazu, dass man sie nach ihrer Entdeckung zeitweise ägyptischen oder griechischen Urhebern zuschrieb. Leo Frobenius suchte ihre Urheber sogar im versunkenen mythischen Inselreich Atlantis.Koloss o. J., Vorwort, S. 9
Westafrika Sudanesische Savanne mini|Nok-Terracottaskulptur, 6. Jahrhundert v. Chr. mini|Bronzekopf des Yoruba-Königs Oduduwa (Ife) 12. Jahrhundert mini|Mit Ornamenten verzierter Bronzeknauf aus dem 9. Jh., Igbo-Ukwu, Nigeria mini|Zwei Bambara-Chiwara (Ritualobjekte), spätes 19. – frühes 20. Jh. im Bestand des Art Institute of Chicago, eine weibliche (links) und eine männliche Antilope darstellend mini|Holzskulptur, Liberia, 19. Jahrhundert