Entfremdung oder AlienationHeinz Meyer: Alienation, Entfremdung und Selbstverwirklichung. 1984. bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine vormals feste, nicht in Frage gestellte Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird. Dies kann die Beziehung eines Menschen zu sich selbst – im Sinne einer Selbstentfremdung –, zu seinen Mitmenschen, zur Natur, zu seiner Arbeit oder dem Produkt seiner Arbeit betreffen.

Der Begriff ist zentraler Bestandteil unter anderem der Kulturkritik, der Gesellschaftskritik, der Wachstumskritik sowie des Primitivismus. Entfremdung ist außerdem Thema vieler Romane und anderer künstlerischer Werke.

Etymologie Der Begriff geht auf die lateinischen Wörter alienatio (Entfremdung, Entäußerung, das Weggeben einer Sache in fremden Besitz, Abfall) und alienare (veräußern, entfremden, entzweien, in fremde Gewalt bringen, in fremde Hände geben) zurück, womit die klassische bürgerliche englische politische Ökonomie die „Veräußerung“ eines Gegenstandes, der dadurch seinem Produzenten „entfremdet“ wird, und die naturrechtlichen Theorien vom Gesellschaftsvertrag des 18. Jahrhunderts die „Übertragung“ (Die Veräußerung, den „Verlust“) der ursprünglichen Freiheit an eine dem Individuum fremd gegenüberstehende Macht (Gesellschaft, Herrscher) bezeichnen.Artikel „Entfremdung“. In: Georg Klaus, Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 11. Auflage. Leipzig 1975.Artikel „Entfremdung“. In: A. Kosing: Marxistisches Wörterbuch der Philosophie. Verlag am Park. Berlin. 2015

Überblick „Entfremdung“ ist der gesellschaftlich vorangetriebene und unumkehrbare Prozess der Aneignung der Natur und ihrer materiellen und geistigen Umgestaltung zu Kultur samt den Institutionen, die fremdbestimmt wirken, sobald sie die Menschen beherrschen und sich ihren individuellen und kollektiven Wünschen entgegenstellen. Als „Entfremdung“ wird auch das individuelle und der Steigerung fähige Gefühl der Vereinzelung und Abgegrenztheit von allen anderen Lebewesen und Dingen bezeichnet, zu dem Menschen kraft ihrer Selbstreflexion in der Lage sind, und das durch psychische Konstrukte zu überbrücken versucht wird. Verbindungen zwischen diesen Aspekten bestehen insbesondere in der notwendig eingenommenen Gegenposition des Menschen zur Natur und den resultierenden Gefühlen von Vereinzelung und Abgegrenztheit des einzelnen Menschen von allem anderen. „Entfremdung“ Entfremdung ist ein zentraler Kritikpunkt am Kapitalismus, vor allem bei Karl Marx; ausgehend von Hegel. Er argumentiert im Rahmen seiner Kritik der Arbeit, dass der Mensch – durch die nur an Profit (bzw. Mehrwert) orientierte Produktion – von seinem Produkt wie auch von sich selbst entfremdet wird, siehe auch Entfremdete Arbeit, Verdinglichung und Entäußerung. „Entfremdungsprozesse sind in jeder Entwicklung unvermeidlich. Überwindung von Entfremdung gehört daher zur Entwicklung von Subjektivität als anthropologische Konstante. Aber der Mensch ist immer auch gefährdet, Entfremdung nicht mehr zu überwinden.“ (Jonas Wollenhaupt) „Der Begriff der Entfremdung ist für Sozialpsychologie, Soziologie und Sozialphilosophie unverzichtbar. Einerseits könnte sonst soziales Leid kaum adäquat beschrieben werden, andererseits ist Entfremdung ein historisch wiederkehrendes Gefühl, das für kritische Gesellschaftstheorien nicht zu entbehren ist. Entfremdung markiert außerdem eine ethisch notwendige Größe Kritischer Theorie.“ (Jonas Wollenhaupt)

In der Philosophie Der Begriff der Entfremdung ist ein Grundbegriff der Philosophie. Seine Ursprünge sind bis in die griechische Antike zurückzuverfolgen. So lässt sich bereits bei Aristoteles die Unterscheidung zwischen Muße und dienstbaren Tätigkeiten ausmachen. Letztere sind grundsätzlich entfremdend, da das Subjekt in seiner Tätigkeit nicht bei sich ist. In den philosophisch-theologischen Theorien der Gnosis und des Mittelalters wird dann Entfremdung zur Entfremdung von Gott. Diese ist dementsprechend nur durch eine gottgefällige Lebensweise zu überwinden. Erst in der Renaissance wird das Selbst und damit die Selbstentfremdung wieder in den Blick genommen. In der deutschen Philosophie bezeichnete „Entfremdung“ einerseits juristisch und wirtschaftlich das Veräußern von etwas, z. B. von Besitz und Freiheit, und andererseits, das sich Lösen vom nur Weltlichen, in Vorbereitung auf das Göttliche. In diesem Sinne war der Begriff positiv markiert und blieb das auch bis ins 19. Jahrhundert, bis zur Romantik und dank der an der Antike orientierten Weimarer Klassik. Der Mensch war durch die Götter in die allumfassende Endlichkeit des Universums eingeordnet. Die Begeisterung der Romantik für das Mittelalter brachte die negativ konnotierte Entfremdung als Kehrseite der Freiheit mit.

Entfremdung konnte aber auch bedeuten, Gott entfremdet zu sein, in Körperliches und Sinnliches verstrickt zu sein und damit den prinzipiell erlösungs­bedürftigen Zustand menschlicher Existenz aufzeigen. Für Martin Luther (1545) und später Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1841) ist das Leben der Heiden in „Gottesferne“, „Unglaube“, „Unwissenheit“ und „Verblendung“ das entfremdete Leben. In der Bibel, im Brief des Paulus an die Epheser (4.18) heißt es:

Im 17. Jahrhundert bezeichnet Blaise Pascal den Menschen als im unendlichen Weltall kosmisch entfremdet. Er stehe in der Mitte zwischen Nichts und All, zwischen unendlichen Extremen, die in Gott vereinigt wären. Da man nicht zu einem dieser Extreme kommen könne, solle man in der Mitte verharren und über diese Abgründe nachdenken. Wie lange zuvor Augustinus und später Søren Kierkegaard plädierte Blaise Pascal für ein christliches Leben, um den durch die Erbsünde gesetzten Zustand einer entfremdeten Welt am besten zu begegnen.

In seinem originären juristisch-wirtschaftlichen Sinne gebraucht auch Jean-Jacques Rousseau den Begriff „Entfremdung“. Das menschliche Individuum ging vom Naturzustand solitärer Freiheit in die Freiheit selbstgegebener Gesetze über. Dieses gesellschaftliche Verhältnis verstellte nun die natürlichen und organischen Beziehungen des Menschen zu seiner Natur, zur äußeren Natur und zu seinen Mitmenschen. Dieser Vorgang war nach Rousseau unumgänglich und ist unumkehrbar.

Ende des 18. Jahrhunderts baut Wilhelm von Humboldt einen anderen Ansatz auf: Der Mensch sei in einem Konflikt, , und durch seine Natur, . Es komme nun darauf an, . Alles Nicht-Ich, das Fremde, ist immer nur das Material und Instrumentarium, das der Mensch zu seiner Entfaltung gebraucht, mit dem er die unendliche Aufgabe zu erfüllen sucht, sich die Welt bewohnbar zu machen. Der Mensch hat unendliche Freiheit in einer auf endliche, erfahrbare Weise unendlichen Welt, in der er als freies Subjekt nie und nirgends ganz zu Hause sein kann.

Zentral ist das Konzept der Entfremdung auch im literarischen Werk von Friedrich Hölderlin (1770–1843), der sich darin, um ihr zu entkommen, immerzu nach Verschmelzung und Wiedervereinigung sehnt.

Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel um 1800 ist Entfremdung Selbstentfremdung, so wie Erkenntnis gleich Selbsterkenntnis ist – ein Prozess, in dem das Selbst seine Wirklichkeit als durch seine Tätigkeit geworden begreift und sich diese seine Wirklichkeit aneignet. Es ist also ein höheres Bewusstsein seiner selbst, der Geist wird im menschlichen Bewusstsein Gegenstand seiner selbst. Dabei treten Subjekt als Selbstbewusstsein und Objekt, als die äußerliche Welt auseinander. Entfremdung ist die Bewegung des sich selbst Wirklichkeit gebenden Subjekts, also Selbstentfremdung. Daraus folgt eine sich sukzessiv höherentwickelnde Durchdringung von Subjekt und Objekt.

Die Aufhebung der Entfremdung sieht Hegel in der

Ähnlich – nur christlich gewendet – sieht der Romantiker Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling 1827 die Entfremdung: Vor allem ist es bei Schelling aber auch die Entfremdung von Gott. Damit wird wieder auf den versöhnungsbedürftigen Zustand der Welt nach Vollendung der Schöpfung hingewiesen. Schelling sieht durch das menschliche Bewusstsein einen kosmologisch katastrophalen Fall auf der Welt eingetreten. Bei Schelling besteht eine romantisch-historistische Verknüpfung von Schöpfungslehre, Bewusstseinsphilosophie und theologischer Geschichtsphilosophie.

Für Ludwig Feuerbach ist Religion nur die Projektion des menschlichen Wesens auf ein ihm äußerliches, fremdes Wesen. Gott ist also das entfremdete Wesen des Menschen. Feuerbachs Ziel war es, die Theologie in die Anthropologie aufzulösen. Denn Religion sei eine bloße jenseitige Kompensation der diesseitigen Entfremdung.

Karl Marx gebraucht den Begriff schließlich in einer ganz „weltlichen“ Weise: Der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, produziere nicht nur für sich selbst und sei zufolge der Arbeitsteilung nur ein Glied in der Produktionskette. Das Arbeitsprodukt werde ihm entfremdet, und so entfremde er sich auch von seinen Mitmenschen. In den Waren zeige sich die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse und das entfremdete Wesen des Daseins, das die Menschen beherrsche, das sie in Form des Geldes zu allem Übel auch noch anbeteten. Ausgang aus dieser Situation gibt es für Marx nur unter veränderten Besitz- und Produktionsverhältnissen. Diese Begriffsverwendung nach Marx hat sich weitgehend durchgesetzt. Dabei nicht zu vernachlässigen ist aber das auch von Marx gemeinte schmerzliche Empfinden eines Mangels von Selbstverwirklichung, das sich bei Entfremdung der Arbeit einstellt.

Weltanschaulich weiter geht noch die . Dabei handelt es sich um einen psychologischen Zustand der Dissoziation, dessen anderer Bezugspunkt ein Zustand der Vertrautheit, des Heimischseins, der Harmonie und Liebe zu sein scheint. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es den Begriff Entfremdung auch als medizinisch-psychiatrischen Begriff für psychische Erkrankungen – bzw. für ein (Teil-)Symptom selbiger.

Ausdruck zweier Strömungen fand der Begriff der Entfremdung im 20. Jahrhundert durch die französischen Dichter und Philosophen Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Beide konstatieren ein Gefühl der Entfremdung bedingt aus der Absurdität des menschlichen Lebens. Diese Absurdität entsteht bei ihnen aus dem Widerspruch zwischen dem angestrebten sinnvollen Handeln und der Unerreichbarkeit dieses Ziels. Durch die Revolte gegen die Absurdität der Welt und des Lebens und durch das bewusste Annehmen der Absurdität könne diese überwunden werden. Während Sartre eine gesellschaftliche Revolution im Sinne des Marxismus anstrebt, setzt Camus beim Individuum an, das erst durch eine eigene innere Revolte zur Möglichkeit der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung im Sinne eines aufgeklärten Humanismus gelangen kann.

Zentrales Thema in den Überlegungen des Philosophen André Gorz ist stets die Frage der gerechten Verteilung der Arbeit, welche Teilhabe ermöglicht. Der Entfremdung entgegenwirken würden somit selbstbestimmte, sinnvolle und erfüllende Tätigkeiten.

Die Leibphilosophie thematisiert die Entfremdung des Menschen von seiner Leiblichkeit und damit von sich selbst. Laut Gernot Böhme behandelt der moderne Mensch den eigenen Körper „wie den Körper des anderen, nämlich von außen“. Vom Leib wisse der moderne Mensch nichts, weshalb er sich „unheimisch“ in ihm fühle. Jens Marxen verbindet die Leibphilosophie mit der philosophischen Lebenskunst und möchte einen „Ausweg aus der Tristesse des entfremdeten Lebens“ aufzeigen. Statt um die „Harmonisierung von Körper, Geist und Seele“ müsse es laut Marxen darum gehen, „die leibliche Wirklichkeit zur Basis des guten Lebens“ zu machen.

In der Soziologie