mini|hochkant=0.9|Ludwig Windthorst, 1872 mini|Das Grab von Ludwig Windthorst in der katholischen Kirche St. Marien in Hannover Ludwig Joseph Ferdinand Gustav Windthorst (* 17. Januar 1812 auf Gut Caldenhof bei Ostercappeln bei Osnabrück; † 14. März 1891 in Berlin) war ein deutscher Politiker der katholischen Deutschen Zentrumspartei. Ursprünglich kam er aus dem Königreich Hannover, das 1866 von Preußen annektiert wurde. Im Norddeutschen Bund schloss der Abgeordnete Windthorst sich der Bundesstaatlich-Konstitutionellen Vereinigung an. Schließlich wurde er der bekannteste Politiker des Zentrums und ein Gegenspieler von Reichskanzler Bismarck.
Jugend und Ausbildung mini|hochkant=0.9|Gedenkstätte auf Gut Caldenhof
Ludwig Joseph Ferdinand Gustav Windthorst wurde am 17. Januar 1812 auf dem Gut Caldenhof geboren und am 20. Januar 1812 in der katholischen Kirche St. Lambertus in Ostercappeln getauft. auf der Internetseite Matricula Online, aufgerufen am 10. Mai 2022. Seine Eltern waren der promovierte Jurist und Rentmeister Franz Joseph Benedikt Windthorst (1774–1822) und dessen Ehefrau Klara Antoinette Josephine, geb. Niewedde (1787–1859). Windthorst wuchs in einer vom traditionellen Katholizismus geprägten Welt im protestantischen Welfenstaat Hannover auf und war als Mitglied der katholischen Kirche gesellschaftlich gesehen ein Außenseiter, dem der Zugang zu hohen Staatsämtern eigentlich verwehrt war. Aber Windthorst erwies sich im Verlaufe seiner Karriere als äußerst zäh, obwohl er auch auf dem persönlichen Sektor eher zu den Benachteiligten gehörte. Der einzige Sohn in der Familie war durch Kleinwüchsigkeit und einen im Verhältnis dazu übergroßen Kopf benachteiligt. Mit zehn Jahren verlor er seinen Vater Franz; seiner Mutter Klara gelang es aber, ihm durch ihre Einkünfte aus dem Rentmeisteramt auf dem Gut Caldenhof des Reichsfreiherren Droste zu Vischering eine angemessene Ausbildung zu bieten.
Die Benachteiligungen mögen seinen Charakter geprägt haben. Kämpferisch bis trotzig reagierte er oft auf die Urteile vermeintlich Stärkerer oder der Obrigkeiten. Als ihm ein Lehrer mangelndes Talent bescheinigte, erklärte er, dass er sich in jedem Falle durchsetzen wolle. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten schloss er am Gymnasium Carolinum in Osnabrück als einer der Besten ab. Fleiß und Ehrgeiz wurden persönliche Attribute.
Nach dem Abitur 1830 studierte Windthorst in GöttingenEingeschrieben am 1. November 1830 als „Ludwig Windthorst“ (Die Matrikel der Georg-August-Universität zu Göttingen 1734–1837. Hildesheim 1937, S. 847). und Heidelberg Rechtswissenschaft. In Göttingen traf er auf eine neue, protestantische und bildungsorientierte, teilliberale Welt und entwickelte sich zu einem aufgeklärten und liberalen Juristen. Er hatte aber Probleme, seinen traditionellen Glauben in Einklang mit den neuen geistigen Strömungen zu bringen. Er überwand diese Krise, indem er sich den Lehren des Bonner Theologen Georg Hermes zuwandte. 1834 wurde er Referendar in Osnabrück, 1836 ließ er sich dort als Rechtsanwalt nieder. Am 29. Mai 1838 heiratete er die sechs Jahre ältere Julie Engelen in Oedingberge. Aus der Ehe gingen vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, hervor. 1842 wurde er zum Vorsitzenden des Katholischen Konsistoriums zu Osnabrück ernannt. Die Osnabrücker Ritterschaft wählte ihn zum Syndikus. Bereits 1848 wurde er Richter am Oberappellationsgericht in Celle, dem höchsten Gerichtshof des Königreichs Hannover.Volker Ullrich: Die Kleine Exzellenz. Porträt über Ludwig Windthorst. In: Die Zeit, 12. Januar 2012, S. 16.
Politiker in Hannover Begünstigt durch seinen Fleiß und Ehrgeiz, aber auch durch seine Anpassungsfähigkeit an neue Situationen, rasche Auffassungsgabe und ein großes juristisches Talent stieg Windthorst nach seinem Studium rasch in höhere Ämter auf. Förderlich für seinen Aufstieg war auch, dass sich die Katholiken in Hannover etablierten. Während des Verfassungskonfliktes von 1837 blieben sie loyal zum hannoverschen Königshaus. Als die Revolution von 1848/49 Hannover erreichte, versuchte der König Ernst August sie durch Zugeständnisse abzufangen. Vor dem Hintergrund einer liberaleren politischen Wende wurde Windthorst, der die Revolution als Ausbruch proletarischer Massen fürchtete, 1849 für die „Groß- und echt-deutsche Partei“ vom Amt Iburg bei Osnabrück ins Abgeordnetenhaus des Königreichs Hannover gewählt, dessen Präsident er 1851 wurde. Sein Versuch, 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt zu werden, scheiterte in drei Wahlkreisen, wobei er in einem durch Losentscheid, in einem weiteren durch einen Rückstand von zwei Stimmen verlor. Von 1851 bis 1853 und von 1862 bis 1865 bekleidete er das Amt des Justizministers und warb für eine österreichfreundliche Politik. Er führte in seiner Amtszeit wegweisende Reformen im Justizwesen ein. Der Zweiten Hannoverschen Kammer, der er 1851 für einige Zeit als Präsident vorstand, gehörte der erste katholische Minister des Königreichs Hannover von 1849 bis 1855 für den Kreis Iburg und von 1855 bis 1856 sowie von 1863 bis 1866 für die emsländische Stadt Papenburg an. 1857 wurde ihm die Annahme der Wiederwahl durch die Stadt Papenburg staatlicherseits verwehrt. Neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter und Minister arbeitete Windthorst als Anwalt und wurde 1865 Kronoberanwalt in Celle.
Der Preuße Bismarck erkannte im hannoversch-welfischen Windthorst bereits während der 1850er Jahre einen politischen Gegner. Für ihn repräsentierte Windthorst vieles, was er als Gegenpol zu Preußen begriff: katholisch-ultramontan, liberal, demokratisch, föderalistisch und ein Freund Österreichs. Bismarck übte Druck auf König Georg V. aus und überzeugte ihn, das in seinen Augen liberal-demokratische Kabinett, an dem Windthorst von 1851 bis 1853 beteiligt war, zu entlassen. Zur Genugtuung Bismarcks setzte nach Windthorsts Entlassung eine Zeit der Reaktion mit polizeistaatlichen Mitteln ein. Windthorst wurde schließlich der Sitz in der Zweiten Kammer verweigert. Diesen Eingriff Bismarcks in die hannoversche Politik vergaß Windthorst nicht. Noch Jahrzehnte später machte er Bismarck für die Willkürpolitik der späten 1850er Jahre mitverantwortlich.
Obwohl auch das Verhältnis zwischen dem hannoverschen König und Windthorst von dieser Zeit an immer angespannt war – der König hielt ihn für einen verschlagenen, jesuitischen und liberalen Politiker, der gegen das monarchische Prinzip arbeitete – war Georg V. doch von Windthorsts nationaler Gesinnung und seiner Bereitschaft, zwischen den Interessen Preußens und Österreichs selbstständige Politik zu betreiben, überzeugt. Als die Situation in Deutschland sich immer mehr zu Gunsten Preußens verschob, ernannte er ihn 1862 noch einmal zum Justizminister mit der Hoffnung, sich gegen die bismarcksche Politik durchsetzen zu können. Als Windthorst aber liberale Reformen einleitete, entzog ihm Georg V. 1865 das zweite Mal sein Vertrauen. Über seine Entlassung war Windthorst verärgert. Dem König und der neuen Regierung traute er nicht zu, sich gegen Preußen durchsetzen zu können.
Im Norddeutschen Bund Im Sommer 1866 kämpfte der Deutsche Bund gegen Preußen und dessen Verbündete. Das siegreiche Preußen annektierte mehrere seiner Kriegsgegner, darunter auch das Königreich Hannover. Windthorst betrachtete dies als politisches wie persönliches Unglück. Nicht das Recht, sondern die Macht hatte in seinen Augen entschieden. Nach der Annexion Hannovers zog Windthorst sich aber, im Gegensatz zu vielen anderen hannoverschen Politikern, nicht in das Privatleben zurück. Von August 1867 an saß er als Abgeordneter für den Wahlkreis Meppen-Aschendorf-Hümmling-Bentheim-Lingen im Reichstag des Norddeutschen Bundes und ebenso bis zu seinem Tod für den Wahlkreis Meppen-Aschendorf-Hümmling im Preußischen Abgeordnetenhaus. Zudem arbeitete er als Rechtsberater und Beauftragter des durch Preußen abgesetzten Königs Georg V.
Im Reichstag schloss Windthorst sich der Bundesstaatlich-konstitutionellen Vereinigung an, in der er abgesehen von Hermann von Mallinckrodt der einzige Katholik war. Der Verein war föderalistisch und stand im Gegensatz zu Bismarck und den Liberalen. Trotzdem konnte er in vielen Punkten mit den Liberalen zusammenarbeiten. Windthorst bemühte sich, ein unabhängiges Parlament zu schaffen, und sprach sich für Abgeordnetendiäten aus. Auch setzte er sich für die Interessen der katholischen Kirche ein, blieb im Preußischen Abgeordnetenhaus aber fraktionslos und schloss sich nicht einer dort noch bestehenden katholischen Zentrumspartei an. Als Mitglied des Norddeutschen Reichstags gehörte Windthorst automatisch auch dem Zollparlament an. In den süddeutschen Staaten waren die Gegner der kleindeutschen und bismarckschen Deutschlandpolitik stark vertreten. Viele süddeutsche Abgeordnete schlossen sich im Zollparlament der Süddeutschen Fraktion zusammen, der auch der Norddeutsche Windthorst als Hospitant beitrat.
In allen drei Parlamenten galt Windthorst bald als Persönlichkeit einer oppositionellen Bewegung und war Bismarcks erklärter Gegner, auch wenn Bismarck sich zu dieser Gegnerschaft nicht öffentlich bekannte. Nur gegenüber Vertrauenspersonen äußerte sich Bismarck offen über Windthorst.
Gegner Bismarcks
mini|links|Ludwig Windthorst im Frack; Ölgemälde Heinrich Johann Sinkels, um 1880
mini|hochkant=1.1|Windthorst (links) mit Johannes von Miquel um 1889 im Deutschen Reichstag
mini|hochkant=1.1|Karikatur Bismarcks und Windthorsts als „Heizer und Bremser“ im Kulturkampf
mini|hochkant=1.1|Windthorsts kurzsichtige Fixierung auf „Rom“ im Kontrast zu Bismarcks vorgeblicher politischer Weitsicht, Karikatur aus dem Kladderadatsch, 1884 mini|Mitglieder des Reichstages (1.Reihe-sitzend v. l. n. r.: Paul Letocha, Ludwig Windthorst, Johann Anton von Chamaré, Anton von Dejanicz-Gliszczynski, Albert Horn 2.Reihe-stehend-v.l.nr.: Friedrich von Praschma, Philipp Schmieder, Felix Porsch, Clemens Heereman von Zuydwyck, Julius Szmula) Dem Deutschen Reich von 1871 brachte Windthorst großes Misstrauen entgegen. Dieser Staat, durch Kriege hervorgebracht, musste seiner Überzeugung nach auch wieder in Kriegen untergehen. Als sich die Zentrumspartei gründete, hielt er sich zunächst zurück, auch weil er fürchtete, er könne die neue Partei mit seinem Engagement für den ehemaligen hannoverschen König Georg V. belasten, trat ihr aber im Januar 1871 bei. Er hielt aber weiterhin enge persönliche Fühlung zu den parlamentarischen Vertretern der welfischen Deutsch-Hannoverschen Partei, die als Lutheraner dem Zentrum nur als Hospitanten beitraten und in Hannover zu seinen Lebzeiten bei den Reichstagswahlen stets Wahlbündnisse mit dem Zentrum eingingen.
Windthorst kandidierte für den Wahlkreis Meppen-Lingen-Bentheim, der die heutigen Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim umfasste, und wurde von 1871 an bis zu seinem Tod 1891 acht Mal in den Deutschen Reichstag gewählt. Als Abgeordneter im Reichstag und im Preußischen Abgeordnetenhaus machte er sich vor allem im Kulturkampf, den Bismarck gegen den Einfluss der katholischen Kirche führte, als äußerst fähiger Redner einen Namen und stieg, ohne offiziell ein Fraktionsamt innezuhaben, zum führenden Repräsentanten der Zentrumspartei und des deutschen Katholizismus auf. Windthorst gilt als der parlamentarische Gegenspieler Bismarcks schlechthin und fand ebenso in Gustav von Goßler einen Gegenspieler. Daher versuchte auch Bismarck immer wieder, durch verschiedene Maßnahmen, zum Beispiel durch die heimliche Förderung von Presseorganen, Windthorsts Wahl im Emsland zu erschweren oder zu verhindern. Dennoch wurde der Katholik vom Kreis Lingen 1884 auch in den hannoverschen Provinziallandtag gewählt, in den er 1885 einzog.