Der Vietnamkrieg (, ; seltener auch Kháng chiến chống Mỹ bzw. „Vietnamkrieg gegen USA“ oder „Amerikanischer Krieg“Stephan Loose: Vietnam. DuMont Travelhandbücher, Köln 2012, ISBN 978-3-7701-6716-6, S. 157) wurde von etwa 1955 bis 1975 in und um Vietnam geführt. Als wichtigste Kriegsparteien standen Nordvietnam und die auch als „Vietcong“ bezeichnete Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (National Liberation Front; NLF) den USA und Südvietnam gegenüber. Da der Konflikt unmittelbar auf den Indochinakrieg (1946–1954) zwischen der Französischen Union und der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung der Việt Minh folgte und sich auf ganz Indochina erstreckte, wird er auch Zweiter Indochinakrieg genannt. Wegen der direkt und indirekt beteiligten Supermächte gilt er als Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg. Er endete mit Südvietnams Eroberung durch Nordvietnam und Vietnams Wiedervereinigung.

Nach der Teilung Vietnams im Jahr 1954, politischen Repressalien und hintergangenen freien Wahlen durch den südvietnamesischen Premierminister Ngô Đình Diệm brach von 1955 bis 1964 ein Bürgerkrieg aus: Die Việt Minh, aus denen 1960 die NLF hervorging, wollten die antikommunistische Regierung des Landes stürzen und es mit dem Norden wiedervereinen. Dabei wurde die NLF vom kommunistisch regierten Nordvietnam unter Hồ Chí Minh und Lê Duẩn unterstützt, Südvietnam dagegen in zunehmendem Maß von den USA. Die aufeinander folgenden US-Regierungen unter den Präsidenten Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon fürchteten aufgrund der so genannten Domino-Theorie, dass mit Vietnam ganz Südostasien unter die Kontrolle kommunistischer Regierungen geraten könne.

Nach dem fingierten Tonkin-Zwischenfall von 1964 ließ Präsident Johnson im Februar 1965 erstmals Nordvietnam direkt bombardieren. Ab März entsandte er immer mehr Bodentruppen zur Bekämpfung der NLF nach Südvietnam. Daraufhin unterstützten die Sowjetunion und die Volksrepublik China Nordvietnam. Sechs Staaten beteiligten sich auf Seiten der USA und Südvietnams mit eigenen Truppen an dem Konflikt. Ab 1964 griffen die Kämpfe auch auf das Nachbarland Laos über, wo ein Laotischer Bürgerkrieg entstand. Nach der Tet-Offensive der NLF stellte Johnson bis November 1968 die Bombardierungen ein. Sein Nachfolger Richard Nixon zog die US-Truppen ab 1969 schrittweise aus Südvietnam ab, weitete den Krieg 1970 aber zugleich auf Kambodscha aus, wo ein opferreicher Kambodschanischer Bürgerkrieg folgte. Nach einer erneuten Bombenkampagne im Dezember 1972 (Operation Linebacker II) schloss seine Regierung mit dem Vertrag von Paris (1973) einen Waffenstillstand mit Nordvietnam. Bis zum 29. März jenes Jahres zogen alle US-Truppen ab, und Nordvietnam entließ alle gefangenen US-Soldaten. Am 30. April 1975 eroberten nordvietnamesische Truppen Südvietnams Hauptstadt Saigon und entmachteten die dortige Regierung. Damit endete der Krieg. 1976 wurde Vietnam offiziell unter einer kommunistischen Regierung wiedervereinigt.

Man schätzt die Zahl der vietnamesischen Kriegsopfer auf 1,3 bis über drei Millionen. Zudem starben 58.220 US-Soldaten und 5.264 Soldaten ihrer Verbündeten. Darüber hinaus waren viele dem giftigen Agent Orange ausgesetzt, so dass geschätzt bis zu eine Million Vietnamesen nach dem Krieg Behinderungen oder andere Gesundheitsschäden erlitten.U.S. in first effort to clean up Agent Orange in Vietnam. CNN, 10. August 2012

Vorgeschichte Indochinakrieg

Der vietnamesische Nationalist Hồ Chí Minh hatte 1919 bei der Friedenskonferenz von Versailles gemäß den Prinzipien des 14-Punkte-Programms von US-Präsident Woodrow Wilson ein unabhängiges, geeintes und demokratisches Vietnam vorgeschlagen. Wilson hatte dies abgelehnt. Ho wurde 1920 Anhänger der Imperialismustheorie Lenins, wonach der Kapitalismus in ein weltweites Endstadium getreten und seine Herrschaft durch Volksaufstände in industriell unterentwickelten Ländern am ehesten zu brechen und langfristig zu überwinden sei. Ho wollte diese Theorie in Vietnam unabhängig von sowjetischer oder chinesischer Dominanz verwirklichen.Donald E. Schmidt: The Folly of War – American Foreign Policy, 1898–2004. Algora Publishing, 2005, ISBN 0-87586-383-3, S. 270. mini|Hồ Chí Minh, 1946 mini|Verlauf des Indochinakriegs Seit 1883 stand Vietnam unter französischer Kolonialherrschaft. Im Juni 1940 besiegte das nationalsozialistisch regierte Deutschland Frankreich im Westfeldzug. Ab Juli 1940 unterstand Vietnam während des Zweiten Weltkrieges deshalb dem vom NS-geduldeten französischen Vichy-Regime. Dieses gestattete dem mit NS-Deutschland verbündeten Kaiserreich Japan ab Juli 1940, Vietnam mit japanischen Truppen zu besetzen. Gegen diese Doppelherrschaft bildete Hồ Chí Minh 1941 eine Koalition antikolonialistischer, nationalistischer und kommunistischer Gruppen, die Việt Minh. Sie kämpften mit zunächst etwa 5000 Mann gegen die Besatzer und für Vietnams Unabhängigkeit. Seit März 1945 unterstützten die USA die Việt Minh militärisch und logistisch. Diese nutzten die Kapitulation Japans am 15. August 1945 zur Augustrevolution. Danach ließen sie konkurrierende Nationalisten, Trotzkisten, Anhänger oder Partner von Franzosen und religiösen Sekten als „Vaterlandsverräter“ verhaften, vielfach foltern und durch „Tötungskomitees“ ermorden. Am 2. September 1945 rief Hồ die unabhängige Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus und wurde ihr Präsident.

Frankreich, das unter Charles de Gaulle seine früheren Kolonien in Indochina wiedererlangen wollte, besetzte bis Ende 1945 Südvietnam und vereinbarte mit Hồ im März 1946 eine auf fünf Jahre befristete Übergangsregelung.Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. München 2006, S. 16. Der französische Angriff auf Hải Phòng im November 1946 löste den als antikolonialen Guerillakrieg geführten Indochinakrieg der Việt Minh gegen Frankreich aus.Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. München 2006, S. 20. Um weitere Finanzhilfen der USA für seine Kolonialtruppen zu erhalten, förderte Frankreich einen antikommunistischen Nationalismus in Vietnam. Dazu vereinbarte es 1949 mit dem früheren Kaiser Bảo Đại einen unabhängigen, geeinten „Staat von Vietnam“ (SOV) im Rahmen der überseeischen Union française, bestimmte ihn zum Staatsoberhaupt und verpflichtete sich zum Aufbau einer nationalen Armee und Staatsverwaltung. Als Bảo Đại erkannte, dass er einflussloser Repräsentant eines von Frankreich kontrollierten „Marionettenstaates“ sein sollte, verließ er Saigon und ging nach Frankreich.Larry H. Addington: America’s War in Vietnam: A Short Narrative History. Indiana University Press, 2000, ISBN 0-253-21360-6, S. 37.

Während des Indochinakriegs leitete die kommunistische Partei Vietnams eine Agrarreform nach chinesischem Vorbild ein, bei der bis zu 50.000 Bauern und Việt Minh der älteren Generation, die man als von den französischen Kolonialherren korrumpiert ansah, ermordet wurden.Jean-Louis Margolin: Vietnam: Die Sackgasse des Kriegskommunismus. In: Stéphane Courtois (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus. München 1998, S. 634–636.

Nach der Niederlage der französischen Truppen in der Schlacht um Điện Biên Phủ vereinbarten Kriegsgegner und beteiligte Großmächte auf der Indochinakonferenz in Genf (8. Mai–21. Juli 1954) einen sofortigen Waffenstillstand, den beidseitigen Truppenrückzug, die Errichtung einer entmilitarisierten Pufferzone entlang des 17. Breitengrades und landesweite, international beaufsichtigte demokratische Wahlen der künftigen Regierung für 1956. Kambodscha, Laos und beide Teile Vietnams (Norden und Süden) sollten unabhängig werden und keinem Militärbündnis angehören. Die Sowjetunion und die Volksrepublik China folgten damit den Forderungen der USA, um deren weiteres Engagement in Indochina zu verhindern. Die Việt Minh unterzeichneten mit ihnen sowie mit Frankreich und Großbritannien das Abkommen, da sie mit Hồs Wahlsieg rechneten. Die USA und Bảo Đại lehnten dieses trotz des Entgegenkommens ab, um keine Vereinigung von ganz Vietnam unter kommunistischer Herrschaft zu begünstigen. Die USA verpflichteten sich aber, die Beschlüsse nicht mit Drohungen und Gewalt zu verändern.Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. München 2006, S. 36–40. Die französischen Kolonialtruppen zogen sich bis Oktober 1954 nach Südvietnam zurück und überließen Hanoi und die Hafenstadt Haiphong den Việt Minh. Bei Kriegsende befanden sich rund 100.000 Việt-Minh-Kämpfer im Süden und kontrollierten ein Drittel des südlichen Landesteils. Die Führung der Việt Minh plante die Mehrheit in den Norden zu evakuieren und rund 10.000 erfahrene Guerillakämpfer im Süden für den Fall, dass die vereinbarten Wahlen nicht stattfinden würden, zu belassen.James S. Olson, Randy W. Roberts: Where the Domino Fell: America and Vietnam 1945–1995. 5. Auflage. Wiley-Blackwell, 2011, ISBN 978-1-4443-5841-4, S. 1950. Dem Befehl zur Evakuierung in den Norden wurde nur teilweise Folge geleistet, rund 85.000 Kader und Partisanen verblieben im Süden. Ein großer Teil von ihnen kehrte auf eigenen Entschluss ins Zivilleben auf ihren Dörfern zurück.Pierre Asselin: Vietnam's American War. Cambridge 2018, S. 79f.

Die Beschlüsse der Indochinakonferenz, der Waffenstillstand, der Truppenabzug, die Umsiedelung und die Wahlen sollten von der International Control Commission – einer Beobachtungsmission bestehend aus polnischen, kanadischen und indischen Truppen – überwacht werden.Lawrence Freedmann: Kennedy's Wars: Berlin, Cuba, Laos, and Vietnam. Oxford University Press, S. 293.

Indochinapolitik der Großmächte Die Sowjetunion unter Josef Stalin war nach dem Zweiten Weltkrieg an guten Beziehungen zu ihrem Kriegsalliierten Frankreich interessiert und unterstützte daher Hos Unabhängigkeitsstreben offiziell nicht, trug aber mit Waffenlieferungen zum Sieg der Vietminh im Indochinakrieg bei. Bei der Indochinakonferenz zwang der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow die Vietminh jedoch, dem Rückzug aus Südvietnam zuzustimmen. Bis 1950 erkannte die Sowjetunion die DRV nicht an.Spencer C. Tucker: The Encyclopedia of the Vietnam War. A Political, Social, and Military History. 2011, S. 1159.

Die 1949 gegründete Volksrepublik China hatte den Unabhängigkeitskampf der Vietminh mit im eigenen Bürgerkrieg erbeuteten Waffen und Trainingslagern entlang der Grenze zu Nordvietnam unterstützt und die DRV 1950 anerkannt. Sie befürwortete auf der Indochinakonferenz jedoch die befristete Teilung des Landes und eine Zweijahresfrist bis zu nationalen Wahlen.Spencer C. Tucker: The Encyclopedia of the Vietnam War. A Political, Social, and Military History. 2011, S. 199.

Die USA hatten Ho bis zur Kapitulation Japans (2. September 1945) als Alliierten behandelt. Das Office of Strategic Services half den Vietminh auch danach weiter.Andreas Daum: America, the Vietnam War, and the World: Comparative and International Perspectives. Cambridge University Press, 2003, ISBN 0-521-00876-X, S. 28. US-Präsident Franklin D. Roosevelt unterstützte das Selbstbestimmungsrecht der Völker und wollte Indochina von europäischer Kolonialherrschaft und japanischer Besatzung befreien, es dazu unter internationale Treuhänderschaft stellen und China daran beteiligen. De Gaulle leitete im Oktober 1944 die Provisorische Regierung der Französischen Republik. Aber nachdem Japan die noch dem Vichy-Regime unterstellten französischen Kolonialtruppen in Indochina am 9. März 1945 entmachtet hatte, drängten die europäischen Alliierten Roosevelt, Frankreich am Kampf gegen Japan zu beteiligen. Ob er seinen Treuhänderplan vor seinem Tod am 12. April 1945 fallen gelassen und Frankreich eine Rekolonisierung Indochinas erlaubt hat, ist umstritten.Stein Toenesson: Franklin Roosevelt, Trusteeschip, and Indochina. In: Mark Atwood Lawrence, Fredrik Logevall: The First Vietnam War: Colonial Conflict and Cold War Crisis. Harvard University Press, 2007, ISBN 978-0-674-02371-0, S. 56–73.