rechts|90px|Wappen Wetzlar mini|380px|Alte Lahnbrücke und historische Altstadt
Die Geschichte der Stadt Wetzlar ist geprägt durch ihre Zeit als Freie Reichsstadt und Sitz des Reichskammergerichts vom Mittelalter bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 sowie durch ihre Entwicklung zur Industriestadt ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Älteste Siedlungsspuren reichen über die Bronzezeit bis in die Altsteinzeit zurück. Eine größere, bis zu 7500 Jahre alte linearbandkeramische Siedlung ist belegt. Eisen wird hier mindestens seit der keltischen La-Tène-Zeit erzeugt und hat damit eine 2500-jährige Tradition. Keltische, germanische und römische Siedlungen sind an mehreren Stellen nachgewiesen. Die bisher, soweit bekannt, schriftlich belegte Geschichte der Stadt Wetzlar, reicht bis in die karolingische Zeit zurück.Zedler. Geschichte, S. 1451–1478 (books.google.de).
Weitere Hausgrundrisse sowie Speichergruben einer bronzezeitlichen Siedlung auf dem Gelände wurden untersucht und dokumentiert. Dies ist ein Beleg für die frühe vorgeschichtliche Besiedlung um 3.500 v. Chr. auf diesem exponierten, spornartigen Gelände.
Als Freie Reichsstadt stieg Wetzlar vom Ende des 12. Jahrhunderts bis etwa 1350 und rund 6.000 Einwohnern nach Frankfurt zur zweitgrößten Stadt der Region auf, verarmte jedoch bis Anfang des 15. Jahrhunderts. Erneut wuchs die Stadt durch die Verlegung des Reichskammergerichts (1689 bis 1806). Erst mit der verspäteten Industrialisierung ab den 1860er Jahren gelang der Stadt ein erneuter Aufstieg, wobei sie Sitz zahlreicher mittelständischer Unternehmen wurde. Im 20. Jahrhundert überschritt die Stadt die Einwohnerzahl von 50.000 und wurde Oberzentrum.
Vor- und Frühgeschichte, Früh- und Hochmittelalter Bereits in der Altsteinzeit, der ältesten und längsten Periode der Vorgeschichte, war die Wetzlarer Region bewohnt. Der wichtigste Grund war, dass man eine vom Klima begünstigte Lage südlich von Westerwald, Rothaargebirge und nördlich des Taunus vorfand und deshalb hauptsächlich milde Westwinde entlang des Lahntals in diesen Kessel geführt wurden. Auch von Würm- und Weichseleiszeit blieben die Menschen im Wetzlarer Raum verschont.
Innerhalb der Wüstung Wanendorf, südwestlich von Wetzlar-Dalheim, bestand in einer ehemaligen Schleife der Lahn eine bandkeramische Siedlung, die möglicherweise Teil einer systematischen Aufsiedlung des Lahntals ist. Die rund 12 Pfostenhäuser waren je 30 Meter lang und wurden von einem zwei bis drei Meter breiten und 700 bis 1000 m langen Graben sowie einem vorgelagerten Wall geschützt. Zur Sicherstellung der Wasserversorgung dienten zwei voneinander unabhängige Brunnen innerhalb der rund 7000 bis 7500 Jahre alten Befestigung.Andreas Schäfer: Eine Altsiedellandschaft gibt ihr Geheimnis preis. Die Entdeckung einer bandkeramischen Siedlung mit Erdwerk im Lahntal bei Wetzlar. In: Hessen Archäologie 2002, Theiss Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1817-X, S. 33–36 und
Aus der Bronzezeit ist neben Hügelgräbern, wie beispielsweise im Finsterloher Wald am südlichen Stadtrand rund um den Stoppelberg, auch die Urnenfelderkultur zu finden.
Kelten, Germanen und Römer Mindestens seit der keltischen La-Tène-Zeit wurden in und um Wetzlar an der Oberfläche liegende Zersetzungsprodukte aus dort befindlichen Eisenerzlagern aufgesammelt und an Ort und Stelle in Rennöfen zu Schmiedeeisen verhüttet. Die Fundstätten werden als Rolllager bezeichnet.Karsten Porezag: Bergbaustadt Wetzlar, S. 27 ff., Verlag Wetzlardruck GmbH, ISBN 3-926617-00-4. Somit hat die Eisenverarbeitung in und um Wetzlar eine rund 2500-jährige Tradition. Auch für Kupfer, Silber und Gold gab es in und um Wetzlar Grubenfelder.porezag.de
Auf der Gemarkung Wetzlars bestanden mindestens drei keltische Siedlungen. Die Wallanlagen auf dem Stoppelberg datieren wohl in die ältere Eisenzeit (Hallstatt D, 650–475 v. Chr.), es könnte sich also um eine befestigte Höhensiedlung, eine sogenannte Burg, handeln.R. Gensen: Die eisenzeitlichen Befestigungen in Hessen – mit Ausnahme des Glaubergs bei Büdingen. In: A. Jocknhövel (Hrsg.), Ältereisenzeitliches Befestigungswesen zwischen Maas/Mosel und Elbe (Münster 1999), S. 81–98
Siedlungen germanischen Ursprungshassiaceltica.de werden gegenwärtig im Rahmen von Forschungsgrabungen des Bereichs für Ur- und Frühgeschichte der Universität Jena freigelegt. Die Grubenhäuser waren ebenfalls mit Graben und Wall versehen. Sie stammen zum Teil aus der Zeit um Christi Geburt und waren ca. 1400 Jahre lang besiedelt. Die Keramik- und Metallfunde deuten auf einen regen Kontakt zu dem nahe gelegenen römischen Limes hin. In Wetzlar fanden Archäologen unter anderem ein vergoldetes Fragment einer 2000 Jahre alten römischen, lebensgroßen Reiterstatue.spiegel.de: Wetzlar: Archäologen finden 2000 Jahre alte Reiterstatue
In Waldgirmes, unmittelbar an der östlichen Stadtgrenze, befand sich eine zivile römische Siedlung im Aufbau (siehe Römisches Forum Lahnau-Waldgirmes) und in Dorlar gab es ein römisches Militärlager. Ein Wegenetz in und um Wetzlar ist vorhanden. Die Römer zogen sich nach der Schlacht im Teutoburger Wald möglicherweise nicht vollständig aus dieser Region in den südlichen Taunus zurück.
Die Stadt und ihre Vorgängersiedlungen Jüngste archäologische Untersuchungen im Zuge eines Neubaus an der Goethestraße durch das Landesamt für Denkmalpflege zeigten erstmals die Existenz einer bisher nur vermuteten früheren Stadtbefestigung aus dem 12. Jahrhundert. Des Weiteren wurden eine Turmkonstruktion sowie die Überreste eines an die gut erhaltenen Mauerreste angebauten Gebäudes sichtbar. Ein starker Aufschwung der Stadt und der damit verbundene Wohlstand wird durch die hohe Funddichte und ein großes Fundspektrum bestätigt. So finden sich nicht nur Keramik- und Glasfragmente, Trachtbestandteile, Handwerksgeräte, sondern auch Speiseabfälle und Münzen. Weiterhin die Aufdeckung von mehreren Flachdarren zur Flachsverarbeitung sowie zwei Kalkbrennöfen aus dem 13. Jahrhundert, die zur Herstellung von Mörtel im ehemaligen Stiftsbezirk dienten und auf eine rege Bautätigkeit verweisen. In eben jenen Zeitraum fallen der Ausbau der Stadtbefestigung sowie die Errichtung der Stiftskirche, des heutigen Wetzlarer Doms.
Die Endsilbe des Stadtnamens -lar (altfränkisch hlar/hlari) verweist auf eine Siedlung keltischen Ursprungs (vgl. auch Goslar, Fritzlar, Dorlar usw.) und wird als Hürde oder Gerüst/Gestell gedeutet. Vermutlich war damit eine zaunähnliche Befestigung eines Hofes oder Dorfes gemeint. Lar-Ortsnamen sind grundsätzlich nicht mit Personennamen verbunden; die Orte haben eine markante Lage an Flussmündungswinkeln und sind vermutlich bis zum 3. Jahrhundert entstanden.Gregor Berhorst: Die Siedlungslage der Ortsnamen des Bonner Raumes / Naturraum, Toponymie und Siedlungsgründung, Bonn 1990.geschichtsforum.de
mini|Burgruine Kalsmunt Zu einem unbekannten Zeitpunkt erwarb Wetzlar das Marktrecht und damit das Recht, Marktzoll zu erheben. Im Laufe der Jahre entstand auf einem Hügel, dem ursprünglichen Burgberg und späteren Domhügel mit dem Marienstift, eine Marktsiedlung. Sie war Anziehungspunkt für Händler und Handwerker. Sie war zum ersten Kirchenbau vor 897 dann auch möglicher Treffpunkt für gläubige Christen.
Die Kirche der Theutbirg in loco qui dicitur Nivora im Stadtteil Nauborn, wurde erstmals 778 genannt, sie ist jedoch deutlich vor 778 entstanden. Deren Überreste sind noch heute gut erkennbar. Die Kirche wird wahrscheinlich bis zur Wende zum 9. Jahrhundert bestanden haben. Ihre Mauerreste wurden erst 1927 entdeckt. Auf dem zugehörigen Friedhof wurden neben Knochen einige Gefäßscherben aus der Zeit zwischen 700 und 780 sowie eine Eisenaxt gefunden.
Die alte Reichsburg Kalsmunt: Nach Karl MetzKarl Metz: Der Kalsmunt, Früh- und spätrömische Forschung über Aliso – Halisin – Solisin und den Ursprung der Stadt Wetzlar; Stadt Wetzlar, 1940 soll diese Burg/Schloss bereits eine frühe römische Gründung sein. Für Zedlerbooks.google.de. Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste … von Johann Heinrich Zedler, Johann Peter von Ludewig und Carl Günther LudoviciZedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste … Von Johann Heinrich Zedler, Johann Peter von Ludewig und Carl Günther Ludovici. S. 1451–1478, hier S. 1477. hat dieses Schloss Karl der Große um das Jahr 785 erbaut, um die Stadt dadurch besser im Zaume halten zu können, d. h. die Stadt bestand bereits zu dieser Zeit. Sie soll von ihm Carols Mons (Carlmund oder Carlmont) genannt worden sein, die heutige Benennung hat folgende Bedeutung: Kals- = Karls und -munt = Vasall, d. h. ein Lehensmann des Fränkischen Hofes. Andere Quellen halten den Namen für vorgermanisch oder keltisch wie: The name Kalsmunt is of Celtic origin and means “barren hill”, mit der Bedeutung nutzlos/fruchtlos/unfruchtbarer Hügel. Auf der Reichsburg Kalsmunt wurden die kaiserlichen Münzen für Wetzlar geprägt. König Rudolf von Habsburg bestellte Graf Adolf von Nassau im Jahr 1286 zum Burghauptmann auf der Burg Kalsmunt. Adolf behielt das Amt, bis er selbst zum König des Römisch-Deutschen Reiches gewählt wurde. Bereits 1292 übertrug er das Amt des Burghauptmann an Gottfried von Merenberg.Spielmann: Geschichte der Stadt und Herrschaft Weilburg; Stadt Weilburg, 1896 (Neuauflage 2005) S. 35–55
Als eine frühe urkundliche Ersterwähnung gilt eine Schenkung Ingolds an das Kloster Lorsch aus dem Jahre 832 im Lorscher Codex (Urkundenabschrift Nr. 3146). Die Übersetzung lautet: „Im Namen Gottes errichte ich, Ingold, eine Stiftung zu Ehren des heiligen Märtyrers (Nazarius), dessen Leib im Lorscher Kloster ruht, in dem der ehrwürdige Adalung das Amt des Abtes bekleidet. … Ich schenke im Gau Logenehe (im Lahngau), im …, ferner in Weftifa (Wettifa; Wetz, N.-O.-, am Wetzbach s. Wetzlar/Lahn) eine Hofreite und dreißig Morgen Land. Geschlossen und gefertigt. Geschehen im Lorscher Kloster am 24. Sept. im 19. Jahr (832) des Kaisers Ludwig (des Frommen).“
Wetzlar lässt sich urkundlich erst über ein Jahrhundert später wieder als Witlara in einer Urkunde aus dem Jahr 943 fassen,Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I. Bearbeitet von Theodor Sickel. Monumenta Germaniae Historica. Die Urkunden der Deutschen Könige und Kaiser 1. Hahn, Hannover 1879–1884, unveränderter Nachdruck München 1997, ISBN 3-921575-60-5, S. 136 f. Nr. 53. dort ließ der Konradiner Gebhard dux regni quod a multis Hlotharii dicitur („Herzog des Königreiches, das von vielen dasjenige Lothars genannt wird“, gemeint ist das Lotharii Regnum, das spätere Lothringen),In Barth Rüdiger E.: S. 180, „Der Herzog in Lothringen im 10. Jahrhundert“. Graf in der Wetterau und ab 904 Herzog von LothringenIn Peter Bohrer, Heppenheim, „Familien und Verwandte der Vorfahren der Grafen von Beilstein…“.genealogie-bohrer.deIn Peter Bohrer, Heppenheim, „Familien und Verwandte der Vorfahren der Grafen von Beilstein…“. genealogie-bohrer.de bereits 897 eine Salvatorkirche (Erlöserkirche) weihen, die frühere Bauten ersetzte. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts erfolgte die Gründung des Marienstiftes (Wetzlarer Dom), eines Kollegiatstiftes, durch Gebhards Söhne Hermann I., einen späteren Herzog von Schwaben, und Udo I., Graf in der Wetterau.
In den Quellen ist der Name Wetzlars noch lange wechselhaft: Wecflar (1290), Weftifa, Wettifa, Wetflaria/Witflaria (1142),Herbert Flender, Gerd Scharfscheer: Wetzlarer Stadtchronik. 2. Auflage. Wetzlardruck, Wetzlar 1980. Wephlaria, Wetflariensis (1282),denkxweb.denkmalpflege-hessen.de Wetphelarium, Wetsflaria, Wetslaria, Wetzflaria, Wetzlaria, (1718).