Lüderitz (ehemals sowie inoffiziell noch heute Lüderitzbucht, bei Gründung Lüderitzort) ist eine namibische Hafenstadt an der Lüderitzbucht am östlichen Südatlantik. Sie liegt im Wahlkreis ǃNamiǂNûs (ehemals Lüderitz) der Region ǁKharas im Süden Namibias und hat 16.125 Einwohner (Stand 2023).//Karas Region. Namibia Statistics Agency, 2023 Census. Abgerufen am 11. Juni 2024.
Lüderitz wurde am 12. Mai 1883 gegründet.
Geschichte mini|hochkant|Nachbildung des Diaz-Kreuzes von 1487 auf der Diaz-Spitze mini|hochkant|Das Lüderitz-Denkmal an der Industrial Road in Lüderitz mini|Lüderitz um 1900
Angra Pequena Der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Diaz landete 1487 auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien als erster Europäer in der Großen Bucht. Die heute Lüderitzbucht genannte Bucht nannte er Angra Pequena (‚Kleine Bucht‘). Bevor Diaz weitersegelte, errichtete er traditionsgemäß als Zeichen der Inbesitznahme ein Steinkreuz mit Wappen, ein sogenanntes Padrão, an der Diaz-Spitze auf der Lüderitzhalbinsel. Das stark erodierte Originalkreuz wurde 1929 durch eine Nachbildung ersetzt. Die fast unkenntlich gewordenen Teile des Originals sind in Museen in Kapstadt und Lissabon ausgestellt.Guide Book – Lüderitz, Orusovo.com abgerufen am 27. April 2011
Eine tatsächliche Inbesitznahme der Bucht und des umgebenen Landes fand in den folgenden Jahrhunderten indes weder durch Portugiesen noch durch eine andere europäische Macht statt. Lediglich die der Küste vorgelagerten Pinguin-Inseln, deren reiche Guano-Vorkommen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgebeutet wurden, wurden ab 1861 von den Briten in Besitz genommen.
Lüderitzland
Der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz landete 1883 in der Angra Pequena. Lüderitz wollte das allgemein als wertlos angesehene Land um die Bucht erwerben, weil er hoffte, dort Bodenschätze zu finden. Durch seinen Mitarbeiter und Teilhaber Heinrich Vogelsang handelte er dem Orlam-Führer Josef Frederiks II. in Bethanien am 1. Mai 1883 ein nach allen Richtungen fünf Meilen großes Landstück ab, um darauf einen Handelsposten zu errichten. Frederiks erhielt dafür 100 Goldpfund sowie 200 Gewehre. Etwa vier Monate später, am 25. August, verkaufte Frederiks erneut Land an Lüderitz, welches diesmal ein zirka 40 Meilen langes und 20 Meilen tiefes Landstück war (seiner Ansicht nach ein zirka 70 × 35 Kilometer großes Gebiet). Nach Vertragsabschluss wurde dem Verkäufer klargemacht, dass es sich nicht um englische Meilen (zirka 1,6 Kilometer), sondern selbstverständlich um preußische Meilen zu 7,5 Kilometer handelte und er damit den Großteil seines Stammesgebietes von 300 × 150 Kilometer verkauft hatte. Dieser Handel ging als „Meilenschwindel“ in die Annalen ein.
Im April 1884 gab die deutsche Reichsregierung dem Ansinnen Lüderitz’ statt, seine Erwerbung vor britischen Ansprüchen zu schützen. Am 7. August 1884 wurde auf den in der Lüderitzbucht liegenden deutschen Korvetten auf Anweisung von August Lüderitz die deutsche Flagge gehisst und das Land offiziell unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt. Das 1903 auf dem Alten Friedhof errichtete Lüderitz-Denkmal erinnert an die Inbesitznahme des Landes unter dem Schutz des Deutschen Reichs.
Als Lüderitz’ umfangreiche und teure Suche nach den erhofften Bodenschätzen erfolglos blieb, geriet er in wirtschaftliche Bedrängnis und musste Lüderitzland 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verkaufen. Nach Lüderitz’ Tod 1886 verlieh die Kolonialgesellschaft der Bucht Angra Pequena den Namen Lüderitzbucht.
Aufschwung als Teil Deutsch-Südwestafrikas
Einen sehr bescheidenen Aufstieg erlebte der kleine Ort erst 1904 mit der Stationierung der hier im Kampf gegen die aufständischen Nama (Namakrieg) benötigten Schutztruppen-Soldaten. In dieser Zeit war die Stadt vor allem für das vor der Küste auf der Shark Island errichtete Konzentrationslager bekannt. Hier wurden die im Namakrieg gefangengenommenen Orlam und Nama mit ihren Familien interniert. Von den rund 2000 Inhaftierten überlebten wegen der dort herrschenden schlechten Hygiene- und Witterungsverhältnisse nur zirka 450 Stammesangehörige. Das Lager wurde erst auf energisches Drängen der im Lande tätigen Missionare geschlossen und ins Landesinnere verlegt.
Erst lange nach dem Tode von Adolf Lüderitz – er galt seit 1886 als im Rahmen einer Erkundungstour zum Oranje verschollen – wurden im Jahr 1908 beim Bau einer Schmalspurbahn Diamanten bei Lüderitz entdeckt, was zu einem kurzzeitigen Boom führte. Der zunehmend industriell betriebene Diamantenabbau, die mit ihm ins Land strömenden Glücksritter und der Bau der Diamantensiedlung Kolmanskuppe brachten auch für Lüderitz einen steilen Aufstieg zu einer ausgesprochen wohlhabenden Stadt mit sich. In der Folgezeit entwickelte sich Lüderitz zu einem florierenden Handelshafen. Das Gouvernement stationierte hier das Bereisungsschiff Okahandja. Seine Rolle als wichtigster Hafen der Kolonie musste Lüderitz aber bald an das zentraler gelegene Swakopmund abtreten, wo ein künstlicher Hafen angelegt wurde.
Bedeutungsverlust nach dem Ersten Weltkrieg mini|Landung südafrikanischer Truppen in Lüderitz Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Lüderitzbucht am 19. September 1914 kampflos von südafrikanischen Truppen besetzt. Die dort stationierte Küstenfunkstelle wurde schon am 14. September nach Aus verschoben.Von der „Sandbüchse“ zum Kommunikationsnetzwerk Die Entwicklungsgeschichte des Post- und Telegraphenwesens in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1915). Dissertation, Uni Halle, Dezember 2004 S. 251
Die deutsche Zivilbevölkerung wurde in Südafrika interniert. Mit Ende des Krieges wurde Lüderitz Teil des von Südafrika verwalteten Mandatsgebiets Südwestafrika.
Ab 1920 verlor Lüderitz stark an Bedeutung, da sich der Diamantenabbau immer weiter nach Süden verlagert hatte. Kolmannskuppe wurde zur Geisterstadt. In Lüderitz konnten sich eine bescheidene Fischfangindustrie und in ihrem Umfeld einige Bootswerften etablieren. Daneben existierten noch einige kleinere Teppichwebereien, da im Süden des heutigen Namibia die Karakulschafzucht mit einigem Erfolg betrieben wurde. Ansonsten aber hatte Lüderitz bald nichts mehr zu bieten, sodass der einst wohlhabenden Stadt ein ähnliches Schicksal wie Kolmanskuppe zu drohen schien.
Name der Stadt mini|hochkant=1.2|Der Name der Zeitung Buchter News bezieht sich auf die Eigenbezeichnung „Buchter“ Die Stadt ist nach dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz benannt. Sie hieß kurzzeitig auch Fort Vogelsang nach Heinrich Vogelsang.Hans Emil Lenssen: Chronik von Deutsch-Südwestafrika 1883–1915. 7. Ausg., Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2002, ISBN 3-933117-51-8, S. 5. Umgangssprachlich hat sich der ältere Name Lüderitzbucht gehalten. Die Einwohner aller Sprach- und Volksgruppen bezeichnen sich selbst als „Buchter“.
1993 machte der ǃAman-Chef Dawid Fredericks den Vorschlag, die Stadt in !Namiǂnûs umzubenennen. Dieser Name bedeutet Umarmung und soll auf die ersten Bewohner des Gebietes zurückgehen, die ǃAman, eine Untergruppe der Nama.Erwin Leuschner: !Namiǂnûs löst Empörung aus. In: Allgemeine Zeitung vom 13. August 2013 (abgerufen am 18. August 2013).
2012 billigte das namibische Kabinett diesen Namen. Im Februar 2013 wurde darüber der Lüderitzer Stadtrat in Kenntnis gesetzt. In: The Namibian vom 19. August 2013 (abgerufen am 21. August 2013). Durch Proklamation des namibischen Präsidenten Hifikepunye Pohamba wurde am 9. August 2013 der Wahlkreis Lüderitz in ǃNamiǂNûs umbenannt.Lüderitz heißt jetzt !Namiǂnûs. In: Allgemeine Zeitung vom 9. August 2013 (abgerufen am 18. August 2013). Die korrekte Aussprache ist für Nicht-Khoekhoegowab-Sprecher schwer, weshalb der Name von ihnen vermieden wird. Auch Befürworter des neuen Namens meiden dessen Aussprache, da diese derjenigen eines derben Schimpfwortes ähnelt.
Aufgrund einer missverständlichen Aussage in der Proklamation des Präsidenten war zeitweilig von einer Umbenennung auch der Stadt ausgegangen worden, die örtliche Bevölkerung hatte diese jedoch nicht akzeptiert In: Allgemeine Zeitung vom 16. August 2013 (abgerufen am 18. August 2013). und strebte danach, in jedem Fall die deutsche Bezeichnung Bucht in einem neuen Namen zu haben. abgerufen am 31. Juli 2012
Am 21. August 2013 versammelten sich in der örtlichen Turnhalle von Lüderitzbucht mehr als 600 Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Muttersprache, um gegen eine Umbenennung der Stadt zu protestieren. Zu der Versammlung kam auch die damalige Bürgermeisterin von Lüderitz, Hambelela Suzan Ndjaleka. Zahlreiche Lüderitzer unterschrieben eine Petition. Überdies fordern die Bewohner eine amtliche Entschuldigung von Charles Namoloh, Minister für Regional- und Lokalverwaltung, heißt es in der Erklärung des Komitees. Offenbar hatte Namoloh im Gespräch mit einer Tageszeitung gesagt, dass „die Buchter die öffentlichen Treffen im Zusammenhang mit der Namensänderung nicht besucht haben, weil sie vielleicht in einer Shebeen (Ausdruck für eine illegal betriebene Kneipe) waren“. Am 27. August 2013 demonstrierten Bewohner gegen eine Umbenennung.
Am 26. August 2013 erklärte Sacky Shangala, Vorsitzender der Gesetzesreform- und Entwicklungskommission (LRDC), der Namibischen Nachrichtenagentur, dass nur der Wahlkreis, jedoch nicht die Stadt Lüderitzbucht umbenannt wurde; er erklärte weiter, dass der namibische Präsident nicht die Befugnis besitze, den Namen eines Ortes zu ändern. Die einschlägigen Gesetze verlangten hierfür einen Vorschlag der Stadtverwaltung an den zuständigen Minister, der über den Vorschlag entscheiden müsse. Die Informationen über eine Umbenennung hätten auf einem „Missverständnis“ beruht. Die „Unlust der Regierung zur Korrektur dieses ,Missverständnisses‘“ wurde scharf kritisiert. Albert Kawana, Minister für Präsidentschaftsangelegenheiten erklärte, dass der Umbenennungsprozess nicht abgeschlossen sei und die Regierung an dem Vorhaben festhalte; Präsident Pohamba arbeite an zwei Gesetzen, die es ihm künftig erlauben sollen, die Namen von Orten per Dekret zu ändern. Als Reaktion auf die Ankündigung Kawanas wurde Präsident Pohamba von Einwohnern aufgefordert, eine etwaige Planung zur Umbenennung dieser Stadt „zu beenden und die Bewohner (…) zu konsultieren“.Shinovene Immanuel: In: The Namibian vom 21. August 2013 (abgerufen am 21. August 2013).
Am 19. und 20. Februar 2015 lud der Stadtrat alle Interessierten zu einer Informationsveranstaltung über die Änderung des Namens ein. Demnach wurde der Vorschlag zur Umbenennung von einem in Bethanien ansässigen Häuptling der !Aman, einem Unterstamm der Nama, unterbreitet. Namibische Medien berichten unterschiedlich über den aktuellen Stand der Umbenennung. So hat laut New Era der Stadtrat beschlossen, die Umbenennung der Stadt bei der Regierung zu beantragen.Lüderitz town to become !Nami#nus, in: New Era, 23. Februar 2015. Hingegen sprechen Die Republikein und Allgemeine Zeitung davon, dass der Stadtrat noch keine endgültige Entscheidung getroffen habe. abgerufen am 23. Februar 2015. Auch die ortsansässige Buchter News sehen noch keine endgültige Entscheidung. abgerufen am 23. Februar 2015. Eine mögliche Umbenennung stieß unter den Einwohnern und dem Lüderitz Heritage Committee auf Widerstand, und es wurde ein Plebiszit über die Namensänderung gefordert., in: Allgemeine Zeitung, 23. Februar 2015. Am 24. Februar 2015 stellte die damalige Lüderitzer Bürgermeisterin klar, dass noch keine endgültige Entscheidung zur Umbenennung getroffen wurde. An diesem Stand hat sich seitdem nichts geändert.
Geographie mini|hochkant|Satellitenbild der Küste von Lüderitz. Lüderitzbucht und -halbinsel in der oberen Bildmitte
Lage