mini|Geisterbahnfigur im Wiener Prater Als Angstlust bezeichnet man in der Persönlichkeitspsychologie und in der klinischen Psychologie eine zwiespältige Gefühlslage, bei der aus einer bedrückenden Angstphase selbst oder aus ihrem erfolgreichen Überstehen und Bewältigen ein lustvolles Erlebnis erwächst.

Begriff Angstlust ist ein über Jahrhunderte im deutschen Kulturraum gewachsener Begriff. Das Phänomen ist bereits seit der Antike aus der Griechischen Sagenwelt und aus der griechischen Tragödiendichtung bekannt und etwa von Aristoteles in seiner Tragödientheorie und der Nikomachischen Ethik (VII, 14 und X) behandelt: Die griechische Tragödie sollte nach Aristoteles Furcht (phobos) und Mitleid (eleos) erregen, um zu einer Reinigung (katharsis) der Emotionen zu gelangen.Wolfgang Schadewaldt: Furcht und Mitleid. Zur Deutung des aristotelischen Tragödiensatzes. In: Hermes. 83 (1955), S. 129–171.

Auch große Dramatiker der deutschen Literaturgeschichte wie Gotthold Ephraim Lessing, Heinrich von Kleist, Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang Goethe haben in ihren Werken mit der Angstlust gearbeitet und sie theoretisch fundiert.

Das von Menschen beiderlei Geschlechts und verschiedenen Alters in höchst unterschiedlichen Lebenssituationen, etwa bei Mutproben, in Vergnügungszentren oder im Wagnissport, gesuchte Erleben wurde von dem ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint in den 1950er Jahren erstmals tiefenpsychologisch gründlicher untersucht und in einer Monografie dargestellt. Dabei wurde im Titel der deutschsprachigen Übersetzung für den Begriff Thrill der Begriff „Angstlust“ verwendet. Der Begriff Regression wurde beibehalten. In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe warnt Balint jedoch den Leser ausdrücklich davor, die Begriffe Thrill und Angstlust gleichzusetzen. Beide hätten eine klar unterscheidbare Bedeutung und seien nicht inhaltsgleich übertragbar.Michael Balint: Angstlust und Regression. Stuttgart 1959. Vorwort, S. 5. „Thrill“ ist demnach einfach unübersetzbar, und folglich ist es unmöglich, „deutsch“ darüber zu reden. Dies ist eine große Schwierigkeit, deren der Leser dieses Buches stets gewärtig sein muss. (S. 6)

In dem auf Spannung ausgerichteten Erlebniskreis von Nervenkitzel, Thrill, Kick, Abenteuersuche betont der Begriff Angstlust vor allem die emotionale Wechselbeziehung und Wechselwirkung zwischen zwei konträren Gefühlserlebnissen, wobei sich die eine mit der anderen entweder vermischen oder nachfolgend aus ihr entstehen kann.Marcus Roth, Philipp Hammelstein (Hrsg.): Sensation Seeking. Konzeption, Diagnostik, Anwendung. Göttingen 2003

Phänomenologie Die Angstlust ist eine Grenzform des Angst- wie des Lusterlebens. Die Lustempfindung kann aus einer überstandenen Angst erwachsen, wobei diese Voraussetzung ist für das nachfolgende Lusterleben. Die beglückende Empfindung ergibt sich dabei aus dem Kontrast zu und einer Erlösung aus einer angstbesetzten unangenehmen Gefühlslage. Dies bedeutet, es wagen zu müssen, sich in der Erwartung der zweiten Phase zuerst dem negativen Erleben zu stellen.Siegbert A. Warwitz: Wenn Weh und Wonne wechseln. Die Angst-Lust-Theorie. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1, S. 142–167

Angstlust kann sich aber auch bereits im Genuss der Angst selbst etablieren. Dies setzt eine Außenbetrachtung der eigenen Gefühle voraus. Dabei ist eine psychische Distanz zum Geschehen entscheidend, um die Spannung auszuhalten. Diese zu erreichen, stellt einen Akt gradueller Dissoziation dar und kann in Form einer Meta-Position auch für das Erleben förderliche Auswirkungen haben.Susanne Piët: Het loon van de angst (Der Lohn der Angst) Baarn 1987

Der unmittelbare Angstgenuss kann sich in verschiedenen Formen realisieren:

Der Masochist setzt sich bewusst den Qualen einer bedrohlichen Situation aus und verwandelt die damit normalerweise verbundenen Unlustgefühle in für ihn reizvolle Lustgefühle.

Der am Thrill-Erleben Interessierte genießt das Grauen, das von Monstern, Serienmördern, Vampiren ausgeht, als Betrachter mit einem „wohltuendem Schaudern“. Naturkatastrophen und Unglücksorte üben auf viele Menschen eine fast magische Anziehungskraft aus, was sich in den Bezeichnungen „Katastrophentourismus“, „Schaulust“, „Gaffertum“ niedergeschlagen hat. Riskante Stuntvorführungen werden oft mit der unterschwelligen Erwartung aufgesucht, dass etwas Schreckliches, Spektakuläres passieren könnte, von dem man sich faszinieren lassen will. Der Psychologe Siegbert A. WarwitzSiegbert A. Warwitz: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1 unterscheidet zwischen dem „Live-Thrill“, einem Angstlust-Erleben, bei dem die authentische Angstlust-Erfahrung gesucht wird, und dem „Medialen Thrill“, bei dem die gewünschten Spannungserlebnisse durch mediale Vermittlung verschafft werden: Während man sich beim Live-Thrill auch persönlich und physisch in das Angst-Lust-Erleben einbringt, erfolgt der Mediale Thrill aus sicherer Distanz auf vorrangig psychischer Ebene, – etwa durch die Lektüre von Kriminalromanen, das Anhören von Schauergeschichten, das Anschauen filmischer Thriller oder Kriegsfilme. Eine Mischung aus Aktion und ungefährlichem Schauererleben stellt das Praktizieren bestimmter Computerspiele (Horrorspiele) dar, in denen der Spieler zwar der Handelnde ist, der Thrill aber auf rein psychischer Ebene erfolgt.

Angstlust verspürt nach Michael Balint, wer sich freiwillig einer Gefahr aussetzt, aber von der Zuversicht getragen wird, die Gefahr und die damit verbundene Angst bewältigen zu können und alles werde gut enden. Die Mischung von Furcht, Wonne und Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr ist das Grundelement aller Angstlust.Michael Balint: Angstlust und Regression. Stuttgart 1994

Angstlust im realen Erleben

Eigenerleben Mutproben

können als klassische Formen des Angstlust-Erlebens gelten: Wenn Kinder sich in den dunklen Keller, an ein gefürchtetes Tier, auf ein verbotenes Grundstück wagen, testen sie auch ihre Resistenz gegen die damit verbundenen Ängste. Ähnliches erleben Jugendliche bei ihren illegalen Autorennen, beim ersten Sex, beim S-Bahn-Surfen, beim Balconing oder beim Base-Jumping.

Abenteuersport

Das Spiel mit leistungsstarken Motorrädern reizt nicht nur wegen seines sportlichen Charakters, sondern auch wegen des Risikopotenzials, das in Beschleunigung, Geschwindigkeit, Kurvenfahren, Gruppenrennen oder speziellen „Fahrtricks“ ausgelebt werden kann. A. Engeln hat zur Mentalität dieser Sportlergruppe eine eigene Untersuchung vorgelegt.A. Engeln: Risikomotivation– eine pädagogisch-psychologische Untersuchung zum Motorradfahren. Marburg 1995

Die „Lust an der Angst“ wird häufig irrtümlich als generelle Motivation für risikobehaftete Unternehmungen unterstellt, insbesondere in sportlichen Bereichen.Michael Apter: Im Rausch der Gefahr. Warum immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen. München 1994.Gert Semler: Die Lust an der Angst. Warum sich Menschen freiwillig extremen Risiken aussetzen. München 1994 Außerdem wird bisweilen gemeint, Wagnissportler wie Gleitschirmflieger oder Extrembergsteiger begäben sich in Gefahren und damit verbundene Bedrohungen ihrer Gesundheit und ihres Lebens, um nach einer Phase durchlittener Angst möglichst wohlbehalten wieder in den sicheren Bereich zurückkehren zu können.David Le Breton: Lust am Risiko. Frankfurt 1995.Angstlust und Regression. Beschreibung des Werks vom Klett-Cotta-Verlag

Diese Einschätzungen greifen jedoch angesichts des äußerst komplexen Problemfeldes zu kurz: Die Psychologen und Wagnisforscher J.C. Brengelmann und S.A. Warwitz haben auf wissenschaftlicher Basis differenzierte Persönlichkeitsprofile und Motivationstypologien erstellt, die die Facetten der Erlebensmöglichkeiten bei der Angstlust wirklichkeitsgerechter darstellen.Johannes C. Brengelmann: Risiko-Lustdispositionen. Vaduz 1989.Siegbert A. Warwitz: Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: DAV (Hrsg.): Berg 2006. München/Innsbruck/Bozen 2005, S. 96–111

Brengelmann bezieht sich dabei auf die individuell verschiedenartigen Voraussetzungen für den Umgang mit dem Risiko und entsprechenden Gefühlserlebnissen. Warwitz argumentiert mit dem von ihm in Reihenuntersuchungen auf empirischer Basis erarbeiteten „Strukturgesetz des Wagens“.Siegbert A. Warwitz: Das Strukturgesetz des Wagens. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1, S. 22–25 Dies besagt, dass der Sinn des Angstlust-Strebens sich nicht darin erschöpft, bereits vorhandene Sicherheiten aufzugeben, um dieselben Sicherheiten nach einer Phase der Angst und Bedrohung wiederzuerlangen. Solch ein Risikohandeln sei entsprechend der tiefenpsychologischen Forschung nach Michael Balint oder Carl Gustav Jung allerdings als psychopathisch einzustufen, weil der Verzicht auf die Gefahrensituation bei gleichem Effekt die vernünftigere Lösung sei. Vielmehr werde mit dem Eingehen einer Bedrohung und dem "Sich Aussetzen" einer Angstphase in den meisten Fällen ein Mehrwert erwartet. Dieser angestrebte Sinn- und Wertgewinn könne nach einer bestandenen Angst- und Gefährdungsphase etwa im Erreichen eines höheren, anspruchsvolleren Sicherheitslevels bestehen. Er könne sich als Impuls für die Entwicklung der Persönlichkeit lohnen (eine ungeahnte Prüfungsleistung vollbringen), zur Steigerung der Lebensqualität beitragen (einen Wagnissport ausüben) oder eine soziale Leistung in der Gemeinschaft bedeuten (Zivilcourage praktizieren).Siegbert A. Warwitz: Die wundersame Wirkung des Wagens. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, ISBN 978-3-8340-1620-1, S. 13–31

Exhibitionismus

Im Bereich der Sexualität wird Angstlust bisweilen in Form der Angst vor einer Entdeckung in prekärer Situation und einer entsprechend gesteigerten Lustempfindung gesucht: So scheint das Ausleben der Sexualität etwa in öffentlichen Parks oder in nicht abgeschlossenen Räumen, wobei man von anderen überrascht werden kann, für manche Menschen eine gesteigerte Lustempfindung über die Angst auszuüben. Praktiken dieser Art werden gern von Exhibitionisten gewählt. Manche sogenannte Flitzer (engl. „streaker“) tauchen unvermerkt und plötzlich splitternackt oder nur mit einem Hut oder einer Maske bekleidet auf öffentlichen Straßen oder Plätzen auf, um ebenso schnell wieder zu verschwinden, bevor sie identifiziert, blamiert und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses gefasst werden können.Verbotene Reize: 15 Sekunden nackter Wahnsinn. auf: einestages. 22. November 2007

Zuschauererleben Stierkämpfe, Zirkusakrobatik, Hochseilvorführungen, Kunstflugevents bieten Gelegenheiten für ein größeres Publikum, Angstlust erzeugende Ereignisse mitzuverfolgen, ohne sich selbst in unmittelbarer Gefahr zu wissen. Die Matadore, die Stierläufer in Pamplona, die Feuerschlucker, die Partnerinnen der Messerwerfer, die Akrobaten in der Zirkuskuppel, auf dem Hochseil oder bei der Flugshow begeben sich in Gefahren, bei denen der Zuschauer mitfiebert, aber nicht selbst betroffen ist. Das Mitfühlen kann vom Zuschauer sogar auch dann als positiv erlebt werden, wenn die agierenden Helden leiden müssen oder verunglücken. Das Mitzittern und Mittrauern wird als warmherzige Meta-Emotion erlebt. Selbst Serienmörder können beim Betrachter bisweilen eine grauengemischte Sympathie hervorrufen.Eric G. Wilson: Everyone loves a good train wreck. Why we can`t look away. New York 2012

Angstlust im medialen Erleben