Lützellinden ist der südlichste Stadtteil der mittelhessischen Universitätsstadt Gießen und hat rund 2400 Einwohner. Die Gemarkung umfasst ein Gebiet von 890,8 ha und stellt damit 12,3 % des Gießener Stadtgebietes dar. Geografisch zählt der Ort zum Hüttenberger Land.

Ortsgeschichte Mittelalter Lützellinden war viele Jahrhunderte lang eine wohlhabende Bauerngemeinde. Noch immer gibt es dort einige landwirtschaftliche Betriebe.

Die ältesten schriftlichen Erwähnungen von Linden stammen aus den Jahren 790 und 792 und finden sich im Lorscher Codex. Dieser Kopiar wurde um die Zeit zwischen 1183 und 1195 im Kloster erstellt. Die vier Erwähnungen im Lorscher Codex unterscheiden noch nicht zwischen den Siedlungen, die später die Ortsnamen Großen-Linden, Lützellinden, Klein-Linden und das wüst gefallene Sichlingslinden, dessen Name sich 1302 in Langenlinden änderte,Ludwig Baur: Urkundenbuch des Klosters Arnsburg in der Wetterau. Darmstadt 1851. Nr. 306, S. 211. tragen.

790 heißt im Lorscher Codex „... in Lindere marca ...“Karl Glöckner: Codex Laureshamensis = Arbeiten der historischen Kommission für den Volksstaat Hessen. Darmstadt 1929. Band 3: Kopialbuch; Die übrigen fränkischen und die schwäbischen Gaue, Güterlisten, späte Schenkungen und Zinslisten, Gesamtregister, Fotomechan. Nachdruck der Ausgabe von 1936, Darmstadt. Hessische Historische Kommission 1963. CL III, Nr. 3159=3710c. Im gleichen Jahr wird auch „... in uilla Linden ...“ genannt.CL III, Nr. 3159=3710c. Zwei Jahre später werden die Linder marca sowie Linden erneut genannt.CL III, Nr. 3160=3717a. Einzig die spätere Wüstung Sichelingeslinden besitzt bereits 790 einen Ortsnamen mit einem Differenzierungsglied: „... in villa Sichelingeslinden ...“CL III, Nr. 3148. Dieser Ortsname erscheint in einer Urkunde des gleichen Klosters aus dem Jahre 801 als „Sichelindeslinden“.CL III, Nr. 3722 c. In einer herrschaftlichen Urkunde werden 1065 „... VIII mansos ad Lindun ... in pago Lognahi ...“ (acht Mansen) erwähnt.Manfred Stimmig: Mainzer Urkundenbuch. Band 1 (bis 1137). Darmstadt 1932. Nr. 311, S. 200 f

Der Ortsname „Lützenlinden“ lässt sich von dem mhd. Adjektiv „lützel“ = klein ableiten. Erst als diese Bedeutung von lützel ungebräuchlich wurde,Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage Berlin 1967. bearbeitet von Walther Mitzka. S. 451. hat man im 18. Jahrhundert den Ortsnamen „Kleinenlinden“ gebraucht.Lutz Reichardt: Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Namenbuch. Dissertation. Göppingen 1973. S. 256–258, S. 258.

1333 fiel die Westhälfte der ehemaligen Grafschaft Gleiberg mit Lützellinden an die Grafen von Nassau-Weilburg. Aufgrund eines Gebietstausches nach dem Wiener Kongress kam der Ort 1816 vom Herzogtum Nassau zu Preußen.

Neuzeit Geschichtlich war Lützellinden immer in Richtung Wetzlar orientiert. Politisch zählt der Ort erst seit 1979 – nach Auflösung der Stadt Lahn – zu Gießen. Zuvor gehörte Lützellinden zum damaligen Landkreis Wetzlar. Die geschichtliche Verbundenheit mit Wetzlar ist auch heute noch sichtbar. Sie manifestiert sich unter anderem in der Zugehörigkeit Lützellindens zur Evangelischen Kirche im Rheinland und zum Bistum Limburg, während alle anderen Teile Gießens zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bzw. dem Bistum Mainz gehören.

Weitere Besonderheiten Lützellindens: Es existieren noch viele, im Zustand allerdings unterschiedlich erhaltene, für die Dörfer des Hüttenbergs typische alte Fachwerk-Hofreiten mit hohen Hoftoren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Eines der ältesten Hoftore befindet sich in der Lindenstraße 19; es ist mit AD 1699 bezeichnet. Der Stolz alter Häuser und die Handwerkskunst der alten Werkmeister ist aber nicht nur an den Vorderseiten des Eichenfachwerks, wie z. B. des Adam-und-Eva-Hauses in der Straße An der Schule sichtbar, sondern setzt sich bis in die Hofseiten der Fachwerkreiten fort. Bis vor einigen Jahren gab es noch eine Anzahl ausschließlich Tracht-tragender Frauen. Auch wird noch heute „Platt“ (Hüttenberger Dialekt) gesprochen. Zeitweise wird im Backhaus noch mit Holz geheizt, um das herkömmliche Roggenbrot zu backen.

Hessische Gebietsreform (1970–1977)

Am 1. Januar 1977 wurde die bis dahin eigenständige Gemeinde im Zuge der hessischen Gebietsreform ein Teil des Stadtbezirks Dutenhofen der neugegründeten Stadt Lahn. Bei deren Auflösung am 1. August 1979 wurde Lützellinden dann der Stadt Gießen als Stadtteil zugeordnet. Für die Stadtteile Gießen-Allendorf, Gießen-Kleinlinden, Gießen-Lützellinden, Gießen-Rödgen und Gießen-Wieseck wurden Ortsbezirke mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Lützellinden angehört(e):

810: Frankenreich, Lahngau ab 14. Jahrhundert: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen) ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen-Marburg) Die Zugehörigkeit des Amtes Hüttenberg anhand von Karten aus dem Geschichtlicher Atlas von Hessen: , und 1604–1648: hessischer Anteil strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1604: Heiliges Römisches Reich, Amt Hüttenberg (Kondominium: Grafschaft Nassau und Landgrafschaft Hessen-Darmstadt) ab 1703: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Nassau-Weilburg, Oberamt Atzbach, Amt Hütten- und Stoppelberg ab 1806: Herzogtum Nassau, Amt Usingen, ab 1810 Amt Atzbach ab 1816: Königreich Preußen,1849: Endgültige Trennung zwischen Justiz (Kreisgericht Wetzlar) und Verwaltung. Provinz Großherzogtum Niederrhein, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis WetzlarAbtrennung der Justiz (standesherrliches Justizamt Atzbach). ab 1822: Königreich Preußen, Rheinprovinz, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis Wetzlar1849: Endgültige Trennung zwischen Justiz (Kreisgericht Wetzlar) und Verwaltung. ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Rheinprovinz, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis Wetzlar ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Rheinprovinz, Regierungsbezirk Koblenz, Kreis Wetzlar ab 1932: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Wiesbaden, Kreis Wetzlar ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Nassau, Landkreis Wetzlar ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Wetzlar ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Wetzlar ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Wiesbaden, Landkreis Wetzlar ab 1968: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Wetzlar ab 1977: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Stadt Lahn ab 1979: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Gießen, Stadt Gießen ab 1981: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Gießen, Landkreis Gießen, Stadt Gießen

Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 (Ortsteil) Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Lützellinden 2349 Einwohner. Darunter waren 114 (4,9 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 414 Einwohner unter 18 Jahren, 1068 zwischen 18 und 49, 465 zwischen 50 und 64 und 405 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 1026 Haushalten. Davon waren 321 Singlehaushalte, 270 Paare ohne Kinder und 309 Paare mit Kindern, sowie 84 Alleinerziehende und 42 Wohngemeinschaften. In 177 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 732 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerentwicklung

Historische Religionszugehörigkeit • 1834: 619 evangelische, 2 jüdische Einwohner • 1961: 1323 evangelische (= 88,67 %), 162 katholische (= 10,86 %) Einwohner

Politik Ortsbeirat Für Lützellinden besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Allendorf) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus neun Mitgliedern.

Bei der Wahl zum Ortsbeirat ergab sich für die Wahlperiode 2016–2021 folgende Sitzverteilung:Ergebnis der Ortsbeiratswahlen 2021 in Lützellinden In: votemanager-gi.ekom21cdn.de Ortsbeirat – Kommunalwahlen 2021

Ortsvorsteher Ortsvorsteher ist Markus Sames (CDU).

Kultur und Sehenswürdigkeiten Zu den Denkmälern des Stadtteils siehe Liste der Kulturdenkmäler in Lützellinden.

Museen mini|Ehemaliges Rathaus, heute Heimatmuseum und Verwaltungsaußenstelle Heimatmuseum im ehem. Rathaus (heute Verwaltungsaußenstelle), Öffnungszeiten: jeden zweiten Sonntag im Monat, mit laufenden Sonderausstellungen. Im Heimatmuseum werden Dinge des täglichen Lebens und Arbeitens im Dorf gezeigt. Ein großer Teilbereich der Ausstellung widmet sich der Hüttenberger Tracht. Das Museum wurde im Jahre 1997 gegründet.Heimatmuseum Lützellinden.

Vereine und Gruppen AERO-CLUB Lützellinden (Motorflug) BS Fidelio e. V. (Burschenschaft) CVJM Lützellinden e. V. (Christlicher Verein Junger Menschen) Heimatverein Lützellinden (Aktivitäten und Heimatmuseum im Rathaus) Der Landfrauenverein (Landfrauen Hüttenberg-Lützellinden) SV Lützellinden 1969 e. V. (Schützenverein) TSV 2006 e. V. (Turn- und Sportverein) Freiwillige Feuerwehr Gießen-Lützellinden Verein für Kindererziehung e. V. Naturschutzbund Deutschland - Ortsgruppe Lützellinden e.V.

Sport Überregional bekannt wurde das Dorf durch die Erfolge der Frauenhandball-Mannschaft des TV Lützellinden, die sieben Mal Deutscher Meister sowie 1991 Europapokalsieger wurde. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme wurde die Mannschaft 2004 jedoch vom Bundesliga-Spielbetrieb ausgeschlossen. Nachdem dem Meister der Regionalliga Süd-West 2004/2005 aus wirtschaftlichen Gründen die Lizenz für die 2. Bundesliga in der Saison 2005/2006 verweigert wurde, löste der Verein die ehemals so erfolgreiche 1. Frauenmannschaft auf.

Erfolgstrainer Jürgen Gerlach konnte in der Saison 2005/2006 mit der weiblichen A-Jugend die vorläufig letzte Deutsche Meisterschaft für den Verein erringen. Doch im Oktober 2006 wurde der Verein von der Mehrheit seiner Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung aufgelöst. Im Anschluss an die Auflösung wurde der TSV 2006 Lützellinden gegründet.

Besondere Ereignisse Am 28. September 1980 war der Flugplatz Gießen-Lützellinden Ausgangspunkt für ein bislang weltweit einmaliges Ereignis. Jaromir Wagner, damals 41 Jahre alt, flog auf der Tragfläche eines zweimotorigen Flugzeuges (Britten-Norman BN-2 Islander) stehend nach New York (USA). Diese Leistung führte zu einem Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Die reine Flugzeit betrug 46 Stunden mit Landungen in Island, Grönland und Kanada; der Flug führte über die legendäre Nordatlantikroute, teils bei Temperaturen bis −40 °C. Der Pilot Holger Groth und sein Copilot Alwin Lang führten den spektakulären Flug als Sichtflug ohne Autopilot und das heutige GPS-System durch. Abschließend erfolgte ein Rundflug um Manhattan und die Freiheitsstatue. Der Rekord ist bis heute noch nicht überboten worden.www.time.com – kurzer Bericht des Time Magazines zu Jaromir Wagners Flug über den Atlantik (in Englisch)

Infrastruktur Der Stadtteil ist über die Stadtbuslinie 1 mit der Kernstadt verbunden. Im Ort gibt es fünf Haltestellen.

Lützellinden ist zudem direkt via Anschlussstelle Gießen-Lützellinden der Bundesautobahn 45 (Aschaffenburg-Dortmund) erreichbar, die am südlichen Gemarkungsrand verläuft.

Es existiert als Sonderlandeplatz der Flugplatz Gießen-Lützellinden (ICAO-Code EDFL), der für Motorsegler, Segelflugzeuge und Helikopter verschiedener Gewichtsklassen sowie das Fallschirmspringen zugelassen ist.