mini|Ahmad Schah Kadschar, zwischen 1914 und 1921
Ahmad Schah Kadschar (; geboren am 31. Januar 1897;Ulrich Gehrke: Persien in der Deutschen Orientpolitik während des Ersten Weltkriegs – Anmerkungen und Dokumente. W. Kohlhammer, 1960, S. 2. gestorben am 21. Februar 1930) war Schah von Persien vom 16. Juli 1909 bis zum 31. Oktober 1925. Er war der siebte und letzte Herrscher der turkmenischstämmigen Kadscharen-Dynastie.
Leben mini|Ahmad Schah (mit Astrachan-Kappe und diamantenbesetztem Federbusch sowie juwelenbesetztem Schwert), gemalt 1910
Thronbesteigung Nachdem sein Vater Mohammed Ali Schah am 16. Juli 1909 vom iranischen Parlament abgesetzt worden war, bestimmte es noch am selben Tag Ahmad im Alter von 12 Jahren zum Schah und somit zu Irans erstem verfassungsmäßigen Herrscher. Der kleine untersetzte Junge wurde aus Odessa, wo seine Familie im Exil lebte, nach Teheran verbracht, wo der mit der Situation unzufriedene Knabe zweimal versuchte zu fliehen und einmal mit Suizid drohte.Peter Lamborn Wilson, Karl Schlamminger: Weaver of Tales. Persian Picture Rugs / Persische Bildteppiche. Geknüpfte Mythen. Callwey, München 1980, ISBN 3-7667-0532-6, S. 92 f. (Die letzten drei Könige Persiens) und 124–127. Ali Reza Khan Azod al-Molk, das bereits 87 Jahre alte Oberhaupt der Familie, wurde als Regent eingesetzt. Er sollte den Schah bis zu seiner Volljährigkeit vertreten. Azod al-Molk starb jedoch im Jahr 1910. Sein Nachfolger wurde Abolqasem Naser al-Molk.
Nach zweihundertjähriger absolutistischer Herrschaft der Kadscharen und einem soeben überstandenen Versuch Mohammed Ali Schahs, die konstitutionellen Reformen wieder rückgängig zu machen, gestaltete sich der Aufbau einer modernen Verwaltung mehr als schwierig. Das Parlament hatte jetzt zwar das Budgetrecht, mangels eines modernen Steuersystems hatte der im Aufbau befindliche Staatsapparat aber keine nennenswerten Einnahmen. In dieser Notsituation bat der iranische Botschafter in den Vereinigten Staaten von Amerika Mirza Ali Qoli Khan die US-Regierung um Hilfe. Um diplomatische Verwicklungen mit Großbritannien und Russland zu vermeiden, wurde Morgan Shuster, vorgeschlagen von William Taft, dem damaligen Gouverneur der Philippinen und späteren Präsidenten der USA, als „Privatperson“ nach Iran entsandt. Shuster begann seine Arbeit im Frühjahr des Jahres 1911.
Putschversuch Mohammad Ali Schahs mini|Ahmad Schah und Begleitung, 1911
Im Juni 1911 war der zwei Jahre zuvor abgesetzte Mohammed Ali Schah mit durch russische Unterstützung angeworbenen Truppen über das kaspische Meer kommend in Anzali gelandet. Sein Bruder Abolfath Mirza Salar al Dowleh führte weitere Truppen aus dem heutigen Irak heran. Morgan Shuster, ein amerikanischer Finanzbeamter, der für die Regierung als Schatzkanzler und Finanzberater tätig war, hatte in den wenigen Monaten seiner Tätigkeit eine halbwegs funktionierende Steuerverwaltung aufgebaut, sodass die Soldaten der konstitutionellen Regierung regelmäßigen Sold erhielten, was sich nachhaltig auf die Kampfmoral auswirken sollte. Im September 1911 war Mohammed Ali Schah besiegt. Ein weiteres Mal zog er sich nach Russland ins Exil zurück.Cyrus Ghani: Iran and the Rise of the Reza Shah. From Qajar Collapse to Pahlavi Power. I.B. Tauris, London 2000, ISBN 1-86064-258-6, S. 12.
Krönung Ende Juni 1914 waren beunruhigende Nachrichten nach Teheran gedrungen. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo (damals österreich-ungarisches Gebiet) am 28. Juni 1914 durch den bosnisch-serbischen Gavrilo Princip (Attentat von Sarajevo) löste eine Kettenreaktion aus, die nach einem Monat zum Ersten Weltkrieg führte. In Teheran bereitete man sich unterdessen auf die anstehende Krönung von Ahmad Schah vor.
Am 21. Juli 1914 wurde Ahmad Schah mit dem Erreichen der Volljährigkeit mit 18 („persischen“) Jahren offiziell zum Schah von Persien gekrönt.Nach dem gregorianischen Kalender wäre er erst am 31. Januar 1915 18 Jahre alt geworden. Die Zeremonie war, wie die New York Times berichtete, kurz und schlicht. Zunächst fuhr Ahmad Schah mit einer Kutsche durch die geschmückten Straßen Teherans zum Parlament. Dort legte er den nach der Verfassung vorgeschriebenen Amtseid ab. Anschließend begab er sich in eine nahe gelegene Moschee zum Gebet. Am späten Nachmittag wurde die Krönung im Golestan-Palast vollzogen. Ahmad Schah nahm seine Kopfbedeckung ab und setzte sich nach Tradition der persischen Krönungszeremonie selbst die Kadscharenkrone auf den Kopf. Die Krone war so groß, dass er sie einige Minuten mit beiden Händen über seinem Kopf halten musste, während ein Geistlicher ein Gebet sprach. An die Zeremonie schloss sich ein Empfang des diplomatischen Corps an.query.nytimes.com.
Nach der Krönung war eine Rundreise durch die europäischen Hauptstädte geplant, auf welcher der neu gekrönte Schah die wichtigsten Staatsoberhäupter besuchen wollte. Nachdem am 28. Juli 1914 Österreich Serbien den Krieg erklärt hatte und in Europa eine allgemeine Mobilmachung begonnen hatte, wurde die Rundreise vorerst abgesagt. Man ging davon aus, dass der bevorstehende Krieg aufgrund der Überlegenheit der deutschen Armee in wenigen Monaten zu Ende sein würde, und man die Rundreise dann später nachholen könne.Hassan Arfa: Under five Shahs. London 1964, S. 57.
Der Erste Weltkrieg
Nachdem der Erste Weltkrieg ausgebrochen war, erklärte die iranische Regierung ihre Neutralität in dem Konflikt und forderte die kriegführenden Mächte auf, ihre in Iran stationierten Truppen umgehend abzuziehen. Russische Truppen waren in den Provinzen Aserbaidschan, Gilan, Asterabad und Chorasan stationiert, britische Truppen in einigen Häfen des persischen Golfes, in Chusistan und Schiras und türkische Truppen hatten sich in einigen Grenzstädten von Aserbaidschan einquartiert. Somit befand sich Iran im Spannungsfeld zwischen den Entente-Mächten Großbritannien und Russland und dem auf der Seite der Mittelmächte kämpfenden Osmanischen Reich. Die Neutralitätserklärung wurde von den Botschaftern der entsprechenden Länder zwar zur Kenntnis genommen, jedoch nicht ernst genommen, da man bei den Konfliktparteien davon ausging, dass Iran militärisch nicht in der Lage sei, die auf seinem Territorium stehenden fremden Truppen anzugreifen und aus Iran zu vertreiben.
So kam es in Iran zu Kämpfen zwischen den türkischen, den russischen und den britischen Truppen, die zu erheblichen Zerstörungen führten. Der türkische Oberbefehlshaber Enver Pascha vertrat die Auffassung, dass man die russischen Truppen, die in den Städten Irans stationiert waren, leicht schlagen könne, und dass damit der Weg nach Aserbaidschan und die Ölfelder am kaspischen Meer sowie nach Zentralasien und Indien offen wäre.The Encyclopedia Americana. 1920, Band 28, S. 403. Enver Pascha galt als Verfechter des Panturanismus, einer nationalistischen Bewegung, die alle Turkvölker vereinen wollte.
Iran hatte aus militärischer Sicht diesen strategischen Überlegungen wenig entgegenzusetzen. Eine nationale Armee gab es nicht. Die kleine, von russischen Offizieren geführte persische Kosakenbrigade und die von schwedischen Offizieren geführte seit 1911 in Aufbau befindliche persische Gendarmerie war kein ernst zu nehmender Gegner für die Armeen der Türken, Russen und Briten. Zum Vergleich: Iran hatte zur Zeit des Ersten Weltkriegs ungefähr 10 Mio. Einwohner. In den Städten wohnte nur eine Minderheit. So hatte Teheran 280.000, Täbris 200.000, Isfahan 80.000, Maschhad, Kerman 60.000 und Yazd 45.000 Einwohner.John Scott Keltie: The Statesman’s Year-book. Hinzu kam, dass weite Teile Nordirans bereits vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten von russischen Truppen besetzt waren. Täbris war während der konstitutionellen Revolution zur Unterstützung Mohammed Ali Schahs 1909 von regulären russischen Truppen besetzt worden. Urmia und Choy folgten 1910. Nach dem Ende der konstitutionellen Revolution 1911 hatten sich die russischen Truppen aus den Städten zurückgezogen, blieben aber im Nordwesten Irans stationiert. Ein Pressebericht aus Istanbul vom 29. November 1914 beschreibt die Lage wie folgt:
Die kommunistische Revolution in Russland führte zum Abzug der russischen Truppen aus Iran. Die Briten übernahmen mit 200 Soldaten und einer kleinen Flotte die Kontrolle Nord-Irans und des kaspischen Meeres. Im Süden hatten die Briten 1916 die South Persian Rifles (SPR), eine Truppe bestehend aus iranischen Mannschaften befehligt von britischen Offizieren, aufgestellt. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten die Briten die vollständige militärische Kontrolle über Iran. Selbst die von russischen Offizieren befehligte Kosakenbrigade war vollständig von ihnen abhängig, da ihr Sold von monatlich 300.000 Toman von den Briten beglichen wurde.Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B.Tauris, London 2000, S. 22.
Der Vertrag von 1919
Ahmad Schah war mit dem Ende des Ersten Weltkrieges 21 Jahre alt geworden. Das Schicksal seines Vaters, der vom Parlament abgesetzt worden war, vor Augen, lag sein Hauptinteresse darin, möglichst schnell möglichst reich zu werden, und sein Vermögen in Europa in Sicherheit zu bringen. Bereits 1919 hatte er an der Pariser Börse zu spekulieren begonnen. Die Politik Irans wurde inzwischen vollständig von London aus gesteuert. So verwundert es nicht, dass im Mai 1918 der britische Botschafter bei Ahmad Schah anfragte, ob denn nicht Hassan Vosouq neuer Premierminister werden solle. Für Ahmad Schah war dies eine Frage des Geldes. Er forderte eine Pension von 25.000 und bekam am Ende aus London eine monatliche Pension von 5.000 Pfund Sterling für den Rest seines Lebens. Die Zustimmung des iranischen Parlaments war für die Briten allerdings auch nicht ganz kostenlos. Das britische Außenministerium willigte ein, die Rückzahlungsverpflichtungen früherer Darlehen auszusetzen, und dem iranischen Parlament monatlich 350.000 Toman als „Betriebskostenzuschuss“ zu überweisen. Weitere 25.000 Pfund wurden in eine von Mullahs und Kaufleuten organisierte pro-Vosouq-Demonstration investiert. Am 5. August 1918 wurde Vosouq dann endlich Premierminister.
Das Ziel der britischen Außenpolitik war es, ein neues Abkommen mit Iran zu schließen, das den 1907 mit Russland geschlossenen und nach der kommunistischen Revolution obsolet gewordenen Vertrag von Sankt Petersburg ablösen sollte. Der neue Vertrag sollte den wirtschaftlichen und politischen Einfluss Großbritanniens in Iran dauerhaft sichern. Iran wurde ein mit 7 % zu verzinsendes Darlehen von 2.000.000 Pfund, rückzahlbar in 20 Jahresraten, zugesagt. Vosough forderte für sich und zwei weitere Minister 500.000 Toman in bar für die Unterzeichnung des Vertrages. Diese Forderung schien nur rechtens, da Ahmad Schah seine monatliche Pension von den Briten bekam, und mehrere Gouverneure und Stammesführer ebenfalls monatlich Zuwendungen von den Briten erhielten. Am Ende einigte man sich auf 400.000 Toman (131.000 Pfund Sterling) und das Abkommen war unterzeichnet. Um den Vertrag in Kraft zu setzen, musste allerdings die Zustimmung des Parlaments eingeholt werden. Im September 1919, noch vor der Eröffnung der parlamentarischen Sitzungsperiode nach der Sommerpause, war bekanntgeworden, dass Vosouq und zwei weitere Minister von den Briten erhebliche Bestechungsgelder angenommen hatten. Nun forderten und bekamen auch einige Mullahs und mehrere Abgeordnete von den Briten Geldzuwendungen, sofern sie die Ratifizierung des Abkommens im Parlament unterstützten. Die Debatte über das Abkommen zog sich allerdings monatelang hin. Im Juni 1920 trat Vosouq zurück, ohne dass das Abkommen vom Parlament ratifiziert worden war.Cyrus Ghani: Iran and the rise of Reza Shah. I.B. Tauris, London 2000, S. 21 ff.
Der Aufstieg Reza Chans