mini|150px|Pandora 49, Deutsche Dichter in russischen Übertragungen Die Reihe Pandora (P)Da der Insel Verlag bei der Bogenzählnummer die Abkürzung „P.“ verwendet hatte, wurde diese auch hier als Reihenkürzel verwendet. Im weit verbreiteten Katalog von Helmut Jenne (siehe Literaturangaben) wird dagegen „Pa“ benutzt. ist eine 1920 mit 40 Titeln und 1921 mit 12 Titeln im Leipziger Insel Verlag als Seitenstück zur Insel-Bücherei (IB) erschienene Buchreihe. Sie enthielt überwiegend fremdsprachige Texte mit kleineren Werken in den Originalfassungen der Autoren, ausgenommen ein Titel mit Übertragungen deutscher Gedichte ins Russische, und bildete ein Teilstück des multilingual konzipierten „Orbis Literarum“ (Weltliteratur).
Editionsgeschichte sowie vertretene Sprachen und Autoren Ausgabeanlass Geldentwertung der Papiermark und Devisenknappheit
Die Idee zur Edition fremdsprachiger Literatur in den Originalsprachen im Insel Verlag stammte von dem kosmopolitisch eingestellten Verlagsautor Stefan Zweig. Dieser ging unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg davon aus, dass der Import ausländischer Bücher nach Deutschland zur Lektüre in der Originalfassung aufgrund der zunehmend ungünstigeren Wechselkursverhältnisse der Mark gegenüber ausländischen Währungen längerfristig erschwert sein würde. So hatte die Papiermark gegenüber der internationalen Leitwährung US-Dollar am 31. Januar 1918 die Hälfte und am 31. Januar des Folgejahres bereits drei Viertel ihres Wertes verloren. Ihr weiterer Verfall war abzusehen. Zweig entwickelte unter diesem Eindruck in einem Brief vom 27. Februar 1919 an den Verleger Anton Kippenberg seine Idee einer Buchproduktion mit ausländischen Originalwerken im Insel Verlag, womit er auch Konkurrenzunternehmen anderer Verlage zuvorkommen wollte. Diesem Vorhaben schloss sich nach anfänglichem Zögern Kippenberg an, da ihn vor allem das ökonomische Argument überzeugte.Link zur Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) vom 29. Juni bis 16. Oktober 2011 "Stefan Zweigs Weltbibliothek" (Text und Bilder). So formulierte er auch in einer späteren Verlagswerbung zur Begründung dieses Projekts, dass es
Bei einem Treffen in Leipzig im Oktober 1919 wurden die Einzelheiten des Projekts, das aus drei sich gegenseitig zum „Orbis Literarum“ ergänzenden Buchreihen bestehen sollte, ausgearbeitet. Dabei lag der Reihencharakter für Zweig und Kippenberg in seiner Klassizität, was sich in dem Briefwechsel zur Ausarbeitung des Reihenprogramms zwischen beiden widerspiegelt. Bei dem Treffen wurden auch die notwendigen Werbemaßnahmen beschlossen. Eine erste Anzeige im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 6. Dezember 1919 Börsenblatt Nr. 269 vom 6. Dezember 1919, S. 13533 (Digitalisat der SLUB Dresden)., sollte die Aufmerksamkeit des Buchmarkts auf die geplanten Buchreihen lenken. Zweig wies auch auf die Vorteilhaftigkeit von Prospektbeilagen in den Reihenwerken hin, mit denen auf alle Reihenprogramme hingewiesen wird. Auch bekannte Autoren, wie Thomas Mann, und sonstige Personen des öffentlichen Lebens wurden durch Rezensionsexemplare um entsprechende persönliche Verwendung für das Reihenprojekt in entsprechenden Publikationen gebeten. Thomas Mann kündigte daraufhin eine öffentliche Stellungnahme an, die zum Weihnachtsgeschäft 1920 in den Münchner Neuesten Nachrichten erschien.Thomas Mann: „Editiones Insulae“. in: Aufsätze • Reden • Essays (Bd. 3). Aufbau-Verlag, Berlin 1986, S. 79 ff. Am 15. Februar 1921 folgte ein Essay Hugo von Hofmannsthals in der Neuen Freien Presse.Neue Freie Presse vom 15. Februar 1921 (Nr. 20283), Wien, S. 1 f. (ANNO online).
Ankündigungen im Börsenblatt Vorankündigung des vorläufigen Ausgabeplans 1920 Durch eine mit sieben Seiten recht umfangreiche Anzeige im Börsenblatt vom 17. Februar 1920, „Ausführliche Ankündigung über BIBLIOTHECA MUNDI. LIBRI LIBRORUM. PANDORA. drei einander ergänzende Sammlungen von Meisterwerken der Weltliteratur in den Ursprachen“Börsenblatt Nr. 39 vom 17. Februar 1920, S. 2171 (Digitalisat der SLUB Dresden)., sollte das Geschäftsfeld gegenüber etwaigen mit ähnlichen Ideen konkurrierenden Verlagen abgesteckt werden. Für diese Reihe waren zunächst 100 Titel vorgesehen, von denen aber nur 52 erschienenen. Zusätzlich vorgesehene Sprachen, die dann aber fehlten, waren Dänisch, Alt- und Neugriechisch, Hebräisch, Niederländisch, Portugiesisch und Serbisch. Die als vorläufiger Abschluss geplanten Bände 99 (Die hundert schönsten Sonette der Weltliteratur) und 100 (Hundert Fabeln der Weltliteratur) sollten sogar mehrsprachig erscheinen.
Ankündigung von 52 Titeln im Jahr 1921 Erst im Neuheitenteil des Börsenblatts vom 14. Januar 1921 wurden die ersten 40 Bändchen angezeigtBörsenblatt Nr. 11 vom 14. Januar 1921, S. 438 (Digitalisat der SLUB Dresden)., obwohl sie bereits im Weihnachtsgeschäft 1920 im Handel waren. Weitere, schließlich letzte, 12 Bände wurden dann im Börsenblatt vom 25. Juli 1921 angekündigt.Börsenblatt Nr. 171 vom 25. Juli 1921, S. 7411 (Digitalisat der SLUB Dresden). Bei beiden Ankündigungen lag der Verkaufspreis bei 4,50 Mark.
Betreuung der Reihe im Verlag Als dauernder wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Betreuung der Reihe in Leipzig wurde André Jolles verpflichtet. Weiter arbeiteten an den drei fremdsprachigen Projekten der Romanist Heinrich Wengler und Fritz Adolf Hünich mit.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 152 ff.
Der „Orbis Literarum“ Im Einzelnen: Die Reihe „Libri Librorum“ (Bücher der Bücher) würde große Werke im handlichen Format der „Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe“ bringen, das auch schon bei den deutschen Klassikern des Verlags erfolgreich Verwendung fand. Die auf Dünndruckpapier gedruckten Texte wären in Leinen- und Ledereinbänden lieferbar. Werke mittleren Umfangs und Gedichtanthologien stünden im Fokus der zweiten Reihe, der „Bibliotheca Mundi“ (Weltbibliothek). Und schließlich sollte bei der hier beschriebenen Reihe „Pandora“, die kürzere Texte von ca. 6 Bogen, wie Novellen, Erzählungen, Stücke oder Gedichtzusammenstellungen präsentieren würde, bei Ausstattung und Konzeption direkt an die schon seit 1912 mit hervorragenden Verkaufszahlen erfolgreich auf dem Markt befindliche Insel-Bücherei angeknüpft werden. Sie würde die beiden Reihen mit Büchern größeren Umfangs ergänzen und durch eigene Musterpapiere, spezielle Titelschilder sowie ein eigenes Signet auch gegenüber der IB ein eigenes Gesicht erhalten. Letztlich erreichte sie nur 52 Titel. Im Nachgang ist freilich festzustellen, dass die von Zweig und Kippenberg erhoffte Resonanz beim Publikum bei allen drei Buchreihen weitestgehend ausblieb, was nicht nur auf die bereits im November 1923 mit der Einführung der Rentenmark erfolgreich eingeleitete Währungsstabilisierung zurückzuführen war. Vielmehr wollten die Käufer die relativ hohen Preise der Gesamtreihe nicht bezahlen und waren die ausgewählten Texte wohl nicht attraktiv genug für das Publikum oder auch zu anspruchsvoll.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 164
Export der Reihe Sehr wahrscheinlich war aber auch an den Export der Reihe „Pandora“ gedacht worden. Einerseits wurden nämlich deutschsprachige Titel in das Programm aufgenommen, die bereits erfolgreich in der Insel-Bücherei vertreten waren und dort auch weiterhin verlegt werden sollten, mithin für das deutsche Publikum schon verfügbar waren, wie Immanuel Kants Zum ewigen Frieden (P 3 = IB 228/1), Joseph Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts (P 8 = IB 224) oder E.T.A. Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi (P 35 = IB 190). Andererseits waren z. B. Deutsche Dichter in russischen Übertragungen (P 49) – eine von Arthur Luther und Alexander Eliasberg zusammengestellte, zeitlich geordnete Anthologie, die von Goethe bis zu Rilke reicht – für einen im Inland zu suchenden deutschen Leserkreis angesichts der von diesem sicher bevorzugten deutschsprachigen Originalausgaben schlecht vorstellbar. Auch die nach der Oktoberrevolution 1917 in Deutschland lebenden russischen Emigranten wären eine wohl zu kleine Käuferschicht für eine Auflage von 10000 Exemplaren gewesen. mini|150px|Verzeichnis der 5 russischsprachigen Ausgaben (Rückseite des Prospekts „Russischer Parnass“)
Verwendete Sprachen Die Reihe Pandora erschien in folgenden Sprachen: Deutsch (8), Amerikanisches Englisch (5), Britisches Englisch (9), Französisch (15), Italienisch (6), Lateinisch (2), Russisch (5) und Spanisch (2). Für die russischsprachigen Ausgaben verwendete der Verlag sogar originalsprachige Werbemittel (Abb.).
Laut der mit sieben Seiten recht umfangreichen zweiten Börsenblatt-Anzeige zum „Orbis Literarum“ vom 17. Februar 1920, „Ausführliche Ankündigung über BIBLIOTHECA MUNDI. LIBRI LIBRORUM. PANDORA. drei einander ergänzende Sammlungen von Meisterwerken der Weltliteratur in den Ursprachen“, sollten unter den 100 geplanten Titeln neben solchen in Altgriechisch und Hebräisch auch Bändchen in Schweizerdeutsch, Dänisch, Flämisch, Portugiesisch und Serbisch zu finden sein. Diese Sprachen kamen dann aber durch die Einstellung der Reihe nicht mehr zum Zuge.
Autoren Der Bogen der bei Pandora vertretenen Autoren, bei denen die Klassik dominiert, spannt sich von der Antike mit Tacitus (Germania, P 7), über das Mittelalter mit Petrarca (Trionfi, P 20) und Boccaccio (Vita di Dante, P 42) hin zu Shakespeare (Sonnets, P 1) und schließlich zu Dichtern, Schriftstellern und Philosophen des 17. bis 19. Jahrhunderts, wie Angelus Silesius (Aus des Angelus Silesius Cherubinischem Wandersmann nebst geistlichen Liedern, P 34), Prosper Mérimée (Carmen, P 24), Lord Byron (Marino Faliero Doge of Venice, P 15), Leo N. Tolstoi (Volkserzählungen, P 45) und Kant (siehe oben). Die mit einem englischsprachigen Titel begonnene Reihe wurde auch mit einem solchen wieder eingestellt: den von Paul Darmstaedter herausgegebenen Great political documents of the United States of America (P 52).
Ausstattung, Auflagen und Vorkommen mini|150px|P 41 Gogol: Der Mantel. Die Nase, Titelblatt mit kleinem Reihen-Signet Einband, Titelschilder und Signet Um die Reihe optisch von der Insel-Bücherei abzuheben, wurden vom Verlag zunächst vier besondere Rizzi-Einbandpapiere ausgewählt. Davon kamen zwei in den späten 1920er Jahren in geringem Umfang auch bei Folgeauflagen von Titeln der Insel-Bücherei zum Zuge. Umgekehrt fanden bei den späten Pandora-Binderaten gelegentlich auch Musterpapiere der Insel-Bücherei Verwendung, weil die Pandora-Papiere wohl nicht mehr vorrätig waren.
Der Reihe wurde ein eigenes, 1920 von Walter Tiemann entworfenes Signet in zwei Größen beigegeben. Während das kleine Signet, mit dem die Reihe begann, 20 mm hoch war, maß das große hier 25 mm, wurde erstmals bei P 2 (Molière: Le Malade Imaginaire) verwendet und schmückte bis auf P 42 (Boccaccio: Vita di Dante) alle Bändchen der 2. Lieferung von 1921 (P 41 – P 52). Das Signet zeigt im aufrecht stehenden Oval ein zweimastiges Segelschiff auf wellenbewegtem Wasser und darüber den Namenszug „PANDORA“. Zumeist wurde es auf das Titelblatt gedruckt, bei einigen Bänden ist es aber auch auf dem fliegenden Vorsatz zu finden.
Die Rahmen der ausschließlich in schwarzer Farbe gedruckten Titelschilder wurden abweichend von der Insel-Bücherei mit besonderen geometrischen Mustern versehen, wohl um ihre durch den Verzicht auf farbige Druckelemente entstandene optische Strenge abzumildern. Dabei wurden bis zur Bandnummer 40 nur sechs verschiedene Varianten mehrfach verwendet und ab Pandora 41 titelspezifische Gestaltungen eingesetzt, so dass es insgesamt 18 Titelschildmuster gibt.
Illustrationen