mini|Heutiges Gutenberg-Haus in Lodz; ab 1897 Sitz der Lodzer Zeitung

Die Lodzer Zeitung, , gegründet am als Lodzer Anzeiger (Łódzkie Ogłoszenia), war die erste Zeitung der Stadt Lodz. 1915 wurde sie durch die Deutsche Lodzer Zeitung ersetzt, der ab 1918 die Lodzer Freie Presse und ab 1923 die Freie Presse folgte. Diese erschien ab dem 24. September 1939 zunächst wieder als Deutsche Lodzer Zeitung und ab dem 12. November 1939 erneut als Lodzer Zeitung. Zum 1. Januar 1940 wurde die Schreibweise in Lodscher Zeitung geändert. Nach der Umbenennung der Stadt in Litzmannstadt erschien das Blatt vom 12. April 1940 bis zum 17. Januar 1945 als Litzmannstädter Zeitung.

Die von 1863 bis 1945 in Lodz herausgegebenen deutschsprachigen Zeitungen sind Objekte zahlreicher deutscher sowie polnischer Forschungsarbeiten, da sie wesentlich zur kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und sprachlichen Integration der deutschen Bevölkerung im Raum Lodz beitrugen. Im Allgemeinen sind die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Lodzer Zeitung und den Nachfolgeblättern vierstufig gegliedert: Kongresspolen als erste Phase, Regentschaftskönigreich Polen als zweite Phase, Zwischenkriegspolen als dritte und letztlich die deutsche Besetzung Polens von 1939–1945 als vierte Phase.

Einleitung mini|Lodz, Petrikauer Straße 18, wo sich um 1870 die Druckerei der Lodzer Zeitung befand mini|Lodz, Geschäftshaus der Lodzer Zeitung in der Petrikauer Straße 86 um 1913

Die Geschichte der Deutschen im Raum Łódź begann Ende des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit warb die Szlachta deutsche Bauern und Handwerker an, die dann zahlreiche Städte gründeten und bei der Industrialisierung der Region eine Schlüsselrolle übernahmen. Nach dem Wiener Kongress entstand im Jahr 1815 Kongresspolen als Bestandteil des Russischen Kaiserreichs. Damit wurde Lodz zum westlichen Vorposten Russlands.Jürgen Hensel (Hrsg.): Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820–1939. Eine schwierige Nachbarschaft. Fibre, 1999, S. 108 f.

Im Zuge der in Deutschland bereits fortgeschrittenen Industrialisierung und zunehmenden Krise der Textilindustrie, förderte der russische Staat durch verschiedene Vergünstigungen die Einwanderung deutscher Tuchmacher und Weber in der Region. Ab dem Jahr 1823 entstanden in Lodz erste deutsche Textilfabriken. Die boomende Industrie in der Stadt zog Tausende deutschsprachige Siedler vor allem aus Böhmen, Sachsen und Schlesien an, für die der russische Markt phantastische Absatzmöglichkeiten bot.Lodz/Łódź Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, abgerufen am 7. Februar 2020.

Aufgrund der Zuwanderung deutscher Tuchmacher und Weber erlangten im Raum Lodz mehrere Siedlungen das Stadtrecht, wie Ozorkow, Alexandrow, Konstantynow oder Tomaszow. Genauso wie in Lodz lebten dort bis zum polnischen Januaraufstand (1863/64) fast nur Deutsche.Sebastian Brunner (Hrsg.): Wiener Kirchenzeitung für Glauben, Wissen, Freiheit und Gesetz. Band 12–16. Groß, 1863, S. 492.Oskar Kossmann: Die Deutschen in Polen seit der Reformation. Herder-Institut Marburg, 1978, S. 341. Bei dieser Auseinandersetzung geriet die deutsche Bevölkerung zwischen die Fronten. Die meisten Deutschen standen dem Aufstand ablehnend gegenüber, da sie sich als Angehörige des russischen Staates sahen.Oskar Kossmann: Die Deutschen in Polen seit der Reformation. Herder-Institut Marburg, 1978, S. 299.

Seitens der Aufständischen erfolgten zahlreiche Übergriffe, die zu einer starken Abwanderungswelle der deutschen Siedler führten. Um der Gesamtentwicklung entgegenzuwirken, rief die russische Regierung den Kriegszustand aus und initiierte in verschiedenen Städten Kongresspolens unter anderem die Gründung mehrsprachiger Zeitungen. Diese waren zunächst reine Verkündungsblätter und enthielten Mitteilungen über erlassene Gegenmaßnahmen zur Niederschlagung des Aufstandes. Damit sollte der deutschen, aber auch der polnischen Bevölkerung eine gewisse Sicherheit und Reformbereitschaft signalisiert werden.Eduard Kneifel: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Niedermarschacht, 1964, S. 147, 258 f.

Nach der Niederschlagung des Aufstandes, der ausschließlich vom polnischen Adel ausging und keine breite Unterstützung bei den polnischen Bauern und Handwerkern fand, strömten viele landlose Polen nach Lodz. Mit Aufhebung der Zölle innerhalb des russischen Herrschaftsbereiches sowie der Abschaffung der Leibeigenschaft in Kongresspolen und Russland, stieg die Nachfrage nach billigen Stoffen dermaßen an, dass die Lodzer Betriebe trotz ihrer schon beachtlichen Produktion diese kaum decken konnten. Gefördert von der russischen Regierung begann der beispiellose Aufstieg zum Manchester des Ostens: Lodz entwickelte sich zur größten Textilindustrie-Metropole des Kontinents.Lodz – das „Manchester des Osten“. LWL Westfalen-Lippe, abgerufen am 9. Februar 2020.Barbara Ratecka: Zur Lage der deutschen Minderheit in Lodz vor dem Ersten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung der Frauen. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica. Band 3 (2002), S. 179.

Das enorme Wachstum der Stadt beschleunigte sich zusätzlich durch den Eisenbahnbau, der den riesigen russischen Markt bis nach Sibirien erschloss. Zudem gewährte die russische Regierung günstige Staatskredite, womit Unternehmer ihre Betriebe mechanisieren und vergrößern konnten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten in der Stadt über 90.000 Arbeiter in rund 700 Textilfabriken von zum Teil gigantischen Ausmaßen. Fast alle Fabriken und Geschäfte in Lodz befanden sich zu dieser Zeit im deutschen oder jüdischen Besitz, während die große Masse der Arbeiter Polen waren.Barbara Ratecka: Zur Lage der deutschen Minderheit in Lodz vor dem Ersten Weltkrieg unter besonderer Berücksichtigung der Frauen. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica. Band 3 (2002), S. 180.Otto Heike: 150 Jahre Schwabensiedlungen in Polen 1795–1945. Leverkusen 1979, S. 79, 106.

Mit dem kometenhaften Aufstieg der Stadt stieg die Anzahl der Einwohner von knapp 300 im Jahr 1820 auf rund eine halbe Million im Jahr 1920. Im gleichen Tempo entwickelte sich im Raum Lodz ein hart umkämpfter Zeitungsmarkt. Lodz war geradezu ein Symbol für die Auswüchse der kapitalistischen Moderne, in der sich alles nur um Garne, Stoffe und Geld zu drehen schien. Gemäß polnischer Historiker galt die Stadt für viele Polen als fremdartig und „unpolnisch“.Frank. M. Schuster: Was nicht in den Bilanzen ‚unterm Strich‘ stand. Das ambivalente Bild der Stadt Lodz und ihre Bewohner in Zeitungsfeuilletons vor dem Ersten Weltkrieg. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica. Band 7 (2011), S. 5–8. Universität Łódź, abgerufen am 10. Februar 2020 (foliagermanica.uni.lodz.pl [PDF; 375 kB]).

Im Jahr 1923 hatte die deutsche Minderheit in Polen 33, die russisch-ukrainische Minderheit 35 und die jüdische Bevölkerungsgruppe 72 Zeitungen (Jiddisch und Hebräisch). Im Jahr 1937 verzeichneten polnische Statistiken eine wachsende Tendenz, nach der die Anzahl der deutschen Zeitungen auf 105, russisch-ukrainischen auf 125 und jüdischen auf 130 gestiegen war.Monika Kucner: Deutsch Presselandschaft in der Zwischenkriegszeit in Lodz. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica. Band 5, 2009, S. 278–294, hier S. 289 (paperity.org [lesbarer, aber mit Plenks versehener OCR-Scan der nicht erreichbaren PDF-Datei]). Polnische Zeitungen spielten bei dem Wettbewerb eine deutlich untergeordnete Rolle. Während das Lesen von Zeitungen bei den deutschen, ukrainischen und jüdischen Bevölkerungsgruppen zum Alltag gehörte, kämpften die polnischen Blätter dagegen mit dem noch hohen Grad an Analphabetismus. Ermittlungen polnischer Historiker zufolge lasen noch Ende der 1930er Jahre von rund 33 Millionen Polen nur etwa 1,5 Millionen regelmäßig eine Zeitung.Monika Kucner: Deutsch Presselandschaft in der Zwischenkriegszeit in Lodz. In: Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica. Band 5, 2009, S. 278–294, hier S. 291 (paperity.org [lesbarer, aber mit Plenks versehener OCR-Scan der nicht erreichbaren PDF-Datei]).

Die deutschsprachigen Hauptkonkurrenten der Lodzer Zeitung waren das Lodzer Tageblatt (1881–1905) und die Neue Lodzer Zeitung (1902–1939). Daneben erschienen in Lodz noch weitere deutschsprachige Tageszeitungen, wie die Lodzer Rundschau (1911–1912), Deutsche Post (1915–1918), Lodzer Volkszeitung (1923–1937), Deutscher Volksbote (1932–1936), Völkischer Anzeiger (1935–1938), Der deutsche Weg (1935–1939), die alle keine Verbindung zur Lodzer Zeitung beziehungsweise deren Folgetitel aufwiesen.Angelika Braun (Hrsg.): Beiträge zu Linguistik und Phonetik. Festschrift für Joachim Göschel zum 70. Geburtstag. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07979-3, S. 101.

In Deutschland sowie in Polen sind die deutschsprachigen Zeitungen in Lodz bis heute Forschungsobjekte vieler wissenschaftlicher Projekte. Die Lodzer Zeitung steht dabei im Vordergrund, da sie wesentlich zur kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und sprachlichen Integration der Lodzer Deutschen beigetragen hat. Zu beachten ist, dass in polnischen sowie in deutschen Archiven und Online-Zeitungsdatenbanken oftmals verschiedene deutschsprachige Zeitungen aus Lodz unter Lodzer Zeitung erfasst sind. Das betrifft insbesondere die Neue Lodzer Zeitung, die niemals eine Nachfolgerin der Lodzer Zeitung war. Die beiden Zeitungen standen immer in Konkurrenz und verfolgten unterschiedliche politische Richtungen. Im Gegensatz zur Lodzer Zeitung beziehungsweise deren Folgeblättern, konnte die Neue Lodzer Zeitung grundsätzlich durchgängig von 1902 bis 1939 unter ihrem Titel erscheinen.: Titelinformationen zu Neue Lodzer Zeitung in der Zeitschriftendatenbank, abgerufen am 8. Januar 2020.Beata Dorota Lakeberg: Die deutsche Minderheitenpresse in Polen 1918–1939 und ihr Polen- und Judenbild. Peter Lang, 2010, S. 157.Marcin Michoń: Die Lodzer Deutschen und ihre Identität in der Zeit 1863‒1915 am Beispiel der „Lodzer Zeitung“. In: Studia Germanica Gedanensia 21. Band 5. Muzeum Historii Polski, 2010, S. 49–58.Mathias Niendorf: Minderheiten an der Grenze. Otto Harrassowitz Verlag, 1997, S. 26 f.

Der Verlags- und Redaktionssitz der Lodzer Zeitung nebst der Folgetitel befand sich seit 1897 in der Petrikauer Straße 86 (polnisch: Ulica Piotrkowska 86; zwischen 1940 und 1945: Adolf-Hitler-Straße 86). Das Gebäude wird heute Kamienica pod Gutenbergiem („Gutenberg-Haus“) genannt. Im mittleren Teil der Fassade befindet sich eine Statue von Johannes Gutenberg und zwischen den Fenstern Medaillons mit Porträts von Buchdruckern. Das Haus steht seit dem Jahr 1971 unter Denkmalschutz. Es wurde im Jahr 2011 originalgetreu restauriert und gilt als eines der schönsten Gebäude in Lodz.Anna Rynkowska: Ulica Piotrkowska. Wydawnictwo Łódzkie, Łódź 1970, S. 196.Sławomir Krajewski, Jacek Kusiński: Spacer pierwszy. Ulica Piotrkowska. Łódź: Wydawnictwo Jacek Kusiński, 2008.Łódź: girlandy na kamienicy Pod Gutenbergiem. In: Dziennik Łódzki. 20. März 2011, abgerufen am 9. Januar 2020.

Kongresspolen Lodzer Anzeiger (1863–1864) mini|Titelblatt des ersten Lodzer Anzeigers 1863