mini|hochkant=1.1|Fortifikatorische Entwicklung der Stadt Köln Die Stadtmauer von Köln war eine in mehreren Bauphasen über Jahrhunderte errichtete Befestigungsanlage. Die erste wurde zwischen dem späten 1. und 3. Jahrhundert um die nahezu quadratische römische Colonia Claudia Ara Agrippinensium angelegt. Eine weiträumigere halbkreisförmige Befestigungslinie entstand im Mittelalter. Die letzte Ausbaustufe bildete der ab 1815 entstandene Festungsring der Preußenzeit, während die mittelalterliche Mauer ab 1881 bis auf geringe Reste niedergelegt wurde.
Römische Stadtmauer Die Chronologie und Baugeschichte der ersten antiken Kölner Stadtbefestigung ist unsicher. Tacitus erwähnt für das 1. Jahrhundert n. Chr. Befestigungen. Bauweise und Ausdehnung dieser Anlagen sind nicht bekannt. Nach archäologischen Ausgrabungen im Jahr 2008 wurden Schalbretter des Betonfundaments der Ostseite auf 89 n. Chr. dendrochronologisch datiert.
Heute noch erhalten sind beachtliche Teile einer mehrphasigen römischen Steinmauer, die auf der Rheinseite demnach schon aus dem 1. Jahrhundert stammt, in gewichtigen Teilen aber wohl erst im 3. Jahrhundert fertiggestellt oder modifiziert worden ist.Ulrich-Walter Gans: Zur Datierung der römischen Stadtmauer von Köln und zu den farbigen Steinornamenten in Gallien und Germanien. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. Band 52, Teil 1, 2006, , S. 211–236 (online).
Auf eine Bauphase im 3. Jahrhundert weist die später getilgte Inschrift der Kaiser Valerianus und Gallienus (253–260(?) und 253–268) vom Bogen des Nordtores westlich des heutigen Kölner Domes hin (heute im Römisch-Germanischen Museum). Der Bauschmuck des sogenannten Römerturmes in der nordwestlichen Ecke der Stadt dürfte in seinem oberen Bereich ebenfalls in das 3. Jahrhundert gehören.
Schriftliche Quellenforschung und archäologische Bodendenkmalpflege Die umfangreichen Bodenuntersuchungen, die anlässlich eines geplanten neuen Abwasserkanalnetzes ab den 1880er Jahren in Köln durchgeführt und 1890 abgeschlossen wurden, erbrachten der Wissenschaft eine Reihe neuer Erkenntnisse zur römischen Vergangenheit der Stadt. Die sorgfältigen Untersuchungen, die auch die erste Stadtbefestigung einschlossen, wurden unter der Leitung des Ingenieurs und späteren Stadtbaurates Carl Steuernagel (1848–1919) sowie seines Mitarbeiters Rudolf Schultze (1854–1935), der dann Bonner Stadtbaumeister wurde, vorgenommen und 1895 in den Bonner Jahrbüchern veröffentlicht. Neben den Schriften Stephan Brölmanns, Leonard Ennens, Hermann Keussens und anderer Forscher bezog sich Clemen in seiner Publikation zum römischen Köln vor allem auf die Forschungsergebnisse von Schultze und Steuernagel, die noch heute die Basis archäologischer Bodendenkmalpflege in Köln sind.Marcus Trier: Archäologie in Kölner Kanälen. In den Fußstapfen von Rudolf Schultze und Carl Steuernagel, S. 161
Seitenlängen und Mauerverlauf mini|Rekonstruktion des Mauerquerschnittes bei St. Aposteln Die römische Stadtmauer umschloss als ein mit Toren und Türmen ausgestattetes Bauwerk ein sich den natürlichen Geländeformen anpassendes, unregelmäßiges Viereck, welches sich der Form eines Quadrates annäherte.
Die jeweilige Seitenlängen und der Mauerverlauf mit den Ortsangaben in Paul Clemen von 1906:
Westmauer mit 1179,90 m Beginnend an der Straße „Alte Mauer am Bach“ in einem leichten Bogen hinter der östlichen Häuserreihe des Mauritiussteinweges, dann über die Westseite der Clemensstraße, weiter über die Straße „Am Laach“ und entlang der Chorapsis von St. Aposteln, weiter durch die Gertrudenstraße und im Bogen hinter den östlichen Häusern der St. Apern Straße hin zum Römerturm.
Nordmauer mit 948,90 m Vom Römerturm in gerader Richtung nach Osten zum Turm an der Straße Berlich, von dort geringfügig nördlich an der Nordseite der Burgmauer entlang, überquerte an deren Ende die Straße Domkloster und zog sich unter der nördlichen Seitenmauer des Domes her bis zum Pfeiler IV des Eisenbahnviaduktes.
Ostmauer mit 881,70 m mini| Antiker Rest der Ost-Stadtmauer vor der Südseite des Gürzenich, an der Martinstraße Köln. Die Ostmauer verlief in gerader Linie von dem Pfeiler IV an der Trankgasse in südlicher Richtung, östlich entlang der Straße „Unter Taschenmacher“, Bürgerstraße und Judengasse, dort unter dem Rathaus her bis zur Einmündung der Straße „Obenmarspforten“, dann etwas östlich entlang der Ostseite der Martinstraße („bovenmauren“), bis kurz vor dem östlichen Ende der Straße Mühlenbach.
Südmauer mit 903,30 m Die Südmauer verlief westwärts entlang des aus Hürth kommenden Duffesbaches unterhalb der nördlichen Häuserreihe der Straßen Mühlen- und Blaubach und hinter der Bachemstraße weiter westlich, auf der Südseite der Straße „Alte Mauer am Bach“ bis zum Eckturm an der Straße Griechenpforte.Johannes Krudewig (Quellen), in: Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln im Auftrage des Provinzialverband der Rheinprovinz. Band VI, Abteilung I. Quellen, und Abteilung II., Josef Klinkenberg, Das Römische Köln, in: „ I. Die Befestigung“, S. 164 ff
Türme und Tore der Römermauer mini|Römerturm Dem Wissensstand der Forschung zum Beginn des 20. Jahrhunderts entsprechend, wurden in Paul Clemens veröffentlichtem Werk „Das römische Köln“ die 19 festgestellten Türme an den drei Landseiten der Römermauer beschrieben. Die in römischer Zeit generell als Wehrtürme dienenden Bauten (auch als Rondelle erwähnt) hatten diese Funktion noch im frühen Mittelalter und wurden in Köln als „wichus oder wighus“ (propugnaculum), gleich Kampfhaus bezeichnet. Die Türme verloren mit den Stadterweiterungen ihre ursprüngliche Schutzfunktion und wurden fortan allen möglichen Zwecken zugeführt. Sie dienten Mühlen als Unterbau, waren Latrinen, kleine klösterliche Behausungen, dienten auch als Kapelle oder wurden zu Wohnzwecken umgebaut.
Türme und Tore der Nordseite Der Eckturm der Nordostseite befand sich am Chor des späteren Domes (westlich der 1817 niedergelegten Stiftskirche St. Maria ad gradus) gegenüber der Trankgasse. Er wurde erstmals 1247 und nochmals 1261 als Bibliothek des Domstifts dienend erwähnt und war noch in den 1850er Jahren zum Teil oberirdisch erhalten. Erst durch den Bau des Kapitelsaales verschwand sein Restmauerwerk.Paul Clemen unter Verweis auf: Lacomblet, „Zur Topographie der Stadt Köln in der Römerzeit“: B. J. XXXVn, 1864, S. 65 Der nächste Turm stand zwischen dem 2. und 3. Pfeiler des Strebewerks an der Nordseite des Domlanghauses, dessen Fundamentierung später die Zerstörung seiner südlichen Hälfte zur Folge hatte. Der Restturm war noch am Anfang des 20. Jahrhunderts in geringer Höhe über dem Boden erhalten. Westlich des Nordtores, der „Porta clericorum“ oder auch Pfaffenpforte genannt, führte die Mauer zum ersten Turm auf der Burgmauer, auf dem im 12. Jahrhundert eine Windmühle erwähnt wurde. Um 1300 hatte er diese Funktion offenbar verloren und wurde „dat rode Wichus“ genannt,Hermann Keussen, Bezirk Kolumba S. 273, mit einer Karte, in: Topographie der Stadt Köln im Mittelalter, Band I., Abschnitt Burgmauer S. 301 ff dessen neue Nutzung laut Schrein Niederich als „ab hospitali St. Andreae“ angegeben wurde. 1324 erschien der Turm im Allgemeinen als Wichhaus des Domes oder „zum alten Dom“ (nach dem Hildebold-Dom). Der Turm überdauerte die Zeit und wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts in ein Wohnhaus umgebaut und war zu dieser Zeit, zur Hälfte in die Straße vorspringend, an der Feldseite noch 4,70 m hoch über seinem Sockel erhalten vorhanden.Paul Clemen unter Verweis auf: Carl Steuernagel (1869–1959), Bonner Jahrbücher 10 1, 1897, S. 177 mini|Reste des „Lysolphturmes“ Der Turm hinter den Häusern Komödienstraße 69 und 71 wurde im 13. Jahrhundert ebenfalls als das „Roitwichus“ oder „roede wichuss“ bezeichnet. Er ist auf Arnold Mercators Stadtplan noch als Turm erkennbar, wurde 1581 als baufällig bezeichnet (Schreinsbuch Kolumba Berlici) und bald auf Geländehöhe niedergelegt. Im Mai 1904 wurden beim Abbruch einer Reihe Häuser auf der Burgmauer und Komödienstraße von neuem zu Tage getretene Reste der alten römischen Befestigung fast ganz entfernt. Bis heute erhalten blieben in diesem Abschnitt der restaurierte Stumpf des nach einem Bewohner benannten „Lysolphturmes“ sowie Mauerstücke entlang der südlichen Straßenseite in Richtung Trankgasse. Der Torturm am Appellhofplatz gilt als frühes Nebentor des Nordtores, der möglicherweise eine Straßenführung in Richtung der heutigen Subbelrather Straße eröffnete. Als Tor verlor das Bauwerk aber schon zum Ende der Römerzeit seine Bedeutung. Es wurde 1292 als „Aldenwichus“ bezeichnet und war zum Beginn des 14. Jahrhunderts im Besitze des Heinrich vom Cusin, der ihn 1316 zur Aufnahme von zwei Beginen bestimmte. Aus dieser ersten „Zelle“ im Turm entstand 1334 das Kloster zur Zelle,Stephanie Habeth-Allhorn: 175 Jahre Cellitinnen zur hl. Maria in der Kupfergasse, Köln. S. 128 das um 1828 beim Bau des noch heute erhaltenen Justizgebäudes niedergelegt wurde. Der Turm hinter der späteren Hauptwache (heutiges Kölnisches Stadtmuseum), wurde 1246 als „propugnaculum Judeorum“ oder „Judenwichhus“ bezeichnet. Die Benennung bezog sich auf die benachbarte, 1106 entstandene Judenpforte, die den Bewohnern des Kölner Judenviertels zur Verteidigung zugewiesen worden war.Paul Clemen unter Verweis auf: Ennen-Eckertz, Quellen H Nr. 2 54 Der Turm wurde 1331 ebenfalls zur Klause und später Bestandteil eines Nonnenklosters, dessen schon aus früherer Zeit herrührende Kapelle zum heiligen Vincentius und der heiligen Maria von Ägypten in dem Turm lag.Paul Clemen unter Verweis auf: Winheim, „Sacrarium Agrippinae“ p. 276; Gelenius p. 583 Der Turm gelangte nach der Aufhebung des Klosters 1808 in Privatbesitz und wurde 1837 von der Militärbehörde angekauft, die ihn dann niedergelegte. Turmreste wurden später von Rudolf Schultze und Carl Steuernagel aufgefunden, die diese untersuchten und dokumentierten. Der Turm am Berlich, der vor 1265 von dem Grafen Wilhelm von Holland dem Richolf Parfuse zu Lehen gegeben worden war,Paul Clemen unter Verweis auf: Ennen-Eckertz, Quellen H S. 535 A. 1 befand sich 1265 im Besitze der Grafen von Jülich.Paul Clemen unter Verweis auf: Ennen-Eckertz, Quellen II Nr. 487 Seit 1304 war er östlicher Turm des Klarissenklosters Sankt Clara und ging nach dessen Aufhebung seit 1806 in wechselndem Privatbesitz. Noch Fuchs beschrieb ihn als „fast in seiner ganzen ursprünglichen Form erhalten“ und vermerkte seinen Abbruch in den 1840er Jahren, der zur Verbreiterung der Straße Berlich erfolgte. Der heutige Römerturm, ehemals der Nordwestturm der Stadt, wurde im Mittelalter auch „Clarenturm“ genannt, da er gleich dem vorhergehenden zur Mauer des Klarenkloster gehörte. Er wurde wie der Turm „ab hospitali St. Andreae“ bis zur Aufhebung desselben als Latrine verwandt und gelangte seit 1806 in wechselndem Privatbesitz. Er wurde 1833 mit einem den historischen Gegebenheiten nicht entsprechendem Aufbau versehen und 1873 von der Stadt Köln für 19.000 Taler angekauft. Der so vor der geplanten Niederlegung bewahrte Turm wurde restauriert und ist heute der einzige erhaltene „Römerturm“ der Stadt.
Türme und Tore der Westseite mini|Helenenturmmini|Römermauer von St. Aposteln bis Marsilsteinmini|Reste des Südwesttores an der Clemensstraßemini|Heutiger Rest des römischen Südwestturmes Der sich dem nordwestlichen Eckturm in südwestlicher Richtung anschließende Wehrturm ist der noch heute als Halbturm erhaltene, so genannte Helenenturm am westlichen Ende der gleichnamigen Straße.