mini|Helmut Bornefeld 1962 an einem Orgelmodell für die Martinskirche Kassel Helmut Bornefeld (* 14. Dezember 1906 in Untertürkheim; † 11. Februar 1990 in Heidenheim an der Brenz) war ein deutscher evangelischer Kirchenmusiker, Komponist, Organist, Chorleiter, Orgelsachverständiger, Sachbuchautor und Grafiker.
Leben mini|Bornefeld wirkte von 1937 bis 1971, mit Ausnahme einer sechsjährigen Kriegsunterbrechung, als Kantor und Organist an der Heidenheimer evangelischen Paulus- und Michaelskirche.
Helmut Bornefeld begann seine Berufsausbildung 1922 mit einer Lehre als Gärtner, welche er mit der Gesellenprüfung abschloss. 1924 bis 1928 studierte er Musik am Adler’schen Konservatorium in Stuttgart. 1928 wechselte er zum Studium an die Musikhochschule (heute: Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) in Stuttgart, wo er Komposition bei Ewald Sträßer, Klavier sowie Orgel bei Hermann Keller studierte. Weitere Lehrer waren Alfred Kreutz und Hermann Roth.Biographie Helmut Bornefeld von Konrad Eichler, in: https://www.munzinger.de, abgerufen am 16. Mai 2023.
Von 1930 bis 1936 leitete Bornefeld den Esslinger Kammerchor. Neben Alter Musik führte er auch Werke der Neuen Musik von Kurt Weill, Paul Hindemith und anderen sowie eigene Kompositionen auf. Zugleich bemühte er sich, .Gerhard Luchterhandt, „Von der Orgel geschrieben“ – Helmut Bornefeld, in: Studien zur Orgelmusik, Band 6, Orgelbewegung und Spätromantik, Orgelmusik zwischen den Weltkriegen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, herausgegeben von Michael Heinemann und Birger Petersen, Musikverlag Dr. J. Butz, Bonn, Seite 201. Damit geriet er aber in einen Widerspruch zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus im Dritten Reich. Sein Zyklus „Afrika singt“ für Singstimme und Klavier nach Worten schwarzer Dichter (1931) wurde als „Rassenschande“ diffamiert. So kam er bereits 1933 auf die KZ–Liste. Nur einer hochmögenden Intervention hatte er es zu danken, dass ihm dieses Schicksal erspart geblieben ist.Helmut Bornefeld: Musik im Dritten Reich, aus: H. Kleinschmidt und J. Bohnert (Hg): „Heidenheim zwischen Hakenkreuz und Heidenkopf“, Verlag Kopp, Heidenheim, 1983, abgerufen am 16. Mai 2023. Als Privatmusiklehrer sah Helmut Bornefeld dann keine Zukunftsperspektiven mehr. Sein musikalisches Wirken wurde ab 1935 von der nationalsozialistisch gleichgeschalteten Presse geächtet. Sowohl seine eigenen Kompositionen als auch die Pflege zeitgenössischer – „entarteter“ – Musik brachten ihn als einen „Kulturbolschewisten“ in Verruf.Kurzbiographie Helmut Bornefeld von Werner Glatzle auf der Seite http://www.helmut-bornefeld.de, abgerufen am 16. Mai 2023.
1935 bis 1937 ergänzte er deshalb seine Ausbildung durch ein Studium der Kirchenmusik in Stuttgart, welches er mit dem A-Examen abschloss. Von 1937 bis 1971 wirkte er, mit Ausnahme einer sechsjährigen Kriegsunterbrechung von 1939 bis 1945, als Kantor und Organist an der evangelischen Pauluskirche sowie an der benachbarten Michaelskirche in Heidenheim an der Brenz. Die 1969 eingeweihte Orgel der Michaelskirche steht als eine von 30 „Bornefeld-Orgeln“ inzwischen unter Denkmalschutz. Sie wurde von der Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link aus Giengen an der Brenz fertiggestellt. Für Bornefeld typisch – und gut nachzuvollziehen an der Orgel der Michaelskirche – sind auch Obertonregister und Obertonmischungen bis hin zum über den Ton hinausgehenden Geräusch mit Hilfe von Septimen oder Nonen. Die dreimanualige Orgel mit ihren 38 Registern spiegelt geradezu exemplarisch die Klangwelt und Ideenwelt von Bornefeld wider.Stiftung Orgeltest (11): Helmut Bornefelds Vermächtnis - der Sound der Sixties, in: Heidenheimer Zeitung vom 5. Juli 2016, abgerufen am 15. Mai 2023.
1952 wurde Helmut Bornefeld in Heidenheim zum Kirchenmusikdirektor ernannt.
Von 1950 bis 1958 lehrte er als Dozent für Tonsatz und Kantoreipraxis an der Kirchenmusikschule Esslingen (inzwischen in Tübingen). Beim Bau einer Weigle-Orgel für die Neue Aula der Esslinger KirchenmusikschuleTübingen, Evangelische Hochschule für Kirchenmusik (Weigle-Orgel) – Organ index, die freie Orgeldatenbank, abgerufen am 8. April 2024. sah er seine „geistige Leistung“, die er für dieses Projekt erbracht hatte, ungenügend gewürdigt; dies war für Bornefeld zumindest ein Anlass, „seine Lehrtätigkeit an der KMS mit dem Ende des Jahres 1958 zu beenden.“Sesquialtera - anderthalb Orgeln in einer. Die Ahrend-Orgel der Hochschule für Kirchenmusik Tübingen und ihre beiden Stimmsysteme - ein ganz besonderes Konzept für eine hochwertige Kirchenmusikausbildung, Festschrift zur Orgeleinweihung im Februar 2020, Herausgeber: Jens Wollenschläger, Tübingen 2020, Seite 34, abgerufen am 18. Mai 2023.
Helmut Bornefeld starb am 11. Februar 1990 in Heidenheim und wurde auf dem dortigen Waldfriedhof beigesetzt.Bild vom Bornefeldgrab auf dem Heidenheimer Waldfriedhof, abgerufen am 16. Mai 2023.
Nachfolger auf seiner Kirchenmusikerstelle in Heidenheim war Friedrich Fröschle.
Heidenheimer Arbeitstage für Neue Kirchenmusik Helmut Bornefeld organisierte zusammen mit Siegfried Reda von 1946 bis 1960 allsommerlich die Heidenheimer Arbeitstage für Neue Kirchenmusik. Im Zeichen des gesamtkulturellen Nachholbedarfs der Nachkriegszeit ab 1945 wurden diese Arbeitstage zu einer gegenwartsnahen Initiative, die Laien, Profis und Studenten gleichermaßen offen stand. Diese Tage verstanden sich als ein Träger geistigen Neubeginns, als Korrektiv der in den 1920er Jahren einsetzenden kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung und als ein Gegenentwurf zur Singbewegung. Die schier führte aber zum Scheitern der hoffnungsvollen Unternehmung."... als gingen uns jetzt erst die Ohren auf", von Roman Summereder, Strube-Verlag VS 9088, abgerufen am 16. Mai 2023.
Orgelpfleger und Orgelstiftung mini|Blick auf den Orgelspieltisch der Evangelischen Michaelskirche in Heidenheim aus dem Jahr 1969: zu erkennen sind einige der für Bornefeld typischen Orgelregister wie Unruh 3f. ‘, Schweizerpfeife 1', Glöckleinton 2' + 1', Stabspiel ‘ + ‘ + ‘, Harfpfeife 8‘ und Basszink 4f. ‘
Neu- und Umbauten von Orgeln Von 1937 bis 1977 war Helmut Bornefeld zudem Orgelpfleger mit über hundert verwirklichten Neu- und Umbauten in Kirchen, vorwiegend in Süddeutschland und vielfach mit eigenen Prospektentwürfen. Dabei wurden unter seinem Einfluss zahlreiche, aus heutiger Sicht schützenswerte Orgeln, seinen Vorstellungen entsprechend, – zum Teil unwiderruflich – im Charakter verändert. Unter anderem durch das Absägen von Pfeifen bemühte er sich, den Klang von vornehmlich romantischen oder spätromantischen Orgeln aufzuhellen sowie die Dispositionen seinen ästhetischen Idealen entsprechend umzugestalten. Zeitbedingt standen ihm dafür nur vergleichsweise geringe finanzielle Mittel zur Verfügung. Wie die Umwandlung einer romantischen Orgel in eine Bornefeld-Orgel unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gelingen konnte, zeigt exemplarisch sein Umbauplan vom 24. April 1947, der an die Evangelische Stadtkirche nach Aalen ging. Neben vielen anderen Hinweisen an die ausführenden Orgelbauer ergeht die Anweisung:
die , , , der , das Trechterregal , die Anlage der Laden und das vorhandene Pfeifenmaterial soll gemacht werden.Umbauplan für die Orgel der Stadtkirche Aalen (Württemberg) von Helmut Bornefeld vom 24. April 1947, archiviert auf https://walcker.com, abgerufen am 19. Mai 2023.
Das romantische Instrument aus dem Jahre 1886 der Werkstatt Gebrüder Link in Giengen war damit dem Wesen und Charakter nach gut sechzig Jahre nach seiner Entstehung entromantisiert und damit tiefgreifend verändert. Damit partizipierte Helmut Bornefeld an der Orgelbewegung, einer Strömung etwa in der Zeit von 1920 bis 1970/1980, die sich von den romantischen Klangidealen löste.Die Orgelbewegung in Musik und Theologie, abgerufen am 15. Januar 2023.
Dispositionen und Orgelpfeifen Helmut Bornefelds Konzeptionen vornehmlich kleiner und kleinster Dorforgeln mit oft geringen finanziellen Mitteln versuchte – auch durch Vermeidung von Dubletten – eine effektive Auswertung des Klangmaterials und eine übersichtliche Bedienbarkeit zu ermöglichen. Seine Dispositionen sind auf maximale Auswertung, Mehrfachfunktionalität und Mischmöglichkeit des Registerbestandes angelegt. Zum Teil entlegene Teiltöne stellen bei ihm den Übergang zum Zungenbereich dar. Bei kleineren Orgeln werden sie sogar als Zungenersatz disponiert.
In seinem 1952 herausgegebenen Essay Orgelbau und Neue Orgelmusik streicht er als fundamentale Wesenselemente der Orgel die Tonkanzelle, die mechanische Traktur und den Werkaufbau hervor.
Roland Eberlein ordnet Bornefeld deshalb auch der Orgelbewegung zu; denn als ein Vertreter der Orgelbewegung hat auch er Roland Eberlein, Orgelbewegung: Dynamisches Leitmotiv vs. Stilmode, in: Journal für Orgel, Musica Sacra und Kirche, ISSN 2509-7601, abgerufen am 19. Mai 2023.
Helmut Bornefeld gilt auch als Schöpfer neuer Gemischter Stimmen mit spezifischem Klangprofil. Dazu gehört unter anderem das Register Siebenquart 1 ‘ + ‘ und das etwa um 1960 von ihm entwickelte Unruh, ein Register mit hochtönenden, dissonanten Aliquotreihen. Die Töne der C-Seite und der Cis-Seite bilden zwei unterschiedlich zusammengesetzte, unabhängig voneinander repetierende Zimbeln. Durch den halbtonweisen Wechsel der dissonanten Teiltöne ergibt sich beim Spiel eine „unruhige“, schillernde Wirkung.Roland Eberlein, Aus alt mach' neu - aus neu mach' alt. Tendenzen in der Registerentwicklung 1920-40, in: ZWISCHEN POSTROMANTIK UND ORGELBEWEGUNG, Bericht über das zwölfte Colloquium der Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung vom 19. bis 20. September 2008 in Karlsruhe, herausgegeben durch die Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung von Hermann J. Busch + und Roland Eberlein, Köln 2011, Seite 46.
Helmut Bornefeld verfasste zahlreiche, meist sozialkritische, Schriften und Aufsätze zu Fragen des Kulturbetriebs, der Kirchenmusik sowie des Orgelbaus.
Allerdings lag Bornefeld sehr viel auch an der ganz praktischen Ausführung seiner Instrumente. Er legte größten Wert auf die Klangqualität der Register, weshalb er bei den Intonationsarbeiten in der Werkstatt und im Kirchenraum sehr oft zugegen war und mitwirkte.Michael Gerhard Kaufmann, Helmut Bornefeld und seine Zusammenarbeit mit der Firma Gebrüder Link., in: 150 Jahre Orgelbau Link 1851-2001, hrsg. von Christoph Naacke, in der Reihe: Freiburger Musik Forum 2001, S. 107–114.
Bornefeld galt als „ein wichtiger Orgelneudenker“.Pressemeldung zur Orgelweihe in Kassel durch das Bistum Fuld am 12. Mai 2015, abgerufen am 19. Mai 2023.
Heidenheimer Orgelstiftung 1985 Die 1985 gegründete Heidenheimer Orgelstiftung gilt als sein organologisches Vermächtnis. Sie soll besonders den vielen Dörfern abseits von musikalischen Zentren qualitätvolle und im Rahmen der örtlichen Möglichkeiten auch Neue Musik ermöglichen. Popularmusikalische und kommerziell orientierte Musik ist dabei ausdrücklich ausgeschlossen.http://www.helmut-bornefeld.de/OS_Satzung.pdf Satzung der Heidenheimer Orgelstiftung (PDF). Abgerufen am 5. Oktober 2024.
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