Die Shangri-Las waren ein amerikanisches Gesangsquartett. Die Mädchengruppe verzeichnete zwar lediglich 1964 und 1965 drei Top-10-Hits in den USA und Großbritannien, aber ihr Song Leader of the Pack schaffte es 1972 und 1976 erneut in die Hitparade. Er gilt Kritikern als „eine der größten Mini-Opern der Popmusik“,Richard Williams, Autor des Melody Maker, in seinem Plattenhüllentext auf Golden Hits Of The Shangri-Las, Deutsche Philips 6336 215 (1966) als „unvergesslicher Klassiker“Bronson, S. 160 und „absolutes Meisterstück einer Teenagerhymne“.Greig, S. 99 Der Titel fand auch Aufnahme in die Liste der 365 wichtigsten US-amerikanischen Lieder des 20. Jahrhunderts (dort auf Rang 180).

Die kurze Karriere der Gruppe markiert den Übergang von der „weißen“ Rock- und Popmusik der frühen 1960er hin zu einer stärkeren Auffächerung der Unterhaltungsmusik in der zweiten Hälfte jenes Jahrzehnts; den Shangri-Las kommt dabei das Verdienst zu, zu dieser Entwicklung einen eigenständigen Beitrag geleistet zu haben, indem sie als eine der ersten Girlgroups in ihren Liedern Elemente der weißen und der schwarzen Popmusik kombinierten, die seinerzeit in den USA auf zwei weitgehend voneinander isolierten Märkten nebeneinander bestanden.Greig, S. 100

Entstehung der Gruppe Die Gruppe bestand aus den beiden Schwestern Betty (* 1946; eigentlich Elizabeth) und Mary Weiss (1948–2024), die die Hauptstimme sang,Dass diese Rolle in Europa häufig fälschlicherweise Betty zugeschrieben wird, erklärt Bronson (S. 160) damit, dass Mary wegen ihres Alters 1964 nicht zu der ersten Promotiontour der Gruppe nach England mitreisen durfte. sowie den eineiigen Zwillingen Margie (1947–1996; eigentlich Marguerite, teilweise auch Marge genannt) und Mary Ann Ganser (1947–1970). Die Zwillingsschwestern hatten schon früh Klavierunterricht genommen, und Mary Ann lernte dazu noch Gitarre. Die vier Mädchen wuchsen zwar im gleichen Viertel des New Yorker Stadtteils Queens auf, freundeten sich aber erst an der Andrew Jackson High School miteinander an. Dort begannen sie 1963 regelmäßig gemeinsam zu singen, feilten in ihrer Freizeit an ihren Harmonien und traten bald auch auf Schulpartys und Record Hops, Tanzveranstaltungen mit einer Mischung aus Live- und Schallplattenmusik, auf.John J. Grecco auf ; Greig, S. 98 Spätestens Ende 1963 nannten sie sich nach einem Restaurant namens Shangri-La in Long Island The Shangri-Las.https://api.research-repository.uwa.edu.au/portalfiles/portal/9839220/MacKinney_Lisa_Annette_2012.pdf

„Remember“: Erste Aufnahmen, erster Erfolg Im April 1964 produzierte George „Shadow“ Morton, der den Song auch geschrieben hatte, mit ihnen im Studio von Kama Sutra eine Demoversion von Remember (Walking in the Sand), bei der ein 14-jähriger Pianist namens Billy Joel sie begleitete. Anschließend spielte Morton die Platte Jerry Leiber, Mike Stoller und George Goldner, den Verantwortlichen des Red-Bird-Labels, vor. Die Folge war ein Fünf-Jahres-Vertrag für die Shangri-Las, den die Mütter für ihre minderjährigen Töchter – Margie und Mary Ann waren erst 16, Betty 17 und Mary 15 Jahre alt – unterschreiben mussten.Grecco auf Kama Sutra Productions machten daraufhin zunächst ihre Ansprüche geltend, gaben sich dann aber mit einer Erwähnung auf dem Plattenlabel zufrieden.Die 1972er Wiederveröffentlichung von Leader of the Pack in Großbritannien auf dem Kama-Sutra-Label brachte der Firma zudem eine späte finanzielle Rekompensation für ihren Verzicht auf die Rechte an Remember.

Das Lied wurde anschließend noch einmal aufgenommen, wobei die erfahreneren Produzenten Jeff Barry und Artie Ripp Morton assistierten. Trotz ihrer musikpraktischen Ausbildung wurden die Mädchen im Studio und später auf der Bühne, wie es in den 1960ern üblich war,Janis Ian verdeutlichte dies Ende der 1960er: „Als Sängerin wurde dir kaum einmal erlaubt, bei deinen Aufnahmen auch noch ein Instrument zu spielen; niemand erwartete, dass du deine Songs selbst verfasst oder gar die Studioband anleitest. Dafür waren die Jungs vorgesehen.“ (Michele Kort: Soul Picnic: The Music and Passion of Laura Nyro. Thomas Dunne Books/St. Martin’s Griffin Press, New York 2002, ISBN 0-312-30318-1, S. 30) stets von einer Instrumentalgruppe begleitet. Morton unterlegte dem Gesang, in dem sich ein weiblicher Teenager an eine sommerliche Strandromanze erinnert, Möwenschreie und Brandungsplätschern, was zusammen mit dem melancholischen Text und der getragenen Melodie eine sehr authentische Stimmung erzeugte; dieses in der damaligen Popmusik noch selten verwendete Stilmittel sollte Morton in der Folgezeit wiederholt einsetzen. Mit Remember brachten es die Shangri-Las im September 1964 bis auf Platz 5 der Billboard-ChartsBronson, S. 157 und im Oktober auch in Großbritannien auf Platz 14.Gambaccini/Rice/Rice, S. 261 Ebenfalls 1964 entstand eine deutschsprachige Version des Songs („Vergessen“) von der niederländischen Sängerin Shirley.siehe das Cover der Single bei hitparade.ch

Mit ihrem Plattendebüt schlagartig ins Rampenlicht gerückt, hatten die vier Mädchen erste Fernsehauftritte, so bei Murray the K, tourten durch die USA und bald darauf auch durch Großbritannien, wo sie Konzerte mit Jan & Dean, Beach Boys, Supremes, Nashville Teens, Byrds und anderen Größen der frühen Beat-Ära gaben. Oft standen die Shangri-Las allerdings nur zu dritt auf der Bühne, weil die Freundinnen sich wiederholt kurzfristig zerstritten oder – wie Mary Weiss 1964, bei ihrem ersten Auftritt in England – aus Altersgründen keine Arbeitserlaubnis erhielten. Dabei soll jedes der vier Mädchen gelegentlich gefehlt haben;Clarke, S. 1174 häufig war es allerdings Betty Weiss, die zunehmend andere Interessen als die Jüngeren entwickelte und zwar noch an den Aufnahmesessions teilnahm, sich aber wiederholt weigerte, zu auswärtigen Konzerten mitzureisen. Im gesprochenen Intro von Leader of the Pack wird die Leadsängerin von den anderen dennoch als „Betty“ angeredet. Auch auf mehreren Plattencovern sind nur drei Shangri-Las abgebildet,bspw. auf ihrer LP Golden Hits und dem US-Cover der Single Leader of the Pack (siehe ) was allerdings seine Ursache auch darin gehabt haben könnte, dass für manche Plattenfirmen nur die Gruppe, nicht aber deren einzelne Mitglieder von Bedeutung waren.

„Leader of the Pack“ mini|Shangri-Las - Leader of the Pack siehe auch den Hauptartikel Leader of the Pack

Mit der nachfolgenden Aufnahme Leader Of The Pack (auf Deutsch: Anführer der Bande) gelang es der Gruppe, sich endgültig eine eigene, charakteristische Nische in der Popmusik zu schaffen. Geschrieben von Jeff Barry/Ellie Greenwich/George Morton, war dies ein auf 2:53 Minuten und somit „Single-Kürze komprimiertes, archetypisches Rocker-Melodrama aus weiblicher Sicht“:Graves/Schmidt-Joos/Halbscheffel, S. 830 „ein Mädchen trifft einen Jungen, verliebt sich in ihn, der Junge stirbt bei einem Motorradunfall“. Ende November 1964 hatte es diese Single auf Platz 1 in den USA geschafft.

Der Song beginnt mit einer gesprochenen, nur minimal instrumental untermalten Unterhaltung zwischen Freundinnen über die „neue Flamme“ einer der Beteiligten – besagten Anführer einer Motorrad-Gang –, ehe die Lead-Stimme in einen orchestral begleiteten Gesang fällt. Auch hier werden Originalklänge, anfangs das mehrfache Auf- und Zudrehen eines Gasgriffs und am Ende der letzten Strophe quietschende Bremsen, die in den dröhnenden Lärm eines Fahrzeugzusammenstoßes übergehen, unterlegt.

Über die Entstehung des Songs berichtete die Autorin Ellie Greenwich:

George Morton hatte anfänglich einige Bedenken in der Chefetage der Plattenfirma zu überwinden, bevor die Platte auf den Markt kam. Dabei waren Songs mit Todesmotiven in der US-Hitparade nichts Außergewöhnliches mehr: Mark Dinnings Teen Angel und Ray Petersons Tell Laura I Love Her waren schon 1960 entstanden, 1964 kletterte Dead Man’s Curve von Jan and Dean bis auf Platz acht der Billboard 100, und auch weibliche Interpreten, beispielsweise Twinkle mit Terry, beschäftigten sich mit dem Thema. In Großbritannien wurden solche Titel anfangs von der BBC boykottiert; eine Zeitung betitelte seinerzeit einen Artikel zu diesem Phänomen mit den Worten „Blood Runs in the Grooves“ („Blut fließt in den Rillen“).Bronson, S. 65 Und Bob Luman war mit dem explizit gegen solche Gewaltthemen gerichteten Song Let’s Think About Living im Herbst 1960 sogar in die britischen Top Ten vorgestoßen. Aber im Januar 1965 stand Leader of the Pack auch in den britischen Charts und kletterte dort bis auf Platz 11.

Die 1965er-Veröffentlichungen In der Folge produzierten Morton, Barry und Greenwich mit der Gruppe eine Reihe weiterer „Pop-Epen“, die in den USA erneut in die Billboard-Charts gelangten, an den Erfolg von Leader of the Pack aber nicht mehr heranreichten. In Großbritannien schafften ihre späteren Platten nicht einmal dies.

Mit I Can Never Go Home Anymore gelang ihnen ein „Girl-Group-Pendant“ zu She’s Leaving Home,Greig, S. 104 hier allerdings aus der Sicht des verstoßenen Kindes beschrieben und im Übrigen deutlich früher erschienen als der Beatles-Titel. Erneut beginnen die Shangri-Las mit einem Sprechgesang und einer fast kühl-distanzierten Schilderung der im Streit erfolgten Trennung vom Elternhaus, die sich zu einem dramatischen Crescendo steigert, als der Protagonistin die unumkehrbaren Konsequenzen der Situation bewusst werden. Diese Single brachte es 1965 noch auf Platz 6, Give Him a Great Big Kiss auf den 18. Rang der US-Hitparade. Der Nachfolger Long Live Our Love, ausnahmsweise eine Fremdkomposition von Jerome Jackson und Sidney Barnes, war ein textlich und musikalisch vergleichsweise untypischer Song, der sich nur noch auf Rang 33 platzierte. Darin drückten die Shangri-Las vor dem Hintergrund des ab März 1965 offenen Engagements der USA in Vietnam ihre Zustimmung zum Auszug der Jungen in den Krieg aus. Die Gesangsmelodie wird dabei von den Klängen einer Marching Band mit Flöten und Trommeln untermalt, die den Refrain aus When Johnny Comes Marching Home spielt.Greig, S. 105

Ebenfalls noch 1965 erschien Past Present and Future aus der Feder von Leiber/Butler und Morton. Kritiker lobten den Titel wegen der Unterlegung der getragenen Strophen mit der Beethovenschen Mondscheinsonate und dem Stimmungskontrast zum Refrain, in dem die nachdenkliche Stimmung – ein Mädchen reflektiert sein bisheriges Leben – durch eine unvermittelte, assoziative Phrase („Shall we dance?“) auch textlich aufgebrochen wird; aber an den Ladenkassen floppte die Single nahezu und schaffte es nur auf Chartposition 59. Noch erfolgloser waren die Shangri-Las mit Out In the Streets. Gegenstand ist die für die Sängerin deprimierende Vorstellung, dass der Ernst des Lebens die Jugendzeit verdrängt: Jungen werden zu Männern und Mädchen zu Frauen; ihr Boyfriend „ist nicht mehr mit seiner Gang unterwegs, erlebt nicht mehr die wilden Sachen, die er früher erlebte, und tritt nicht mehr als böser Junge auf. Das macht mich so traurig.“ Für die Journalistin Charlotte Greig spiegelt dieser Titel die Realität der Shangri-Las wider:Greig, S. 105/106 das von den inzwischen jungen Frauen verkörperte Konzept einer Mädchengruppe hatte sich schlicht überlebt, weil ihr kaum noch ein Zuhörer die musikalische Darstellung der Leiden eines Teenagers abnahm. Dazu trugen auch verschiedene Entwicklungen in der Popmusik bei; mit dem Abstieg der Shangri-Las ging der Aufstieg ernsthafterer Themen und Interpreten in den USA einher, wofür bspw. in der Folk Music Joan Baez, Phil Ochs, Bob Dylan und Peter, Paul and Mary stehen.vgl. Nik Cohn: AWopBopaLooBop ALopBamBoom. Pop History. Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-11542-5, S. 137 und 166f. Die britische „Musikinvasion“ lenkte das Interesse amerikanischer Plattenkäufer zeitweise stark auf Interpreten von der anderen Seite des Atlantik um. Und die trauernde Rockerbraut passte auch nicht mehr unbedingt in die aufkommende Zeit des Psychedelic Rock und des Summer of Love.

Auflösung der Girlgroup