mini|hochkant|Ella Briggs 1908 Ella Briggs (* 5. März 1880 als Elsa Baumfeld in Wien;Geburtsbuch IKG Wien, tom. G, Rz. 5055 (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). † 20. Juni 1977 in Enfield, London) war eine österreichische – britische Architektin, Innenarchitektin und Designerin. Sie wurde vor allem durch Bauten im Sozialbau, die sie in Wien und Berlin der Zwischenkriegszeit sowie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Wolverhampton realisieren konnte, sowie als Innenarchitektin und Designerin bekannt. Sie lebte in Wien, Berlin und New York, sowie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zu ihrem Tod dauerhaft in Großbritannien, wo sie auch die Staatsbürgerschaft erlangte.
Leben und Werk 1880 – 1920 Elsa Baumfeld war die Tochter der Caroline Baumfeld, geb. Brück/Bryk und des Advokaten Josef Baumfeld. Sie hatte noch zwei Brüder (Moritz, auch Maurice * 6. Oktober 1868; † 4. März 1913 und Friedrich * 14. Oktober 1870; † 26. März 1953) sowie eine Schwester (Friederike * 5. März 1873; † 22. Juni 1943).Despina Stratigakos, Elana Shapira et al.: Finding Ella Briggs: Life and Work of an Unconventional Architect. Princeton University Press, 2025; ISBN 978-0-691-26395-3, S. 1–8. Ihr Bruder Moritz wanderte nach dem Tod seiner ersten Frau Angelika 1898 mit den beiden Kindern Angela und Joseph im Jahr 1899United States Census, 1900 nach New York aus, wo er als Journalist und von 1907 bis zu seinem Tod 1913Dr. Maurice Baumfeld dead Director of Irving Place Theatre a Victim of Appendicitis In: The New York Times. 5. März 1913. als Direktor des deutschsprachigen Irving Place Theaters arbeitete.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 8–12, 21–23.
Als Elsa Baumfeld 17 Jahre alt war, begann sie an Kunstschule für Frauen und Mädchen bei dem Historizisten Adalbert Seligmann und dem Secessionisten Adolf Böhm zu studieren. Von 1901 bis 1906 studierte sie an der Kunstgewerbeschule Wien. Vor allem der renommierte Designer Koloman Moser, der zu den führenden Kräften der Wiener Secession zählte, inspirierte ihre frühen Designarbeiten.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 13–20, 48 und 52. Baumfeld reiste im Jahr 1903 nach New York City. Dort wollte sie ihre Karriere als Künstlerin vorantreiben. Im Jahr 1904 wurde sie auf der Purchase Exposition in St. Louis, Missouri, mit einer Medaille ausgezeichnet. 1907 heiratete sie in New York den als Brix 1865 in Wien geborenen österreichischen Anwalt Walter J. Briggs, der nach einer Anklage wegen Betrugs aus Österreich geflohen war. 1912 ließen sie sich scheiden.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 13–20.New York City Marriage Records, 1829–1940. Bis 1910 hatte sie sich in New York einen Ruf als originelle, von secessionistischen Strömungen beeinflusste Innenarchitektin erarbeitet. Sie gestaltete die Gesellschaftsräume des New German Theater an der Ecke 59th Street (Manhattan) und Madison Avenue in New York, das für seinen modernen Ansatz in der Theatergestaltung gelobt wurde.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 25–40. Briggs richtete außerdem gemeinsam mit Minna Leigh Mercer die Räumlichkeiten des New York Press Club ein und dekorierte sie. Das Magazin New York Architect lobte ihre Innenarchitekturen und schrieb, sie habe „die modernen Prinzipien der Farbharmonie, Einfachheit, Materialtreue und des Komforts an den amerikanischen Geschmack angepasst“. mini|Das von Ella Briggs gestaltete Empfangszimmer Emil HertzkasÖsterrr. Nationalbibliothek Anno; Blatt der Hausfrau; Blatt der Hausfrau. 1916–1917; Nr. 42, S. 11. 1911 kehrte Ella Briggs nach Wien zurück und arbeitete dort als Innenarchitektin. Im Jahr 1912 eröffnete sie ihr eigenes Innenarchitekturbüro. Neben Inneneinrichtungen entwarf sie auch MöbelFinding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 43–54. Anfang 1913 lernte Ella Briggs die Frauenrechtlerin und Pazifistin Yella Hertzka kennen. Hertzka war Mitbegründerin und Präsidentin des Neuen Wiener Frauenclubs.Frauen in Bewegung Briggs entwarf das Büro für Hertzkas Ehemann, den Musikverleger und Direktor der Universal Edition, Emil Hertzka. Auf Hertzkas Anregung hin übernahm Briggs ab 1914 die Organisation einer Reihe von Kunsthandwerksausstellungen für den Neuen Wiener Frauenclub.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 49–51, 53.
In Wien wollte sie Architektur an der Technischen Universität studieren, doch Frauen waren dort weder als ordentliche Studierende noch als Gasthörerinnen zugelassen. Briggs war schließlich die erste Frau im damaligen Österreich-Ungarn, die die Erlaubnis erhielt, von 1916 bis 1918 Vorlesungen an der Architekturfakultät zu besuchen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 56 Im September 1918 wechselte sie an die Technische Universität München, wo sie ebenfalls als Gasthörerin an der Architekturfakultät studierte. Ende Oktober desselben Jahres trat sie aus der Israelitischen Kultusgemeinde Wien aus.Archiv der Israelitische Kultusgemeinde Wien: Austrittkartei 24. Oktober, 1918. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs konnte sie sich im Herbst 1919 schließlich als ordentliche Studentin immatrikulieren. An der Technischen Universität München studierte sie unter anderem bei Theodor Fischer. 1920, im Alter von 40 Jahren, schloss sie ihr Architekturstudium ab; sie konnte nun den Berufstitel Diplom-Ingenieur führen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 55–58.
Nach ihrem Architekturstudium trat Briggs zwei österreichischen Architektenverbänden bei. Im Jahr 1921 wurde sie das erste weibliche Mitglied des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins (ÖIAV). 1925 wurde sie als erste Architektin in die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs aufgenommen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 58, 83–84.
1920 – 1927
Nach dem Ersten Weltkrieg hörte die Österreichisch-Ungarische Monarchie auf zu existieren. Wien wurde zur Hauptstadt der neu gegründeten Republik. Die Industrie- und Agrarstandorte der Monarchie lagen nun außerhalb der Grenzen Österreichs, sodass die wirtschaftliche Lage – selbst im Vergleich zu den Kriegsjahren – noch deutlich kritischer wurde, und sich die politische Situation des jungen Staates extrem radikalisierte. Zudem verstärkte sich die schon lange spürbare antisemitische Strömung deutlich. So kehrte Briggs, nun als graduierte Architektin, 1922 nach New York zurück, da sie sich dort bessere Karrierechancen erhoffte. Sie erhielt ihre ersten unabhängigen Architekturaufträge und schrieb außerdem für zahlreiche bekannte Frauenzeitschriften wie Good Housekeeping über modernes Wohnen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 66–80. mini|Der von Briggs 1925–1927 realisierte Pestalozzihof mini|Pestalozzihof – Panorama mini|Das 1928 fertiggestellte Julius Tandler Heim in Wien - Döbling, das ehemalige Ledigenheim Während ihres Aufenthalts in New York pflegte Briggs weiter berufliche Kontakte nach Wien. 1923 stellte sie ihre Arbeiten im Wiener Künstlerhaus aus.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 81. 1925 kehrte sie nach Wien zurück. Im selben Jahr erhielt sie von der Stadt Wien den Auftrag für das groß angelegte Sozialwohnungsprojekt Pestalozzi-Hof (1925–1927).Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 98–110. Kurz darauf erlangte sie einen weiteren städtischen Auftrag für das erste kommunale Wohnhaus für Alleinstehende in Wien, das Ledigenheim (1926–1928).Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 110–111. Diese Projekte fanden großen Anklang, und machten Briggs zu einer bedeutenden Akteurin im Sozialwohnungsbau des Roten Wien. Sie war eine von nur zwei Architektinnen (neben Margarete Schütte-Lihotzky), die in der Zeit zwischen den Weltkriegen Aufträge für den Bau von Sozialwohnungen von der Stadt Wien erhielten.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 111–113; 192–198.
In einem im Juni 1925 in der Arbeiter-Zeitung erschienenen Artikel erläuterte Ella Briggs den Lesern die TaylorisierungElla Briggs, Küche, In: Handwörterbuch des Wohnungswesens, hrsg. Gerhard Albrecht et al. (Jena: Gustav Fischer, 1930), 449–51. der amerikanischen Küche. Damit machte sie österreichische Leser, die sich für Wohnungsreformen interessierten, mit einflussreichen Strömungen in den Vereinigten Staaten vertraut. Darüber hinaus befürwortete sie den Einsatz elektrischer Geräte, um Hausfrauen die Hausarbeit zu erleichtern.Ella Briggs, Taylorisierungsbestrebungen in amerikanischen Küchen. Arbeiter-Zeitung. 13. Juni 1925.Ella Briggs, Elektrizität im Haushalt, Wohnungswirtschaft 4, no. 1–2 (1927): 92 Zudem warb sie dafür, Badezimmer auch in Sozialbauwohnungen zu integrieren.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 107–108
Während einer Italienreise im Jahr 1925, bei der sie sizilianische Architektur fotografieren wollte, wurde Briggs von den faschistischen Behörden wegen Spionageverdachts verhaftet.Der Burggräfler 24. Dezember 1925. Sie sollte von dort als Amerikanerin ausgewiesen werden.Eine Amerikanerin grundlos verhaftet und ausgewiesen Berliner Volkszeitung vom 29. Dezember 1925. Diesem Schicksal entging sie nur dadurch, weil festgestellt wurde, dass sie österreichische Staatsangehörige war.Berliner Tageblatt vom 30. Dezember 1925
1927 – 1935
Trotz ihres beruflichen Erfolgs in Wien erhielt Briggs von der Stadtverwaltung keine weiteren Aufträge. 1927 zog sie nach Berlin und eröffnete dort ein Architekturbüro. Im Jahr 1928 erhielt sie den Auftrag, einen modernistischen Wohnblock in Mariendorf zu entwerfen. Darüber hinaus schrieb sie Fachartikel für Zeitungen und Zeitschriften und konzipierte Ausstellungsstände für Messen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 115–144. So entwarf sie beispielsweise den Ausstellungsraum der Wohnungsfürsorge-Gesellschaft Berlin auf der Bauausstellung 1931,Bauausstellung Berlin 1931 bei der sie auch mit einem Foto ihrer eigenen Bauten und vertreten war, nämlich der Wohnhausanlage in Berlin-Mariendorf. In Halle 1 mit dem Titel „Das Bauwerk unserer Zeit“ wurde ihre architektonische Arbeit gemeinsam mit Arbeiten von Peter Behrens, Erich Mendelsohn, Bruno Taut und Max Taut ausgestellt.Bauhaus- und Tessenow-Schülerinnen Dissertation Fachbereich Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung der Universität Kassel, vorgelegt von Corinna Isabel Bauer, 2003.
1935 – 1977
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland konzentrierte sie sich auf private Wohnbauaufträge.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 138–145. Nachdem sie von einem Mitglied der Sturmabteilung (SA) und ehemaligen Kollegen bedroht worden war, reiste Briggs im September 1935 nach London, um Arbeit und Schutz zu suchen.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 143–144. Trotz einiger Schwierigkeiten bei der Erlangung einer Arbeitserlaubnis konnte sie sich 1937 in England niederlassen und begann ihr Architekturbüro wieder aufzubauen. Ihr wichtigster Auftrag in der Nachkriegszeit war das innovative Wohnungsbauprojekt Stowlawn Estate in Bilston in den West Midlands. 1947 erhielt sie die britische Staatsbürgerschaft und wurde Mitglied des Royal Institute of British Architects. Von 1944 bis 1959 verfasste sie Architekturbeiträge für das britische Magazin Homes and Gardens. In den 1950er Jahren reichte Ella Briggs aus England in Berlin einige Klagen auf Wiedergutmachung ein. Sie erhielt eine symbolische Entschädigung.Finding Ella Briggs, ISBN 978-0-691-26395-3, S. 168–169 Ella Briggs starb am 20. Juni 1977 in Enfield, im Norden Londons.
Werke Gesellschaftsräume des Deutschen Theaters, New York City, 1908 (abgerissen) Innenräume des New York Press Club, New York City, 1909 (abgerissen) Pestalozzi-Hof, Wien-Döbling (XIX. Bezirk), Philippovichgasse 2–4, 1925/1926. Ledigenheim (Julius-Tandler-Heim), Wien-Döbling (XIX. Bezirk), Billrothstr. 9, 1926 Wohnhausanlage in Berlin-Mariendorf, Rathausstraße 81–83b / Königstraße 42–43, 1930 Haus Widera, Fontanestraße 18, Kleinmachnow (Berlin), 1933 Stowlawn Estate, Bilston, UK, 1946–47
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