mini|Martha Nussbaum, 2008

Martha Nussbaum, geborene Craven (geboren am 6. Mai 1947 in New York City; auch: Martha C. Nussbaum, Martha Craven Nussbaum), ist Philosophin, Autorin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago.

Leben Jugend und Studium mini|hochkant|Martha Nussbaum, 2010

Nussbaum ist die Tochter von Betty Warren und George Craven, einem erfolgreichen Rechtsanwalt. Ihr Vater hatte sich aus einfachen Verhältnissen zum Partner in einer großen Anwaltskanzlei hochgearbeitet. Ihre Mutter, deren Familiengeschichte angeblich bis zur Mayflower zurückreicht, war Innenarchitektin und gab ihren Beruf zugunsten der Familie auf. Von ihrem Vater habe Nussbaum nach eigenen AngabenInterview: Background, Conversations with History: Institute of International Studies, UC Berkeley, 2006. den Fleiß und das Streben gelernt, ihre Fähigkeiten möglichst auszureizen. Ihrer Mutter hingegen verdanke sie das Bewusstsein, dass in einem guten Leben auch Gefühle und Emotionen eine wichtige Rolle spielen. Kurz nach ihrer Geburt war die Familie nach Philadelphia gezogen. Martha Craven wuchs in einem wohlhabenden weißen und protestantischen Umfeld im Vorort Bryn Mawr auf, in dem Geld und Status wesentlich waren (vgl. White Anglo-Saxon Protestant). In ihrer Jugend entstand Distanz zu diesen Erfahrungen. Damit erklärt sie ihre Ablehnung von Eliten, die sich selbst hochstilisieren, seien es nun die „Bloomsbury Group oder Derrida.“

In der Highschool schrieb sie bereits ein Stück in fünf Akten über den französischen Politiker Robespierre und spielte die französische Nationalheldin Jeanne d’Arc auf der Bühne.Robert Boynton: Anschließend besuchte sie von 1964 bis 1966 das liberale, aber noch nicht koedukative Wellesley College. Im Anschluss studierte Craven klassische Philologie (classics) und Theaterwissenschaften an der New York University. Eine Ausbildung als Schauspielerin gab sie nach einem Jahr auf und fokussierte sich auf die Sprachwissenschaft. Sie erlangte im Jahr 1969 den B.A. und setzte ihr Studium an der Harvard University fort. Im selben Jahr heiratete sie Alan J. Nussbaum, der später Professor für Altphilologie und Linguistik wurde. Aus Anlass der Eheschließung konvertierte Martha Nussbaum zum Judentum.

In den Jahren 1971 und 1972 war sie Teaching Fellow an der Graduate School of Arts & Science in Harvard.

1972 erwarb Martha Nussbaum den M.A. Im selben Jahr wurde sie Mutter. Nach der Geburt ihrer Tochter war sie drei Jahre von der Lehrtätigkeit freigestellt, litt in diesem Zusammenhang aber unter erheblichen Diskriminierungen bis hin zu sexuellen Belästigungen. Zudem vermisste Nussbaum jegliche Rücksicht auf Pflegearbeit für ihre Tochter. Sie wurde 1972 als erste Frau Junior Fellow in Harvard. Dort wurde sie von einem eingesessenen Philologen beglückwünscht, allerdings mit dem Vorschlag, sich statt als „weiblicher Fellow“ doch als „Hetäre“ vorzustellen. Dies bedeutet wörtlich „Gefährtin, Freundin, Genossin“, ist aber eher bekannt als Begriff für eine hochklassige Prostituierte im alten Griechenland.Martha Nussbaum: Cultivating Humanity: A Classical Defense of Reform in Liberal Education. Cambridge/MA 1997, S. 6f.

In Harvard studierte sie bei Bernard Williams während seiner Gastprofessur 1973 und belegte ein Seminar über „Moral Luck“.Martha Nussbaum: The Fragility of Goodness: Luck and Ethics in Greek Tragedy and Philosophy. Cambridge University Press, 1986, Second edition 2001, S. 424, Anmerkung 13. Sie studierte auch mit Hilary Putnam und John Rawls. Letzterer riet Nussbaum, nicht nur für ein Fachpublikum, sondern auch für eine breitere Öffentlichkeit zu schreiben.Scott McLemee: What Makes Martha Nussbaum Run? In den Jahren 1973 und 1974 übte sie eine bezahlte Lehrtätigkeit am Senior Common Room des St. Hugh’s College der Oxford University aus. Ihren Ph.D. in Altphilologie erwarb sie 1975 bei dem Aristoteles-Kenner G. E. L. Owen. Dafür schrieb sie eine Arbeit über das Werk De Motu Animalium / Περὶ ζῴων κινήσεως von Aristoteles. Diese Arbeit erschien 1978 als Buch.

Lehrtätigkeit und Forschung für die United Nations University Nach ihrem Abschluss lehrte Nussbaum acht Jahre lang in Harvard: bis 1980 als Assistant Professor und bis 1983 als Associate Professor. Allerdings hatte sie keine Festanstellung, nachdem ein Antrag auf Tenure an der philologischen Fakultät abgelehnt worden war. Sie wechselte 1984 als Associate Professor mit Festanstellung (tenured) an die Brown University, wo sie 1985 Professorin für Philosophie, Altphilologie und vergleichende Literaturwissenschaften wurde. Eine diese drei Bereiche integrierende Arbeit ist The Fragility of Goodness (dt. „Die Zerbrechlichkeit des Guten“). Es erschien 1986 und war ihr erstes Buch zur Ethik. Damit wurde sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Buch beschreibt sie die Diskussion, ob man als guter und tugendhafter Mensch stets ein gutes Leben führen kann, trotz ständiger kontingenter Schicksalsschläge. Sie nutzt antike Tragödiendichter als Beispiele, um Platons Rationalismus zu verwerfen. Dabei schließt sie sich Aristoteles’ Auffassung an, dass die Idee eines geglückten Lebens immer im Konflikt zum nicht beherrschbaren Schicksal steht. 1987 wurde sie an der Brown University zum David-Benedikt-Professor ernannt. Im selben Jahr wurde ihre Ehe geschieden; sie behielt aber ihren jüdischen Glauben bei.

Auf einem Seminar im Jahr 1986 lernte sie Amartya Sen kennen. Sie folgte der Einladung, dessen Arbeiten mit Argumenten aus philosophischer Sicht zu untermauern. Von 1987 bis 1993 war sie wissenschaftliche Beraterin (Research Advisor) am World Institute for Development Economics Research (WIDER) in Helsinki, einer Abteilung der United Nations University (UNU). In dieser Zeit war Sen für mehrere Jahre auch ihr Lebenspartner. In ihrem Projekt arbeitete sie in jedem Jahr einen Monat in Helsinki und leitete eine Arbeitsgruppe. Diese entwickelte ein Konzept zur Messung der Lebensqualität in Entwicklungsländern. Gegenstand war insbesondere der von Sen konzipierte Befähigungsansatz (Capability Approach), der über den Index der menschlichen Entwicklung und den Human Poverty Index Eingang in die Weltentwicklungsberichte des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) und die internationale Forschung über Armut und Ungleichheit gefunden hat. Nussbaum machte sich mit der Realität Indiens vertraut und führte dort später eigene Feldstudien durch. Sie entwickelte ihre eigene, universalistische Variante des Konzepts, das über die Darstellungen Sens hinaus eine konkrete Liste der Faktoren eines guten Lebens enthält. Ein erster Ausfluss der Arbeiten bei WIDER war der umfangreiche Aufsatz „Aristotelian Social Democracy“ aus dem Jahr 1990.Martha Nussbaum: Aristotelian Social Democracy. In: R. Bruce Douglas, Gerald R. Mara, Henry S. Richardson (Hrsg.): Liberalism and the Good. New York/London 1990, S. 203–252. Die Forschungsergebnisse wurden in den Büchern The Quality of Life (1993 mit Amartya Sen) und Woman, Culture and Development (1995 mit Jonathan Glover) veröffentlicht.

Nussbaums Buch Love’s Knowledge („Erkenntnis der Liebe“) aus dem Jahr 1990 ist die Fortsetzung ihres kulturphilosophischen Programms zur Verbindung von Philosophie und Literatur, nun auch mit modernen Werken wie beispielsweise Romanen von Henry James. Eine der Hauptaussagen des Buches ist, dass Literatur Einsichten und Wahrheiten vermittelt, die durch philosophische Analyse allein nicht zugänglich sind, weil diese den partikularen Einzelfall nicht genügend erfassen. 1990 erhielt sie hierfür den Brandeis Creative Arts Award im Bereich Sachbuch (non-fiction) und im Jahr 1991 den PEN Spielvogel-Diamondsten Award der besten Aufsatzsammlung.

Im Jahr 1993 durfte sie die Gifford Lectures in Edinburgh halten. Mit dem Thema „Need and Recognition: A Theory of Emotions“ (deutsch „Bedürfnis und Erkennen: Eine Theorie der Emotionen“) arbeitete sie einen weiteren Gesichtspunkt aus, der ein grundlegendes Element ihrer Philosophie ist und als Schwerpunkt unmittelbar Eingang in mehrere ihrer Bücher gefunden hat.

1993 war sie als sachverständige Zeugin im Fall Romer gegen EvansRomer v. Evans in der englischsprachigen Wikipedia tätig, in dem es um die Einschränkung von Rechten Homosexueller gegen Diskriminierung ging. In ihrer Stellungnahme behauptete sie, dass die Auffassung, nach der in Platons Nomoi von Ekel gegenüber der Homosexualität die Rede sei, auf einer Fehlinterpretation beruhe. Mit ihrer Aussage setzte sie sich erheblicher Kritik aus, die in Bezug auf eine konkrete Übersetzungsfrage und das zugrunde liegende Wörterbuch bis hin zum Vorwurf von Manipulation und Meineid reichte.The Stand: Expert Witnesses and Ancient Mysteries in a Colorado Courtroom. sowie Robert Boynton: . Auf die Vorwürfe reagierte sie mit dem ausführlichen Artikel „Platonic Love and Colorado Law“,Martha C. Nussbaum: Platonic Love and Colorado Law: The Relevance of Ancient Greek Norms to Modern Sexual Controversies. In: Virginia Law Review. Band 80, Nr. 7, Oktober 1994, S. 1515–1651. auf den sie wiederum eine Replik von einem ihrer Kontrahenten, Robert P. George, erhielt.Robert P. George: „Shameless Acts“ Revisited: Some Questions for Martha Nussbaum. In: Academic Questions. 9, Winter 1995/1996, S. 24–42.

In den Folgejahren erschienen in schneller Folge mehrere Bücher, in denen sie die Philosophie als Therapie und als Grundlage von Bildung und Erziehung thematisierte: In The Therapy of Desire („Die Therapie der Begierde“, 1994) untersucht sie anhand der stoischen Philosophie die Möglichkeit der therapeutischen Funktion der Philosophie. Poetic Justice („Dichterische Gerechtigkeit“, 1995) beruht auf ihren „Alexander Rosenthal Lectures“ von 1991. Nussbaum entwickelt darin den Vorschlag, dass Personen des öffentlichen Lebens, insbesondere Richter, die Literatur einsetzen sollten, um ihren Horizont in Bezug auf Lebenswelten zu erweitern, die ihnen sonst nicht zugänglich sind. Love for Country? („Liebe zum Land?“, 1996), die Dokumentation einer Debatte über den Patriotismus, die Nussbaum ausgelöst hatte, mit 29 Stellungnahmen von Intellektuellen, in der sie sich für einen Vorrang des Multikulturalismus vor dem Patriotismus einsetzt. Cultivating Humanity („Kultivierung der Menschlichkeit“, 1997) ist eine Untersuchung zu Bildungskonzepten an verschiedenen amerikanischen Universitäten und zugleich ein Plädoyer für ein Weltbürgertum und eine liberale Erziehung zum Multikulturalismus. Das Buch wurde 1998 mit dem Ness Book Award der Association of American Colleges and Universities ausgezeichnet und erhielt 2002 den Grawemeyer Award im Bereich Erziehung.

Wechsel nach Chicago mini|hochkant|Nussbaum 2004

Im Jahr 1995 erhielt Nussbaum an der University of Chicago eine Stelle als Professorin für Recht und Ethik. Die Berufung erfolgte für die Rechtsfakultät (Law School) und die Theologische Fakultät (Divinity School) sowie das College der Universität. Darüber hinaus war sie assoziiertes Mitglied in den Fakultäten für Philosophie und Altphilologie.

Im Jahr 1996 erhielt sie die Stelle des Ernst Freund Distinguished Service Professor of Law and Ethics als Mitglied der Fakultäten für Recht, Philosophie und Theologie. Weiterhin ist sie den Fakultäten für Altphilologie und seit 2003 für Politische Wissenschaften assoziiert. Sie ist Mitglied des Committee on Southern Asian Studies, hat den Mitvorsitz des Human Rights Program und ist Gründerin (2002) und Koordinatorin des Center for Comparative Constitutionalism (Zentrum für vergleichende Verfassungsstudien) der Universität in Chicago.