mini|Gutenberg-Bibel der New York Public Library Als Bibel (Femininum in Großschreibung ) oder (Die) Heilige Schrift bezeichnet man die wichtigste religiöse Textsammlung im Judentum wie auch im Christentum. Sie gilt Gläubigen als göttlich inspiriert, mindestens aber als orientierender Maßstab, und wird darum im religiösen wie im kulturellen Leben immer wieder angeeignet. Die jüdische und die christliche Bibel haben sich im Lauf ihrer Entwicklung gegenseitig beeinflusst; sie sind parallel zueinander, teilweise in Abgrenzung voneinander entstanden.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. München 2019, S. 12
Die Bibel des Judentums ist der dreiteilige Tanach, der aus der Tora („Weisung“, auch Torah), den Nevi’im („Propheten“) und Ketuvim („Schriften“) besteht. Während die Tora nach ihrem Selbstzeugnis von Gott dem Mose am Sinai gegeben sei und einige ihrer Texte von Mose auch selbst niedergeschrieben seien, stellt sich dies aus historischer Sicht anders dar. Denn erst seit dem 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelte sich in Israel eine Schriftkultur aus einer vorausgehenden Kultur der mündlichen Überlieferung, und erst in hellenistischer und römischer Zeit hatten größere Teile der Bevölkerung die Möglichkeit, biblische Texte auch privat zu lesen und sich dadurch anzueignen.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. München 2019, S. 14 f. Ein Teil der frühjüdischen Literatur wurde in den jüdischen Bibelkanon aufgenommen, andere Schriften jedoch nicht.
Während dieser Prozess noch im Gange war, entstand das Christentum und bezog sich von Anfang an auf die heiligen Schriften Israels. Jesus von Nazaret deutete sein Wirken im Licht dieser Texte, und die erste christliche Gemeinde sah diese Schriften durch die Auferstehung Jesu Christi als erfüllt an. Das Christentum eignete sich so die heiligen Schriften Israels und weitere frühjüdische Literatur (als Altes Testament) an, schuf aber auch eigene Texte, von denen einige verbindliche Bedeutung erlangten und schließlich als Neues Testament dem Alten Testament angefügt wurden.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. München 2019, S. 16 f.
Die christliche Bibel ist das am häufigsten gedruckte und publizierte und in die meisten Sprachen übersetzte schriftliche Werk der Welt.
Buchtitel Bibel Das Wort „Bibel“ (mittelhochdeutsch bibel, älter biblie) entstand aus kirchenlateinisch biblia,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin/New York 1967; Neudruck („21., unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 73 einem Lehnwort aus dem Koine-Griechischen.
Das Neutrum ist eine Verkleinerungsform des Femininums , benannt nach der phönizischen Hafenstadt Byblos.Karin Schoepflin: Bibel. 2006, S. 1. Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin / New York 1988, Sp. 281 f. Diese Hafenstadt war in der Antike ein Hauptumschlagplatz für Bast, aus dem die Papyrusrollen hergestellt wurden. Der Plural von lautet . In der Septuaginta war vor allem eine ehrfürchtige Bezeichnung für die Tora; Johannes Chrysostomos bezeichnete als erster mit diesem Plural die Gesamtheit der christlichen heiligen Schriften (Altes und Neues Testament). mini|Esra vor einem Schrank mit biblischen Büchern (Codex Amiatinus) Im Kirchenlatein wurde die Bezeichnung biblia zunächst als Neutrum Plural , seit etwa 1000 n. Chr. aber als Femininum Singular aufgefasst. Die nationalen Sprachen übernahmen das Wort im Singular; im Deutschen wurde es zu Bibel. „Der Name deutet an: Was uns heute als ein einziger Band in Händen liegt und was wir mit Selbstverständlichkeit als eine Einheit verstehen: die Bibel, ist tatsächlich eine Vielheit.“Christoph Levin: Das Alte Testament. 4. Auflage. München 2010, S. 17 Die Bezeichnung als „Buch der Bücher“ bringt einerseits die religiöse Bedeutung der Bibel zum Ausdruck, andererseits die innere Pluralität.
Auch nachdem der Kodex als Buchform die Schriftrolle abgelöst hatte, wurden nur selten alle biblischen Schriften in einem Buch vereint; die Regel war, dass die Bibel als Sammlung mehrteiliger Bücher in einem Bücherschrank, etwa im Skriptorium eines Klosters, existierte, wie es die Illustration des Codex Amiatinus (frühes 8. Jahrhundert, Northumbrien) zeigt. Dass ein einziges Buch annähernd die gesamte jüdische oder christliche Bibel enthielt, wurde erst mit der Erfindung des Buchdrucks allgemein üblich.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften. München 2019, S. 21
Heilige Schrift Das Neue Testament bezieht sich auf die heiligen Schriften des Judentums häufig mit dem Ausdruck „die [heiligen] Schriften“ und folgt damit jüdisch-hellenistischem Sprachgebrauch. Einmal verwendet Paulus von Tarsus auch die Form „heilige Schriften“ . Der Singular „die Schrift“ bezeichnet im Neuen Testament häufig einen einzelnen Satz (modern gesprochen: eine Bibelstelle), aber auch die jüdischen heiligen Schriften als eine Einheit – auch das hat Parallelen im Judentum, zum Beispiel bei Philon von Alexandria und in den Chronikbüchern.Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage. Berlin / New York 1988, Sp. 331 f. In der Alten Kirche setzt sich dieser Sprachgebrauch fort; als „heilige Schrift(en)“ wird dann auch die Gesamtheit von Büchern des Alten und des Neuen Testaments bezeichnet.
Altes und Neues Testament
Dass die beiden Teile der christlichen Bibel als Altes und Neues Testament bezeichnet werden, geht auf Paulus von Tarsus zurück, der einen alten und einen neuen „Bund“ gegenüberstellte. Der alte Bund wird durch die Tora des Mose repräsentiert . Paulus sah sich selbst als Diener des neuen Bundes, der durch Christus vermittelt sei und bei der Abendmahlsfeier vergegenwärtigt werde . Im Brief an die Hebräer entfaltet ein anonymer christlicher Autor, inwiefern der neue Bund den alten ersetze. Stets ist mit „Bund“ (, lateinisch: testamentum) eine Ordnung und nicht etwa ein Buch oder eine Schriftensammlung gemeint.Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften, München 2019, S. 32–34.
Melito von Sardes prägte um 180 n. Chr. für den ersten Teil der christlichen Bibel den Begriff „Bücher des alten Bundes“ und legte zugleich auch eine Liste der damit gemeinten Schriften vor. Er berichtete darüber in einem Brief an seinen Bruder Onesimos, der im Exzerpt durch Eusebius von Caesarea erhalten blieb:
Auffällig ist, dass Melito das Buch Ester nicht nennt, und auch nicht die deuterokanonischen Schriften, also jüdische Schriften, die sich in der Septuaginta, nicht aber im Tanach finden: Buch Judit, Buch Tobit, 1. Buch der Makkabäer, 2. Buch der Makkabäer, Baruch, Buch der Weisheit und Jesus Sirach. Die Anerkennung dieser Bücher als Heilige Schriften verlief im Christentum recht zögerlich: im lateinischen Westen um 400, im Osten erst im 7. Jahrhundert. Das war umstritten – Hieronymus plädierte dagegen – und die Motive sind nicht ganz klar. Eine Rolle könnte gespielt haben, dass Tobit, Jesus Sirach und das Buch der Weisheit als religiöse Erbauungsliteratur beliebt waren und sich auch für den Unterricht von Neuchristen einsetzen ließen.Erich Zenger, Christian Frevel: Heilige Schrift der Juden und der Christen. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Stuttgart 2016, S. 11–36, hier: S. 29.
„Melitos Formulierung … ist … so aufzufassen, dass der ‚alte Bund‘ Gottes mit Israel durch die genannten Schriften repräsentiert wird, aber nicht, dass diese Schriften selbst ‚Bund‘ bzw. ‚Testament‘ heißen.“Konrad Schmid, Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften, München 2019, S. 36. Ein solcher Sprachgebrauch wurde erst um 200 n. Chr. üblich und ist dann bei Clemens von Alexandria und Origenes anzutreffen.
Ende des 20. Jahrhunderts schlugen christliche Theologen vor, den Begriff „Altes Testament“ aufzugeben, da er ihrer Ansicht nach abwertend klinge, und stattdessen vom „Ersten Testament“ zu sprechen (Erich Zenger, J. A. Sanders). Diese Begriffsprägung konnte sich nicht allgemein durchsetzen, zumal die Antike Altes grundsätzlich höher als Neues einschätzte.
Zitierweise
Die Bibel wird nicht nach Seitenzahlen, sondern nach Buch, Kapitel und Vers zitiert. Das hat den Vorteil, dass verschiedene Bibelübersetzungen oder Ausgaben verglichen werden können. Außerdem kann der Leser mit dieser Methode seine Übersetzung und den hebräischen oder griechischen Bibeltext vergleichen.
Besonderheiten: Das Buch der Psalmen ist eine Zusammenstellung von einzelnen Dichtungen. Die 150 Kapitel dieses Buchs werden als „Psalmen“ bezeichnet: Ps 23, 2 ist daher „Psalm 23, Vers 2“ und nicht etwa „Psalmen, Kapitel 23, Vers 2.“ Die kürzesten Bücher der Bibel (Obadja, Brief des Paulus an Philemon, 2. Brief des Johannes, 3. Brief des Johannes, Brief des Judas) haben keine Kapiteleinteilung und werden nur mit Angabe des Verses zitiert. Das Buch Ester hat in der römisch-katholischen Einheitsübersetzung einen griechisch-hebräischen Mischtext zur Grundlage, während protestantische Bibeln nur die Übersetzung des hebräischen Textes des Buches Ester enthalten. Die Überschüsse des griechischen Textes werden in der Einheitsübersetzung nicht als eigene Verse gezählt, sondern mit kleinen lateinischen Buchstaben bezeichnet. In der Lutherbibel (2017) sind diese Überschüsse als Stücke zum Buch Ester in den „Apokryphen“ (Anhang zum Alten Testament) aufgeführt; die einzelnen Textabschnitte sind dort von A bis F bezeichnet und weiter nach Versnummern untergliedert. Diese Bezeichnungssysteme sind also nicht miteinander kompatibel. Das deuterokanonische Buch Jesus Sirach hatte in der Lutherbibel eine gegenüber anderen Bibelausgaben abweichende Zählung; seit der Revision von 2017 hat die Lutherbibel aber die Kapitel- und Verszählung der Einheitsübersetzung übernommen.
Die Kopisten der Hebräischen Bibel entwickelten zum Zweck der Textsicherung ein System von Sinnabschnitten und Versen: Jeder Sinnabschnitt begann mit einer neuen Zeile. Wenn eine weitere Untergliederung notwendig war, so ließ man einen Leerraum innerhalb der Zeile. Diese Unterteilung wird seit dem späten Mittelalter auch durch die hebräischen Buchstaben פ und ס im Text markiert. Parallel dazu entstand eine Unterteilung des Textes in Verse (markiert durch Sof pasuq). Die Verszählung selbst stammt aus der Vulgata-Tradition. Nachdem die heute übliche Kapiteleinteilung im 13. Jahrhundert von Stephan Langton vorgenommen wurde, nummerierte der Pariser Buchdrucker Robert Estienne im 16. Jahrhundert in seinen Bibelausgaben Kapitel und Verse.Heinz-Josef Fabry: Der Text und seine Geschichte. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Stuttgart 2016, S. 37–66, hier: S. 44 f.
Die hebräische Bibel: Tanach
Entstehung des masoretischen Textes mini|hochkant|Große Jesajarolle, eine der ältesten und besterhaltenen Bibelhandschriften, ca. 180 v. Chr. mini|hochkant|Codex von Aleppo, Tora (Deuteronomium) Der Tanach oder Tenach (), ein Akronym aus den drei Anfangsbuchstaben seiner Teile, wurde überwiegend auf Hebräisch, kurze Passagen auch auf Aramäisch verfasst. Dieser sogenannte Masoretische Text (besser: Masoretische Textgruppe) hat einen langen Normierungsprozess durchlaufen, der im 8./9. Jahrhundert n. Chr. abgeschlossen war.