Unter Faktorausstattung () versteht man in der Volkswirtschaftslehre die Faktorproportionen zwischen den drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital in einem Staat. Die Faktorausstattung einer Volkswirtschaft beeinflusst Vorteilhaftigkeit und Richtung des Außenhandels.

Allgemeines Faktorproportionen stellen das Verhältnis des mengenmäßigen Einsatzes der verschiedenen Produktionsfaktoren eines ProduktionsprozessesReinhold Sellien (Hrsg.), Dr. Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band II, 1977 Sp. 1434 oder innerhalb eines Staates dar. Großstaaten können ohne weiteres die gleichen Faktorproportionen wie Kleinstaaten haben, auch wenn die absolute Faktorausstattung viel größer ist.Peter Zweifel/Robert H. Heller, Internationaler Handel: Theorie und Empirie, 1992, S. 119

Die Wirtschaftskraft eines Staates hängt entscheidend von seiner Faktorausstattung ab.Daniel Krayl, Möglichkeiten und Grenzen einer Wirtschafts- und Währungsunion im asiatischen Raum, 2009, S. 86 Es ist daher kein Zufall, dass Entwicklungs- und Schwellenländer eine geringere oder ungünstigere Faktorausstattung gegenüber Industriestaaten aufweisen.Eckhard Kohl/Jan Bergmann, Europäischer Finanzausgleich: Gewinner und Verlierer der EU-Politiken, 1998, S. 70; ISBN 9783893440474 Unterschiedliche Faktorausstattung, Preisniveau und Produktionsstruktur zwischen den Staaten fördern oder behindern die Faktormobilität.

Begriffserläuterung Die Dreiteilung der Produktionsfaktoren in Arbeit, Boden und Kapital geht auf die Physiokratie des 18. Jahrhunderts zurück. Sie etablierte sich in der klassischen Volkswirtschaftslehre. In neueren Ansätzen werden häufig auch Wissen (Humankapital) oder die Unternehmensführung als Produktionsfaktor angesehen.Artur Woll, Wirtschaftslexikon, 10. Auflage, Oldenbourg/München, 2008, S. 625; ISBN 9783486250602

Arbeit

Unter Arbeit wird jede menschliche Tätigkeit verstanden, die der Bedürfnisbefriedigung dient und darauf abzielt, Einkommen zu erwirtschaften. Der Preis der Arbeit ist dabei der Arbeitslohn. Hierzu zählen folglich sowohl die Leistungen der unselbständig beschäftigten Arbeitnehmer, als auch die Leistungen der Unternehmenseigentümer.Artur Woll, Wirtschaftslexikon, 10. Auflage, Oldenbourg/München, 2008, S. 34, S. 625

Dabei ist zu beachten, dass es bei dem Produktionsfaktor Arbeit erhebliche Qualifikationsunterschiede gibt, die für die Güterproduktion von erheblicher Bedeutung sind. So ist beispielsweise nachgewiesen worden, dass die USA und andere Industrieländer über einen relativ hohen Bestand an hochqualifizierten Arbeitskräften verfügen. Diese Länder zeichnen sich demzufolge durch einen hohen Bestand an Humankapital aus, während Entwicklungsländer reichlich mit ungelernten, unqualifizierten Arbeitskräften ausgestattet sind.Gustav Dieckheuer, Internationale Wirtschaftsbeziehungen, 5. Auflage, Oldenbourg/München, 2001, S. 98; ISBN 9783486599688

Boden

Der Produktionsfaktor Boden umfasste ursprünglich nur die land- und forstwirtschaftliche Nutzfläche, wie beispielsweise Äcker und Wälder. Derzeit bezeichnet der Produktionsfaktor Boden zusätzlich den Boden als Standort für Unternehmen und den Fundort für Bodenschätze (Kohle, Eisenerz etc.). In einigen Ansätzen wird heutzutage der Produktionsfaktor Boden durch den Produktionsfaktor Umwelt (natürliche Ressourcen) ersetzt, der dann die Faktoren Boden, Gewässer (Fischfang), Luft und belebte Natur zusammenfasst.Artur Woll, Wirtschaftslexikon, 10. Auflage, Oldenbourg/München, 2008, S. 625

Kapital

Der Produktionsfaktor Kapital untergliedert sich in Sach- bzw. Realkapital und in Geldkapital. Zum Realkapital zählen alle vorher produzierten Produktionsmittel, die an der weiteren Güter- und Dienstleistungsproduktion beteiligt sind. Die Produktionsmittel lassen sich sowohl in dauerhafte Produktionsmittel als auch nicht dauerhafte Produktionsmittel unterscheiden. Zu den dauerhaften Produktionsmitteln gehören z. B. Maschinen, Gebäude und Lagerbestände. Die nicht dauerhaften Produktionsmittel werden von anderen Unternehmen bezogen und fließen als Vorleistungen in den Produktionsprozess ein (z. B. Rohstoffe, Energie).Artur Woll, Wirtschaftslexikon, 10. Auflage, Oldenbourg/München, 2008, S. 625 Da das Sachkapital folglich den „Bestand an Produktionsausrüstung“ bezeichnet, ist es mit dem Kapitalstock vergleichbar. Das Geldkapital ist vom Sachkapital zu trennen und kritisch zu beurteilen. Es umfasst ungebundene Geldmittel wie Banknoten im Umlauf und Kassenbestand. Demnach ist es nicht möglich, mit Geldkapital Produktionsmittel herzustellen bzw. zu produzieren. Jedoch kann es als Tauschmittel verwendet werden, wobei mittels Investitionen Geldkapital in Sachkapital umgewandelt werden.iwk-svk-dresden.de: Dementsprechend dient es zur Erneuerung und Erweiterung des Kapitalstocks. Dies wirkt sich positiv auf die anderen Produktionsfaktoren (Arbeit und Boden) aus, da durch neue und innovative Maschinen die Arbeit schneller verrichtet werden kann.

Arten Unterschieden wird zwischen quantitativer und qualitativer Faktorausstattung.Uwe Vollmer, Ökonomische und politische Grenzen von Wirtschaftsräumen, 2006, S. 87; ISBN 9783428122783 quantitative Faktorausstattung: Arbeit: Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung, Boden: vorhandene Nutzungsarten des Bodens in km² (Ackerflächen, Waldflächen, Fischerei) der Staatsfläche. qualitative Faktorausstattung: Arbeit: Hier wird das Humankapital berückstigt.Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 394 Hierzu gehören unter anderem Ausbildung, Fachkenntnisse, Berufserfahrung, Arbeitsmotivation oder Arbeitsqualität. Boden: Ökologische Landwirtschaft, Standortfaktoren, Umweltschutz. Quantitativ ist der Boden als Staatsfläche nicht veränderbar, qualitativ dagegen kann die Zusammensetzung der Bodenarten und damit die Landnutzung – begrenzt – verändert werden. Wesentliche Verbesserungen in der Faktorausstattung können sich beim Boden durch Exploration von Lagerstätten (Rohöl im mittleren Osten, Gold und Diamanten in Afrika) oder Melioration ergeben.

Die quantitative Faktorausstattung eines Staates bestimmt die Art seiner exportierten Güter, und zwar prinzipiell solcher, die faktorintensiv mit jenem Produktionsfaktor produziert werden, der in diesem Staat am besten verfügbar ist.Richard E. Reichel, Direktinvestitionen deutscher Unternehmungen in den USA, 1982, S. 69; ISBN 9783884853276

Ausprägungen der Faktorausstattung Absolute Faktorausstattung Die absolute Faktorausstattung drückt sich in absoluten Zahlen aus, also wie viele Einheiten eines Produktionsfaktors tatsächlich in einer Volkswirtschaft vorhanden sind. Beispiele dafür wären die absolute Anzahl an Arbeitskräften oder Maschinen.

Oft ist es jedoch sinnvoll, den einen Produktionsfaktor in ein Verhältnis mit einem anderen zu setzen, um die Volkswirtschaften zu vergleichen. Mit dieser Thematik befasst sich der nächste Gliederungspunkt. Grundsätzlich gilt, dass, je mehr Produktionsfaktoren eine Volkswirtschaft – absolut gesehen – vorweisen kann, diese umso mehr Waren herstellen und Dienstleistungen erbringen kann.

Relative Faktorausstattung Die relative Faktorausstattung setzt, im Gegensatz zur absoluten Faktorausstattung, die Anzahl von vorhandenen Produktionseinheiten eines Produktionsfaktors in das Verhältnis zur Anzahl der Einheiten eines anderen Produktionsfaktors. Man bildet somit einen Quotienten aus den Produktionsfaktoren. Diese Ausprägung macht die Faktorausstattung durch die Verhältnissetzung besser messbar und vergleichbar. Hierzu könnte man die Anzahl der Erwerbstätigen in das Verhältnis mit der Fläche eines Landes, beziehungsweise des Bodens, setzten und dies mit einer weiteren Volkswirtschaft vergleichen.

Faktorintensität Dominiert in der Faktorausstattung ein Produktionsfaktor, so findet er sich in den produzierten Gütern und Dienstleistungen überproportional wieder. Dominiert die Arbeit, werden überwiegend arbeitsintensive Leistungen hergestellt, bei vorherrschendem Kapital entsprechend kapitalintensive, beim Boden Agrarprodukte, Naturprodukte, Holzwirtschaft oder Fischereiprodukte. Dieser Umstand wird Faktorintensität genannt. Sie führt dazu, dass ein Staat arbeitsintensive Güter in einen anderen Staat exportiert (komparativer Kostenvorteil), der seinerseits kapitalintensive Güter exportieren kann. Dieser Außenhandel widerspricht dem Heckscher-Ohlin-Theorem und folgt dem Leontief-Paradoxon.Manfred Borchert, Außenwirtschaftslehre: Theorie und Politik, 2001, S. 120 Das Heckscher-Ohlin-Theorem erklärt Richtung und Struktur des Außenhandels mit der Faktorausstattung der beteiligten Staaten,Volker Häfner, Gabler Volkswirtschafts-Lexikon, 1983, S. 184; ISBN 9783409991827 das Leontief-Paradoxon berücksichtigt die qualitative Faktorausstattung und modifiziert das Faktorproportionentheorem um den qualitativen Aspekt der Faktorausstattung.Udo Broll, Internationaler Handel, 1993, S. 35 ff.; ISBN 9783486220414

Länder mit vielen Arbeitskräften und Rohstoffen (insbesondere Entwicklungsländer) sollten deshalb arbeits- und rohstoffintensive Güter exportieren, Industriestaaten mit viel Kapital und Technologien sollten sich auf kapital- und technologie-intensive Güter konzentrieren.

Faktorausstattung und Außenhandel Modellannahmen mit identischer Faktorausstattung Historische Einordnung Der englische Ökonom David Ricardo (1772–1823) entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Prinzip der komparativen Kostenvorteile, welches einen Kernpunkt der Außenhandelstheorie darstellt. Sein Schaffen diesbezüglich erreichte im Jahre 1817 mit der Veröffentlichung seines Werkes On the Principles of Political Economy and Taxation seinen Höhepunkt.Fritz Söllner, Die Geschichte des ökonomischen Denkens, 2. Auflage, Springer-Verlag/Berlin-Heidelberg, 2001, S. 39; ISBN 9783540660927

Erklärung Die ökonomische Theorie versucht bei der Herausarbeitung der Außenhandelsströme die komplexe Realität durch eine einfache Wirkungsanalyse darzustellen. Hierbei sollen Komponenten betrachtet werden, von denen angenommen wird, dass sie die Hauptursachen des Untersuchungsgegenstandes ausmachen. Von besonderem Interesse sind die Hintergründe der Güterauswahl im Import und Export einer Volkswirtschaft, also die Frage nach den Ursachen von Handelsströmen.Manfred Borchert, Außenwirtschaftslehre, 7. Auflage, Gabler/Wiesbaden, 2001, S. 25; ISBN 9783409639064 In seinen theoretischen Ansätzen führt David Ricardo den Produktionsaufwand allein auf die Arbeitsleistung zurück. Wird zudem angenommen, dass die Arbeitseinheiten überall qualitativ gleichwertig sind, reduzieren sich die Erklärungsversuche auf die unterschiedlichen Produktionsbedingungen. Diese Produktionsbedingungen äußern sich durch verschiedenartige Produktionsfunktionen, mit Hilfe derer die jeweils international gleichartigen Güter hergestellt werden. Inwiefern Transportkosten den Außenhandel beeinflussen, wird im Modell außer Acht gelassen. Zur Vereinfachung wird außerdem von der Gleichheit der Kosten und Preise – also von vollkommener Konkurrenz – ausgegangen.Manfred Borchert, Außenwirtschaftslehre, 7. Auflage, Gabler/Wiesbaden, 2001, S. 26–27

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