mini|Der Wandernde Jude von Gustave Doré, 1862 Der Ewige Jude (oder Wandernde Jude) ist die Hauptfigur einer christlichen Volkssage, die seit dem 13. Jahrhundert Verbreitung fand. Die Sage thematisierte ursprünglich einen Menschen unbekannter Herkunft, der Jesus Christus auf dessen Weg zur Kreuzigung verspottete und dafür von diesem verflucht wurde, unsterblich seine Wiederkunft zu erwarten. Bereits in den frühen Formen der Legende wurde die Figur gelegentlich als Jude bezeichnet, aber längst nicht immer. In der einzigen ausführlichen Version des 13. Jahrhunderts heißt der ‚ewig Lebende‘ Cartaphilus und soll ein – wahrscheinlich römischer – Türhüter des Pontius Pilatus gewesen sein.
Eine anonyme deutschsprachige Schrift mit dem Titel Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden mit Namen Ahasverus, gedruckt erschienen in Leiden 1602, machte aus dieser Figur einen rastlos wandernden Juden und gab ihr den Namen Ahasverus (eine Anspielung auf einen altpersischen König). Diese neue Version der Legende verbreitete sich in ganz Europa.
Die Figur des ewig durch die Zeiten wandernden Juden ging in den verschiedenen Ländern unter verschiedenen Namen in die Volkssagen ein: Cartaphilus, Johannes Buttadeus, Mattathias, Paul Marrane und andereA table of the letters and matters. In: The Turkish Spy, Band 3, A. Wilde, London 1770; .. In Frankreich ist der Name Isaac Laquedem geläufig,Marcello Massenzio: Le Juif errant entre mythe et histoire. Trois variations sur le thème de la Passion selon le Juif errant, Annuaire de l’École pratique des hautes études (EPHE), Section des sciences religieuses, 115 sowohl aus Legenden als auch aus einer Novelle von Alexandre Dumas.
Die Gestalt wurde seither in zahlreichen literarischen Werken, in Kunst und Musik thematisiert. Sie spielte im Antisemitismus bis hin zur nationalsozialistischen Propaganda in der Zeit des Nationalsozialismus eine Rolle.
Inhalt der Schrift von 1602 mini|Bearbeitung des Motivs „Ewiger Jude“, Basel, 1820–1840, Jüdisches Museum der Schweiz
Die im Jahr 1602 gedruckte Erzählung enthält die Grundzüge aller ihr folgenden Varianten:
Der Schuhmacher Ahasverus habe zur Zeit Christi in Jerusalem gelebt, Christus für einen „Ketzer und Verführer“ gehalten und sich für seine Verurteilung und Hinrichtung eingesetzt, „weil er anders nichts gewusst“. Als Christus das Kreuz zur Hinrichtungsstätte trug, habe Ahasverus ihm eine kurze Rast vor seinem Haus verweigert. Christus habe ihn angesehen und zu ihm gesagt:
Daraufhin habe er nicht in seinem Haus bleiben können. Er sei Christus gefolgt und habe zugesehen, wie er hingerichtet wurde; anschließend habe er nicht nach Jerusalem zurückkehren können. Seither wandere er durch alle Länder. Er wisse nicht, was Gott mit ihm vorhabe,
Ahasverus spreche immer die Landessprache und zeige Demut und Gottesfurcht. Zuletzt habe er sich in Hamburg aufgehalten und sei 1599 nach Danzig gekommen. Der spätere Schleswiger Bischof Paul von Eitzen (1521–1598) habe ihn 1542 in Hamburg während eines Gottesdiensts gesehen. Die Bewegung des Fremden bei der Nennung des Namens Jesus Christus sei ihm aufgefallen; deshalb habe er ihn später befragt und seine Geschichte erfahren. Von Eitzen habe sie mehrmals dem Autor und anderen weitererzählt.
Früheste Formen der Legende mini|Der Wandernde Jude, Samuel Hirszenberg, 1899 Im 7. Jahrhundert, am Ende des 12. Jahrhunderts und vor allem im 13. Jahrhundert wurden verschiedene frühe Versionen der Legende aufgezeichnet. Gemeinsames Element ist das unaufhörliche Leben eines Menschen, der bei der Passion Jesu zugegen war. Ob er Jude, Römer oder ‚Äthiopier‘ war, steht nicht im Zentrum des Interesses; von einem Zwang zu ruhelosem Wandern ist nie die Rede.
Johannes Moschos, um 610/620 Bereits im frühen 7. Jahrhundert erwähnte der byzantinische Mönch Johannes Moschos († um 620) einen ‚Äthiopier‘, der Christus vor dessen Kreuzigung geschlagen habe und seither unaufhörlich weinen müsse.Iris Shagrir: The Hidden Jew of Jerusalem: The Legend of the Eternal Jew in Medieval and Early Modern Pilgrimage Narratives. In: Viator. Band 49, 2018, S. 336. Auf Zypern hatte ein Mönch, der nach einer schweren Sünde selbst nicht mehr aufhören konnte zu weinen, berichtet, er habe diesen ‚ewig Weinenden‘ getroffen:
Burchard von Straßburg, um 1180/1190 In Westeuropa schrieb Burchard von Straßburg († nach 1194), der um 1175 von Friedrich Barbarossa mit einer Gesandtschaft an Sultan Saladin betraut worden war, möglicherweise als ErsterShagrir 2018, S. 337. einen Satz über einen ‚ewig Lebenden‘ nieder, dessen Name Johannes Buddeus laute. Am Ende eines kurzen Textes über die Verehrung der Mutter Gottes in einem syrischen Kloster fügte Burchard an:
Chronik von Santa Maria della Ferraria, 1223 Eine Chronik aus dem Kloster Santa Maria della Ferraria in Kampanien bezeichnete in einem Eintrag zum Jahr 1223 den Mann, den Reisende in Armenien gesehen hätten, als „einen Juden“ (quendam Iudeum). Von den heute bekannten Berichten ist dies der früheste, der das Wort enthält.Shagrir 2018, S. 338.
Roger von Wendover, 1228 Den vermutlich einzigen ausführlichen Bericht über den ‚ewig Lebenden‘ vor 1602 schrieb der englische Mönch Roger von Wendover († 1236) in seiner Weltchronik Flores Historiarum (‚Blumen der Geschichte‘).
Gemäß Rogers Eintrag zum Jahr 1228 erzählte ein armenischer Erzbischof von einem Mann namens Joseph, der die Passion Jesu miterlebt habe und immer noch lebe. Joseph, der damals Cartaphilus geheißen habe und Türhüter im Dienste des Pontius Pilatus gewesen sei, habe den verurteilten Jesus geschlagen und spottend aufgefordert, schneller zu gehen. Als Strafe habe ihn dieser dazu verdammt, lebend seine Wiederkunft zu erwarten. Joseph sei nun ein vorbildlicher Christ und werde als Zeuge der Auferstehung Christi von den Bischöfen sehr geschätzt.
Die Worte Christi („ich gehe, und du wirst warten, bis ich zurückkehre“) sind in Rogers Bericht fast dieselben wie in der italienischen Chronik von 1223, und auch das Motiv der regelmäßigen Verjüngung der Hauptfigur kommt in beiden Versionen vor.
Roger von Wendovers Nachfolger Matthaeus Parisiensis († 1259) übernahm die Erzählung in seinem Werk Chronica maiora mit geringfügigen Änderungen; in einer Illustration am Rand des Manuskripts stellte er aber Cartaphilus als Juden dar. Seine Chronik erfreute sich später großer Beliebtheit. Sie wurde 1571 in London und 1589 in Zürich gedruckt, könnte also dem Autor der Schrift von 1602 bekannt gewesen sein.Shagrir 2018, S. 341. – Zürcher Ausgabe von 1589, S. 339: De Joseph, qui … (nicht illustriert). Die Kurtze Beschreibung und Erzehlung stimmt in der Darstellung des gottesfürchtigen und demütigen Bekehrten, welcher das Passionsgeschehen bezeugen kann, weitgehend mit Roger von Wendovers Bericht überein.Leonhard Neubaur: Die Sage vom ewigen Juden. 2. Auflage. Hinrichs, Leipzig 1893, S. 48–49.
Philippe Mouskes, um 1245 Philippe Mouskes aus Flandern († 1282) berief sich in seiner Reimchronik auf den gleichen armenischen Erzbischof wie Roger von Wendover. In altfranzösischen Versen gestaltete er folgende Version der Legende:
Die Taufe durch Ananias ist der Version von Mouskes und derjenigen von Roger von Wendover gemeinsam; die regelmäßige Verjüngung wird bereits zum dritten Mal erwähnt. Das Vergehen der Hauptfigur hingegen wird von Mouskes eigenwillig abgewandelt. Ob der Sünder selbst ein Jude war, geht aus den Versen nicht direkt hervor, aber er wird im wörtlichen Sinn als Mitläufer der Juden dargestellt, die Jesus zum Kreuz führten. Diese nennt Mouskes li faus Judeu, „die falschen Juden“: Die oben zitierte Übersetzung von Leonhard Neubaur (1893) unterschlägt das Adjektiv.
Biblische Anknüpfungspunkte mini|Motiv des „Ewigen Juden“ in einer Studie zur Vorbereitung des Gemäldes Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy, 1880 mini|Christus vor Pilatus, Mihály von Munkácsy, 1881
Die mittelalterliche Legendenfigur Johannes Buttadeus bzw. Cartaphilus („der sehr geliebte“Siehe Erklärung des Namens im Artikel „Cartaphilus“., was ebenfalls auf den ‚Lieblingsjünger‘ Johannes hinweist) geht wahrscheinlich auf eine Verschmelzung von zwei ganz unterschiedlichen biblischen Motiven im Volksglauben zurück: einerseits Unsterblichkeit als Belohnung für Johannes, anderseits Gewalt gegenüber Jesus bzw. seine Verspottung während der Passion.Neubaur 1893, S. 6. / Shagrir 2018, S. 336. / Michael Tilly: Der „Ewige Jude“ in England. Die mittelalterliche Cartaphilus-Legende in ihrem historischen Kontext. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Band 47, Nr. 4, 1995, S. 296–297, .
Leben bis zur Wiederkehr Christi: Johannes Auf dem Titelblatt der Kurtzen Beschreibung von 1602 wurde „Mathei am 16.“ zitiert ():
Noch wichtiger für die Entstehung von Legenden über einen ‚ewig Lebenden‘ war wohl eine Stelle am Ende des Johannesevangeliums (),Tilly 1995, S. 296–297. wo Jesus zu Petrus über seinen Lieblingsjünger Johannes sagt:
Der Evangelist stellt klar, dass Jesus nicht gesagt habe, Johannes werde nicht sterben – wie andere Jünger gefolgert hätten. Doch der Glaube an die Unsterblichkeit des Johannes hielt sich im Volksglauben hartnäckig, wie Quellen aus dem 3., 4. und 12. Jahrhundert belegen.Neubaur 1893, S. 2. / Tilly 1995, S. 297.
Übeltäter: „Malchus“ In den Evangelien werden mehrfach Frevler erwähnt, die Jesus misshandelten und verspotteten, z. B. Diener des Hohepriesters () und römische Soldaten (). Die wichtigsten Anknüpfungspunkte dieser Art lieferten wahrscheinlich die folgenden zwei Schilderungen im Johannesevangelium:Tilly 1995, S. 296. Malchus, Mitglied der bewaffneten Tempelwache, die Jesus festnehmen sollte, soll dabei auf den Widerstand des Simon Petrus gestoßen sein, der ihm mit dem Schwert ein Ohr abhieb (). Ein anderer, ungenannter Diener soll beim Verhör Jesu durch Hannas zugegen gewesen sein und Jesus ins Gesicht geschlagen haben, als dieser den Hohepriester auf die öffentlichen Zeugen seiner Predigt verwies (). Der Schläger wurde schon von altkirchlichen Autoren wie Johannes Chrysostomos mit Malchus identifiziert, womit dieser als besonders verächtlich galt.Wolfgang Pöhlmann: Ahasver, der wandernde Jude. Eine europäische Legende, darin: 6.2 Malchus. In: Katarzyna Stokłosa, Andrea Strübind (Hrsg.): Glaube – Freiheit – Diktatur in Europa und den USA. Festschrift für Gerhard Besier zum 60. Geburtstag. Göttingen 2007, S. 344f. Die Bestrafung solcher Übeltäter ist in den Evangelien kein Thema. Doch lag es nahe, sich eine solche vorzustellen, und das Motiv ewiger Strafe für Frevel gegenüber einer Gottheit war aus der antiken Sagenwelt bekannt.Tilly 1995 (S. 297) nennt als Beispiele Sisyphus, Ixion und Tantalus.
Zu ruheloser Wanderschaft verdammt: Kain In Kain, den Gott nach seinem Brudermord an Abel zu ruheloser Wanderschaft verurteilte, zugleich aber mit einem Zeichen vor Totschlag schützte (), sah man nach christlicher Interpretation ab dem 4. Jahrhundert eine biblische Analogie zum Schicksal des jüdischen Volkes.Tilly 1995, S. 297–298. Zur mittelalterlichen Figur Johannes Buttadeus bzw. Cartaphilus passt der Vergleich mit Kain relativ schlecht, denn dieser war nicht unsterblich und Cartaphilus kein ‚Wanderer‘. Der Autor der Schrift von 1602 hingegen könnte aus der Geschichte Kains das Motiv des Zwangs zur Wanderschaft bezogen haben, und später wurde Ahasver ebenso wie Kain als Repräsentant des jüdischen Volkes gedeutet (siehe unten, „Deutungstradition“).
Josef von Arimathäa; Ahasveros