Das Wort Theosophie (von „göttliche Weisheit“) ist eine Sammelbezeichnung für mystisch-religiöse und spekulativ-naturphilosophische Denkansätze, die die Welt pantheistisch als Entwicklung Gottes auffassen, alles Wissen direkt auf Gott beziehen und in dieser Verbindung Gott oder das Göttliche auf einem Weg intuitiver Schauung unmittelbar zu erfahren trachten. Theosophische Züge finden sich unter anderem in den mystischen Lehren von Jakob Böhme, Friedrich Christoph Oetinger, Paracelsus, Emanuel Swedenborg und Louis Claude de Saint-Martin, der jüdischen Kabbala und der russischen Religionsphilosophie.

Davon ist die unter demselben Namen begründete esoterische Lehre der Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891) zu unterscheiden.

Begriffsgeschichte Das Wort Theosophie ist vermutlich durch Vermischung der Begriffe Theologie und Philosophie entstanden. Schon der im späten 2. und frühen 3. Jahrhundert lehrende Kirchenvater Clemens von Alexandria verwendete das Adjektiv . Bei dem Neuplatoniker Porphyrios († 301/305) ist zum ersten Mal die Verwendung des Substantivs bezeugt. Porphyrios bezeichnete damit eine auf Göttliches bezogene Weisheit. Er zählte unter anderem die indischen Gymnosophisten zu den „Theosophen“. Spätere neuplatonische Philosophen wie Iamblichos und Proklos sowie Kirchenschriftsteller wie Eusebius von Caesarea nahmen den Begriff auf – teils in der adjektivischen Form. Eusebius bezeichnete das Christentum als die „neue und wahre Theosophie“, und Theosoph wurde ein Ehrentitel von Kirchenvätern.Chiara Ombretta Tommasi: Theosophien. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/2), Basel 2018, S. 1217–1223, hier: 1217 f.

Einen Sonderfall bildet die sogenannte „Tübinger Theosophie“ (Theosophia Tubingensis), die nach dem Aufbewahrungsort der wichtigsten Handschrift dieses Textes benannt ist. Es handelt sich um eine im späten 5. Jahrhundert entstandene Anthologie von Orakeln oder griechischen Weisheitssprüchen, die häufig durch einen kurzen Kommentar eingeleitet werden. Überliefert ist davon nur ein nach 692 angefertigter Auszug mit dem Titel Orakel der griechischen Götter; der Titel des verlorenen ursprünglichen Textes lautete Theosophia.Chiara Ombretta Tommasi: Theosophien. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/2), Basel 2018, S. 1217–1223, hier: 1218–1222.

In der Renaissance war der Begriff Theosophie in der Bedeutung Offenbarung weit verbreitet. Agostino Steuco zitierte Orakel aus der Tübinger Theosophie.Chiara Ombretta Tommasi: Theosophien. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/2), Basel 2018, S. 1217–1223, hier: 1223.

Friedrich Schiller veröffentlichte 1786 in seinen Philosophischen Briefen die Theosophie des Julius, in der er sich mit dem damaligen Materialismus auseinandersetzte. Im 19. Jahrhundert bezeichnete der katholische Philosoph Antonio Rosmini die Summe seiner Spekulationen als Theosophie.

Im religionswissenschaftlichen Diskurs hat der Begriff Theosophie zwei verschiedene Bedeutungen.Antoine Faivre: Christian Theosophy. In: Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Hrsg.: Wouter J. Hanegraaff. Brill, Leiden 2006, S. 259; Arthur Versluis: Christian Theosophy. Esoterica VIII (2006), S. 137. (PDF) In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet Theosophie eine Strömung innerhalb der westlichen Esoterik, die sich bis in das späte 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Diese wird konkreter zumeist als abendländisch-christliche Theosophie bezeichnet und zeichnet sich dadurch aus, dass religiöse Erkenntnisse durch individuelle mystische Erfahrung angestrebt werden. In einem weiteren Sinne wurde der Begriff etwa durch Gershom Scholem auf entsprechende Traditionen im Judentum und von Henry Corbin auf islamische Theosophien angewendet.Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Herder, 2001, S. 130–131.

Jüdische Theosophie

Der Begriff der Theosophie „spielt vor allem in der Judaistik des 20. Jh. eine bedeutende Rolle“ und gehört zu den zentralen Begriffen in der Erforschung der Kabbala. Diese wurde sowohl von christlichen als auch jüdischen Forschern des 19. Jahrhunderts mit jüdischer Theosophie identifiziert und steht im Mittelpunkt des Werks Franz Joseph Molitors. Gershom Scholem, „der von Molitors Sicht der Kabbala beeinflußt war, wählte den Ausdruck Theosophie zur Bezeichnung zentraler Lehren der jüdischen Kabbala“. Scholem bezeichnete Theosophie als oft missbrauchten Begriff, der eine Etikette für eine moderne Pseudoreligion geworden sei. Gemeint sei mit Theosophie eigentlich „eine mystische Lehre oder Gedankenrichtung, die ein verborgenes Leben wirkenden Gottheit ahnen, erfassen oder beschreiben zu können glaubt. Theosophie statuiert ein Hervortreten Gottes aus der Verschlossenheit seiner Gottheit zu solch geheimem Leben, und sie findet, daß die Geheimnisse der Schöpfung in diesem Pulsschlag des lebendigen Gottes gründen“. Theosophen in diesem Sinne seien auch die christlichen Mystiker Jakob Böhme und William Blake gewesen.

Die Religionen seien entstanden, als der Mensch aus seiner träumerischen Einheit von Mensch, Welt und Gott herausgerissen wurde. Dieser scheinbar ewig unüberschreitbare Abgrund, über den nur Gottes leitende, gesetzgebende Offenbarungen als Stimme dringt, bilde die Ursache und Grunderfahrung aller jüdischen Mystiker. Aus dieser Erfahrung heraus entsteht das mystische Bestreben, innerhalb des sittlich-religiösen Handelns des Einzelnen sowie der Gemeinschaft, die Seele über den Abgrund zur lebendigen Erfahrung der Gotteswirklichkeit zu leiten. Insbesondere die jüdische Theosophie der Chassidim und der Kabbalisten gerät dabei in einen Dauerkonflikt mit der streng monotheistischen Religion eines persönlichen Schöpfergottes einerseits und der Philosophie des Judentums andererseits.

Von Theosophie ist bei Scholem bereits im Zusammenhang mit den Tannaim, deren Lehren den Inhalt der Mischna bilden, die Rede. Ihre Mystik und Theosophie lebe in der Merkaba-Mystik weiter. Diese nennt Scholem in Major Trends in Jewish Mysticism als erste Phase in der Entwicklung jüdischer Mystik vor ihrer Kristallisation in der mittelalterlichen Kabbala. Sie lege eine beinahe bis zum Exzess gehende Emphase auf eine Kombination des Apokalyptischen mit Theosophie und Kosmogonie. Der ihr nahestehenden Hechalot-Literatur jedoch waren theosophische Gedanken laut Scholem unbekannt, wohingegen unter anderem Moshe Idel von theosophischen Vorstellungen im biblischen und talmudischen Judentum spricht.

Der mittelalterliche Chassidismus mit seinem breiteren Spekulationsfeld brachte eine neue Theosophie, das „Mysterium der Einheit Gottes“. Diese neue Theosophie war durchgehend vom Ideal des Chassid, des Frommen, geprägt. Als die drei Grundgedanken der eigenwilligen Theosophie der Chassidim nennt Scholem ihre Konzeption von Kavod (göttlicher Glorie), ihre Idee eines heiligen Cherub auf dem Thron und ihre Konzeption von Gottes Heiligkeit und Größe. Mit der Ausbreitung der spanischen Kabbala verlor die chassidische Theosophie an Boden. Sowohl die chassidische als auch die kabbalistische jüdische Theosophie betrachtete Scholem als Neuerung des mittelalterlichen Judentums, ihr Aufkommen „hing seiner Ansicht nach mit dem Eindringen fremder gnostischer Vorstellungen in das mittelalterliche Judentum zusammen“. Für die Kabbala war laut Scholem die Theosophie neben der Mystik eines ihrer beiden Hauptelemente. Er trennte die spanischen Kabbalisten in eine theosophische und eine insbesondere mit Abraham Abulafia identifizierte, ekstatische Schule, die die Ekstase und die prophetische Inspiration suchte. Diese Unterscheidung griff Moshe Idel auf, der die erstgenannte Strömung jedoch als eine theosophisch-theurgische bezeichnet. Dem Zohar, einem der Hauptwerke der Kabbala, widmete Scholem in Major Trends in Jewish Mysticism zwei Kapitel, von denen das zweite sich dessen theosophischer Doktrin widmete. Den Lebensprozess in Gott selbst mit der monotheistischen Doktrin sowohl der Kabbalisten als auch der übrigen Juden bezeichnet er als Aufgabe der Theoretiker kabbalistischer Theosophie. Scholem zufolge entwickelte der Zohar jüdische Theosophie und mythologischen Symbolismus hin zu einer neuen Stufe des Reichtums, der Sophistikation und der historischen Bedeutung. Nach dem Erlass des Alhambra-Edikts und der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel entwickelte sich im Exil die lurianische Kabbala, die Moshe Idel als komplizierteste jüdische Theosophie bezeichnet.

Bei Juda dem Chassid werden ältere mystisch-theosophische Strömungen des Judentums zusammengefasst einsehbar, insbesondere die alte Merkaba-Mystik und verwandte Strömungen, die nachweislich seit dem 9. Jahrhundert über Italien den Zugang zu den deutschen Gemeinden fanden. Im theosophischen Denken der Chassiduth seien Ideen wichtig, die in der Merkaba-Mystik noch nicht vorkämen: die Omnipräsenz und Immanenz Gottes in der Schöpfung (Gott als Weltkraft und Weltgrund) – Gott ist in allem, und alles ist in Gott. Von zentraler Bedeutung ist im jüdisch-theosophischen Denken auch die Idee der „Kabod“ (Glorie Gottes), über die Juda der Chassid ein Buch verfasst hatte, dessen Lehre vor allem von Eleasar ben Juda weitergeführt wurde. Dieser unterscheide zwischen der ersten „inneren“ Glorie der Gottheit (Kabod pereni) und der „sichtbaren“ Glorie. Die innere Glorie sei identisch mit der Schechina und dem heiligen Geist, sei ohne Gestalt, aber mit Stimme. Der Mensch könne sich nicht mit Gott selbst verbinden, aber mit dessen Kabod oder Schechina. Die sichtbare Kabod trete dagegen in sich wandelnden Gestalten und Formen auf (z. B. als Glorie auf dem Thron der Merkaba). Am Zohar entwickele sich eine jüdisch-theosophische Lehre von der heiligen Verbindung des Königs mit der Königin, des himmlischen Bräutigams mit der himmlischen Braut, des göttlichen „Ich“ mit dem göttlichen „Du“. Die theosophischen Ideen traten im späteren Chassidismus hinter seinem Moralideal, der Gebetsmystik, Gebetsmagie und der Bußdisziplin zurück.

Geschichte der christlichen Theosophie Die konfessionellen Auseinandersetzungen des sechzehnten Jahrhunderts führten zu einer Ausformung der sich seit der Spätantike unterschiedlich auswirkenden jüdischen, muslimischen und christlichen Mystik, als Grundlage der christlichen Theosophie, der das regen Zulauf bescherte. Die neu entwickelte abendländisch-christliche Theosophie bildete eine Alternative zur „trockenen“ TheologieKocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Beck, München 2004, S. 156. und hat ihre Wurzeln in den ersten beiden Kapiteln des 1. Korintherbriefs („denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit“).Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Herder, 2001. S. 135.; Hans-Jürgen Ruppert: Theosophie – unterwegs zum okkulten Übermenschen. Reihe Apologetische Themen. Friedrich Bahn Verlag, 1993. S. 9. Der Religionswissenschaftler Antoine Faivre benennt drei charakteristische Züge der modernen abendländischen Theosophie:

Von den alexandrinischen Kirchenvätern führt ein breiter Strom christlicher Theosophen wie Hildegard von Bingen, Böhme, Gichtel, Pordage, Oetinger, J. M. Hahn, F. von Baader, Schelling bis zu den russischen Sophiologen Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew und Sergei Nikolajewitsch Bulgakow.Hans Jürgen Ruppert: Theosophie – unterwegs zum okkulten Übermenschen. Reihe Apologetische Themen. Friedrich Bahn Verlag, 1993. S. 10.

Vier Phasen der protestantischen Theosophie In der protestantischen Theosophie lassen sich vier Phasen ausmachen: