mini|Eliza Orzeszkowa, ca. 1865 mini|Eliza Orzeszkowa auf einer anonymen Fotografie von 1904 rahmenlos|zentriert|150px|klasse=skin-invert-image mini|Eliza Orzeszkowa, ca. 1894 Eliza Orzeszkowa (* in Milkowszczyzna, Gouvernement Grodno, Russisches Kaiserreich als Elżbieta PawłowskaFrancisca de Haan, Krassimira Daskalova, Anna Loutfi (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Women's Movements and Feminisms. Central, Eastern, and South Eastern Europe, 19th and 20th centuries. Central European University Press, New York 2006, ISBN 978-963-7326-39-4, S. 376–380.; † in Grodno) war eine polnische Schriftstellerin. Sie war eine bedeutende Vertreterin des Polnischen Positivismus.
Leben Eliza war Tochter eines adligen Grundbesitzers. Nach dem Tod des Vaters siedelte die Mutter nach Grodno über, wo Eliza Orzeszkowa zunächst von Hauslehrern nach den damals von der höheren Gesellschaft geforderten AnsprüchenKarel Krejči. Geschichte der polnischen Literatur. Halle: Niemeyer 1958, S. 351 unterrichtet und französischsprachig erzogen wurde. Ihre Erziehung wurde von 1852 bis 1858 in der Kloster-Internatsschule in Warschau abgeschlossen. Dort machte sie die Bekanntschaft mit Maria Konopicka. Im 17. Lebensjahr heiratete sie den 18 Jahre älteren Gutsbesitzer Piotr Orzeszko und trat, als ihr Gatte infolge des Aufstandes von 1863 nach Sibirien verbannt wurde, mit einer Reihe sozialer Tendenzromane im Stile und im Geiste der George Sand hervor, die vor allem die Unterdrückung intellektueller Frauen durch verständnislose Männer zum Thema haben. Inwieweit darin Erfahrungen aus eigener Ehe verarbeitet wurden, kann nicht rekonstruiert werden, da Orzeszkowa nie über ihre eigene Ehe schrieb.
Ein erster kleiner Erfolg wurde ihrem Roman Marta (1870, deutsche Ausgabe unter dem gleichen Titel von 1988) zuteil, der die zunächst glückliche Ehe einer jungen aus wohlhabenden Kreisen stammenden Frau und deren anschließenden Leidensweg, als sie durch den Tod ihres Gatten und den Verlust ihres Besitzes gezwungen wird, allein ihren und den Lebensunterhalt ihres Kindes zu verdienen – in einer Zeit, in der selbstständige Erwerbstätigkeit von Frauen gegen alle gesellschaftlichen Normen verstieß. Da es ihr gelingt, den Lebensunterhalt zu bestreiten, wird sie des Diebstahls bezichtigt, was, zusammen mit weiteren Vorwürfen und Eingriffen, sie schließlich in den Tod treibt.
Erst der Roman Eli Makower (1874), ein in die Tiefen der polnisch-jüdischen Beziehungen dringender, auch in künstlerischer Hinsicht gelungener Roman, trug der Verfasserin allgemeine Anerkennung ein. Der Roman wurde in seiner Bedeutung Nikolaj Gogols Die Toten Seelen gleichgestellt. Der Roman schildert verschiedene Typen von Landadeligen, von Weltmännern zu normalen Verschwendern bis hin zu verarmten, denen ein Vertreter einer deutschen Firma unter Vermittlung des jüdischen Finanzspekulanten Eli Markower. Diesen Aufkaufbemühungen stellt sich nur ein Landadeliger entgegen, der sich am Ende auch mit der Titelfigur gegen die deutsche Firma verbündet.
Der zweite Roman, der sich der letztendlichen religiösen Aussöhnung von Katholiken und Juden widmet, erschien Meir Ezofowicz (Warschau 1878; 1. deutsche Übersetzung Dresden 1885, 2. Übersetzung unter dem Titel Licht in der Finsternis in den 1910er Jahren) und steigerte die Bekannt- wie Beliebtheit der Autorin in Polen. In diesem Werk wird der Kampf zwischen (jüdischer) Orthodoxie und religiösem Freiheitsdrang in einer originellen Art und mit konfessionslosem Radikalismus geschildert. Jüdisches Leben und das Problem der Auseinandersetzungen von Katholiken und Juden betrachtete Orzeszkowa auch in historischer Perspektive in ihrem 1866 erschienenen Roman Mirtala (deutsche Übersetzung im 2. Jahrgang der Deutschen Romanbibliothek, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1889/90).
1884 veröffentlichte sie einen Roman über eine bunte Galerie von Entwurzelten, so auch ungefähr der polnische Name des Romans (Original Pierwotni), zu denen eine bigotte Katholikin ebenso gehört wie Aristokraten, die an Höfen der Besatzungsmächte eine Beamtenkarriere zu erlangen suchen oder ein nihilistischer Student.
Neben den von ihr selbst erfahrenen Kreisen widmet sich Orzeszkowa ab 1880 auch verstärkt dem bäuerlichen Leben zu, das sie jedoch nicht aus eigenen Erfahrungen kennt. Sie unternimmt damit gleichzeitig Ausflüge in die Kriminalliteratur, da sie auch reale Kriminalfälle in diesem Milieu verarbeitet. Bekannt, auch im deutschen Sprachkreis, wurden hier der Roman Die Hexe (1884; deutsche Übersetzung 1954) über das Schicksal der Bauernfamilie Dziurdzi (so auch der polnische Titel Dziurdziowe) sowie vor allem Der Njemenfischer (1887, polnischer Originaltitel Cham; deutsche Übersetzung 1951) über die unglückliche Ehe eines gutherzigen Dorffischers mit einer Dorfschönheit.
Den Höhepunkt ihres Schaffens bildete zweifellos der groß angelegte Roman Am Njemen (polnischer Titel Nad Niemniem) über das Leben des Landadels und dessen Konflikte mit dem Hochadel in Litauen, der in seiner realistischen Schilderung und seinem Echo mit Mickiewiczs Herrn Thadäus (Pan Tadeusz) verglichen wurde.
Beifall fanden auch ihre Novellen (Z różnych sfer, Warschau 1879, 2 Bände). 1895 trat sie mit zwei Erzählzyklen über innerlich zerrüttete Menschen hervor, die unter dem Titel Melancholiker (1896, polnischer Titel Melancholicy).
Unter ihren Werken sind noch hervorzuheben: Herr Graba (deutsch, Berlin 1888), Verlorne Seelen (deutsch, Breslau 1887), Cnotliwi, Marta und Die Familie Berliwicz. In dem Buch Patryotysm i Kosmopolitysm (Warschau 1880) betrat die Dichterin das Gebiet politisch-sozialer Studien. Ihr „Brief an die deutschen Frauen“ von 1900 gilt als Meilenstein der polnischen Frauengeschichte.
1905 wurde Orzeszkowa für den Nobelpreis für Literatur nominiert, die Auszeichnung ging aber an ihren Landsmann Henryk Sienkiewicz.nobelprize.org: Nomination Archive, Webseite der Nobelstiftung (aufgerufen am 5. Juni 2021).
Werke (Auswahl)
(Enth. noch: Ein Ferienerlebnis. [u.] Die Weste. Von Boleslaw Prus) (Status nach VGG: vergriffen) (Australczyk : powieść) Nur-Text-Ausgabe im Projekt Gutenberg
(Status nach VGG: vergriffen) DNB Leipzig (ÖNB Wien)
(auch Berlin : Verlag Neues Leben 1977) (Dziurdziowie)
(Bene nati) (Status nach VGG: vergriffen)
(Meir Ezofowicz) (auch Verlag der Nation Berlin 1951) Digitalisat UB Michigan University of Wisconsin, Israelische Nationalbibliothek (Meir Ezofowicz) Digitalisat UB Princeton Digitalisat Israelische Nationalbibliothek; Digitalisat UB Wisconsin russische Übersetzung St. Petersburg 1888 Digitalisat UB Michigan (Cham) (Status nach VGG: vergriffen) (2. Aufl. 1963 Unter Verwendung älterer Übers. ins Dt. übertr. von Albert Klöckner)
Digitalisat SBB Berlin
(Status nach VGG: Prüfung ausstehend)
Literatur in der Reihenfolge des Erscheinens Julius Mrosik: Das polnische Bauerntum im Werk Eliza Orzeszkowas (= Slavistische Beiträge, Band 10). Sagner, München 1963. Encyclopaedia Judaica, 1971, Band 12, Sp. 1494f. Martin Pollack: Die jüdische Frage bei Eliza Orzeszkowa: der Bankrott der Assimilation. Diss., Universität Wien 1975. Gerhard Steiner u. a. (Hrsg.): Lexikon fremdsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1979; Band 2, S. 560/561 Eliza Orzeszkowa. In: Gabriele von Glasenapp, Hans Otto Horch: Ghettoliteratur. Eine Dokumentation zur deutsch-jüdischen Literaturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Max Niemeyer, Tübingen 2005, S. 999–1003.
Weblinks
Kalendarium – historia kobiet w Polsce
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