mini|120px|Beispiel einer Übertragung (deutsche Sprecherin „Schnatterinchen“, 13. April 2018) der Station G06. mini|Der Sprach-Morse-Generator Gerät 32620, genannt „Stimme“ oder „Eiserne Frau“
Als Zahlensender (, auch: One-way voice link, kurz: OWVL) werden Hörfunksendungen auf Kurzwelle bezeichnet, die nicht öffentlich einsehbare Nachrichten über verschlüsselte Daten, z. B. Zahlen- und Buchstabengruppen oder über Multitonsysteme übertragen. Dabei handelt es sich meist um in Fünfergruppen angeordnete Ziffern. Bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) wurden bis Mitte der 1970er Jahre die Zahlen von Sprecherinnen in einem Studio auf Tonband aufgezeichnet, das zur vereinbarten Sendezeit abgespielt wurde. Danach wurde aber auch schon – wie heute üblich – mit „gesampelten“ Stimmen gearbeitet, die auf mechanischen oder elektronischen Tonwiedergabegeräten gespeichert wurden. Einige Stationen senden in Amplitudenmodulation (AM), andere in Einseitenbandmodulation (SSB), da Übertragungen in der Betriebsart SSB ökonomischer, schmalbandiger, mit weniger Sendeleistung und störungsärmer erfolgen können. Ursprung und Zweck der meisten dieser Ausstrahlungen sind nicht öffentlich bekannt. Zahlensender werden teilweise von Geheimdiensten zur Kommunikation mit verdeckt operierenden Agenten verwendet. Auch das Militär und Diplomatendienste sowie Botschaften verfügen teilweise über Empfangseinrichtungen, die geeignet sind, Nachrichten von Zahlensendern zu empfangen. Zahlensender sind für jene Aufgaben besonders geeignet, da die Signale über Kurzwelle nahezu weltweit gehört werden können. Die Empfänger der Nachrichten brauchen nur ein Radio (etwa einen Weltempfänger), das sich für den Empfang von Kurzwelle in entsprechenden Frequenzbereichen eignet und Einseitenbandmodulation (SSB) empfangen kann. Die mit Zahlengruppen verschlüsselten Daten wurden meist mittels One-Time-Pads zu Klartext entschlüsselt.
Herkunft und Funktion
Wie in den Aufzeichnungen von The Conet Project festgehalten wurde, stammen erste Berichte über Zahlensender bereits aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Damit werden sie zu den ersten Radioübertragungen gezählt. Zahlensender sind eine Methode, um Spione mit Befehlen und Informationen zu versorgen, ohne dass die Öffentlichkeit Kenntnis davon nehmen kann oder die Empfänger geortet oder identifiziert werden können. Daher geht man davon aus, dass die Nachrichten von den Empfängern mittels eines One-Time-Pads oder eines anderen Mittels, wie z. B. Entschlüsselungssoftware, decodiert werden. Lokale Einflüsse wie Wetter, Jahreszeit oder Sonnenflecken können den Empfang auf Kurzwelle negativ beeinflussen. Da Spione jedoch meist mit tragbaren Empfängern, oft unter schwierigen Verhältnissen und zu allen Jahreszeiten operieren, werden leistungsstarke Sender, teilweise mit über 100 Kilowatt Leistung, eingesetzt.
Zahlensender bekommen von ihren Beobachtern meist Spitznamen, welche oft von besonderen Eigenheiten abgeleitet werden. Hierzu gehört z. B. der (seit dem Jahr 2008 inaktive) „Lincolnshire Poacher“, einer der bekanntesten Zahlensender (man vermutet den britischen Geheimdienst MI6 dahinter, da man den Ursprung der Übertragungen auf die RAF-Basis Akrotiri in Zypern zurückverfolgt hat), der als Erkennungsmelodie zwei Zeilen aus dem alten englischen Volkslied The Lincolnshire Poacher vor der eigentlichen Nachricht sendete. „Magnetic Fields“ spielt das gleichnamige Lied des französischen Musikers Jean-Michel Jarre vor und nach jedem Satz Nummern. Der Zahlensender „¡Atención!“ beginnt jede Übertragung mit der spanischen Phrase „¡Atención!“. Mittels Peilung kann man den Sendestandort von Zahlensendern herausfinden. Beispielsweise wurde der Sender „¡Atención!“ in Kuba vermutet, weil Radio Havanna auf der gleichen Frequenz wie der Zahlensender sendete. Öfter wurde auch leise „Radio Havanna“ gehört. Im Jahr 2001 wurde „¡Atención!“ von den USA offiziell als kubanisch identifiziert. (Mehr dazu im nächsten Abschnitt)
Bei manchen Stationen hört man auch Geräusche im Hintergrund. So fand man unter anderem auch heraus, dass viele Zahlensender heute mittels Software betrieben werden. Es häuften sich nämlich Beobachtungen, dass nach den Übertragungen einiger Stationen ein Geräusch zu hören ist, das dem Ton eines herunterfahrenden Windows-PCs sehr ähnlich ist.
Der ¡Atención!-Zwischenfall
Kubas „¡Atención!“ war der erste Zahlensender, welcher als solcher offiziell und öffentlich bestätigt wurde, Nachrichten an Spione in den USA zu übertragen. Er war ausschlaggebend dafür, dass die kubanischen Spione „Miami Five“ vor dem US-Bundesgerichtshof im Jahr 1998 verurteilt wurden. Es wurde argumentiert, dass die Spione mit Kurzwellenempfängern der Firma Sony die Nachrichten empfangen haben und die Zahlen in Laptops eingaben, um sie zu dechiffrieren. Das FBI bestätigte, im Jahr 1995 in ein Apartment eines vermuteten kubanischen Spions eingedrungen zu sein und das dazu benötigte Programm samt den nicht gelöschten OTP-Schlüsseln kopiert zu haben. Damit konnten sie Nachrichten von „¡Atención!“ dechiffrieren, wie sie vor Gericht ausgesagt haben. Es wurden drei Beispiele dechiffrierter „¡Atención!“-Nachrichten aufgezeigt: “prioritize and continue to strengthen friendship with Joe and Dennis” [68 Zeichen] („Priorisiert und intensiviert weiterhin die Freundschaft mit Joe und Dennis“)
“Under no circumstances should [agents] German nor Castor fly with BTTR or another organization on days 24, 25, 26, and 27.” [112 Zeichen] („Unter keinen Umständen sollten [die Agenten] German oder Castor mit BTTR oder einer anderen Organisation an einem der Tage 24, 25, 26 oder 27 fliegen.“) (BTTR ist die Anti-Castro-Gruppierung Brothers to the Rescue)
“Congratulate all the female comrades for International Day of the Woman.” [71 Zeichen] („Gratuliert allen Genossinnen zum internationalen Frauentag.“) Jede Zahl stand für einen Buchstaben bei einer Geschwindigkeit von einer Zahl/Sekunde, was pro Übertragung eine gute Minute ausmacht. Formate
Zahlensender übertragen je nach Station in unterschiedlichen Formaten. Diese sind senderspezifisch und man kann daran sehr genau feststellen, welche Station man gerade empfängt. Die sogenannte Präambel (Intro), welche meist ausschlaggebend für den Spitznamen der Station ist, beinhaltet eine Identifizierung, entweder für den Sender selbst oder für den Empfänger. Das können Zahlen sein, phonetisches Alphabet, Codenamen (z. B. „Charlie India Oscar“, „250 250 250“), charakteristische Phrasen (z. B. „¡Atención!“, „1234567890“) oder ein Musikstück, beziehungsweise eine Melodie (z. B. „The Lincolnshire Poacher“, „Magnetic Fields“). Manchmal, wie im Falle der israelischen „Phonetic Alphabet Stations“, wird in der Präambel ein Betreff oder der Grad der Wichtigkeit der Nachricht angedeutet (fiktives Beispiel: „Charlie India Oscar-2“ bedeutet, dass keine neuen Nachrichten vorliegen). Meist werden solche Präambeln einige Zeit wiederholt, bevor die eigentliche Nachricht folgt. Man vermutet, dass der Empfänger innerhalb dieser Zeit die korrekte Frequenz einstellen kann. Hierauf folgt der eigentliche Teil der Message. Die meisten Stationen verlesen hierbei Fünfergruppen von Zahlen. Darauf folgt zumeist die Wiederholung, entweder direkt nach der Gruppe („12344 12344 44567 44567“) oder am Ende der Message („12344 … 77679 ich wiederhole 12344 … 77679“). Die Aussprache der Ziffern erfolgt hierbei phonetisch, oder auch mit angepassten Aussprachen, wie z. B. „Noll“, „Fünneff“ oder „Neuen“. Einige Stationen senden mehr als eine Message pro Übertragung. In diesem Fall wird der gesamte Prozess so oft wiederholt, bis alle Mitteilungen übertragen wurden. Am Ende jeder Übertragung meldet sich die Station auf eine charakteristische Art und Weise ab. Gewöhnlich wird eine Variation des Wortes „Ende“ bzw. „Ende der Übertragung“ gewählt, in welcher Sprache auch immer übertragen wurde (z. B. „End of message“, „End of transmission“, „Ende“, „fini“, „final“, „konec“). Manche Stationen, speziell jene aus der früheren Sowjetunion, enden mit einer Kette Nullen, z. B. „000 000“; andere enden mit Musik oder anderen Tönen.
Enigma 2000 Enigma 2000 (Eigenschreibweise: ENIGMA 2000, kurz: E2k, auch: E.N.I.G.M.A.), Abkürzung für The European Numbers Information Gathering & Monitoring Association (), ist eine im Vereinigten Königreich beheimatete Vereinigung von Kurzwellenhörern und Funkamateuren, die sich für Zahlensender interessieren.ENIGMA 2000 Home (englisch), abgerufen am 5. September 2024. Sie wurde im Jahr 2000 gegründet und entstand aus einer Vorläuferorganisation namens ENIGMA, die von 1993 bis 2000 existierte.
Zweck ist, die Natur von Zahlensendern besser zu verstehen. Ein weiteres Ziel ist, am Thema interessierte Menschen zusammenzubringen und die von ihnen gesammelten und aufgezeichneten Informationen zu den Zahlensendern zusammenzufassen. Darüber hinaus dient sie als Ideenplattform zum Gedanken- und Ergebnisaustausch zwischen den Mitgliedern. Dazu gehört an erster Stelle die Sichtung und Einordnung von Zahlensendern sowie anschließend der Versuch, diese zu lokalisieren, systematisch zu kategorisieren, nach Möglichkeit zu identifizieren und im besten Fall zu interpretieren.
Klassifikation Neben den vielen Spitznamen, wie The Buzzer, The Pip oder Squeaky Wheel, die Zahlensender-Experten vergeben haben, hat Enigma 2000 ein eigenes Klassifikationssystem geschaffen, um die einzelnen Zahlensender und ihre Gruppen besser zusammenfassen zu können. Aufgeschlüsselt bestehen diese Kennzeichnungen aus einem Buchstaben, der auf die Sprache oder Art der gesendeten Nachrichten verweist sowie eine zweistellige Ordnungsnummer:
E bedeutet, die Station sendet in englischer Sprache.
G bedeutet, die Station sendet in deutscher Sprache. (German)
S bedeutet, die Station sendet in einer slawischen Sprache (z. B. russisch).
V bedeutet, die Station sendet in einer anderen Sprache (meist Spanisch oder Arabisch). (Various)
M bedeutet, die Station sendet Morsecode.
X bedeutet, die Station sendet etwas völlig anderes, z. B. polyphone Töne oder unidentifizierbare Geräusche und Tonfolgen. (Extraordinary)
Beispiele: E03 ist der Lincolnshire Poacher, V02 ist der kubanische ¡Atención!, G12 war der vermutlich österreichische Zahlensender NNN. Manche Stationen werden auch nachträglich als kein Zahlensender identifiziert. So geschehen bei E22, welcher zu jeder vollen Stunde alle vier Minuten „This is Mike Hotel 8“ übertragen hat. Wie sich herausstellte, handelt es sich hierbei um eine Testübertragung von All India Radio.
Übertragungstechnik
Als Übertragungsweg wird meist Kurzwelle verwendet, bei einer Übertragungsleistung von 10–100 kW. Oft werden amplitudenmodulierte Sender mit variablen Frequenzen der Klasse „C“ verwendet. Spektralanalysen zeigten auch, dass Zahlensender versteckt Data-Bursts, RTTY-modulierte Informationsträger und andere Übertragungsmittel wie polyphone Töne verwenden (MPSK).Donald W. Schimmel: The Underground Frequency Guide: A Directory of Unusual, Illegal, and Covert Radio Communications. 3. Auflage. High Text Publications, Inc., Solana Beach, CA 1994, S. 27–28. Während des Kalten Krieges wurden als Beispiel per RTTY in kommerziellen US-Radiosendern Nachrichten verschickt.Barry W. Collins, W4TLV: The day the U.S. Army invaded W4TLV. QST, Juli 1997, S. 48–49. Da vermehrt über eine zweite Ebene in den gesprochenen Nachrichten berichtet wird (RTTY, Data-Burst usw.), vermutet man, dass man mit einer Übertragung parallel mehrere Empfänger, vielleicht sogar mehrere Operationen mit Informationen versorgt.