Wahrhaftigkeit ist eine vom Individuum sowohl kognitiv als auch emotional verantwortete innere Haltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit ist keine Eigenschaft von Aussagen, sondern bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck.Artikel „Wahrhaftigkeit“. In: Georg Klaus, Manfred Buhr (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 11. Aufl., Leipzig 1975. Die Wahrhaftigkeit kann falsche Aussagen nur durch einen Irrtum hervorbringen. Zur Wahrhaftigkeit gehört die Bereitschaft, für wahr Gehaltenes zu überprüfen.
Wahrhaftigkeit bezeichnet das subjektive „Für-wahr-Halten“ der eigenen Aussage in einem konkreten Kontext.
Definitionen Nach Otto Friedrich Bollnow wendet sich die Wahrhaftigkeit nach innen, das heißt, sie lebt in der Beziehung des Menschen zu sich selbst:
Wahrhaftigkeit im christlich-judaistischen Kontext lässt sich im Wesentlichen über die gesellschaftlichen Normen hinausgehend vom biblischen Verständnis ableiten und hat ihren Ursprung in der Verbindung zu Gott/Jesus Christus („Ich bin […] die Wahrheit“, Joh ), alttestamentlich in den 10 Geboten („Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen […]“ – also nicht die Unwahrheit sagen). In diesem Sinne wurde die heranwachsende Generation des christlichen Kulturkreises sozialisiert. Comenius, John Locke und August Hermann Francke gaben die Leitideen vor. Namentlich in der deutschen Pädagogik der Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die Wahrhaftigkeit als eine Grundforderung herausgestellt.Friedrich Koch: Der Kaspar-Hauser-Effekt. Über den Umgang mit Kindern. Opladen 1995. ISBN 978-3-8100-1359-0, Seite 23ff Philosophisch betrachtet verbinden sich Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit mit dem in allen Menschen vorhandenen Gewissen, das einen grundsätzlichen Kompass über das Wissen von falsch und richtig implementiert.
Albert Schweitzer sieht in der Wahrhaftigkeit (hier im Sinne der Authentizität) vor allem die Treue zu sich selbst:
Nach Immanuel Kant steht mit der Wahrheit (hier im Sinne der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit) zugleich die Würde des je anderen auf dem Spiel, weil die Lüge dem Gebot der Selbstachtung widerstreitet, die wir Menschen als Vernunftwesen voreinander haben und auch bewahren sollen. Daher verletzt die Lüge die Würde der menschlichen Person.(Kant, Werke [Akademie-Ausgabe] Bd. 6, S. 429). Das Fundament der Kant’schen Philosophie, der Gedanke der „Pflicht“, die Wahrhaftigkeit, ist auch als die ausnahmslose „Pflicht“ zur unbedingten Wahrheit zu verstehen, nach Kant handelt es sich bei ihr um ein „Vernunftgebot“.(Kant, Bd. 8, S. 427), zitiert nach Friedrich Graf von Westphalen: Die Grenzen des Wortgebrauchs, die Wahrhaftigkeit und das Recht. In: Anwaltsblatt. 2004, S. 665
Nach Ulrich Wickert heißt Wahrhaftigkeit in politischer Verantwortung, sich nicht nach der Mehrheit oder Meinungsumfragen zu richten, sondern sein Handeln ausschließlich an Vernunft haftlicher Verantwortung zu orientieren, jedem populistischen Zeitgeist abzuschwören:
Jürgen Habermas unterscheidet in seiner Theorie des kommunikativen Handelns mit Rückgriff auf die Sprechakttheorie verschiedene Geltungsansprüche: Wahrheit, Richtigkeit von Handlungsnormen, Angemessenheit von Wertstandards, Wahrhaftigkeit und Verständlichkeit. Auf der Ebene der subjektiven Wahrhaftigkeit erhebt der „Sprecher“ den Anspruch, dass „die manifeste Sprechintention so gemeint ist, wie sie geäußert wird.“Jürgen Habermas: Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handelns . In: ders.: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt/M. 1995, S. 571–606, hier: S. 588.
Zitate
Siehe auch Integrität (Ethik) Ich
Einzelnachweise
Weblinks
Eisler-Kant-Lexikon: Wahrhaftigkeit
Publikationshinweise Allgemein Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. ISBN 3-548-35130-1 Friedrich Koch: Der Kaspar-Hauser-Effekt. Über den Umgang mit Kindern. Opladen 1995. ISBN 978-3-8100-1359-0 Ulrich Wickert: Das Buch der Tugenden. ISBN 3-455-11045-2 Eva Neuner/Holger Niemeyer: Wagnis Wahrhaftigkeit – Ein Manifest. ISBN 3-938262-31-1
Wahrhaftigkeit und Recht Friedrich Wilhelm von Westphalen: Die Grenzen des Wortgebrauchs, die Wahrhaftigkeit und das Recht. In: AnwBl. 2004, S. 665
Kategorie:Tugend