Szientismus (von ‚Wissen‘, ‚Wissenschaft‘), auch Szientizismus oder Scientismus, ist ein von dem französischen Biologen Félix le Dantec (1869–1917) ursprünglich zustimmend gemeinter Begriff für die Auffassung, dass sich mit wissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen.Vgl. Félix le Dantec in La Grande Revue (1911): Je crois à l'avenir de la Science: je crois que la Science et la Science seule résoudra toutes les questions qui ont un sens; je crois qu'elle pénétrera jusqu'aux arcanes de notre vie sentimentale et qu'elle m'expliquera même l'origine et la structure du mysticisme héréditaire anti-scientifique qui cohabite chez moi avec le scientisme le plus absolu. Mais je suis convaincu aussi que les hommes se posent bien des questions qui ne signifient rien. Ces questions, la Science montrera leur absurdité en n'y répondant pas, ce qui prouvera qu'elles ne comportent pas de réponse. (Scientisme).Vgl. auch Françoise Balibar: „Le scientisme, Lacan, Freud et Le Dantec“, Alliage 52 (2002) tribunes.com (Verweis defekt). Der Szientismus geht von einem positivistischen Verständnis dieser Methoden aus und wird daher oft mit dem Positivismus oder mit einer extremen Haltung desselben gleichgesetzt.Robert Bannister: Behaviorism, Scientism and the Rise of The "ExpertSusan Haack (2003): Defending Science Within Reason: Between Scientism and Cynicism. Amherst, NY: Prometheus BooksAbel Rey: „Review of La Philosophie Moderne“, The Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods 6.2 (1909): 51–53.cf. Abraham Maslow: „There are criticisms of orthodox, 19th Century scientism and I intend to continue with this enterprise.“ Toward a Psychology of Being, Preface to 1st edition Aussagen, die sich nicht durch wissenschaftliche Methoden begründen lassen, wie z. B. in den Themengebieten Religion und Metaphysik, sind für den Szientismus sinnlos oder sprechen über nicht existente Dinge.
Szientismusthesen Der Szientismus befürwortet die Anwendung wissenschaftlicher Methoden für Praktiken in nahezu allen gesellschaftlichen Teilbereichen, insbesondere der Politik.Dirk Jörke: Demokratie als Erfahrung: John Dewey und die politische Philosophie der Gegenwart, VS Verlag, 2003, S. 84. Szientismus ist demnach die Auffassung, dass es weder etwas außerhalb des Gegenstandbereichs der Wissenschaft gebe, noch einen Bereich menschlicher Aktivität, auf den sich wissenschaftliche Erkenntnisse nicht erfolgreich anwenden ließen.Mikael Stenmark: „What is Scientism?“, Religious Studies, Band 33, Nr. 1 (März 1997), S. 15 ff.Vgl. auch die Definition von Jürgen Habermas, nach der Szientizismus ein Verständnis von Wissenschaft impliziert, das andere, ebenso legitime Möglichkeiten der Wissensgenerierung ausschließt, Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse, 1968, S. 13.
Schon bald nach der Neuprägung des Begriffs wurde dieser jedoch auch abwertend verwendet; vor allem, weil der Szientismus als eine spezielle Form des Reduktionismus angesehenJohn Heil: „Levels of Reality“, Ratio, Band 16, Nr. 3, September 2003, S. 205. und als verengtes Weltbild eingeschätzt wurde. Diese Kritik am Szientismus ist von anderer Seite wiederum als Versuch einer Immunisierung gegen wissenschaftliche Kritik gewertet worden.So vom Philosophen Daniel Dennett; auf Kritik an seinem Buch Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon antwortete er: „wenn jemand eine wissenschaftliche Theorie vertritt, die [religiösen Kritikern] überhaupt nicht schmeckt, dann beantworten sie das schnell mit dem Vorwurf des 'Szientismus'.“Byrnes, Sholto. New Statesman 10 Apr. 2006. Joseph A. Schumpeter hält die Übertragung von Methoden der mathematischen Physik auf die Wirtschaftswissenschaft für unbedenklich, (in)sofern dadurch nichts Physikalisches in die Ökonomie hereingetragen werde.Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck Ruprecht Göttingen 1965, S. 48f. und Fußnote mit Bezugnahme auf: F. A. von Hayek: Scientism and the Study of Society, Economica, August 1942, Februar 1943, Februar 1944.
Der Szientismus kommt vor allem in Form des Physikalismus und Biologismus vor. Andere Formen des Reduktionismus wären etwa Psychologismus, Soziologismus oder Ökonomismus.
Beispiele Nach Auffassung des Biologen Ulrich Kutschera baue auf der Arbeit der Naturwissenschaftler „letztendlich unser gesamter verlässlicher, technologisch verwertbarer Wissensschatz“ auf.Ulrich Kutschera: „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“, Laborjournal 15, 2008, S. 32 f.Vgl. auch Handelsblatt vom 4. September 2008: Wo Körper und Geist sich treffen (Seite nicht mehr erreichbar). Demgegenüber würde die von ihm als „Verbalwissenschaft“ titulierte Geisteswissenschaft lediglich „Tertiärliteratur“ produzieren. In einer Replik auf Kritiker verweist Kutschera darauf, dass Denken „ein biologischer Vorgang und das Verständnis seiner Produkte deswegen Sache der Biologie“ sei.Ulrich Kutschera: Das Reale und Verbale in den Wissenschaften (2008)Vgl. auch Alexander Kissler: „Deutschlands wichtigste Vordenker“, Cicero 2008, Nr. 10, S. 120 ff., 124. In einer Buchveröffentlichung wiederholt Kutschera seine szientistischen Thesen nochmals: „In den Realwissenschaften gibt es […] einen nachweisbaren Erkenntnisfortschritt, der auf objektiven Daten bzw. Fakten und der […] Theorienbildung basiert. Im Gegensatz dazu geben viele ‚Geisteswissenschaftler‘ nur subjektive Spekulationen von sich, denen nicht selten die faktische Grundlage fehlt.“U. Kutschera, Darwiniana Nova: Verborgene Kunstformen der Natur. LIT-Verlag, Münster 2011, S. 241/242.
Eine „künstlerische“ Zugangsweise, die auch von tradierten Erfahrungsbeständen, implizitem Wissen und Einfühlungsvermögen geprägt ist, wird seit den späten 1960er Jahren für die Hebammenkunst geltend gemacht.Vgl. Marion Stadlober-Degwerth: (Un)Heimliche Niederkunften: Geburtshilfe zwischen Hebammenkunst und medizinischer Wissenschaft, Köln / Weimar / Wien / Böhlau 2008. Dabei wird eine als szientistisch verstandene, exklusive Festlegung auf wissenschaftliche Methoden bestritten.Lorraine Olszewski: „Is Scientism Destroying Nursing?“, The American Journal of Nursing, Band 67, Nr. 5 (Mai 1967), S. 1052.
Der NS-Staat war eine Diktatur mit szientistischer Ausrichtung und strebte ein biologisches Utopia mittels der Nationalsozialistischen Rassenhygiene an.Richard Overy: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Rußland. München 2005, S. 845 f.
Auch die Sowjetunion war eine Diktatur mit szientistischer Ausrichtung und untermauerte ihre Gesellschaftsutopie mit aus ihrer Sicht wissenschaftlichen Argumenten. So sollte die Klassenlose Gesellschaft mit der Anwendung moderner wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse des Wissenschaftlichen Sozialismus errichtet werden.
Kritische Positionen Hegel Die erste Kritik an diesem Wissenschaftsverständnis setzte im Deutschen Idealismus mit Hegel ein. Hegel wendet sich hier gegen den in der „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant entwickelten Objektivitätsbegriff mit seiner transzendentalen und präsuppositionslogischen (auf Voraussetzungen bauenden) Begründung. Hegel sieht darin einen zwar antidogmatischen (nicht-materialistischen und nicht-metaphysischen), aber doch physikalistischen, „mechanischen“ Begriff von Objektivität.Stekeler-Weithofer, Pirmin: Hegels Analytische Philosophie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1992, ISBN 3-506-78750-0.
Hegel stellt diesem eine erfahrungslogische Reflexion auf das, was es gibt und was es zu erklären gibt, entgegen. Er gibt damit der aristotelischen Ontologie und Naturhistorie eine diese selbst überschreitende, „transzendente“ andere Richtung. Vor jeder genetisch ableitbaren oder kausalen Erklärung („woher kommt etwas?“) steht die Formbestimmung dessen, was es zu erklären gibt. Dabei gibt es für Hegel so viele Formen, wie es Gleichheiten gibt, die ihrerseits als Nichtunterscheidungen immer auf einen Relevanz- (bzw. Bedeutungs-) und Kommunikationszusammenhang verweisen. So kann der Empirismus entsubjektiviert und das transzendentalanalytische Programm Kants entformalisiert werden. Durch Hegels Rückgriff auf eine neu platzierte „historia“ der Formen der Natur und Kultur wird der Erfahrungsbezug als die wesentliche Grundlage für Objektivität eingeführt. Daraus entwickelt sich erst die Einsicht in eine methodische Ordnung in einem komplexen Aufbau von Wissenschaft und Sprache. Die darin geschichteten Präsuppositionen lassen sich nicht einfach durch die „Ergebnisse“ der höheren, explikativen und erklärenden Ebenen „widerlegen“. Hegel argumentiert dabei in der „Logik“ von oben nach unten, nicht aufbauend, sondern präsuppositionsanalytisch (die Voraussetzungen untersuchend). Auf diese Weise werden die Unterstellungen der verschiedenen Wahrheits-, Gegenstands- und Objektivitätsbegriffe ausführlich deutlich gemacht.
Sein Ergebnis ist: Keine transzendentale Deduktion der Kausalität in einer Theorie des Erfahrungsgegenstandes und erst recht keine kausal erklärende Theorie kann die „empraktische“ Objektivität des Lebens, Handelns und Urteilens in Frage stellen. Auf diese Weise kann Hegel Fichtes Einsicht und Forderung in den Vorrang der tradierten Formen des Handelns und Wissens vor jedem Objektivitätsanspruch einer erklärenden Wissenschaft systematisch begründen. Jede physikalische („mechanische“ oder „chemische“) Erklärung wird gesehen als eingebunden in den Zusammenhang des instrumentellen Handelns und des Interesses an bedingten Prognosen.
Es ist dies die pragmatische Seite des Deutschen Idealismus, die auch bei Martin Heidegger in seiner Existenzphilosophie zu finden ist. Hegels Philosophie aufgrund ihrer prinzipiellen Beschränkung der Wissens- und Erklärungsansprüche war nicht nur gegen eine szientistische Kosmologie gerichtet, sondern auch für die einzelnen empirischen Wissenschaften, sowie für den Fortschrittsglauben des späteren 19. Jahrhunderts und für das Selbstbewusstsein der wissenschaftlichen Aufklärung des 20. ein Stein des Anstoßes.
Pirmin Stekeler-Weithofer meint: „Man unterstellt ihr den Herrschaftsanspruch des Platzanweisers und verkennt ihr spekulatives Bemühen um topographische oder logische Übersicht. Es geht in diesem Streit aber weniger um Hegel als um den Begriff kritischer Philosophie. Denn eines kann diese nie sein: Magd einer theologischen oder szientistischen Kosmologie oder Weltanschauung.“
Friedrich A. von Hayek Im Zusammenhang seiner Vorstellung, dass der „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“ eine angemessenere Beschreibung des Marktgeschehens biete als die neoklassischen Gleichgewichtsmodelle der Ökonomie, hat Friedrich August von Hayek von den Naturwissenschaften inspirierte sozialwissenschaftliche Methoden als Szientismus kritisiert. Für Wissenschaften, die sich mit komplexeren biologischen, geistigen und gesellschaftlichen Phänomenen befassen, stößt ein physikalistisches Modell hinsichtlich seiner Erklärungs- und Voraussagemöglichkeiten an inhärente Grenzen.Viktor Vanberg: F. A. Hayek: „Szientismus und das Studium der Gesellschaft“, in: Mißbrauch und Verfall der Vernunft. Mohr Siebeck, Tübingen 2004 , S. 3 ff.
Karl Popper