mini|Andres Veiel bei der Vorstellung seines Films Beuys auf der Berlinale 2017
Andres Veiel (* 16. Oktober 1959 in Stuttgart) ist ein deutscher Filmregisseur, Theaterregisseur und Autor.
Veiel, dessen Werke oftmals die Hintergründe und Zusammenhänge von biografischer und historischer Gewalt thematisieren und sich im Grenzbereich von Fiktion und Realität bewegen, gilt als einer der profiliertesten Vertreter einer politisch engagierten Kunst. Besonderes Merkmal der Arbeitsweise Veiels ist die intensive, teilweise mehrjährige Recherche als Grundlage für seine Projekte. Andres Veiel lebt in Berlin.
Leben und Werk Studium und Ausbildung Von 1982 bis 1988 studierte Andres Veiel Psychologie in West-Berlin und absolvierte zwischen 1985 und 1989 eine Regie- und Dramaturgie-Ausbildung im Rahmen der internationalen Regieseminare am Künstlerhaus Bethanien, unter anderem bei Krzysztof Kieślowski.
Dokumentarfilme Winternachtstraum (1991) Veiels erster abendfüllender Dokumentarfilm entstand aus seiner Arbeit für das Theaterstück Die letzte Probe (→ Theaterarbeiten). Dort lernte Veiel die Halbjüdin Inka Köhler-Rechnitz kennen, die in den 1930er Jahren als frische Schauspielabsolventin nicht auftreten durfte, ihre Karriere aufgeben musste und erst 60 Jahre später mit der Berliner Seniorentheatergruppe „Die Herzschrittmacher“ wieder die Bühne betrat. Veiel begleitet die 83-jährige Schauspielerin in seinem 1991 erschienenen Film Winternachtstraum bei den Vorbereitungen und Proben bis zur Premiere von Die letzte Probe. Zugleich erzählt der Film von einer ungewöhnlichen Biografie, gezeichnet von emanzipativer Rebellion und zähem Überlebenskampf im Dritten Reich. Winternachtstraum reflektiert dabei die Schwierigkeiten seiner Entstehung: Köhler-Rechnitz verweigert sich immer wieder Veiels Fragen, sie sei „nur als Schauspielerin engagiert und nicht zur Lebensbeichte“. Indem der Film von diesem Kampf um die Erinnerungen erzählt, wird er auch zu einem „komplexen Generationendialog“.
Balagan (1993) Auch in Veiels zweitem Dokumentarfilm Balagan von 1993 spielt das Theater als Ort eine zentrale Rolle. Veiel begleitet und porträtiert darin drei Schauspieler des jüdisch-palästinensischen Theaterzentrums im israelischen Akko und verknüpft deren Biografien mit ihrem Theaterabend Arbeit macht frei vom Toidtland Europa.Anne Frederiksen: Der Gerechte. In: Die Zeit. 29. April 1994. Das mitunter drastische Theaterstück, in dem der nach wie vor bestehende Einfluss des Holocaust auf Israel und das israelisch-palästinensische Gefüge thematisiert werden, gastierte 1992 in Berlin. Im Zentrum des Filmes stehen der palästinensische Schauspieler Khaled und die israelische Schauspielerin Madi. Khaled setzt sich über die Arbeit am Stück zum ersten Mal intensiv mit dem Holocaust auseinander. Zugleich wird er von Freunden wegen der Zusammenarbeit mit der israelischen Gruppe als Verräter bedroht. Madi wehrt sich als Tochter eines Holocaust-Überlebenden gegen die aus ihrer Sicht bestehende „Holocaust-Religion“ in Israel; sie sieht ihre Arbeit im Stück als „Blasphemie“.
Veiels Film Balagan wurde besonders in Israel vorgeworfen, respektlos und antisemitisch zu sein,Ken Shulman: Youth and the Legacy of the Holocaust. In: The New York Times. 15. Januar 1995 während der Film andernorts als ein „wichtiges, herausforderndes, von bitteren Eindrücken geprägtes Zeugnis tiefer Ratlosigkeit in einem zerrissenen Land“ gesehen wurde und sowohl die „behutsame Herangehensweise an ein brisantes Thema“ als auch die Vermittlung von „aufrüttelnden und erhellenden“ Einblicken in das „komplexe Gebilde Israel“ positiv beurteilt wurden.Anne Frederiksen: Der Gerechte. In: Die Zeit. 29. April 1994. Balagan, dessen Titel auf den hebräischen Ausdruck für „produktives Chaos“ anspielt, erhielt 1994 unter anderem den Friedenspreis der Internationalen Filmfestspiele Berlin und den Deutschen Filmpreis (Filmband in Silber).
Die Überlebenden (1996) Mit Die Überlebenden drehte Veiel 1996 einen persönlichen Film, in dem er sich seiner eigenen Generation zuwendet. Er geht darin den Biografien und Lebensentwürfen von drei ehemaligen Klassenkameraden nach, die sich in den 80er Jahren das Leben genommen haben, und wirft dabei einen forschenden Blick auf die Seele der deutschen Provinz vier Jahrzehnte nach Ende des Dritten Reiches.
Veiels Film stieß auf positive Resonanz und wurde als „brillante Zeitstudie“ gewertet, wobei ihm unter anderem zugutegehalten wurde, dass die Darstellung eines konservativen Wertekanons „ohne linksliberale Überheblichkeit auskommt“Ulf Erdmann Ziegler: Drei von uns, die Schluß machten. In: Die Zeit. 1. November 1996. und der Film trotz der Zerbrechlichkeit seines Themas zu einer der „aufrichtigsten und tiefgründigsten“ deutschen Kinodokumentationen wurde.Merten Worthmann: In: Berliner Zeitung. 28. Oktober 1996. Die Überlebenden wurde 1996 für den Deutschen Filmpreis nominiert und 1998 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
Black Box BRD (2001) Einem großen Publikum bekannt wurde Veiel 2001 durch seinen Kinodokumentarfilm Black Box BRD, in welchem er die Biografien des Bankenmanagers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams einander gegenüberstellt. Veiel interviewte Herrhausens Witwe sowie Top-Manager der Deutschen Bank, aber auch politische Weggefährten und Angehörige von Wolfgang Grams und setzte aus ihren gegensätzlichen Erinnerungen das Bild eines polarisierten Landes zusammen.
Black Box BRD traf auf ein breites Echo, wobei der Film im internationalen Kontext besonders als Zeitdokument eines Nachkriegsdeutschlands der 1970er Jahre geschätzt wurde. Im Inland sah man in dem Film, der Einblicke in bis dato selten gezeigte Zusammenhänge gewährte, unter anderem eine polyphone, ihre Protagonisten gleichwertig respektierende Kulturstudie und bescheinigte ihm die Spannungskraft eines Krimis. Black Box BRD erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Deutschen und den Europäischen Filmpreis.
Die Spielwütigen (2004) Von 1996 bis 2003 begleitete Veiel in einer Langzeitstudie vier Schauspielschüler der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Aus 240 Stunden Filmmaterial kondensierte Veiel seinen 2004 erschienenen Dokumentarfilm Die Spielwütigen, in dem neben Einblicken in die Herausforderungen, Anstrengungen und Kämpfe während der Ausbildung das Erwachsenwerden der vier Protagonisten erzählt wird.Wolfgang Höbel: Das große Seelenflattern. In: Der Spiegel. 29. Mai 2004 Dabei bewegte der Film vor allem durch die Intensität und die Ernsthaftigkeit, mit der „Faszination und Frustration, Traum und Albtraum des Schauspielerberufs auf den Punkt gebracht werden“.Katja Nicodemus: Kunst kann man nicht lernen. In: Die Zeit. 3. Juni 2004. Der Film hatte auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2004 Premiere und wurde dort mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet. Der Film wurde im gleichen Jahr auch für den Europäischen Filmpreis nominiert.
Der Kick (2006) Ausgehend von seinem Dokumentartheaterstück Der Kick (→ Theaterarbeiten) und den mehr als zwanzig Gesprächen mit zweien der Täter sowie mit Angehörigen und Freunden des 2002 durch drei Neonazis ermordeten Jugendlichen Marinus Schöberl entwickelte Veiel 2005 den Dokumentarfilm gleichen Titels. Wie bei der vorangegangenen Bühneninszenierung am Maxim-Gorki-Theater Berlin wurden sämtliche Rollen von Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch übernommen. Der Film lief 2006 im Panorama der Internationalen Filmfestspiele Berlin und wurde positiv aufgenommen. Besonders die abstrakte, theatrale und brechtianische Inszenierung des Themas traf auf Zustimmung.Birgit Glombitza: Die Gewalt ist schon da. In: taz. 21. September 2006. Der Kick. wurde u. a. von der Jury der Evangelischen Filmarbeit zum Film des Jahres 2006 gewählt.
Beuys (2017) Mit Beuys drehte Veiel den ersten Kinodokumentarfilm über Joseph Beuys. Während der dreijährigen Entstehungsphase führte Veiel über 60 Interviews mit Zeitzeugen von Beuys und sichtete an die 400 Stunden Archivmaterial, 300 Stunden Tondokumente und über 20.000 Fotos.
Der Film besteht zu 90 % aus Archivmaterial, davon vieles erstveröffentlicht. Veiel erzählt Beuys nicht als klassische Biografie, sondern gleichsam aus sich selbst heraus. Der Film öffnet „einen überraschenden Zugang, wo man dachte, über Beuys sei alles gesagt. Er sucht den Menschen, die Persönlichkeit hinter dem Künstlermythos“. Dabei verbindet der Film die persönlichen Traumata und Verletzungen von Beuys mit seinem Denken. Wenn es möglich ist, eigene schwere Krisen zu überwinden, warum sollte das nicht auch für einen gesellschaftlichen Organismus gelten? Veiel interessiert sich dabei besonders für Beuys’ erweiterten Kunstbegriff und Ideenräume, welche durch den Motor der Kunst „die Ökonomie neu erfinden“ wollen und damit zugleich die heutigen Forderungen nach Grundeinkommen und einer Demokratisierung des Finanz- und Geldwesens vorwegnehmen. Dabei zeigt der Film Beuys als einen Künstler, der seine Ideen mit verblüffendem, mal stoischem, mal beißendem Humor zur Diskussion stellt und voller Selbstironie steckt.
Beuys feierte 2017 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin Premiere und erhielt positive Reaktionen.
Dabei ist die Kritik sowohl von der Ästhetik und Form des Films beeindruckt, der den „Künstler, Selbstdarsteller, Denker und Provokateur“ Beuys in einer „meisterhaft montierten Collage“ eben nicht erklärt, sondern „in all seiner widersprüchlichen, entwaffnend witzigen Radikalität zeigt.“ZDF Aspekte vom 17. Februar 2017 Darüber hinaus sind sich die Rezensenten einig, dass der Film verdeutlicht, welche visionäre Kraft im Denken des „erweiterten Kunstbegriffs“ von Beuys lag und erkennen „in einer Zeit der versunkenen politischen Utopien“ in Beuys einen „Quell frischer Inspiration“. Der Film sei eine „virtuose Annäherung an einen sehr aktuellen Künstler,“ der „Kunst nicht als dekoratives Element, sondern als aktive Teilhabe“ verstand und damit die „Gestaltung der Gesellschaft nicht der politischen Kaste überlassen, sondern den Bürgersinn entfachen wollte“. Die Ideen von Beuys seien die „Blaupause für Liquid Democracy und das radikale Infragestellen einer vermeintlich alternativlosen Finanz- und Wirtschaftsarchitektur“.SWR Kunscht! vom 9. Februar 2017 / https://www.youtube.com/watch?v=prHKlxozk10 „Andres Veiels Hauptverdienst dürfte sein, dass man nach dem Film erkennt: So einer wie Joseph Beuys fehlt“, konstatiert Magdi Aboul-Kheir in der Südwest Presse.
„Beuys“ wurde u. a. mit dem Bayerischen Filmpreis für den besten Schnitt und mit zwei Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet (Bester Dokumentarfilm und Bester Schnitt).
Riefenstahl (2024) Ausgangspunkt des Films ist der exklusive Zugang zum Nachlass der umstrittenen Filmemacherin Leni Riefenstahl, die mit den NS-Propagandafilmen Triumph des Willens und Olympia Filmgeschichte geschrieben hat. Über die Produzentin Sandra Maischberger bekam das Team von Andres Veiel Zugang zu mehr als 100.000 Fotos, persönlichen Briefen und Aufzeichnungen, unbekannten privaten Filmen und weiteren Dokumenten aus anderen Archiven.