mini|Die Welt um 1815 mini|Die Welt um 1898 Das 19. Jahrhundert begann kalendarisch am 1. Januar 1801 und endete am 31. Dezember 1900. Die Weltbevölkerung zu Beginn dieses Jahrhunderts wird auf 980 Millionen Menschen geschätzt, zum Ende war sie auf schätzungsweise 1,65 Milliarden Menschen angestiegen.Our World in Data: World Population Growth Kennzeichnend für das 19. Jahrhundert war ein globaler Wandel, den es in diesem Umfang, dieser Tiefe und dieser Dynamik in keiner historischen Periode zuvor gegeben hatte. Dieser Wandel wird auch als Beginn der Moderne bezeichnet.
In Europa wurde 1815 nach dem Sieg über Napoleon, der zuvor große Teile des Kontinents erobert hatte, die alte Gesellschaftsordnung in vielen Aspekten wiederhergestellt. Einige rechtliche und wirtschaftliche Änderungen sowie einzelne territoriale Neuordnungen blieben jedoch bestehen. Die Ideen der Französischen Revolution ließen sich nicht dauerhaft zurückdrängen. Das Ringen um ihre Verwirklichung prägte das Jahrhundert. In Europa erstritten das Bürgertum und andere Bevölkerungsgruppen größere wirtschaftliche und gesellschaftliche Freiheiten. Viele europäische Staaten führten Verfassungen ein, die die Rechtsbeziehung zwischen Bürger und Staat definierten. Politische Parteien wurden gegründet und Ideologien formuliert.
Von den neu entstandenen Nationalstaaten veränderten Italien und Deutschland, die in den 1860/70 Jahren durch Vereinigungen zahlreicher Territorien entstanden, am meisten die europäische politische Landschaft. Weltweit trat die Organisationsform des Nationalstaates ihren Siegeszug an.
Die europäischen Großmächte, die eine Vormachtstellung im Welthandel innehatten und ihre Kolonialreiche in Afrika und Asien erweiterten, entwickelten sich zu den dominanten Mächten der Welt. Die größte Kolonialmacht, Großbritannien, dessen Britisches Weltreich im Jahr 1900 nahezu ein Viertel der Weltbevölkerung umfasste, beherrschte unangefochten die Weltmeere. Schon in der ersten Jahrhunderthälfte hatte es den Indischen Subkontinent vollständig unter seine Kontrolle gebracht und danach Australien von den Aborigines erobert.
Dem chinesischen Kaiserreich zwang es in den Opiumkriegen seine Bedingungen auf. Nachdem der Taiping-Aufstand niedergeschlagen wurde, erodierte die chinesische Zentralmacht zugunsten ausländischer und lokaler Kräfte. Japan hingegen schaffte es, sich nach der Meiji-Restauration grundlegend zu reformieren, indem es vieles aus Europa und den Vereinigten Staaten übernahm. Das Osmanische Reich schrumpfte hingegen weiter, verlor im Laufe des Jahrhunderts die Kontrolle über alle europäischen und nordafrikanischen Gebiete. Afrika und Südostasien wurden in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts von den europäischen Mächten fast vollständig kolonisiert.
Hingegen lösten sich die Regionen Südamerikas zu Jahrhundertbeginn von ihren spanischen und portugiesischen Kolonialherren. In Nordamerika gewannen die Vereinigten Staaten von Amerika nach ihrer Unabhängigkeit große Gebiete auf Kosten Mexikos und indigener Stämme hinzu. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg wurden sie zu einer der stärksten Industrienationen der Welt. Dabei profitierten sie von der starken Einwanderung von Fachkräften, die aus Europa und zu geringeren Teilen aus Asien kamen. Die atlantische Migration war ein Teil weltweiter Migrationsbewegungen, die in diesem Jahrhundert zuvor nicht gekannte Dimensionen erreichten. Die Wanderungsbewegungen gingen einher mit einem hohen Wachstum der Weltbevölkerung. Diese wurde durch eine Landwirtschaft ernährt, die ihre Produktivität durch Effizienzsteigerung und Flächenausdehnung erheblich steigerte. Ein großer Teil der Landbevölkerung wanderte in die Städte. Die mit dem starken Einwohnerwachstum verbundenen Probleme versuchten die Städte durch neue technisch innovative Infrastruktur und die Institutionen der modernen Massengesellschaft zu lösen.
Die Industrielle Revolution breitete sich von England im Laufe des Jahrhunderts auf zahlreiche europäische Regionen, die USA und Japan aus. Ihre Strukturveränderungen gingen mit großen sozialen Ungleichheiten einher. Schlüsseltechnologien wie die Eisenbahn, das Dampfschiff und die Telegrafie führten zu einem starken Anstieg von Ausmaß und Geschwindigkeit der globalen Vernetzung sowie einer Veränderung der Wahrnehmung von Entfernungen. Viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem in der Medizin, brachten praktische Verbesserungen für zahlreiche Menschen.
Eine vorher nie gekannte Ressourcennutzung, eine auf fossilen Energien beruhende Wirtschaft sowie die massive Expansion von Siedlungs- und Kulturräumen führten zu einer starken Umgestaltung und Belastung der Umwelt. Deshalb sehen einige Wissenschaftler schon im 19. Jahrhundert den Beginn des Anthropozäns.
Epocheneinteilungen Zeitmodelle, eingegrenzt durch einzelne Daten/Ereignisse Für die Periodisierung des 19. Jahrhunderts bieten sich verschiedene Zeiträume an. Die Wahl hängt dabei entscheidend von dem untersuchten Thema ab. So können beispielsweise Eckdaten, die in der Politik- und Militärgeschichte von zentraler Bedeutung sind, stark von denen in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte abweichen.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch. 1815–1914, München 2018, S. 9. Eine Möglichkeit der Periodisierung stellt klassischerweise das kalendarische 19. Jahrhundert dar. Es begann im Jahr 1801 und endete im Jahr 1900. Allerdings weist dieses Zeitmodell Schwächen auf: Bedeutende Zäsuren kennzeichneten weder das Anfangs- noch das Endjahr des 19. Jahrhunderts. Außerdem handelt es sich um eine rein rechnerische Lösung, die unterschiedlichen thematischen Zugängen nicht gerecht werden kann.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 84. Der Wechsel in ein neues Jahrhundert wurde um 1800 von den meisten Zeitgenossen nicht wahrgenommen. Der französische Revolutionskalender hatte die Zeiteinteilung nach dem gregorianischen Kalender abgeschafft. Erst 1806 kehrte Frankreich offiziell zur klassischen europäischen Zeitrechnung zurück. Der Jahrhundertbeginn galt in der muslimischen Welt als Jahr 1215, in buddhistischen Regionen als Jahr 2343 und in China als fünftes Jahr der Regierung von Kaiser Jiaqing.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 90.
Eine andere Option ist das sogenannte Lange 19. Jahrhundert, das den Zeitraum von der Französischen Revolution 1789 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 umfasst.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 85. Das Lange 19. Jahrhundert geht auf den britischen Historiker Eric Hobsbawm zurück, welcher die Geschichte des Jahrhunderts in drei Bänden zusammenfasste. Der erste Band The Age of Revolution (das Zeitalter der Revolution) behandelt den Zeitraum von 1789 bis 1848. In dem zweiten Band The Age of Capital (das Zeitalter des Kapitals) geht es um die Jahre zwischen 1848 und 1875. Der dritte Band The Age of Empire (das Zeitalter des Imperiums) nimmt die Periode von 1875 bis 1914 in den Blick. Hobsbawms Modell des Langen 19. Jahrhunderts ist sehr wirkmächtig geworden, da es vielfach von Lehrbüchern und der historischen Einführungsliteratur übernommen wurde. Aber auch diese Zeitkonstruktion ist problembeladen: Die Forschung hat bis heute keinen thematischen Oberbegriff gefunden, der die beiden Jahrhunderthälften vor bzw. nach 1848 miteinander verbinden könnte.Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch. 1815–1914, München 2018, S. 10.
Viele Historiker sprechen sich äquivalent zum Langen 19. Jahrhundert für ein Kurzes 19. Jahrhundert aus. Dieses erstreckt sich häufig vom Wiener Kongress 1814/1815 bis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898. Es existieren aber auch Sichtweisen, die das kurze 19. Jahrhundert mit der napoleonischen Herrschaft beginnen und in den 1880er Jahren aufhören lassen. Letztlich hat sich kein Epochenbegriff für das gesamte 19. Jahrhundert unumstritten durchsetzen können.Andreas Fahrmeir: Rezension von: Franz J. Bauer: Das 'lange' 19. Jahrhundert (1789–1917). Profil einer Epoche, Stuttgart: Reclam 2004, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 vom 15. Juni 2004 Darin unterscheidet es sich von vorhergehenden Epochen, welche mehrere Jahrhunderte zusammenfassen (etwa das „Mittelalter“ oder die „Frühe Neuzeit“).Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 89
Jürgen Osterhammel macht auf das Problem aufmerksam, dass es im ganzen 19. Jahrhundert kein einzelnes Ereignis gab, das von weltweiter Bedeutung war. So variiert beispielsweise die Relevanz der Französischen Revolution schon auf der europäischen Ebene erheblich. Die Unabhängigkeit der dreizehn Kolonien in Nordamerika 1783 bedeutete für Großbritannien einen weit tieferen Einschnitt als die Entmachtung von Ludwig XVI. Für die Zeitgenossen in Südostasien spielte die Französische Revolution überhaupt keine Rolle. Osterhammel wertet erst die Krisenerscheinungen am Ende des Ersten Weltkrieges, zu denen auch die Spanische Grippe gehörte, als erste globale Phänomene.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009, S. 96. Gegen eine ereignisgeschichtliche Periodisierung des 19. Jahrhunderts spricht außerdem, dass ihr Anfangs- und Endpunkt überbewertet werden können: Einschneidende Ereignisse markieren nicht unbedingt den Startpunkt einer historischen Entwicklung, sondern können selbst aus Prozessen hervorgegangen sein, die bereits vor ihrem Auftreten eine Rolle spielten. Zum Beispiel läutete der Auftakt des Viktorianischen Zeitalters im Jahr 1837 keinen großen Umbruch für das weltumspannende British Empire ein, denn die Macht der britischen Monarchie war durch das Parlament ohnehin längst beschränkt worden. Somit kam dem Thronwechsel selbst vergleichsweise wenig politisches Gewicht zu.Jürgen Osterhammel: Über die Periodisierung der neueren Geschichte. In: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berichte und Abhandlungen, Band 10, Berlin 2006, S. 45–64. hier S. 49.
Zeitmodelle eingegrenzt durch Epochenmerkmale Der Historiker Reinhart Koselleck schlug eine begriffsgeschichtlich definierte Periode vor, die sogenannte Sattelzeit. Diese Übergangsphase, die die europäische Frühe Neuzeit mit der europäischen Moderne verband, dauerte Koselleck zufolge von etwa 1750 bis 1850: In dem Zeitraum vollzog sich bei den meisten Begriffen ein historischer Bedeutungswandel, der auf ein modernes Gesellschaftsverständnis hinweist.Daniel Fulda: Karriere und Problematik eines kulturwissenschaftlichen Zentralbegriffs. In: Elisabeth Décultot und Daniel Fulda (Hrsg.): Sattelzeit. Historiographiegeschichtliche Revisionen. Berlin 2016, S. 1–16, hier S. 1–2. Die Art und Weise, wie die Welt wahrgenommen und gedeutet wurde, änderte sich sprachlich, so Kosellecks Hauptthese, grundlegend um 1800. Die Zeitgenossen begannen etwa Geschichte nicht mehr als etwas Vergangenes zu verstehen, das sich zyklisch wiederholt oder aus dem moralische Lehren für die Gegenwart gezogen werden können, sondern als einen fortlaufenden Prozess zu sehen.Daniel Fulda: Karriere und Problematik eines kulturwissenschaftlichen Zentralbegriffs, In: Elisabeth Décultot und Daniel Fulda (Hrsg.): Sattelzeit. Historiographiegeschichtliche Revisionen. Berlin 2016, S. 1–16, hier S. 4–5