Das Kraftwerk Heyden (bis 1952 und inoffiziell Kraftwerk Lahde) ist ein stillgelegtes deutsches Steinkohlekraftwerk.
Das Kraftwerk liegt im Ortsteil Lahde der Stadt Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke in Nordrhein-Westfalen an der Grenze zu Niedersachsen und war bis zur Inbetriebnahme des Kraftwerkblocks Datteln IV im Jahr 2017 mit 875 Megawatt Nettoleistung das leistungsstärkste Steinkohlekraftwerk mit nur einem Block in Europa.
Das Kraftwerk Heyden gehört nach der Abspaltung der Energieerzeugungssparten von E.ON mit 16 weiteren Kohlekraftwerken zu Uniper.
Geschichte Die Planungen für das Kraftwerk hatten im Jahr 1939 durch die Vorläufer der PreussenElektra begonnen und wurden durch den Ausbau der Mittelweser und den Bau der Staustufe Petershagen begleitet. Beim Bau in den 1940er Jahren wurden NS-Zwangsarbeiter aus dem Arbeitserziehungslager Lahde eingesetzt, woran ein Gedenkstein auf dem Kraftwerksgelände erinnert., abgerufen am 1. September 2015.
Das Kraftwerk Lahde der PreussenElektra war das erste Kraftwerk, das in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ans Netz ging. Am 7. Mai 1951 produzierte es zum ersten Mal 120 Megawatt Leistung aus bis zu 54 Tonnen Steinkohle pro Stunde. Damit war es das erste Kraftwerk, das in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg neu ans Netz ging.WDR 1: "Oh da stirbt sas weg", abgerufen am 1. Oktober 2024 Zu Ehren des 1952 verstorbenen Gründungsvorstands von PreussenElektra, Wilhelm Heyden, wurde der Standort am 1. Januar 1953 in Kraftwerk Heyden umbenannt. Im April 1960 und im August 1961 wurden zwei weitere Blöcke in Betrieb genommen, um den steigenden Strombedarf zu decken. Diese drei Blöcke wurden Anfang der 1980er Jahre stillgelegt; zeitgleich begann der Bau von Block 4. Dieser liefert seit 1987 bis zu 875 Megawatt Strom (netto). Am 3. Juli 2011 wurde im Werk das 60-jährige Bestehen mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.Homepage des Kraftwerks Heyden, abgerufen am 11. Juli 2011.
Im Jahr 2012 ging das Kraftwerk wegen Revisionsarbeiten von Ende April bis Mitte Juli vom Netz. Dabei wurde die Technik für 40 Millionen Euro gewartet und modernisiert.Kraftwerk Heyden bleibt weiter zukunftsträchtig. In: Mindener Tageblatt. Printausgabe, 31. Mai 2012, S. 17.
Der Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland veranlasste Uniper mit dem Kraftwerk Heyden Block 4 am Ausschreibungsverfahren zur Reduzierung der Verstromung von Steinkohleanlagen und Braunkohle-Kleinanlagen zum Gebotstermin 1. September 2020 teilzunehmen. Am 1. Dezember 2020 wurde das Ergebnis des Verfahrens von der Bundesnetzagentur öffentlich bekannt gegeben. Block 4 erhielt neben zehn weiteren Kohleblöcken einen Zuschlag, wodurch das Vermarktungsverbot am 1. Januar 2021 und das Kohleverstromungsverbot für diesen Block im Juli 2021 in Kraft trat. Anfang März haben die Übertragungsnetzbetreiber den Block als systemrelevant angezeigt. Die Bundesnetzagentur teilte am 1. Juni 2021 mit, dass die Systemrelevanz von Block 4 in der Bereitstellung von Blindleistung liegt, und fordert daher die Umrüstung der Generatoren in rotierende Phasenschieber, damit die Kohleverfeuerung eingestellt werden kann. Im Januar und Februar 2021 wurde das Kraftwerk auf Anforderung der Tennet TSO sechsmal gestartet.siehe auch faz.net vom 28. Juni 2021: Bislang deutlich weniger Ökostrom in diesem Jahr
Auf Anordnung der Bundesnetzagentur war Block 4 bis zum 30. September 2022 als Netzreserve vorgesehen; die Agentur zahlte für dessen Bereitschaftsbetrieb.
Nachdem die Bundesregierung ihre Energiepolitik infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 änderte und eine Liste von 16 Kraftwerken veröffentlichte, die bei Gasknappheit bis April 2024 ans Netz gehen dürfen, trifft diese Laufzeitverlängerung auch auf die Uniper-Kraftwerke Irsching, Heyden und Ingolstadt zu. Am 29. August 2022 wurde das Steinkohlekraftwerk Heyden wieder in den Regelbetrieb genommen, um den deutschen Erdgasverbrauch in der Stromproduktion zu reduzieren.siehe dpa / FAZ.net 29. August 2022: Weiteres Steinkohlekraftwerk wieder am Netz – auch Greenpeace ist dafür
Am 30. September 2024 wurde der Steinkohle-Block 4 endgültig stillgelegt. Ein sofortiger Rückbau ist nicht geplant. Gemeinsam mit NGEN wird am Standort ein Batteriespeicher gebaut."Oh, da stirbt was weg": Das Kraftwerk in Petershagen muss schließen, von Catharina Coblenz, SWR, 29. September 2023
Leistung Der Steinkohle-Monoblock leistete zu Beginn 865 Megawatt (brutto). Durch Modernisierungen und Weiterentwicklungen wurde die Leistung auf 920 Megawatt gesteigert und sein Wirkungsgrad auf 42 Prozent. Das Kraftwerk Heyden ist das leistungsstärkste Kohlekraftwerk der Uniper Kraftwerke GmbH. Es ist für den Einsatz in der Mittellast konzipiert. Es wurde jahrelang vorwiegend an Werktagen dem wechselnden Strombedarf entsprechend eingesetzt, leistete 3000 bis 5000 Volllaststunden pro Jahr und erzeugte jährlich 2,5 bis 4,2 TWh.
Im Zuge der Energiewende wurde In: Schaumburger Nachrichten. zum Tag der Offenen Tür 2011. 5. Juli 2011, abgerufen am 1. Juni 2012 und wird das Kraftwerk Heyden im Mittellastbereich und teils auch im Grundlastbereich eingesetzt; außerdem dient es der Netzstabilisierung (→ Einsatz deutscher Kraftwerke).
Im Kraftwerk Heyden werden täglich bis zu drei Züge à 44 Waggons mit je 60 Tonnen Kohle angeliefert (= bis zu 7.920 Tonnen); die Kohle kann auch per Schiff angeliefert werden.
Täglich werden maximal 7000 Tonnen Kohle verfeuert. Auf den Kohlehalden des Kraftwerks können bis zu 143.000 Tonnen (= 20 maximale Tagesbedarfe) Steinkohle gelagert werden. Die Großgeräte und Förderbänder zum Beschicken der Halden und der Kohlebunker haben eine Förderleistung von 1000 Tonnen pro Stunde.
Netzanschluss Der Netzanschluss erfolgt auf der 380-kV-Höchstspannungsebene in die Umspannanlage Ovenstädt des Übertragungsnetzbetreibers Tennet TSO.
Emission von Schadstoffen und Treibhausgasen Kritiker bemängeln am Kraftwerk Heyden die hohen Emissionen an Stickstoffoxiden, Schwefeloxiden, Quecksilber und Feinstaub, an dem krebserzeugende Substanzen (Blei, Cadmium, Nickel, PAK, Dioxine und Furane) haften können.Feinstaub-Quellen und verursachte Schäden, Umweltbundesamt (Dessau) Eine von Greenpeace bei der Universität Stuttgart in Auftrag gegebene Studie kam 2013 zu dem Ergebnis, dass die 2010 vom Kraftwerk Heyden ausgestoßenen Feinstäube und die aus Schwefeldioxid-, Stickoxid- und NMVOC-Emissionen gebildeten sekundären Feinstäube statistisch zu 432 verlorenen Lebensjahren führen (Rang 17 der deutschen Kohlekraftwerke, 432 „Years of Life Lost“). Philipp Preis/Joachim Roos/Prof. Rainer Friedrich, Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung, Universität Stuttgart, 28. März 2013
Außerdem stehen angesichts des Klimawandels die CO2-Emissionen des Kraftwerkes in der Kritik von Umweltverbänden. Internetinformation zur Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Zugriff am 21. April 2014Energiepolitik - Die Zeit drängt Internetinformation zur Energiewende in Deutschland, WWF, Zugriff am 21. April 2014
Das Kraftwerk Heyden meldete folgende Emissionen im europäischen Schadstoffregister „PRTR“:
+Emissionen des Kraftwerks HeydenLuftschadstoff2007200820092010201120122013Kohlenstoffdioxid (CO2) 3.680.000.000 kg 3.970.000.000 kg 3.960.000.000 kg 3.870.000.000 kg 4.230.000.000 kg 2.540.000.000 kg 4.130.000.000 kgStickstoffoxide (NOx/NO2) 2.560.000 kg 2.780.000 kg 2.610.000 kg 2.920.000 kg 3.250.000 kg 1.910.000 kg 3.010.000 kgSchwefeldioxide (als SOx/SO2) 1.900.000 kg 1.860.000 kg 1.660.000 kg 1.380.000 kg 2.050.000 kg 1.250.000 kg 2.240.000 kgFeinstaub (PM10) keine Angaben 59.200 kg 58.800 kg 86.700 kg 60.500 kg keine Angaben keine AngabenAnorganische Fluorverbindungen (als HF) 72.800 kg 96.000 kg 77.200 kg 55.900 kg 70.500 kg 44.800 kg 49.800 kgAnorganische Chlorverbindungen (als HCl) 15.400 kg 16.300 kg keine Angaben 39.100 kg 66.500 kg 39.700 kg 65.400 kgAmmoniak (als NH3) 12.000 kg keine Angaben keine Angaben keine Angaben keine Angaben keine Angaben keine AngabenQuecksilber und Verbindungen (als Hg) 28,6 kg 31,3 kg 28,4 kg 28,4 kg keine Angaben keine Angaben 53,8 kg
Weitere typische Schadstoffemissionen wurden nicht berichtet, da sie im PRTR erst ab einer jährlichen Mindestmenge meldepflichtig sind, z. B. Dioxine und Furane ab 0,0001 kg, Cadmium ab 10 kg, Nickel ab 50 kg, Chrom sowie Kupfer ab 100 kg, Blei sowie Zink ab 200 kg, Ammoniak und Lachgas (N2O) ab 10.000 kg, Feinstaub (PM10) ab 50.000 kg, flüchtige organische Verbindungen außer Methan (NMVOC) ab 100.000 kg und Kohlenmonoxid ab 500.000 kg.
Die Europäische Umweltagentur hat die Kosten der Umwelt- und Gesundheitsschäden der 28.000 größten Industrieanlagen in der Europa anhand der im PRTR gemeldeten Emissionsdaten mit den wissenschaftlichen Methoden der Europäischen Kommission abgeschätzt.Kosten-Nutzen-Analyse zur Luftreinhaltepolitik, Clean Air for Europe (CAFE) Programm, Europäische Kommission Danach liegt das Kraftwerk Heyden auf Rang 107 der Schadenskosten aller europäischen Industrieanlagen.Revealing the costs of air pollution from industrial facilities in Europe (Offenlegung der Kosten der Luftverschmutzung aus Industrieanlagen in Europa), Europäische Umweltagentur, Kopenhagen, 2011
+ Umwelt- und Gesundheitsschäden Verursacher Schadenskosten Einheit AnteilKraftwerk Heyden181–264Millionen Euro0,2–0,3 %Summe 28.000 Anlagen102–169Milliarden Euro100 %
Literatur Kraftwerk Heyden, Informationsheft von E.ON, Stand Juni 2011
Siehe auch Liste von Kraftwerken
Weblinks
Website des Kraftwerks Infografik des WWF zum CO2-Ausstoß der 30 klimaschädlichsten Kohlekraftwerke Deutschlands Beiträge zur Entwicklung des Kraftwerks Heyden im Jahr 2021 vku.de (Verband kommunaler Unternehmen): Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz beschlossen (11. Juli 2022)
Einzelnachweise
Heyden Kategorie:Bauwerk in Petershagen Heyden Kategorie:Erbaut in den 1950er Jahren Heyden