mini|Eingang zu den KAMAZ-Werken mini|Eine Produktionshalle von KAMAZ mini|Dieselmotorenwerk KAMAZ Diesel
KAMAZ (, deutsch offiziell KAMAZ AG, jeweils abgekürzt für bzw. Kamski awtomobilny sawod, aufgrund ehemals genormter Typenbezeichnungen auch als KamAZ bekannt) ist ein russischer Fahrzeughersteller. Das Unternehmen befindet sich in der Industriestadt Nabereschnyje Tschelny, Russland. In dem Automobilwerk werden Lastkraftwagen, Omnibusse (NefAZ – НефАЗ), Panzer und Dieselmotoren produziert.
In der Nähe liegt der Kama-Staudamm, der die Kama in Gestalt des Nischnekamsker Stausees reguliert und mit Hilfe des integrierten Wasserkraftwerkes die Region mit Elektroenergie versorgt.
Geschichte Sowjetische Zeit mini|KamAZ-5320 in Russland (2007) mini|KamAZ-5410 mit Stahlrohren als Ladung (2014) mini|KamAZ-5511 in Krakau (2010) mini|KamAZ-55111 in Sergijew Possad (2007)
Vorgeschichte Mitte der 1960er-Jahre bestand in der Sowjetunion ein hoher Bedarf an mittelschweren Lkw, der aus eigener Produktion nicht gedeckt werden konnte. Aus diesem Grund wurde 1976 ein komplettes Produktionswerk in Betrieb genommen, das innerhalb von fünf Jahren errichtet wurde. 70 % der dafür benötigten Maschinen mussten importiert werden. Der mit einer Computeranalyse ermittelte optimale Produktionsstandort war Nabereschnyje Tschelny. Das Werk wurde für einen Produktionsausstoß von jährlich 150.000 mittelschweren Lkw und 250.000 Dieselmotoren projektiert. Damit waren die KAMAZ-Werke einer der größten Nutzfahrzeughersteller weltweit. Die Gießerei war für die Herstellung von jährlich 500.000 t Gusserzeugnisse vorgesehen und soll damit die bis dahin größte Gießerei der Welt gewesen sein. Auf der Baustelle waren bei Errichtung der Werke etwa 60.000 Bauarbeiter tätig.Das Automobilwerk an der Kama. In: Kraftfahrzeugtechnik 6/1972, S. 167–168.
Bevor die Großserie begann, wurden vorher in dem Moskauer Ingenieurinstitut I. A. Lichatschow 24 Prototypen gebaut, die in dem zentralen sowjetischen Fahrzeugplanungs- und Entwicklungsinstitut NAMI projektiert sowie in den unterschiedlichsten sowjetischen Klimagebieten wie Sibirien, Ural und den heißen südlichen Unionsrepubliken auf ihre Alltagstauglichkeit und Robustheit erprobt wurden. Die Versuchsmuster sahen insbesondere in der Führerhausgestaltung noch anders aus als die späteren Serien-Lkw.
Serienproduktion Drei Baumuster gingen zunächst in die Produktion. Ein Pritschenwagen (Modell KamAZ-5320), eine Sattelzugmaschine (KamAZ-5410) und ein Muldenkipper (KamAZ-5511) – alle jeweils als dreiachsige Varianten. Am 16. Februar 1976 lief der erste KAMAZ-Serien-Lkw vom BandZu Ehren des XVV. Parteitages. In: Kraftfahrzeugtechnik 4/1976, S. 108. und 1977 wurde mit der Großserie begonnen. Damit begann genau eine Woche vor dem XXV. Parteitag der KPdSU die Serienproduktion. Im ersten Jahr wurden so bis Oktober 1976 15.000 und bis Dezember 22.000 Lkw in den Gewichtsklassen von 8 bis 20 Tonnen produziert. Diese Lkw hatten 210 PS und später mit Turbolader 260 PS. Eine Allrad-Variante ging 1981 als KamAZ-4310 in Serie. Die Fahrzeuge waren bis Anfang der 1990er-Jahre im ganzen RGW-Bereich sehr verbreitet. Die Motoren wurden auch an andere Lkw-Hersteller wie ZIL, das Uralski Awtomobilny Sawod und LiAZ geliefert. Geplant war die Produktion von 150.000 Lkw und 250.000 Motoren im Jahr. 1980 betrug der Jahresausstoß an Lkw bei KAMAZ 72.000 Stück.150 000 KamAS-LKW In: Kraftfahrzeugtechnik 10/1980, S. 299. Im Februar 1985 wurde auf Kuba eine Montagefertigung eingerichtet. Auch unter der Bezeichnung Altkam wurden Lkw gebaut. Im Oktober 1988 lief der einmillionste Lkw im Werk in Nabereschnyje Tschelny vom Band. Ebenfalls 1988 wurde mit der Fertigung des ersten Zweiachsers begonnen, dem KamAZ-5325.
Am 23. August 1990 wurde der Betrieb als erster in der Sowjetunion in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Mittlerweile umfasst der Produktionskomplex zehn große Spezialwerke mit einer Kapazität von bis zu 65.000 Lkw, 1.000 Bussen und bis zu 75.000 Dieselmotoren pro Jahr.
Motoren Die Motoren wurden zentral im Jaroslawski Motorny Sawod entwickelt und später bei KAMAZ in Serie produziert. Es handelte sich um einen Baukasten wassergekühlter Dieselmotoren mit Direkteinspritzung, zunächst ohne Abgasturbolader. Die Zylinder waren V-förmig im Winkel von 90° zueinander angeordnet, wobei die linke Zylinderreihe nach vorn versetzt war. Es wurden V6-, V8- und V10-Motoren entwickelt, von denen letztlich nur der V8 in die Massenproduktion bei KAMAZ ging. Der V6 mit der Bezeichnung JaMZ-642, einer Leistung von 118 kW (160 PS) und einem Hubraum von 8,14 l wurde später in Serie produziert und in den KAZ-4540 aus dem Kutaisski Awtomobilny Sawod eingebaut, dessen Stückzahlen blieben aber im Vergleich zu denen der bei KAMAZ gebauten Lkw sehr gering. Der 10,85-l-Achtzylindermotor JaMZ-740 mit 155 kW (210 PS) wurde als KamAZ-740 in die Großserie übernommen und dient in verschiedenen Leistungs- und Modernisierungsstufen noch heute als Antrieb vieler Lkw des Herstellers.КАМАЗ. Мы помним, как все начиналось (russisch) Von diesem Motor wurde auch eine gedrosselte, ansonsten aber baulich unveränderte Variante JaMZ-7401 mit 132 kW (180 PS) entwickelt. Sie war für den nicht in Serie gebauten Kipper KamAZ-5510Kraftwagen KamAZ-5320 und seine Modifikationen. Betriebsanleitung. Awtoexport, Moskau ca. 1976. vorgesehen, der letztendlich als KamAZ-5511 mit 210 PS gefertigt wurde. Weiterhin entwickelte man einen 13,56-l-Zehnzylindermotor JaMZ-741 mit 191 kW (260 PS). KamAZ war jedoch nach jahrelanger Erprobung aufgrund mangelnder Ressourcen nicht in der Lage, den Zehnzylinder in die Serienfertigung zu übernehmen, es blieb bei Prototypen.D. O. Kling: Автолегенды СССР Грузовики № 42: КамАЗ-54112. DeAgostini, Moskau 2018, ISN 2071-095X. Diese wurden Anfang der 1970er auch im vierachsigen Frontlenker Ural-395 aus dem Uralski Awtomobilny Sawod eingesetzt, das Fahrzeug wurde aber ebenso wenig wie der Motor in die Serienproduktion übernommen.Alexander Jurkowski: Урал с берегов Рейна. 2022, ISBN 978-5-8296-4416-1, S. 69. Aus dem Hub-Bohrung-Verhältnis von 1 ergab sich bei allen Motoren neben kompakter Bauweise auch eine recht niedrige Kolbengeschwindigkeit von 10,4 m/s bei der Nenndrehzahl von 2600/min. Die Kaltstartgrenze bei Einsatz von Winteröl lag zwischen −10 und −15 °C und konnte durch eine Vorwärmanlage auf −40 °C abgesenkt werden.Konstruktive Einzelheiten der KamAS-Dieselmotoren. In: Kraftfahrzeugtechnik 11/1978, S. 333–337.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion Bereits 1992 wurden Motoren von Cummins benutzt, wobei noch bis 1995 auch eigene Motoren eingebaut wurden. Am 14. April 1993 wurde das Motoren-Werk durch einen Großbrand zerstört. Nun wurden Cummins-Sechszylinder-Motoren mit bis zu 400 PS, ein Vielstoffmotor, Eaton-Getriebe und Fahrerhäuser von Sisu benutzt. Auch die Zahnradfabrik Friedrichshafen lieferte Getriebe und Rockwell Achsen.
Mit den politischen Umwälzungen in Osteuropa veränderten sich auch die Rahmenbedingungen der Produktion. KAMAZ kam 1998 bis an den Rand des Ruins. 1999 erhielt das Unternehmen einen Kredit von mehr als 100 Millionen Dollar von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Trotz des weggebrochenen Absatzmarktes konnten bis August 1993 noch 1,5 Millionen und bis August 1999 insgesamt 1,6 Millionen Lkw gebaut werden. Im Jahr 2000 kamen nur noch 5000 Lkw hinzu und Cummins sowie die Zahnradfabrik Friedrichshafen lieferten nicht mehr. Aufträge kamen nun von den Russischen Streitkräften, sodass eigene V8-Motoren in die Lastwagen eingebaut werden konnten. Die zivilen Typen erhielten nun Caterpillar-Motoren. Bis 2003 verließen insgesamt rund 2,3 Millionen eigene und fremde Dieselmotoren das Werk. Die Fahrzeuge sind bis heute in den GUS-Staaten weit verbreitet und werden nach Werksangaben weltweit in ca. 30 Länder exportiert.
Am 12. Dezember 2008 erwarb die Daimler AG 10 % der KAMAZ-Anteile von der Troika-Dialog Holding. Eine Aufstockung auf bis zu 43 % der Beteiligung war bei positiver wirtschaftlicher Entwicklung geplant. Daimler erhielt zudem einen Sitz im Aufsichtsrat sowie weitreichenden Einfluss auf die Weiterentwicklung und Modernisierung der Modellreihen.
Im Oktober 2009 wurde bekannt, dass Daimler und KAMAZ enger zusammenarbeiten wollen, es soll ein Gemeinschaftsprojekt entwickelt werden. So werden Mercedes-Lkw in einem KAMAZ-Werk produziert. Gleichfalls sollen über das Unternehmen auch Produkte von Mercedes-Benz sowie Busse der Marke Setra vertrieben werden. Das Service- und Vertriebsnetz soll über KAMAZ-Händler ausgebaut werden. Daimlers japanische Tochter Fuso wird ebenfalls Lkw in Nabereschnyje Tschelny bauen. Genannt wurde der Fuso Canter. Ziel sei es dabei, den Anteil der russischen Zulieferbetriebe und russisch produzierten Komponenten schrittweise zu erhöhen sowie insgesamt eine Stärkung der Präsenz von Mercedes-Benz und der Zusammenarbeit mit KAMAZ in Russland.
Bis 2014 baute Daimler seine Beteiligung an KAMAZ auf 15 % aus. Abgerufen am 27. Dezember 2014 Die zwei größten Aktionäre von KAMAZ sind die staatliche Rüstungs- und Technologieholding Rostec (~49,9 %) und das Unternehmen Awtoinvest mit Sitz in Zypern (~20,8 %) (Stand: Mai 2015). Stand 2014 produzierte das Werk in seiner Geschichte 2,13 Millionen Lastwagen und 2,8 Millionen Dieselmotoren.Produktionszahlen mit Stand 2014 auf der offiziellen Unternehmensseite (russisch)
Am 25. März 2015 wurde zwischen Liebherr und KAMAZ ein Kooperationsvertrag unterzeichnet. Dabei wurde vereinbart, dass Liebherr moderne Dieselmotoren für KAMAZ entwickelt und KAMAZ auch technisch berät.Pressemitteilung von Liebherr zur Zusammenarbeit mit KAMAZ Seit 2016 baut das Unternehmen eine neue Lastwagengeneration rund um den Kipper KamAZ-6580 in Serie, die 2015 auf Fahrzeugmessen präsentiert worden war.Herstellerwebseite mit allgemeinen Unternehmensinformationen und Notiz zur seit 2016 gebauten Fahrzeugfamilie um den KamAZ-6580 (russisch) In der Serienfertigung werden in den Fahrzeugen Motoren von Mercedes-Benz und Getriebe von ZF Friedrichshafen verbaut. (russisch) Die Lkw erfüllen als erste Serienfahrzeuge des Herstellers die Abgasnorm Euro 5.Übersicht über die vom Hersteller aktuell angebotenen Lastwagen mit grundlegenden technischen Daten (russisch)
Aufgrund des Russischen Überfalls auf die Ukraine verhängten westliche Länder und Institutionen Ende Februar 2022 Sanktionen; unter anderem kann Russland SWIFT nur noch eingeschränkt nutzen. Am 28. Februar 2022 legten daraufhin Daimler Truck und ZF Friedrichshafen die Kooperation mit KAMAZ auf Eis.faz.net: Westliche Konzerne ziehen sich aus Russland zurück Im Jahresverlauf 2022 erfolgte eine Umstellung auf die „sanktions-resitente“ Generation K5 mit Komponenten aus russischer Fertigung oder befreundeter Staaten. Die Motorenfertigung wird auf Aggregate mit Euro-2-Norm zurückgefahren, welche in Russland seit 10 Jahren verboten waren und zuvor nur noch für den Export nach Afrika und Lateinamerika in kleinen Stückzahlen produziert wurden.Alles läuft nach Angaben der Staatlichen Planungskommission. Wie die staatliche Regulierungsorgie die Wirtschaftskrise verschärft, The Insider, 1. April 2022 Die gesetzlichen Umweltauflagen sollen dafür gelockert werden.Die Motorenmontage ist eine heikle Angelegenheit., Kommersant, 18. März 2022