Zeugen Jehovas (Eigenbezeichnung Jehovas Zeugen; ) ist eine christliche, chiliastisch ausgerichtete und nicht-trinitarische Religionsgemeinschaft. Sie bezeichnet ihre innere Verfassung als theokratische Organisation. Sie ging aus der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher hervor, die im ausgehenden 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Charles Taze Russell gegründet wurde.
Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ist durch ihre ausgeprägte Missionstätigkeit, ihre Ablehnung von Bluttransfusionen, das Nichtbegehen aller religiösen Feier- und Festtage außer dem Abendmahl und das Nichtfeiern von Geburtstagen bekannt. Ihre Missionstätigkeit verrichten die Zeugen Jehovas hauptsächlich durch das Anbieten kostenloser Bibelkurse und das Verteilen der Zeitschriften Der Wachtturm und Erwachet!.
Den Namen Jehovas Zeugen verwendet die Religionsgemeinschaft seit 1931, gestützt auf . Davor waren sie unter anderem als Ernste Bibelforscher bekannt. In den Bundesländern Deutschlands erlangte die Religionsgemeinschaft jeweils von 2006 bis 2017 den Körperschaftsstatus, in Österreich 2009 die gesetzliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Als Eigenbezeichnung im deutschsprachigen Raum verwenden sie den Namen „Jehovas Zeugen in [Landbezeichnung]“. Ortsansässige Gemeinden, als Träger der Versammlungen und Organisatoren der Zusammenkünfte, verwenden die Bezeichnung „Jehovas Zeugen, Versammlung [Ortsbezeichnung]“.
Mitglieder mini|Missionstätigkeit der Zeugen Jehovas in 240 Ländern und Territorien mini|Bevölkerungsanteil nach Ländernmini|Zahl der in der Mission aktiven Zeugen Jehovas 1945–2020
Jehovas Zeugen veröffentlichen jährlich eine Statistik über ihre weltweite Tätigkeit. Diese beinhaltet je Land die Zahlen der sich aktiv an der Missionierungstätigkeit beteiligenden Personen („Verkündiger“), der Neugetauften und der Gottesdienstbesucher des jährlichen Abendmahls. Die Zahlen gelten als zuverlässig. Deutsche Zusammenfassung bei Die von der Religionsgemeinschaft veröffentlichte Zahl der aktiv missionstätigen Zeugen Jehovas weltweit liegt für das Jahr 2025 bei durchschnittlich 9 Millionen. Diese Zahl schließt weder Kleinkinder noch inaktive getaufte Mitglieder ein. Daher ist die Zahl der sich bei Volkszählungen als Zeugen Jehovas bekennenden Personen gewöhnlich höher als die von der Religionsgemeinschaft veröffentlichte Zahl der aktiv Missionstätigen, aber niedriger als die Zahl jener, die einmal jährlich das Abendmahl besuchen.David Clark Knowlton: How Many Members Are There Really? Two Censuses and the Meaning of LDS Membership in Chile and Mexico. in: Dialogue: A Journal of Mormon Thought. 38, no. 2 (2005), S. 57–58. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Definition der Zahlen stimmen die von der Religionsgemeinschaft veröffentlichten Statistiken sehr gut mit Volkszählungsergebnissen und anderen unabhängigen statistischen Untersuchungen zur Religionszugehörigkeit überein.
Zahlen für den deutschsprachigen Raum Für das Jahr 2024 nannte die Religionsgemeinschaft für Deutschland 176.478 im Predigtwerk aktive Zeugen Jehovas, für Österreich 22.487, für die Schweiz 20.352, für Luxemburg 2.264 und für Liechtenstein 108. Schließt man Kleinkinder und inaktive getaufte Mitglieder ein, kommt man auf etwas höhere Zahlen. So gibt das Außenministerium der Vereinigten Staaten in seinem Bericht zur Lage der weltweiten Religionsfreiheit 2018 an, es gebe in Deutschland ungefähr 222.000 aktive und inaktive Mitglieder. In Österreich bekannten sich bei der Volkszählung 2001, bei der als freiwillige Angabe die Religionszugehörigkeit abgefragt wurde, 23.206 Personen als Zeugen Jehovas. 1999 wurde die Zahl der Personen, die die Gemeinschaft in Deutschland verlassen haben, für zurückliegende Jahrzehnte auf insgesamt 20.000 geschätzt. Bei der Volkszählung in der Schweiz im Jahr 2000 gaben 20.330 Personen an, den Zeugen Jehovas anzugehören.Martin Baumann, Jörg Stolz (Hrsg.): Eine Schweiz – viele Religionen. Risiken und Chancen des Zusammenlebens. Transcript Verlag, 2007. S. 40.
Entwicklung weltweit Jahrzehntelang waren Zeugen Jehovas eine der am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaften der Welt mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 5 %. Das Wachstum hat sich seit Mitte der 1990er-Jahre verlangsamt. Nach Angaben der Religionsgemeinschaft wurden in den Jahren vor 2015 weltweit jährlich etwa 250.000 bis 300.000 Gläubigentaufen vorgenommen. Die Zahl der im Predigtwerk aktiven Zeugen Jehovas stieg in diesem Zeitraum weltweit um bis zu 2 %.Raik Zillmann: Zwischen Glaube und Familie. Religiös verschiedene Ehen bei Jehovas Zeugen. Springer VS, Wiesbaden 2015.
Nach Ansicht des US-amerikanischen Sozialwissenschaftlers und Religionssoziologen Rodney Stark und des Wirtschaftswissenschaftlers Laurence R. Iannaccone deutet die im Vergleich zur Zahl der Neugetauften niedrigere Zunahme der Gesamtzahl der aktiven Zeugen Jehovas auf eine verhältnismäßig hohe Fluktuation hin. Die Zeugen Jehovas sind in Amerika, Europa, Afrika südlich der Sahara und Australien relativ gleichmäßig stark, in den islamisch dominierten Staaten und vielen anderen asiatischen Ländern hingegen nur schwach vertreten.
Wachstumsanalyse 1997 werteten Rodney Stark und Laurence Iannaccone für einen Beitrag im Journal of Contemporary Religion die bis 1995 verfügbaren Jahresberichte der Zeugen Jehovas, die jährliche effektive Zuwächse von etwa 5 % auswiesen, als großen Erfolg auf dem globalen „Markt der Religionen“ und führten dies auf folgende Faktoren zurück: Kulturelle Kontinuität – ihre Missionsbemühungen seien in christlich vorgeprägten Gebieten stets erfolgreicher als beispielsweise in traditionell muslimischen Gegenden. Legitime Autorität – obwohl die theokratische Organisation der Zeugen Jehovas stark hierarchisch sei, gebe es keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen einfachen Mitgliedern und Ältesten (siehe Organisation). Der Aufstieg in eine Führungsposition, zum Beispiel zum Ältesten, sei jederzeit möglich und ist in diesem Sinne demokratisch. Es steht – durch die verschiedenen ehrenamtlichen Tätigkeiten der Mitglieder – jederzeit und kostenlos eine (dt. ‚Arbeitskräftepotenzial‘) zur Verfügung. Eine Fertilitätsrate, die die Mortalitätsrate der Mitglieder übersteigt. Eine effektive Sozialisation junger Mitglieder, die nicht durch Konversion zu den Zeugen Jehovas kamen, sondern über ihre Eltern Mitglieder geworden sind. Günstiges Umfeld – die Zeugen Jehovas seien zumeist dort besonders erfolgreich, wo die Mobilisierung durch ihre konventionellen Konkurrenten, wie etwa die Volkskirchen, gering ausfällt. Enge soziale Vernetzungen mit der gesellschaftlichen Umwelt über die Grenzen der Religionsgemeinschaft hinaus. Ein mittleres Maß an Spannung zur gesellschaftlichen Umwelt durch rigide Vorschriften (), gegen die zu verstoßen Sanktionen nach sich zieht. Dadurch würden Trittbrettfahrer () von der Gruppe ferngehalten, die vom intensiven Gemeinschaftsleben profitierten, ohne die damit verbundenen Kosten mitzutragen. So sollen von den Mitgliedern enorme zeitliche Investitionen und erhebliche Opfer verlangt werden, zum Beispiel im Sexualverhalten, beim Verzicht auf den Kontakt mit ehemaligen Zeugen Jehovas, auf Tabak, Drogen, Bluttransfusionen, Geburtstage und andere Feste, die nicht mit ihrem Glauben vereinbar sind. Der Austritt aus der Religionsgemeinschaft sei daher niederschwellig möglich. Gleichzeitig dürfe diese Spannung zur Umwelt nicht so stark werden, dass Konvertiten abgeschreckt würden, weswegen es bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel keine strengen Kleidervorschriften gebe.
Dass die Glaubenssätze der Zeugen Jehovas teilweise empirisch überprüfbar waren, sahen Stark und Iannaccone dagegen als Faktor, der Misserfolg begünstigen könnte. Das Nichteintreffen der vorhergesagten Tausendjahrherrschaft Christi im Jahr 1975 habe die Wachstumsrate merklich geschmälert. Da seitdem auf konkrete Vorhersagen verzichtet werde, sei diese Gefahr für ihr weiteres Wachstum eliminiert (siehe auch Kontroversen).
Lehre
Gottesbild Jehovas Zeugen beten zum „allmächtigen und ewigen Gott“ Jehova. Im deutschen Sprachraum ist „Jehova [sprich: Jehowa]“ die überlieferte Aussprache des Gottesnamens der Bibel, weshalb Jehovas Zeugen diese allgemein übliche Form verwenden. Diese Vokalisation des Tetragramms spielt auf die Vokale des Wortes Adonai an, mit dem der unaussprechliche Gottesname im Judentum traditionell umschrieben wird.Robert Schmidt: Zeugen Jehovas. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 3, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02070-3, S. 708. Er hat laut ihrer Interpretation der Bibel das Universum und das Leben erschaffen. Seine Haupteigenschaften seien Liebe, Gerechtigkeit, Macht und Weisheit. Jehova wird als unsichtbare Person gesehen, die unabhängig vom Menschen existiert und ein persönliches Interesse an jedem Menschen auf der Erde habe. Die Dreifaltigkeitslehre lehnen sie ab, weil sie nach ihrer Bibelinterpretation darin keine biblische Grundlage erkennen.
Jesus Jesus betrachten Jehovas Zeugen als das erste und einzige von Gott allein erschaffene Geschöpf. Damit vertreten sie die Präexistenz Christi. In seiner vor- und nachmenschlichen Gestalt sei Jesus mit dem Erzengel Michael identisch. Der Mensch Jesus von Nazaret sei von Gott zum Hohepriester gesalbt worden (Adoptianismus).George D. Chryssides: Historical Dictionary of Jehovah’s Witnesses. Rowman & Littlefield, Lanham 2019. Als Sohn Gottes wird er als dem Vater untergeordnet betrachtet (Subordinatianismus).Roger E. Olson: The Mosaic of Christian Belief. Twenty Centuries of Unity and Diversity. InterVarsity Press, Downers Grove, 2002, ISBN 0-8308-2695-5, S. 145. Sein Tod am Pfahl (laut den Zeugen Jehovas durch Forschungen im Altgriechischen nicht am Kreuz) sei das „Loskaufsopfer“, durch das die Menschen Vergebung von Sündenschuld erlangen können.Gerhard Besier: Zeugen Jehovas in Deutschland. In: Derselbe und Katarzyna Stokłosa (Hrsg.): Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart. Band 3: Albanien, Bulgarien, Deutschland, Jugoslawien, Liechtenstein, Österreich, Polen, Schweiz, Tschechoslowakei und Ungarn (= Studien zur kirchlichen Zeitgeschichte. Band 7). LIT, Münster , ISBN 978-3-643-14127-9, S. 129–268, hier S. 133. Er sei „Jehovas Hauptvermittler“, neben dem auch der Wachtturm-Gesellschaft eine wichtige Funktion zukomme.
„Theokratische Organisation“ Jehovas Zeugen verstehen sich als wiederhergestellte wahre Christenversammlung, wie sie für die Endzeit prophezeit worden sei. Sie verstehen den Bibelbericht über das Apostelkonzil so, dass die frühe Kirche nicht eine nur lose Vereinigung unabhängiger Versammlungen war, sondern dass es eine zentrale leitende Körperschaft aus Aposteln und Ältesten gab, die unter der Leitung des heiligen Geistes ernannt worden war, Entscheidungen traf und die Einsetzung von Aufsehern beaufsichtigte.
In der Theologie der Zeugen Jehovas spielt Gottes „treuer und verständiger Sklave“, eine Gleichnisfigur aus , eine zentrale Rolle. Durch ihn regiere Gott theokratisch ihre Organisation. Nach ihrem Selbstverständnis wird (Stand 2024) der „treue und verständige Sklave“ mit der Leitenden Körperschaft der Organisation gleichgesetzt. Ihre Aussage ist für Jehovas Zeugen in Lehrfragen maßgeblich. Sie erhebt jedoch keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit.
Bibel Jehovas Zeugen glauben an die Bibel als inspiriertes, irrtums- und widerspruchsloses Wort Gottes. Sie glauben daher, dass die Bibel durchwegs mit Wissenschaft, Geschichte und Archäologie vereinbar sei und dass sie die beste Anleitung zu Ethik und Moral enthalte, ebenso zuverlässige Prophetie. Sie versuchen, Schriftwort durch Schriftwort zu erklären, legen aber nicht alle biblischen Aussagen wörtlich aus.