mini|hochkant=1.2|Südwestfassade mit dem Barockgarten im Vordergrund mini|hochkant=1.2|Nordostfassade mit den Schlosswiesen im Vordergrund
Das Barockschloss Delitzsch liegt in der nordsächsischen Stadt Delitzsch und ist eines der ältesten Schlösser im Nordwesten von Sachsen. Gebäude und angrenzender Gartenbereich sind in den planmäßig angelegten historischen Stadtteil eingebunden, in dem eine Hauptstraße südlich des Schlossgeländes verläuft. Bestehend aus einem Herrenhaus, einem kleinen nordwestlich und einem größeren nordöstlich angrenzenden Nebenflügel, wurde es in mehreren Bauphasen errichtet und architektonisch verändert. Von dem ursprünglichen Bau aus dem frühen 12. Jahrhundert sind nur noch die Fundamente erhalten. Zu den ältesten noch erhaltenen Bauteilen gehören zwei Tiefkeller und der Turm, welche der Markgraf von Meißen, Wilhelm I., ab 1389 errichten ließ.
Auf den Grundmauern einer gotischen Wasserburg erbaut, diente die Anlage den Wettinern von 1387 bis 1540 als Verwaltungs- und Reiseresidenz. Anschließend ließen die Herzöge und Kurfürsten von Sachsen die Burg von 1540 bis 1558 zum Renaissanceschloss umbauen und bewohnten es während ihrer Reisen. Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Anlage letztmals äußerlich verändert, wodurch sie ihr barockes Erscheinungsbild erhielt. Fortan nutzte es das Fürstentum Sachsen-Merseburg als Witwen- und Reiseresidenz.
Nach etappenweiser Restaurierung ab 1993 wird das Barockschloss Delitzsch heute als Museum, Tourist-Information, Standesamt, Außenstelle der Kreismusikschule „Heinrich Schütz“ Nordsachsen, Klanggewölbe und überregionaler Veranstaltungsort genutzt. Das Kulturdenkmal ist im Eigentum der Großen Kreisstadt Delitzsch.
Baugeschichte mini|hochkant|Wilhelm I. von Meißen
Im 9./10. Jahrhundert errichteten slawische Sorben im Schutz der damaligen Loberbachschleife eine hölzerne Burg auf der Fläche des heutigen Schlossgartens. In der frühen Phase der Ostkolonisation unter König Heinrich I. geriet das Gebiet zwischen Saale und Elbe unter die Herrschaft deutscher Ministerialen, die anstelle der hölzernen Slawenburg einen steinernen Burgward auf der benachbarten Anhöhe errichteten.Sigrid Schmidt, Christel Moltrecht: Stadtbilder aus Delitzsch. Stadt-Bild-Verlag, Leipzig 1992, ISBN 3-928741-16-0, S. 3. Im Schutz der erweiterten Burg wurde 1140/50 im nördlichen Vorburgbereich eine frühstädtische Slawensiedlung von Handwerkern und Kaufleuten angelegt. Um 1200 entwickelte sich die Burg zum Sitz eines unteren Gerichtsbezirks. Für die Zeit zwischen 1207 und 1224 sind drei Gerichts- und Lehntage der Markgrafen von Meißen und Landgrafen von Thüringen urkundlich nachgewiesen.Sigrid Schmidt, Christel Moltrecht: Stadtbilder aus Delitzsch. Stadt-Bild-Verlag, Leipzig 1992, ISBN 3-928741-16-0, S. 4.Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, S. 58. Die Burganlage diente neben der Funktion als Verwaltungs- und Vogteisitz auch als Reiseresidenz der Wettiner.
Nach dem Tod Friedrichs III. im Jahr 1381 vollzog Wilhelm I. mit seinem Bruder Balthasar von Wettin die sogenannte Chemnitzer Teilung, bei der er die Markgrafschaft Meißen als Erbteil erhielt. Daraufhin ließ er den steinernen Burgward von 1387 bis 1391 zu einer wehrhaften Wasserburg im Stil der Gotik umbauen, von deren Existenz noch der Schlossturm und zwei Tiefkeller zeugen. Die Burg stand auf einem Berg und war von einem Graben umgeben, der mit dem Wall sowie Wassergraben der Stadt verbunden und nur durch eine Brücke zu überqueren war. Markgraf Wilhelm I. nutzte die Burganlage als eine seiner beliebtesten landesherrlichen Reiseresidenzen.Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, S. 10. In dieser Funktion diente es bis in das 16. Jahrhundert der sächsischen Landesherrschaft und zur Unterbringung der landesherrlichen Ämterverwaltung.
Unter dem albertinischen Herzog Moritz von Sachsen und dessen Nachfolger Kurfürst August wurde die Burg zwischen 1540 und 1558 im Stil der Renaissance für die Kurfürsten von Sachsen umgebaut. Den vorläufigen Bauabschluss bildeten die Verhandlungen des kurfürstlichen Landrentmeisters über den Ankauf des Schlossgrabens von der Stadt Delitzsch. Wie in den Jahrzehnten zuvor sind zahlreiche Besucher der sächsischen Herrscher nachgewiesen, die das Schloss auf ihren Reisen als Aufenthaltsort nutzten. Beispielsweise übernachtete dort im Jahr 1600 Landgraf Moritz von Hessen und wurde vom Amtmann bewirtet. Mit Johann Georg I. hielt sich dort am 2. November 1616 vorläufig zum letzten Mal ein Kurfürst im Schloss auf.Museum Schloss Delitzsch: Schloss Delitzsch, 2004, S. 8. Im Gegensatz zu den meisten landesherrlichen Schlössern des Kurfürstentums Sachsen überstand das Delitzscher Schloss den Dreißigjährigen Krieg weitgehend unbeschadet, sein Erscheinungsbild war aber infolge von Einquartierungen schwedischer Söldnerverbände beschädigt. Nach dem Friedensschluss von 1648 war Kursachsen wirtschaftlich und sozial geschwächt. Es erforderte große Anstrengungen, Verwaltung und Finanzwesen hauptsächlich auf der regionalen Ebene zu reorganisieren. Dazu gehörte die Wiederherstellung der Verwaltungsgebäude. In diesem Zusammenhang wurde 1652 auch das Delitzscher Schloss wieder instand gesetzt.
mini|hochkant|links|Christian I. von Sachsen-Merseburg
Als 1656 der sächsische Kurfürst Johann Georg I. starb, wurde nach seinem Testament von 1652 eine faktische Landesteilung Sachsens vollzogen. So gab es neben dem weiter bestehenden Restkurfürstentum noch drei sogenannte Sekundogenituren, zu denen auch das Herzogtum Sachsen-Merseburg mit dem Gebiet um Delitzsch gehörte. Dieses Herzogtum kam unter die Herrschaft von Herzog Christian I., der das alte Bischofsschloss in Merseburg zu seiner Residenz und das Schloss in Delitzsch zum künftigen Witwensitz seiner Gemahlin ausbauen ließ. Zu Anfang musste auf Anweisung der herzoglichen Räte das Amt Delitzsch die Wohn- und Diensträume im Schloss verlassen. Dafür entstanden in den folgenden Jahren im Schlossbezirk neue Dienstgebäude, die auch heute noch bestehen. Die ersten Bauarbeiten begannen am 24. Juni 1689 unter der Leitung von Hofmaurermeister Simon Juffan.Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, S. 17. Der Schwerpunkt lag im Ausbau des repräsentativen Fürstenhauses, das in der Beletage das Appartement der fürstlichen Witwen sowie Empfangs- und Gästeräume aufnehmen sollte. Das Gebäude wurde im Stil des sächsischen Frühbarocks gestaltet, wobei der Schlossturm 1695 eine barocke Haube aufgesetzt bekam. Diese sogenannte Welsche Haube war und ist das Erkennungszeichen des Schlosses. Die große Wetterfahne mit den Initialen CW (für Christianas Wittum) und der Fürstenhaube verwies früher weithin sichtbar auf den Wohnsitz Christianas. Die letzten Bauarbeiten wurden im Jahr 1696 abgeschlossen. Jedoch zog die bereits verwitwete Herzogin Christiana von Sachsen-Merseburg mit ihrem Hofstaat von etwa 30 Personen bereits am 31. Mai 1692Jürgen M. Pietsch, Manfred Wilde: Delitzsch. Edition Akanthus, Spröda 2003, S. 12. in das Schloss ein und ließ noch im selben Jahr den heutigen Schlossgarten nach französischen Vorbildern in unmittelbarer Nachbarschaft des Schlosses anlegen.
mini|hochkant|Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg und Henriette Charlotte von Nassau-Idstein Nach dem Tod der Herzogin Christiane im Jahr 1701 nutzte das Merseburger Herzogshaus das Schloss nur noch ab und zu als Reiseresidenz. Erst von 1731 bis 1734 wurde mit dem Einzug der kunstsinnigen Herzogin Henriette Charlotte, geborene Prinzessin von Nassau-Idstein und Witwe von Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Merseburg, das Schloss wieder regelmäßig als Wohnsitz genutzt. Schon vor dem Einzug Henriette Charlottes am 30. November 1731 weilte das fürstliche Paar nach seiner Hochzeit im November 1711 im Schloss Delitzsch.Christoph Henzel: Zur Merseburger Hofmusik unter Herzog Moritz Wilhelm. In: Peter Wollny (Hrsg.): Mitteldeutschland im musikalischen Glanz seiner Residenzen – Sachsen, Böhmen und Schlesien als Musiklandschaften im 16. und 17. Jahrhundert. Beeskow 2005, S. 100. Herzog Moritz Wilhelm starb am 21. April 1731 in Merseburg, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Nach den mehrtägigen Beisetzungsfeierlichkeiten zog sich seine Witwe auf das Schloss Delitzsch zurück, wo zuvor Herzog Heinrich die von Henriette Charlotte gewünschten Umgestaltungsarbeiten veranlasst hatte.Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, S. 38. Henriette Charlotte nahm Einfluss auf die Innenraumgestaltung und brachte ihre private Schatzkammersammlung mit. Aus dieser Zeit stammen die repräsentativen Türen, die bedruckten Leinentapeten und die Kamine in den herzoglichen Privatgemächern. Die Herzogin starb am 8. April 1734 im Schloss und wurde am 4. Mai auf ihren Wunsch vor dem Altar der Stadtkirche St. Peter und Paul beigesetzt. Da das Ehepaar keine Nachkommen hatte, fiel die Sekundogenitur Sachsen-Merseburg 1738 wieder an das Kurfürstentum Sachsen zurück. Das Delitzscher Schloss ist das einzige Baudenkmal von Sachsen-Merseburg auf dem heutigen Territorium des Freistaates Sachsen.
Ein großer Teil des herrschaftlichen Mobiliars wurde am 17. September 1755 nach Schloss Hubertusburg gebracht. Nur wenige Jahre später erfolgte wiederum ein Aderlass: „Auf Anweisung des sächsischen Administrators Prinz Franz Xaver hatte 1767 der Delitzscher Hausmarschall und Amtssekretarius Müller das alte Kirchenornat aus der Schlosskapelle nach Dresden zu liefern, wohin man es im Inventar aus anderen aufzulösenden Beständen landesherrlicher Schlösser verkauft hatte.“Manfred Wilde, Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, S. 49. Dagegen blieben sämtliche Einbauten wie Kamine, Öfen, Fenster- und Sockelpaneele, Tapeten und auch das Plattenparkett des Schlosses erhalten. Bis zum Jahr 1770 gehörte das Schloss in die Zuständigkeit des „Hauß Marschall-Amtes“ in Dresden, dann wurde es der kurfürstlichen Kammer übertragen. Nach den 1785 vorgenommenen Umbauten nutzte man es als Justiz- und Rentamt für Verwaltungszwecke, entfernte alle Einbauten der Schlosskapelle und verkaufte Altar und Kanzel nach Hohenroda. Die Kapelle wurde zunächst noch als Archiv genutzt, bevor sie wenige Jahre später abgebrochen wurde. Den nach Norden angebauten steinernen Altan brach man zusammen mit der steinernen Brustwehr dagegen erst im Jahr 1813 ab.
mini|links|Abbildung (nördliche Ansicht) um 1839
Nach sehr wechselvoller Geschichte im 18./19. Jahrhundert nutzte nur noch das preußische Militär die Räume des Schlosses, bis 1849 als Garnison eines preußischen Landwehrregiments und bis 1860 als Artillerieschule.Jürgen M. Pietsch, Manfred Wilde: Delitzsch. Edition Akanthus, Spröda 2003, S. 16. Die Regierung in Merseburg beschloss 1855 die Umnutzung des durch verschiedene Neubauten ergänzten Gebäudes als Zuchthaus. Im Dezember 1860 konnte nach mehrmaligen Bauunterbrechungen in mehreren Gebäuden des Schlossbezirkes der Regelbetrieb als Frauenzuchthaus aufgenommen werden. Sein Einzugsbereich erstreckte sich auf die gesamte preußische Provinz Sachsen. Untergebracht waren zumeist Frauen, die eine mehrjährige bis lebenslange Zuchthausstrafe zu verbüßen hatten. Im Schlossgebäude selbst waren die Schlafsäle und die Arbeitsräume von bis zu 300 Frauen eingerichtet. Im heutigen Gebäude der Stadtverwaltung befanden sich Isolier- und Lazarettzellen, Aufseherwohnungen und die Gefängniskirche. Die Leitung des Zuchthauses befand sich im Gebäude des heutigen Restaurants Zur Schloßwache. Die Strafanstalt bestand bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1926, nur kurzzeitig 1866 unterbrochen, als das Schloss für mehrere Monate als Lazarett für verwundete Soldaten des Deutsch-Österreichischen Krieges diente.