mini|Die vier apokalyptischen Reiter. Holzschnitt von Albrecht Dürer Apokalyptik (von „Enthüllung“, „Offenbarung“) bezeichnet Glaubensvorstellungen von einer bevorstehenden Endzeit, in der die gegenwärtige Welt untergeht und meist von einem sich anschließenden Friedensreich abgelöst wird. Sie kommen in vielen Religionen vor, sind aber besonders in den abrahamitischen Religionen verbreitet. Eine in der Wissenschaft unumstrittene Definition von Apokalyptik gibt es nicht.

Begriff mini|William Blake: Der Engel der Apokalypse (ca. 1804) Der Begriff Apokalyptik wurde 1820 von dem deutschen Theologen Karl Immanuel Nitzsch (1787–1868) geprägt, der darunter ein Denken und Verhalten verstand, das in der Zukunft eine Abfolge dramatischer Ereignisse erwartet, die sich in eine kosmische Katastrophe ausweiten und das Ende dieser Welt und Zeit mit sich bringen würde.Walter Sparn: Apokalyptik. In: Enzyklopädie der Neuzeit Online Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-01991-2. Darauf aufbauend definierte der Theologe Friedrich Lücke (1791–1855) den Begriff im Jahr 1832:Stefan Beyerle: Apokalyptik (AT). bibel.de, Februar 2021. Er verstand Apokalyptik über die Gemeinsamkeiten der jüdischen und christlichen Apokalypsen als Endzeitprophetie. Charakteristisch seien neben einem bestimmten, periodisierenden Geschichtsverständnis eine visionäre Form und bilderreiche Sprache, Pseudonymität, ein gebildeter und kunstvoller Stil sowie das Auftreten eines „angelus interpres“, eines Engels, der die göttliche Offenbarung vermittelt und erklärt.

Teilweise wird unter Apokalyptik literaturtheoretisch die Gattung der Apokalypsen verstanden, also der Texte mit Prophezeiungen eines katastrophalen „Endes der Geschichte“, eines Weltgerichts und des sich daran anschließenden „Reiches Gottes“. Heute wird darunter aber zumeist der Inhalt dieser Gattung verstanden, also eine Vorstellungsform eschatologischer Ereignisse. Seit dem 20. Jahrhundert wird das Wort bzw. das davon abgeleitete Adjektiv apokalyptisch auch als von allen religiösen Konnotationen befreite Chiffre für das Ende der Menschheit verwendet.Christian Senkel: Apokalypse. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Bd. 1, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02070-3, S. 80.

Die Frage, wodurch sich die Apokalyptik von anderen eschatologischen Vorstellungsformen unterscheidet, wird unterschiedlich beantwortet. Der deutsche Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg grenzt sie einerseits vom Messianismus ab, der sich von ihr durch seinen Bezug auf einen persönlichen Erlöser unterschiede, andererseits vom Chiliasmus, der an den Wunschtraum einer utopischen Welt ohne Arbeit und Herrschaft appelliere, wohingegen die Apokalyptik durch eine weltabweisende, asketische Lebensführung gekennzeichnet sei.Hans G. Kippenberg: Apokalyptik 1. In: Evangelisches Kirchenlexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, Band 1, Sp. 191. Für den Religionswissenschaftler Lutz Greisiger dagegen ist Apokalyptik der Oberbegriff für beide: Chiliasmus (bzw. Millenarismus) nennt er demnach apokalyptische Vorstellungen, die ein Tausendjähriges Reich als vorletzte Stufe vor dem Ende der Geschichte enthalten, Messianismus solche, die einen kommenden Weltenretter verkünden. Notwendig für Apokalyptik sei aber weder die eine noch die andere Annahme.Lutz Greisiger: Apocalypticism, Millenarianism, and Messianism. In: Moshe Blidstein, Adam J. Silverstein, Guy G. Stroumsa (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Abrahamic Religions. Oxford University Press, Oxford / New York 2015, ISBN 978-0-19-969776-2, S. 272–294, hier S. 278 ff.

Der Journalist Christian Jakob grenzt die zeitgenössische Apokalyptik von den aktuell ebenfalls verbreiteten Dystopien ab: In dieser stecke zumeist eine Utopie mit umgekehrtem Vorzeichen: Sie sei ein Weckruf und frage, was passieren würde, wenn bestehende Machtstrukturen fortbestehen. Im Unterschied dazu ziele Apokalyptik nicht darauf, ihre Anhänger ins Handeln zu bringen, sondern prophezeie nur düster den Weltuntergang, verbreite Verschwörungstheorien und behaupte, im Besitz absoluten Wissens zu sein.Christian Jakob: Endzeit. Die neue Angst vor dem Weltuntergang und der Kampf um unsere Zukunft. Ch. Links Verlag, Berlin 2023, S. 254.

Kennzeichen Typisch für apokalyptische Vorstellungswelten sind nach dem Neutestamentler David Hellholm zum einen die „Agenten der Apokalypse“, nämlich die oberste Gottheit, göttliche Gestalten bzw. Engel als Offenbarungsvermittler sowie ein Mensch als Übermittler, zum anderen Prophezeiungen (dies die epoynmen – Offenbarungen), oftmals als vaticinia ex eventu. Regelmäßig lassen sich hierzu finden: eine Periodisierung der Weltgeschichte in vier oder sieben Weltzeitalter, deren Untergang in einer oft linearen, manchmal zyklischen Vorstellung von Zeit prophezeit wird, eine Endzeit mit Weltuntergang und -rettung, einschließlich der Auferstehung der Toten, einen gewaltsamen Endkampf zwischen Gut und Böse sowohl auf der irdischen als auch auf der kosmischen Ebene, Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Feuer usw. soziale und religiöse Unordnung. Apokalyptik tritt regelmäßig in Krisenzeiten auf: Die übernatürlich autorisierte Offenbarung endzeitlicher Ereignisse hat dann die soziale Funktion, der Gruppe der Leidenden Trost zuzusprechen durch die bevorstehende göttliche Überwindung des Bösen und die Wiederherstellung des Guten.

Der Theologe Walter Sparn nennt drei Kennzeichen für Apokalyptik: die Einbettung der Menschheitsgeschichte in eine kosmische Geschichte, die Annahme, der Lauf dieser Geschichte werde nicht nur vom tugend- oder lasterhaften Verhalten der Menschen bestimmt (Tun-Ergehen-Zusammenhang), sondern vom Konflikt übernatürlicher Mächte, die Erwartung eines Endkampfs, in dem die gute Macht siegt und den ihr zugehörigen Menschen endgültig Erlösung bringt.

Laut dem deutschen Theologen Martin Rösel beziehen sich Apokalypsen stets auf ältere Schriften, die sie mit Blick auf die nahende Endzeit auslegen. Häufig geben sie auch als Verfasser eine Autoritätsperson der Religion an, in der sie stehen (Pseudepigraphie). Beispiele hierfür sind das Äthiopische Henochbuch, das vorgibt, von Henoch, einem Enkel Adams zu stammen, oder die griechischsprachige Esra-Apokalypse, die den Esra des Alten Testaments als Verfasser nennt. Von der Offenbarung des Johannes nahm man lange an, sie stamme von dem gleichnamigen Jünger Jesu bzw. dem Evangelisten.

Der Kabbala-Forscher Gershom Scholem beschreibt Apokalyptik als vernichtende Kritik an der Geschichte und Gegenwart derer, die sie formulieren: Insofern hätten Apokalyptiker eine „zutiefst pessimistische Weltsicht“. Dem hält Lutz Greisiger entgegen, dass sie in paradox anmutender Weise von „radikalem Optimismus“ geprägt seien, denn es würden nicht nur verheerende Katastrophen und das Ende der Welt, wie wir sie kennen, prophezeit, sondern die Vollendung der Geschichte und das Kommen einer wesentlich besseren Welt. Diese werde oft als Wiederkehr eines vergangenen Goldenen Zeitalters ausgemalt, etwa des irdischen Paradieses, des davidischen Großreichs oder des Kalifats des 7. Jahrhunderts. In dialektischer Weise sei die Apokalyptik deshalb sowohl zukunftsorientiert als auch rückwärtsgewandt: Greisiger spricht von „reaktionärem Utopismus“.Lutz Greisiger: Apocalypticism, Millenarianism, and Messianism. In: Moshe Blidstein et al. (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Abrahamic Religions. Oxford University Press, Oxford / New York 2015, S. 272–294, hier S. 272 f. und 280. Somit könne Apokalyptik auch als Lösung der Theodizee-Frage verstanden werden: Die gegenwärtigen Leiden der Gläubigen würden kompatibel mit der Liebe des allmächtigen Gottes zu ihnen, da ihre Erlösung und eine Belohnung im kommenden Gottesreich als kurz bevorstehend imaginiert werde.Lutz Greisiger: Apocalypticism, Millenarianism, and Messianism. In: Moshe Blidstein et al. (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Abrahamic Religions. Oxford University Press, Oxford / New York 2015, S. 272–294, hier S. 280 f.

Geschichte Entstehung Die ältesten apokalyptischen Prophezeiungen finden sich im Zoroastrismus. Danach wird 3000 Jahre nach Zarathustra der Saoschjant erscheinen und das Weltgericht einleiten: Durch einen herabstürzenden Meteor werde das Metall der Berge geschmolzen: Den so entstehenden See würden die Frommen schmerzlos durchschreiten, die Gottlosen aber würden darin entweder geläutert oder verbrannt. Die Zeit nach diesem Sieg des Guten über das Böse wird Fraschokereti genannt. Der Religionswissenschaftler Rudolf Otto (1869–1937) nahm an, dass die jüdische und die christliche Apokalyptik stark von der zoroastrischen beeinflusst wurden. Dies wies der österreichische Theologe Franz König (1905–2004) als unbewiesene Hypothese zurück.Günter Lanczkowski: Apokalyptik/Apokalypsen 1. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 3, Walter de Gruyter, Berlin 1978, S. 191. Martin Rösel glaubt, dass sich die jüdische Apokalyptik neben den persischen auch aus anderen Quellen gespeist wurde, namentlich den Prophetenbüchern des Tanach, die sie als geistliche Autoritäten zitiert.Martin Rösel: Apokalyptik. die-bibel.de (2021). Lutz Greisiger hält die Frage, ob die jüdische Apokalyptik von der zoroastrischen beeinflusst wurde oder umgekehrt, für unbeantwortbar. Es sei jedoch kaum wahrscheinlich, dass benachbarte Religionsgemeinschaften nicht einen guten Teil ihrer Annahmen über die Welt und die Zukunft geteilt hätten.Lutz Greisiger: Apocalypticism, Millenarianism, and Messianism. In: Moshe Blidstein et al. (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Abrahamic Religions. Oxford University Press, Oxford / New York 2015, S. 272–294, hier S. 285.

Judentum und jüdische Apokalyptik Die jüdische Apokalyptik, die um 200 v. Chr. entstand, entfaltete ihre Blütezeit im 2. Jahrhundert n. Chr. Ihre mittelbare Ursache hatten diese Texte vermutlich in den Hellenisierungsbestrebungen von Antiochos III. und Antiochos IV. Epiphanes. Zur apokalyptischen Literatur des Judentums gehören die Kapitel 9 bis 14 des Propheten Sacharja (4. oder 3. Jahrhundert v. Chr.) und die Kapitel 7 bis 11 des Buchs Daniel (verfasst in den 160er Jahren v. Chr.). Seit dem dritten Jahrhundert wurden keine weiteren Apokalypsen verfasst, die Gattung gilt als abgeschlossen. Die institutionalisierten Religionen standen der Apokalyptik skeptisch gegenüber. Das rabbinische Judentum versuchte sich von radikalen Eiferern abzugrenzen und polemisierte gegen deren eschatologische Spekulationen; dies nicht zuletzt, weil der von messianischen Hoffnungen getragene Bar-Kochba-Aufstand 135 zur Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land geführt hatte.Jens Schröter: Apokalyptik im frühen Judentum und im Urchristentum. im Loccumer Pelikan 2/2015, auf rpi-loccum.de .

Frühchristliche und neutestamentliche Apokalyptik