mini|Kneipe des Corps Moenania Würzburg, Stammbuchblatt 18. Juli 1815 mini|Kneipe des Gießener Wingolf um 1900 Eine Kneipe ist eine traditionelle studentische Feier, die vor allem bei Studentenverbindungen üblich war und ist.
Bedeutung Auf Kneipen werden – dem Comment folgend und üblicherweise mit dem Konsum von Bier verbunden – Studentenlieder gesungen und verbindungsrelevante Riten abgehalten, oft ergänzt durch Reden. Die Mitglieder farbentragender Studentenverbindungen tragen dazu ihr Couleur. Bei offiziellen Kneipen sind neben den aktiven Mitgliedern auch Alte Herren (ehemalige Studenten der Verbindungen) der ausrichtenden Korporation anwesend. Meist werden zudem Mitglieder befreundeter Verbindungen und gegebenenfalls nichtkorporierte Gäste eingeladen, um gemeinsam zu feiern. Aus heutiger Sicht sind studentische Kneipen im Vergleich zu später entstandenen Formen studentischer Veranstaltungen in Ablauf, Stimmung und Kleidung recht formell.
Darüber hinaus bezeichnen viele Verbindungen auch einen zum Abhalten von Kneipen vorgesehenen Raum in einem Korporationshaus als Kneipe, andere als Kneipsaal. Viele Korporationshäuser haben für die Durchführung dieser Art von Veranstaltungen sogar mehrere, verschieden große Räumlichkeiten, die als große/kleine Kneipe bezeichnet werden und entsprechend der zu erwartenden Zahl der Teilnehmer genutzt werden. Als besonders gemütlich gelten Kellerkneipen, kleine Räume im Untergeschoss mit Sitzecken und Bierzapfanlage. mini|Gruppenfoto von Füchsen der Leonensia (1883) Der studentische Ausdruck Kneipe ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die deutsche Allgemeinsprache als Ausdruck für eine Gaststätte übernommen worden, in der hauptsächlich alkoholische Getränke ausgeschenkt werden.
„Kneipe“ als Veranstaltung Heute ist praktisch jede offiziell veranstaltete Kneipe einer Studentenverbindung eine vergleichsweise förmliche Abendveranstaltung, die meistens in einem Korporationshaus in einem dafür vorgesehenen Raum oder Saal abgehalten wird. Wenn die Teilnehmer keine speziell studentische Traditionskleidung („Vollwichs“, „Kneipjacke“, „Pekesche“, „Bergkittel“ etc.) tragen, wird ein dunkler Anzug mit Krawatte als dem Anlass angemessen betrachtet. Die Teilnehmer sitzen an zusammengestellten Tischen und trinken Bier – meistens bei Kerzenlicht. Bei Männerbünden findet die Kneipe meist als reine Herrenveranstaltung statt, bei Damenverbindungen meist als reine Damenveranstaltung und bei gemischten Studentenverbindungen im Beisein von Damen und Herren, wobei dies aber nicht automatisch Lebens- bzw. Ehepartner einschließt.
Bei den Katholisch-Österreichischen Studentenverbindungen sind bei Kneipen Damen und Gäste in der Regel willkommen, ausgenommen interne Veranstaltungen wie Trauerkneipe oder Landesvater.
Bei den meisten Verbindungen wird – oft mit viel Aufwand – ein Gästebuch geführt, in das sich alle Teilnehmer der Veranstaltungen eintragen.
Kneipen werden „geleitet“, das heißt, es gibt ein Präsidium, das in der Regel aus den drei Chargierten der veranstaltenden Verbindung besteht. Die eigentliche Leitungsfunktion wird aber nur vom ersten Chargierten ausgeübt. Er steht von Zeit zu Zeit auf und gebietet „Silentium“ (lat. „Ruhe“), woraufhin alle Beteiligten ihr Gespräch („Colloquium“) unterbrechen. Diese Gesprächspause nutzt der Leitende, um Studentenlieder singen, Gäste zu begrüßen und Reden halten zu lassen.
Um die Leitungsfunktion des Präsidiums zu unterstützen, ist in der Regel ein Grundmuster einer Sitzordnung vorgegeben. Beliebte Tischanordnungen sind die T-Form und die U-Form – je nach Teilnehmerzahl. Am Kopf der Tafel an einem quergestellten – meist besonders alten, aufwändig verzierten – Tisch sitzt das Präsidium – oft auf besonderen Stühlen. Dieser Teil der Tafel wird Präsid genannt. An den längeren Tischreihen, Zapfen genannt, sitzen die sonstigen Teilnehmer. An der gegenüberliegenden Seite der Tafel sitzt der Fuchsmajor, der für die Nachwuchsmitglieder, die „Füchse“ verantwortlich ist. Die Füchse sitzen dabei an seiner Seite. Der Fuchsmajor unterstützt den Präsid bei der Leitung der Kneipe, indem er beim Silentium mit aufsteht und das Einhalten der Gesprächspause durchzusetzen hilft. Das ist besonders bei größeren Veranstaltungen sinnvoll. Bei einigen Verbindungen heißt diese Funktion auch „Contrapräsid“ oder „Contrarium“.
Das Singen der Lieder wird durch Klavierbegleitung (auch „Biermusik“ oder „Bierorgel“ genannt) unterstützt, sofern ein Instrument vorhanden und ein fähiger Spieler anwesend ist. Wichtige Ausrüstungsgegenstände auf Kneipen sind die Kommersbücher, in denen die Liedtexte verzeichnet sind.
Die detaillierte Umsetzung der Kneipdurchführung variiert zwischen den Verbindungstypen. So unterscheiden sich die Kösener Corps wesentlich von den anderen schlagenden Verbindungen, und auch die nichtschlagenden/katholischen pflegen Besonderheiten.
Bei schlagenden Verbindungen Bei schlagenden Verbindungen gibt es in der Regel einen offiziellen und einen inoffiziellen Teil der Kneipe. Im offiziellen Teil, der in der Regel rund zwei Stunden dauert, werden die Gäste begrüßt, Reden gehalten und die etwas feierlicheren Lieder gesungen. Dabei ist es verpönt, aufzustehen, herumzugehen, die Plätze zu wechseln oder den Raum zu verlassen. Oft wird für den offiziellen Teil auch ein Rauchverbot ausgesprochen. Der offizielle Teil wird meist mit einem bestimmten Lied beendet, das für die jeweilige Verbindung eine besondere Bedeutung hat („Farbenlied“). Bei Burschenschaften wird dabei oft das Lied der Deutschen gesungen.
Im inoffiziellen Teil werden in der Regel keine Reden mehr gehalten, die Lieder sind lockerer. Teilweise werden Bierjungen getrunken. Die Sitzordnung löst sich auf, neue Gesprächskreise bilden sich.
Wenn dann am Ende des offiziellen Teils das Präsidium seinen Platz verlässt und die Teilnehmer ohne „Leitung“ weitertrinken, wird das bei einigen Verbindungen „Fidulitas“ oder „Bierdorf“ genannt.
Bei nichtschlagenden katholischen Verbindungen mini|Kneipsaal des Katholischen Studentenvereins Arminia, Arminenhaus, Bonn (1900-heute)
Katholische/christliche Verbindungen zelebrieren typischerweise auch auf der Kneipe Formalismen, die bei anderen Verbindungsarten in Conventen oder im privaten Kreis gepflegt werden. Die Kneipe gliedert sich dazu zeitlich in ein Offiz, ein Inoffiz und (fakultativ) eine Fidulitas. In das am Anfang der Kneipe stehende Offiz fallen die Aufnahme von neuen Mitgliedern, Philistrierungen, die Prinzipienrede usw. Im darauffolgenden Inoffiz werden Gäste begrüßt, Grußworte gehalten sowie Biermimiken vorgetragen oder Brandungen und Zipfeltausch vollzogen. Im Anschluss daran folgt die Fidulität, Fidulitas oder Bierdorf; das ungezwungene Beisammensein zum Ausklang der Kneipe.
Auch sprachlich pflegen insbesondere die katholischen Korporationen einige Besonderheiten. So wird viel Latein und insbesondere viel Pseudolatein gesprochen („Ad hymnam“ als Aufforderung die Hymne zu singen, „Ad stropham“ für die nächste Strophe des Liedes, oder auch „Ein Schmollis omnibus cantoribus musicoque“). Historisch entstand dies als Verballhornung der als zu gestelzt wahrgenommenen Sitten der alteingesessenen schlagenden Verbindungen. Mit der Zeit wandelte sich diese Einstellung aber, so dass diese speziellen und typischen Begriffe mit der Zeit ins allgemeine Brauchtum übergingen, das heute häufig weit aufwändiger ist als das der älteren Verbindungstypen.
Bei katholischen Verbindungen in Österreich werden Kneipen (außer Trauerkneipe und Landesvater) einheitlich mit dem Lied Gaudeamus igitur („Erstes Allgemeines“) eröffnet und mit Wenn wir durch die Straßen ziehen („Letztes Allgemeines“) geschlossen. In Letzterem eingebunden sind die Farbenstrophen der Verbindungen zur selben Melodie, oder zusammenfassend die Hymnen der Dachverbände. Die katholischen Verbindungen Deutschlands haben keine oder andere Konventionen bei der Liedwahl.
Kneipen von Korporationen verschiedener Dachverbände unterscheiden sich für Außenstehende nicht wesentlich; die jeweils Beteiligten nehmen zahlreiche größere oder kleinere Unterschiede wahr.
Sonderformen der Kneipe Eine besonders feierliche Variante der Kneipe ist der Kommers, der gern bei Stiftungsfesten oder anderen wichtigen Ereignissen wie Universitätsjubiläen veranstaltet wird. Kommerse können über 200 Teilnehmer haben. Meist hält ein prominenter Redner eine Festrede. Einen inoffiziellen Teil gibt es nicht. Es ist durchaus üblich, einen Kommers anlässlich eines großen Stiftungsfestes, das alle fünf Jahre abgehalten wird, mit einem feierlichen Landesvater zu beenden.
Kommerse haben im Gegensatz zu Kneipen oft auch einen demonstrativen Charakter. Sie werden gern zu Ehren von jemandem oder zum Gedenken an etwas gefeiert. So waren in der Kaiserzeit Kommerse zu nationalen Gedenktagen üblich, was das Bekenntnis der Studenten zum Staat sowie seinen Idealen und Zielen ausdrücken sollte. In Zeiten der Bedrängnis oder Unterdrückung werden Kommerse als Bekenntnis zu den studentischen Traditionen veranstaltet, zum Beispiel als Ausdruck des Widerstands gegen totalitäre Ansprüche des jeweiligen Staates. So wurden sowohl im Dritten Reich als auch zu Zeiten der DDR von inoffiziell existierenden Verbindungen illegal Kommerse abgehalten.
Als Kreuzkneipe (in der Schweiz auch Zweifarbenkneipe oder Zweifärber) wird eine Feier zweier freundschaftlich verbundener Studentenverbindungen bezeichnet, wobei sich die beiden Verbindungen im Präsidium abwechseln. Führen mehr als zwei Verbindungen bei einer solchen Kneipe das Präsidium, so wird diese Ringkneipe (Schweiz: Mehrfarbenkneipe oder Mehrfärber) genannt. Kneipen, bei denen Wein gereicht wird, bezeichnet man als Weinkneipen. Manche Männerbünde veranstalten Damenkneipen, bei denen weibliche Gäste eingeladen werden, denen zu gegebener Zeit auch die Leitung der Veranstaltung angetragen wird.
Eine besonders alte und schlichte, aber dabei auch ganz spezielle Form der Kneipe haben sich die deutschbaltischen Verbindungen bis 1939 an den Universitäten in Dorpat, Riga, Sankt Petersburg und Moskau erhalten. Diese Tradition wird heute noch von drei Verbindungen in Deutschland gepflegt. Diese Verbindungen haben zu Anfang des 19. Jahrhunderts die damals von den Corps gepflegten Sitten übernommen und als eine Art Traditionsinsel im Baltikum auf dem alten Stand bewahrt. Dabei sind einige landestypische Besonderheiten eingeflossen. So wird bei baltischen Kneipen ein Samowar mit Tee aufgestellt, Wodka getrunken und dazu Häppchen gereicht (Siehe dazu auch: Wodka-Konsum). Eine feste Sitzordnung ist dabei unbekannt. Der Leitende sitzt mitten unter den Teilnehmern. Diese Kneipen werden z. B. bei der Fraternitas Dorpatensis zu München im Semesterprogramm auch unter der Bezeichnung „Herrenabend“ ausgewiesen.
Eine andere Form des inoffiziellen Teils einer Kneipe kann eine Hochkneipe sein. Hierzu werden Tische zusammengerückt und auf diese Tische wiederum eine Tischreihe und Stühle ähnlich der Form einer kleinen Kneipe gestellt. Zumeist gibt es dann nur einen Studenten im Präsidium. Diese Hochkneipe wird dann in der „1. Etage“ durchgeführt.
Eine noch ausgefallenere Form der Kneipe ist die U-Boot-Kneipe, die in der Regel im Keller abgehalten (geschlagen) wird. Dabei wird kaum Wert auf eine Sitzordnung und Tische bzw. Stühle gelegt, da die räumlichen Begebenheiten dies oft stark beeinträchtigen oder verhindern.
Auch erfreuen sich sogenannte Spontankneipen, besonders an ausgefallenen Orten, großer Beliebtheit. So werden Spontankneipen mitunter an öffentlichen Plätzen, in Treppenhäusern, auf Dächern, in Flüssen oder an anderen Orten gefeiert.
Vorgeschichte: Geleitete Trinkveranstaltungen Altertum mini|Griechisches Symposion ca. 500 vor Christus