mini|Cem – nach Joseph von Karabacek – auf einem Porträt aus dem Wiener Codex 8615 (Fol. 12r), mutmaßlich eine Kopie eines Originals von Gentile Bellini oder Costanzo da Ferrara.Joseph von Karabacek: Abendländische Künstler zu Konstantinopel im XV. und XVI. Jahrhundert. Italienische Künstler am Hofe Muhammeds II. des Eroberers. 1451–1481. Wien 1918, S. 53–60. Cem (; geb. 23. Dezember 1459 in Edirne; gest. 25. Februar 1495 in Neapel) war ein türkischer Prinz und Dichter, der für etwa 18 Tage als Sultan über einen kleinen Teil des osmanischen Reichs herrschte. Nachdem er den Kampf gegen seinen Bruder Bayezid II. um den osmanischen Thron verloren hatte, suchte er Asyl auf der Insel Rhodos. Als Pfand gegen die Expansionspläne seines Bruders verbrachte er den Rest seines Lebens in Europa im Exil. In Frankreich, wo er fast sieben Jahre lebte, erzählen Gedichte und Romane von den ihm zugeschriebenen Abenteuern und Liebesaffären.SUDOC, Französischer Verbundkatalog. Abgerufen am 29. Januar 2018.
Leben Familie Cem war der drittgeborene Sohn Sultan Mehmeds II. Seine Mutter war eine der Konkubinen aus dem Harem Mehmeds II., deren Name mit Çiçek („Blume“) überliefert ist.
Cem war der einzige Sohn, den Mehmed zeugte, nachdem er den Thron bestiegen hatte. Die zwei älteren Söhne waren der spätere Bayezid II., der 1447 geboren wurde und dessen Mutter die Konkubine Gülbahar war, sowie Mustafa, den er mit der Konkubine Gülşah zeugte, und der 1450 zur Welt kam.
Sowohl Bayezid als auch Mustafa waren 1457 von ihrem Vater als Prinz-Gouverneure (Çelebi Sulṭān) eingesetzt worden und nach Amasya beziehungsweise Manisa entsendet worden. Sie waren zu diesem Zeitpunkt neun beziehungsweise sieben Jahre alt. Ihre Posten traten sie in Begleitung ihrer jeweiligen Mütter und begleitet von Lehrern und Beratern (Lālā) an. Wie später auch ihr Bruder Cem erhielten sie eine sorgfältige Erziehung in Geographie, Geschichte, Literatur und Naturwissenschaften.
Prinz-Gouverneur, Reichsverweser und Provinzgouverneur Ähnlich wie seine beiden älteren Brüder wurde auch Cem von seinem Vater als Prinz-Gouverneur (Çelebi Sulṭān) eingesetzt. Im Alter von zehn Jahren ging er gemeinsam mit seiner Mutter sowie zwei Lālā nach Kastamonu im Norden Anatoliens. Nach den Überlieferungen von Saʿdeddīn wurde er von seinen Lehrern auch in Persisch und Arabisch unterrichtet.
Im Jahre 1470/71 (H 875) kehrte Cem erstmals anlässlich seiner Beschneidung für kurze Zeit nach Istanbul zurück.
Als sich Mehmed II. im Jahr 1473 gemeinsam mit seinen beiden ältesten Söhnen auf einen Feldzug gegen Uzun Hasan begab, wurde Cem als Reichsverweser nach Edirne beordert. Nachdem längere Zeit keine Nachrichten aus Ostanatolien eintrafen, nahmen die Gerüchte zu, dass Mehmed gefallen und seine Armee von den Aq Qoyunlu vernichtet worden sei. Auf Rat seiner beiden Lālā Nasuh und Kara Süleyman nahm er als Thronprätendent die Huldigung und den Treueeid (bīʿat) der hohen Würdenträger an.Halil İnalcık: Djem. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. 2, Brill, Leiden 1991, S. 529–531. Kurz darauf trafen Nachrichten ein, dass Mehmeds Feldzug erfolgreich gewesen war und sowohl er als auch seine Söhne wohlbehalten waren. Cem floh, weil er den Zorn seines Vaters fürchtete. Sein Vater verzieh ihm zwar, doch ließ er Nasuh und Kara Süleyman hinrichten.
Mustafa, Cems zweitältester Bruder, erkrankte im Frühjahr 1474 schwer und, nachdem er im Juni verstorben war, setzte sein Vater Cem an dessen Stelle als Provinzgouverneur von Karaman mit Sitz in Konya ein.
Diplomatische Aufgaben Die Johanniter auf Rhodos stellten für Mehmed II. ein Hindernis für weitere über das Mittelmeer führende Expansionen dar. Der Orden verbündete sich 1478 mit dem Mamlukensultan Kait-Bay, um der osmanischen Bedrohung entgegenstehen zu können. Daraufhin holte Mehmed II. Cem 1479 nach Istanbul und beauftragte ihn, mit den Johannitern diplomatische Verhandlungen zu führen. Durch einen Gesandten wurde den Johannitern dauerhafter Frieden angeboten, falls sie einen jährlichen Tribut entrichteten. Das wurde abgelehnt, doch es kam zu einem Waffenstillstand, der allerdings nur bis zum 23. Mai 1480 anhielt, an dem Mehmed II. Rhodos – letztlich ohne Erfolg – angreifen ließ.John Freely: Jem Sultan. The Adventures of a Captive Turkish Prince in Renaissance Europe. HarperCollins, London 2004, S. 25–32.Franz Babinger: Mehmed der Eroberer und seine Zeit. Weltenstürmer einer Zeitenwende. 2. Auflage, Bruckmann Verlag, München 1959, S. 419 f.
Kampf um den Thron Am 3. Mai 1481 starb Mehmed II. Er war lediglich 49 Jahre alt geworden. Der türkische Hof war gespalten zwischen den Anhängern Cems und denen Bayezids. Zu Cems Anhängern gehörten der Großwesir Karamani Mehmed Pascha sowie der langjährige Oberbefehlshaber Gedik Ahmed Pascha. Auf Bayezids Seite standen allerdings die meisten Wesire und – was sich als viel entscheidender herausstellen sollte – der Kommandeur der Janitscharen.
Der Großwesir Karamani Mehmed Pascha hatte versucht, den Tod Mehmeds II. möglichst lange geheim zu halten. Der Leichnam Mehmeds II. wurde unter dem Vorwand, dass der Herrscher in den Hamam müsse, nach Istanbul überführt. Der Großwesir sandte Boten aus, um Cem im fernen Konya zu benachrichtigen, damit er nach Istanbul eilen und den Thron für sich beanspruchen konnte. Die Boten allerdings wurden von Anhängern Bayezids abgefangen. Auch den Janitscharen blieb der Tod Mehmeds II. nicht verborgen. Sie stürmten den Topkapi-Palast, wo Mehmed II. aufgebahrt war, töteten Karamani Mehmed Pascha, paradierten durch die Straßen Istanbuls und riefen Bayezid zum neuen Sultan aus. Den elfjährigen Sohn Bayezids, Korkud, der ähnlich wie Cems ältester Sohn im Topkapi erzogen wurde, ernannten sie zum Regenten, der bis zur Rückkehr Bayezid aus Amasya für ihn den Thron innehaben sollte. mini|Cems imperialen Anspruch erhebende Tughra auf einem Fermān vom Mai 1481 setzt sich zusammen aus „Cem b. Meḥemmed Ḫān muẓaffer dāʾimā“ Cem hatte vom Tod seines Vaters erst erfahren, als die Beisetzung Mehmeds II. bereits stattgefunden hatte und Bayezid mit dem Schwert seines Vorfahren Osman I. gegürtet war – einer Zeremonie, die der Krönung in einer christlichen Monarchie entspricht. Cem entschied sich, um den Thron zu kämpfen, und sammelte in Anatolien Truppen um sich. Über Akşehir, Afyonkarahisar, Kütahya und Eskişehir zog er nach Bursa. Etwa 20.000 Mann begleiteten ihn, als er vor Bursa eintraf, das er nach kurzem Widerstand einnahm. Am 2. Juni 1481 pries man ihn in den Moscheen von Bursa als neuen Sultan; gleichzeitig ließ er als Sultan Cem die ersten Silbermünzen prägen. Mit beiden Maßnahmen wollte er signalisieren, dass er als Sultan über zumindest diesen Teil des osmanischen Reiches herrschte. An seinen Bruder Bayezid richtete er den Vorschlag, das osmanische Reich untereinander zu teilen. Bayezid sollte von Istanbul aus über die europäischen Provinzen herrschen. Cem wollte von Bursa aus über Anatolien herrschen. Bayezid lehnte diesen Vorschlag ohne Zögern ab und sammelte seinerseits Truppen in İznik, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Bursa. In der Nähe von Yenişehir kam es am 22. Juli 1481 zur Entscheidungsschlacht zwischen den Brüdern. Den 20.000 Mann unter der Führung von Cem standen 40.000 unter der Führung von Bayezid gegenüber. Bayezid hatte außerdem einen der Heerführer Cems bestochen, der während der Schlacht zu ihm überlief und damit die Schlacht entschied.
Flucht bis nach Kairo mini|hochkant|Janitschar – Zeichnung von Gentile Bellini. Die Unterstützung der Janitscharen war für den Machterhalt wesentlich.
Cem floh unmittelbar nach der Schlacht mit seiner Familie und einer kleinen Truppe von Anhängern. Sie erreichten bereits am nächsten Morgen Eskişehir, das knapp neunzig Kilometer südöstlich von Yenişehir lag. Dort wurden sie von einer Gruppe Turkmenen überfallen, die sie ihrer letzten Habseligkeiten beraubte. Am 26. Juni erreichten sie Konya, wo sie für den Moment sicher waren. Sie brachen allerdings bereits drei Tage später auf, um in Richtung Südost-Anatolien weiter zu fliehen. Sie würden damit mamlukisches Territorium erreichen, wo sie sich vor weiteren Verfolgungen durch Bayezid sicher glaubten. Von Ereğli aus überquerten sie das Taurusgebirge, um nach Tarsus zu gelangen. Von den lokalen Fürsten wurden Cem und seine Anhänger – mittlerweile eine Gruppe von zweihundert bis dreihundert – gastfreundlich empfangen. Sie waren Vasallen der Mamluken und standen damit Sultan Bayezid feindlich gegenüber. Ihre Flucht führte Cem und seine Anhänger weiter von İskenderun an der Mittelmeerküste über Aleppo, Hama, Homs und Baalbek nach Damaskus. Als Gast des mamlukischen Regenten blieben sie sechs Wochen dort. Danach reisten sie über Jerusalem, Hebron und Gaza weiter nach Kairo, das sie Anfang Oktober erreichten.
Bayezid hatte Cem durch den Oberbefehlshaber der Janitscharen Gedik Ahmed Pascha verfolgen lassen. Sein Versagen, diesen auf seiner Flucht zu stellen, führte zu Gedik Ahmed Paschas Verhaftung. Die Janitscharen reagierten allerdings auf die Verhaftung ihres Oberbefehlshabers mit einem Aufstand, stürmten den Palast und verlangten von Bayezid dessen sofortige Freilassung. Da Bayezid immer noch befürchtete, dass die Janitscharen sich hinter Cem stellen würden, folgte er ihren Forderungen. Gedik Ahmed Pascha erhielt nicht nur seinen Titel als Wesir zurück, sondern wurde auch wieder als Oberbefehlshaber der Janitscharen eingesetzt.
Aufenthalt in Kairo Der mamlukische Sultan El-Ashraf Seyfeddin Kait-Bay war der mächtigste Gegenspieler der Osmanen. Als ihn die Nachricht erreichte, dass Cem und seine Anhänger sich Kairo näherten, sandte er ihm seine mächtigsten Hofbeamten mit der Botschaft entgegen, dass er am Hof von Kairo willkommen und sicher vor seinem Bruder Bayezid sei. Sultan Kait-Bay selbst lag daran, dass sich die Nachfolgestreitigkeiten innerhalb des osmanischen Reiches fortsetzten. Auf die Bitte Cems, ihn in seinem Kampf um den Thron zu unterstützen, ging er vorläufig allerdings nicht ein. Stattdessen versuchte er zwischen den beiden Brüdern zu vermitteln, während sich Cem auf den Haddsch nach Mekka und Medina begab. Bayezids einzige Konzession an Cem war das Angebot, ihn finanziell zu unterstützen, wenn er sich in der Nähe von Jerusalem niederlasse.
Erneuter Kampf um die Erbfolge mini|hochkant|Cem (Zyzymy, rechts) und Kasım Bey (Le Roy de Cilice, links) sind vor der Übermacht Bayezids II. (Bagiazit, hinten) in das Taurusgebirge geflüchtet. Attraktiver als die Offerte seines Bruders fand Cem das Angebot von Kasım Bey, ihn in einem Feldzug gegen Bayezid zu begleiten. Kasım Bey war der Herrscher über das Gebiet von Karamania gewesen, bis osmanische Truppen diese Region erobert hatten. Kasım Bey hatte Cem auch darüber informiert, dass Mehmed Agha – unter Mehmed II. einst Oberbefehlshaber der Janitscharen – Cem in seinem Kampf um den osmanischen Thron unterstützen würde. Von Sultan Kait-Bay finanziell unterstützt und in Begleitung einer mamlukischen Truppe von 2.000 Soldaten brach Cem am 26. März 1482 auf, um nach Adana zurückzukehren, wo Kasım Bey und Mehmed Agha mit ihren Truppen warteten. Seine Familie – darunter seine Mutter, sein Sohn Murad und dessen Mutter, seine Tochter Gevher Melek und mehrere Frauen seines Harems – ließ er im Schutz des mamlukischen Sultans zurück.
Bayezid war durch Spione über die Pläne seines Bruders und dessen Truppenbewegungen im Süden Anatoliens gut informiert. Während Cem gemeinsam mit Kasım Bey und Mehmed Agha über das Hochplateau von Anatolien marschierte, versammelte er ein Heer von 200.000 Mann. Er musste allerdings damit rechnen, dass sich ähnlich wie Mehmed Agha noch mehr Truppenteile Cem anschließen würden. Mit großzügigen Geldgeschenken versuchte er sich die Loyalität seiner Truppe zu erkaufen.