mini|Folio 153v des Les Très Riches Heures du duc de Berry (1412–1416) Die französische Literatur im engeren Sinne ist die auf Französisch geschriebene Literatur des Mutterlandes Frankreich. Besonders wichtige Werke entstanden im Hochmittelalter, im Absolutismus, im Zeitalter von Aufklärung und Moderne. Das kulturelle Leben des Landes kennt einen Kanon im Unterricht; er soll die Entwicklung eines guten Stils fördern. Französische Literatur umfasst gewöhnlich auch Werke der Disziplinen Philosophie, Theologie, Literaturkritik, Kunstkritik, Memoiren, Biographien, öffentliche Rede, Chanson und Comic.Konrad Schoell: Französische Literatur. In: François Bondy (Hrsg.): Harenberg-Lexikon der Weltliteratur. Band 2, Harenberg, Dortmund 1994.

Diese Darstellung der französischen Literatur beschränkt sich auf die geographischen Grenzen des Staates Frankreich. Vorerst keine Erwähnung findet die französischsprachige Literatur in Kanada, Belgien, Luxemburg, der Schweiz (Literatur der französischsprachigen Schweiz), sowie den ehemaligen Kolonien in der Karibik, Ozeanien, Afrika und Asien; jedoch wird die französische Literatur des 21. Jahrhunderts immer stärker durch Zuwanderer aus Afrika und der Karibik geprägt.

Sprache mini|Edikt von Villers-Cotterêts 1539 Das Französische zählt zu den romanischen Sprachen und hat sich aus dem Galloromanischen entwickelt, dem auf dem Boden des spätantiken Galliens gesprochenen lateinischen Dialekt. Diese Volkssprache, für deren ungebildete Sprecher das Kirchenlatein mindestens seit 800 kaum noch verständlich war, enthielt viele germanische Elemente, vor allem aus dem Altfränkischen, aber auch aus dem Skandinavischen und Gotischen. Sie enthielt auch einige keltische Elemente, welche allerdings nicht so beeinflussend waren wie die germanischen. Neben dem Französischen ging aus dem Galloromanischen noch eine weitere Sprache hervor, das im Süden des jetzigen Frankreichs gesprochene Okzitanische, die sog. Langue d’oc.

Das mittelalterliche Französisch, das Altfranzösische, war dialektal stärker differenziert als das heutige Französisch: Sowohl die Sprechsprache als auch die Schriftsprache, wie sie von Autoren und Kopisten ab etwa 1100 mehr und mehr (neben dem noch lange Zeit vorherrschenden Latein) verwendet wurde, waren jeweils stark dialektal geprägt. Bis ins 14. Jahrhundert hinein konkurrierten insbesondere das Pikardische und das Anglonormannische mit dem Franzischen, d. h. dem Dialekt der Île-de-France. Dieser setzte sich erst langsam in dem Maße durch, wie sich die politische und kulturelle Rolle von Paris als Hauptstadt festigte.

Die okzitanische Literatursprache, die um 1200 den Höhepunkt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten erreicht und eine reiche Literatur hervorgebracht hatte, wurde ebenfalls nach 1300 vom Französischen verdrängt, auch wenn die okzitanischen Dialekte noch bis ins späte 19. Jahrhundert zumindest auf dem Land lebendig blieben.

Die französische Sprache des späten Mittelalters, d. h. des späten 14. und des 15. Jahrhunderts, wird als Mittelfranzösisch bezeichnet. Diesem folgt ab dem Anfang des 16. Jahrhunderts das Neufranzösische.

Mittelalter – Moyen âge Vielfach wird als Gründungsjahr Frankreichs 987 genannt, als der Graf von Paris und Herzog von Frankreich Hugo Capet sich zum König wählen ließ, etwas später seinen Sohn Robert als Thronfolger durchsetzte und so die Dynastie der Kapetinger etablierte. Um dieselbe Zeit begann eine Periode des Aufschwungs und Bevölkerungswachstums, die bis nach 1300 (nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa) andauerte. Städte wurden an Kreuzungen von Handelsstraßen gegründet, es entstanden neue Gesellschaftsschichten (Kaufleute, Handwerker) und die Mobilität stieg an. Damit einher ging eine neue, mächtige religiöse Bewegung, die z. B. den Kreuzzugsgedanken entstehen ließ. mini|Auszug aus Les Serments de Strasbourg

Der älteste in französischer Sprache erhaltene Text ist die französische Version der Straßburger Eide (Serments de Strasbourg). Sie wurden 842 von dem ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen und dem westfränkischen König Karl dem Kahlen sowie ihren Unterführern auf Altfranzösisch und auf Althochdeutsch abgelegt. Es handelte sich hierbei um den Abschluss eines Bündnisses dieser beiden Halbbrüder gegen ihren ältesten Bruder Lothar I. Die Eidestexte sind überliefert als Zitate in der lateinisch verfassten Chronik des Nithard (9. Jahrhundert), die ihrerseits in einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert vorliegt. Der franz. Text zeigt deutlich die Schwierigkeiten bei der Verschriftlichung der gehörten Worte, denn Nithard bzw. der erste Aufschreibende hatte, wie damals üblich, Lesen und Schreiben nur anhand lateinischer Texte gelernt. So etwas wie eine eigene französische Schriftsprache gab es noch nicht, da bis weit über das Jahr 1000 hinaus alles, was für aufschreibenswert gehalten wurde, von lateinkundigen Spezialisten, meist theologisch gebildeten Klerikern, in Latein (dem sog. Kirchen- oder Mittellatein) abgefasst wurde.

Kennzeichnend für die französische Literatur des Mittelalters sind die volkstümlichen Chanson de geste (Heldenepen), der höfische Roman und die höfische Lyrik der Troubadours bzw. Trouvères.

Bibelübersetzungen und Heiligenepen Da spätestens gegen 800 das Kirchenlatein von Laien, d. h. Nichtklerikern, nicht mehr verstanden wurde, legte das Konzil von Tours im Jahr 813 fest, dass die Predigten in der Volkssprache zu halten seien. Bis zu den ersten vollständigen Bibelübersetzungen dauerte es noch, zuvor kamen zusammenfassende Übertragungen (z. B. die sog. Passion de Clermont, die das Leiden Christi in 516 Achtsilbern darstellt und Ende des 10. Jahrhunderts. in einer Mischung aus langue d’oc und langue d’oïl entstanden ist) oder Bibelabschnitte (z. B. die vier Bücher der Könige = Li quatre livres des reis aus dem 12. Jahrhundert). Erst im 13. Jahrhundert gab es eine vollständige Übersetzung (Bible français). Noch Papst Innozenz III. (1198 bis 1216) verurteilte die Nacherzählungen der Bibel in französischer Sprache als Quelle der Häresie.

Eine andere Art der christlichen Literatur waren die Heiligenlegenden. Bereits im 6. Jahrhundert entstand die Legende über die Wunder des heiligen Martinus, aufgeschrieben in Latein von Venantius Fortunatus, der zuletzt Bischof von Poitiers war. Die älteste französischsprachige Heiligenlegende (verfasst in assonierenden Achtsilbern) dürfte die Eulalia-Sequenz (Séquence de Sainte Eulalie) von etwa 880 sein, aufgeschrieben von einem Mönch der Abtei von Saint-Amand. Besungen wird hier das Martyrium der heiligen Eulalia, die 304 in Mérida (Spanien) den Tod fand. In der gleichen Abtei wurden im 10. Jahrhundert die Homélie sur Jonas (= Jonasfragment) in einer Mischung aus Französisch und Latein redigiert.

Zu dieser Gattung zählen des Weiteren: Vie de Saint LégerLa vie de Saint Léger. In: Bibliotheca Augustana. 1937. (= Leodegarlied, anonym, um 980, 40 Achtsilberstrophen mit je 6 Versen) Das Gedicht aus dem 10. Jahrhundert erschien gemeinsam mit der Passion Christi in einer Handschrift. Vie de Saint Alexis (= Alexiuslied, anonym, 2. Hälfte 11. Jahrhundert, 125 Zehnsilberstophen) Voyage de Saint Brendan (= Brendansreise, Benediz, 1112, nach der lat. Vorlage Navigatio sancti Brandoni) Vie de Saint Thomas Becket (≈ 1174 verfasst von Guernes). Um 1190 entstand das Purgatoire de saint Patrice, eine Verselegende, die lange Marie de France, der ersten französischsprachigen Dichterin, zugeschrieben wurde. Das erste überlieferte Theaterstück in französischer Sprache, das Jeu d'Adam (= Adamsspiel), das Erbsünde und Erlösung thematisiert, entstand zwischen 1146 und 1174. mini|hochkant|Das Rolandslied (La Chanson de Roland)

Heldenepen – Chansons de geste Wohl im 11. Jahrhundert begann die Aufzeichnung von bis dahin nur mündlich von professionellen Spielleuten tradierten Heldenepen, in denen in assonierenden Zehnsilblern überwiegend Kriegstaten Kaiser Karls des Großen und/oder seiner Paladine und Nachfolger erzählt werden. Wer diese Texte niederschrieb, ob Kleriker oder Spielleute, ist bisher unklar. Die Werke lassen sich in vier Kategorien einteilen: Karlszyklus (mit Chanson de Roland = Rolandslied, zwischen 1075 und 1100) Wilhelmzyklus (mit Chanson de Guillaume = Wilhelmslied, 12. Jahrhundert) Empörerzyklus (Hauptwerk: Renaut de Montauban, ≈ 1200) Kreuzzugszyklus (mit Chanson de Jerusalem)

Antikenroman – Roman antique

Im 12. Jahrhundert gab es eine Renaissance antiker Texte, die für neue Schriften adaptiert wurden. So erfreute sich bspw. Ovids Metamorphosen großer Beliebtheit als Vorlage und es entstand Philomela (von Chrétien de Troyes), Narcissus-Lai (anonym) und die Versnovelle Pyramus et Tisbé.

Eine weitere vielgenutzte Quelle war der Alexanderroman, den Anfang des 12. Jahrhunderts Albéric de Pisançon für seine französischsprachige Fassung verwendete. Es folgte Alixandre en Orient von Lambert le Tort und das anonym verfasste Mort Alixandre. Die drei Werke stellen das Leben und Sterben Alexanders des Großen dar, ein Thema, welches Alexandre de Bernay in seinem Roman d’Alexandre ebenfalls anwendete. De Bernay brachte hierbei eine metrische Neuerung hervor, die sog. Alexandriner. Der gesamte Text umfasst ca. 15.000 Verse und ist in vier Abschnitte unterteilt: Jugend – Eroberung von Tyrus bis zur Niederlage des Darius – Kämpfe gegen Darius und Porus, Asienreise, Begegnung mit den Amazonen – Krönung, Ermordung, Begräbnis.

Weitere Werke dieser Gattung sind: Roman de Thèbes (anonym, ≈ 1150 nach Thebais des Statius) Roman de Troie (Benoît de Sainte-Maure, ≈ 1160) Roman d’Énéas (anonym, ~ nach Äneis von Vergil) Roman de Brut / Geste des Bretons (Wace, 1155 verfasst am englischen Hofe nach Historia Regum Britanniae von Galfrid von Monmouth)

Höfischer Roman – Roman courtois

mini|Illustration zu Chrétien de Troyes: Yvain, le Chevalier au Lion Einer der bedeutendsten Autoren dieser Literaturgattung des Mittelalters war Chrétien de Troyes (≈ 1140 bis ≈1190). Sein erster Roman war Érec et Enide (≈1170, 6878 Achtsilber), die Geschichte von Erec, einem Ritter vom Hofe des König Artus, und seiner Frau Enide, sowie deren gemeinsame Abenteuer. Es folgte Cligès (≈1176, 6664 Achtsilber in Kreuzreimen), der von Geoffroy de Lagny (syn. Godefroy de Leini) vollendete Le Chevalier de la charrette (Lancelot) (≈1177–81, 7112 Achtsilber), Le chevalier au lion (Yvain) (≈1177–81, 6808 Achtsilber) und unvollendet Conte del Graal (≈1181), mit der von ihm erfundenen Hauptperson Perceval (den später Wolfram von Eschenbach als Parzival eindeutschte). Chrétien de Troyes war wahrscheinlich anfangs Hofdichter bei der Gräfin Marie de Champagne. Später schrieb er für Philippe d'Alsace (Philipp von Elsass), dem Graf von Flandern.

Schicksalsroman – Roman d’aventure Der Unterschied zum roman courtois liegt in der fehlenden höfischen Rahmenhandlung. Als Vorlage diente der griechische Abenteuerroman Historia Apollonii regis Tyri in einer lateinischen Übersetzung aus dem 6. Jahrhundert. Ein frühes Werk dieser Gattung ist Floire et Blancheflor (um 1160, ca. 3000 Achtsilbler) von einem unbekannten Autor, der vermutlich aus dem Umfeld der Kirche stammt. Es erzählt die Geschichte von zwei gemeinsam aufgewachsenen Kindern, die erst nach vielen Schwierigkeiten zueinander und ihrer Liebe finden. Im 13. Jahrhundert gab es eine Nachbearbeitung unter dem Titel Aucassin et Nicolette, die als künstlerisch höherwertig gilt.

Hauptvertreter dieses Genre ist Gautier d’Arras, der lange Zeit am Hofe von Blois lebte. Er verfasste Eracle (zwischen 1176 und 1181, 6593 paarweise gereimte Achtsilbler) und Ille et Galeron (≈1178/79, 6592 paarweise gereimte Achtsilbler). Eracle vereinigt chanson de geste und Liebesromantik in sich, mit der Gattin eines Kaisers die ihn betrügt als Hauptperson.

Als weitere Werke können angesehen werden: L’Escoufle (Jean Renart, 1195–1202) Partenopeus von Blois (unbekannt, vor 1188) Roman de la Violette (Gerbert de Montreuil, ≈1229)