Krösus oder Kroisos (; * um 590 v. Chr.; † um 541 v. Chr. oder später) war der letzte König des in Kleinasien gelegenen Lydiens. Er regierte von etwa 555 v. Chr. bis 541 v. Chr. und war vor allem für seinen Reichtum und seine Freigiebigkeit bekannt.

Quellenlage Es gibt zahlreiche Angaben griechischer und lateinischer Autoren, die über Krösus geschrieben haben. Allerdings ist es sehr schwierig, den wahren Kern herauszuschälen und eine historisch zuverlässige Biografie des letzten Lydierherrschers zu rekonstruieren. Erwähnungen des Krösus in zeitgenössischen Quellen sind nicht bekannt. So kommt sein Name weder in den bis jetzt aufgetauchten Keilschrifttexten noch in den wenigen bekannten lydischen Inschriften vor. Im Jahr 2019 veröffentlichten David Sasseville und Katrin Euler eine Untersuchung von Münzen aus Lydien, die offenbar während seiner Herrschaft geprägt wurden, wobei der Name des Herrschers als Qλdãns wiedergegeben wurde.Katrin Euler, David Sasseville: Die Identität des lydischen Qλdãns und seine kulturgeschichtlichen Folgen. In: Kadmos. 2019, Nr. 58, S. 125–156. Mögliche eigene Inschriften des Lyderkönigs stellen drei sehr stark verstümmelte griechische Berichte dar, die im Tempel der Artemis in Ephesos auf Säulenbasenscherben gefunden wurden.

mini|Krösus auf dem Scheiterhaufen, Amphora des Myson, Paris, Louvre Das älteste erhaltene Bildnis des Krösus, das ihn am Scheiterhaufen darstellt, befindet sich auf einer um 490 v. Chr. gefertigten Amphora des Myson. Das diesem ähnliche Motiv der „heroischen Selbstverbrennung“ findet sich auch in den 1896 entdeckten Gedichten des Bakchylides, deren Entstehung auf das Jahr 468 v. Chr. datiert wird, somit die älteste schriftliche Erwähnung des Krösus darstellend. Negativer wird der letzte Lyderkönig im ältesten erhalten gebliebenen Geschichtswerk, jenem des griechischen Historikers Herodot, charakterisiert, das die Hauptquelle sowohl für dessen Leben als auch generell die Geschichte Lydiens ist. Sodann wird Krösus in dem historisch kaum verwertbaren Werk Erziehung des Kyros () des griechischen Geschichtsschreibers Xenophon erwähntDiese Schrift ist vom Genre her weniger als Geschichtsschreibung, vielmehr als Belehrung anhand der Geschichte verfasst (siehe auch: Fürstenspiegel, Politische Bildung)., sowie in einem erhaltenen, ebenfalls aussageschwachen Fragment der Persika () des Ktesias von Knidos.

Das wohl zuverlässige Werk des lydischen Historikers Xanthos, auf das sich möglicherweise zwei von Krösus handelnde Exzerpte aus der Weltgeschichte des Nikolaos von Damaskus stützen, ist verloren gegangen. Nikolaos verwendete als zusätzliche Quelle für seine Erzählung höchstwahrscheinlich Ktesias. Das über den Lyderkönig berichtende Fragment des Diodor geht wohl auf Ephoros zurück. Schließlich finden sich auch bei Plutarch, Iustinus und vielen späteren Autoren Erwähnungen.

Herkunft und Familie Krösus, der Mermnaden-Dynastie entstammend, war der älteste Sohn des Alyattes II., des vierten lydischen Königs dieses Geschlechts, und einer namentlich nicht bekannten Karerin. Alyattes hatte noch weitere Söhne mit anderen Frauen, so einen Pantaleon mit einer Ionierin unbekannten Namens.Herodot, Historien 1,92; Nikolaos von Damaskus bei Felix Jacoby: Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH). Nr. 90, F 65; Plutarch, de Pythiae orac. 16. Krösus hatte wohl auch einen Bruder namens Adramyttos, der die Stadt Adramytteion gegründet haben soll.Aristoteles bei Stephanos von Byzanz, Ethnika und Johannes Lydos, De mensibus 4,18. Von den zwei erwähnten Schwestern des Krösus wurde die eine, Aryenis, aufgrund eines Friedensvertrages zwischen Alyattes und Kyaxares II., dem Herrscher der Meder, die Gattin dessen Sohnes, des Astyages. Die andere, nicht namentlich erwähnte Schwester vermählte sich mit einem Melas, deren gemeinsamer Sohn Pindaros, der spätere Tyrann von Ephesos, war.Herodot, Historien 1,73f.; Aelianus, Varia historia 3,26.

Die griechischen Historiker erwähnen den Namen der Gattin des Krösus nicht, dennoch zumindest einen Sohn, der demnach Atys geheißen habe. Nicht namentlich angeführt wird ein zweiter, stummer oder taubstummer Sohn, der erst bei der drohenden Hinrichtung seines Vaters nach der Einnahme von Sardes durch die Perser zu sprechen angefangen habe.Herodot, Historien 1,34; 1,85; Cicero, de divinatione 1,121; Plinius der Ältere, Naturgeschichte 11,270; u. a. Laut Xenophon hatte Krösus auch einige Töchter.Xenophon, Erziehung des Kyros 7,2,26.

Regierungszeit und Lebensdaten Nach Herodots Angaben bestieg Krösus den Thron im Alter von 35 Jahren und regierte 14 Jahre und 14 Tage, ehe er durch den Perserkönig Kyros II. gestürzt wurde. Er soll begnadigt worden sein und sogar noch die Eroberung Ägyptens durch Kyros’ Sohn Kambyses II. erlebt haben.Herodot, Historien 1,26; 1,86; 3,34. Laut der Chronik des Eusebius von Caesarea herrschte Krösus 15 Jahre lang von 560 bis 546 v. Chr.Eusebius von Caesarea, Chronik 32f., 151 und 188f. ed. Karst. Das Ende des Lyderreichs setzen auch Diogenes Laertios, Hieronymus und Solinus in die 58. Olympiade (548 bis 545 v. Chr.),Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 1,38; Hieronymus, Chronik 1,102f.; 2,203; 2,299 ed. Helm; Solinus, collectanea rerum memorabilium 1,112. wobei sich Diogenes Laertios auf Sosikrates von Rhodos beruft, während die Parische Chronik das Ende auf 541/540 v. Chr. datiert.

Der in den Nabonid-Chroniken für das Jahr 547 v. Chr. erwähnte Feldzug des Kyros II. wurde früher meist auf Lydien bezogen, daher Krösus’ Sturz auf 547 v. Chr. datiert, doch wegen der Neulesung der Keilschrifttexte vertritt die moderne Forschung mittlerweile die Ansicht, dieser Eintrag der Chronik beziehe sich auf einen Krieg gegen Urartu, und Kyros II. sei erst später in Lydien eingefallen.Diese Lesung bildet die neue Grundlage aller zukünftigen Auswertungen in Robert Rollinger: The Median ‘Empire’, the End of Urartu and Cyrus the Great’s Campaign in 547 BC (Nabonidus Chronicle II 16). In: Proceedings of the 1st International Conference on Ancient Cultural Relations between Iran and West-Asia. Teheran 2004, S. 5–6, doi:10.2143/AWE.7.0.2033252. Nach diesem Befund wird, in Übereinstimmung mit der Angabe der Parischen Chronik, Krösus’ Regierungsende auf das Jahr 541 v. Chr. datiert. Unter Berücksichtigung anderer, von Herodot und Eusebius gegebener Daten wurde Krösus um 591 v. Chr. geboren, regierte etwa 555 bis 541 v. Chr. und starb entweder im letztgenannten Jahre oder, Herodot zufolge, erst nach 526 v. Chr.

Krösus als Kronprinz Gemäß dem Fragment des Nikolaos von Damaskus wurde Krösus vom Vater zum Statthalter von Adramytteion ernannt. Missgünstige diffamierten ihn dem Vater gegenüber. Um sich der angelasteten Schuldzuweisungen zu entledigen, plante er, sich eigenständig an einem Feldzug des Vaters gegen Karien zu beteiligen. Allerdings fehlten die dazu erforderlichen Geldmittel, die ihm der als reichster Lyder geltende Kaufmann namens Sadyattes vorstrecken mochte. Dieser wies das Gesuch äußerst unhöflich zurück. Dennoch kam Krösus zu beträchtlichen Geldsummen, übergeben durch einen ionischen Freund namens Pamphaes, der diese seinerseits vom vermögenden Vater Theocharides erhalten hatte. Mit dem dieserart angeworbenen Söldnerheer nahm er am Krieg gegen Karien teil. Dabei konnte er auch die Pläne seiner Verleumder vereiteln.Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 65.

Auch Herodot berichtet, dass es Versuche gab, Krösus seine Thronfolgerechte streitig zu machen. Ein von dem griechischen Historiker allgemein als Feind bezeichneter Mann soll bestrebt gewesen sein, dafür zu sorgen, dass Krösus’ Halbbruder Pantaleon dem Alyattes auf den Thron folgen würde.Herodot, Historien 1,92. Plutarch berichtet hingegen, dass die zweite Gattin des Alyattes dem Krösus nach dem Leben trachtete. Sie habe ihren Mordplan mit vergiftetem Brot realisieren wollen, der jedoch durch die Warnung einer Bäckerin vereitelt worden sei. Das für ihn bestimmte Brot soll Krösus nun den Kindern seiner Stiefmutter zum Verzehr gegeben haben.Plutarch, de Pythiae oraculis 16.

Häufig ist in der Forschung die Meinung anzutreffen, dass der von Herodot nicht namentlich genannte Feind des Krösus und der von Nikolaos von Damaskus angeführte Sadyattes identisch seien, da beide nach den Berichten der beiden erwähnten Historiker nach Krösus’ Thronbesteigung ähnliche Strafen erlitten. Laut Nikolaos von Damaskus wurde Sadyattes gänzlich enteignet; sein beschlagnahmtes Hab und Gut weihte Krösus der Artemis, während er seinen Helfer in der Not, Pamphaes, angeblich mit einer Wagenladung Goldes belohnte. Eine ähnliche Handlung setzte Krösus laut Herodot gegenüber seinem Feind, indem er dessen Vermögen als Weihgeschenk der Artemis von Ephesos und den Branchiden darbrachte. Nach Herodot musste der Feind auch einen qualvollen Tod erleiden. Plutarch erzählt, dass Krösus nach Übernahme der Herrschaft die ihm hilfreiche Bäckerin durch Anfertigung eines nach ihr gestalteten goldenen Bildes geehrt habe, und Herodot gibt an, ein solches, drei Ellen hohes Bild der Bäckerin in Delphi als Weihgabe des Krösus gesehen zu haben.Herodot, Historien 1,51; Plutarch, de Pythiae oraculis 16.

Regierung mini|Ausdehnung des Herrschaftsgebietes Lydiens in der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. unter König Kroisus. Die rote Grenzlinie zeigt eine leicht abweichende Fassung des rekonstruierten Grenzverlaufs. Als Alyattes starb, war Krösus vielleicht schon eine Weile dessen Mitregent gewesen und folgte ihm gemäß Alyattes’ Verfügung in der Herrschaft über Lydien nach. Er dehnte sein Reich durch Kriege stark aus und griff laut Herodot als erste griechische Stadt Ephesos an. Dort herrschte sein Neffe Pindaros als Tyrann. Dieser soll die Stadttore und -mauern durch Seile mit den Säulen des Artemistempels verbunden und so die Stadt unter die Obhut der Göttin Artemis gestellt haben. Da der Lyderherrscher diesem Tempel durch einen Eid verpflichtet war, ließ er Ephesos ungeschoren und schenkte der Stadt die Freiheit. Sein Neffe musste aber auf seinen Befehl auf die Peloponnes ins Exil gehen.Herodot, Historien 1,26; Polyainos, Strategika 6,50; Aelianus, varia historia 3,26.

Nach der Chronologie des Herodot unterjochte Krösus nach seinem Angriff auf Ephesos alle festländischen Städte der Ionier und Aioler. Danach ging er daran, den Schiffbau voranzutreiben, um auch die Inselgriechen unterwerfen zu können. Doch unterließ er dieses Vorhaben – angeblich auf den weisen Rat des Bias von Priene oder (chronologisch unmöglich) des Pittakos von Mitylene – und ging stattdessen mit den Inselgriechen einen Freundschaftsvertrag ein.Herodot, Historien 1,27; Polyainos, Strategika 1,26. In der Folge machte sich Krösus die gesamte Westhälfte des kleinasiatischen Festlandes untertan. Sein Reich dehnte sich bis zum Fluss Halys aus, der in seinem Oberlauf bei Mazaka/Pteria (heute Kayseri) die Grenze zum von Astyages regierten Medien bildete. Unter seiner Herrschaft standen laut Herodot unter anderem Phryger, Thraker, Bithyner, Karer, Ionier, Dorer, Aitoler und einige weitere Völkerschaften.Herodot, Historien 1,28. Kilikien und Lykien gehörten nicht zu seinem Reich.Herodot, Historien 1,28; Strabon, Geographika 12,1,3.