Ein historischer Roman ist ein fiktionales Prosawerk, dessen Handlung in einer historischen Zeit spielt und dessen Inhalt in belletristischer Form um geschichtliche Vorgänge und Personen kreist, ohne dass ein zwangsläufiger Anspruch auf wissenschaftliche Richtigkeit besteht.

Allgemeines und Abgrenzung Der historische Roman gilt laut Rainer Schönhaar als ein „Romantypus, der historische Gestalten und Vorfälle behandelt oder doch in historisch beglaubigter Umgebung spielt und auf einem bestimmten Geschichtsbild beruht“.Rainer Schönhaar: Historischer Roman, in: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen, hrsg. von Günther Schweikle und Irmgard Schweikle, S. 201.

Die zeitliche Distanz macht in der Regel eine aufwendige Recherche, bestehend aus der Lektüre von Geschichtsdarstellungen, oder einen direkten Zugang zu Quellen unumgänglich. Die Forderung nach einer Authentizität des Historischen ist ein Relikt aus der Entstehungszeit der frühen historischen Romane, die zusammenfällt mit den neuzeitlichen Bestrebungen korrekte Darstellungen der Geschichte zu liefern, welche nicht länger bloß Herrscherlob oder die nachträgliche Legitimation politischer Entscheidungen verfolgen, sondern die Geschichte zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung erheben. Das Werk des französischen Aufklärers Voltaire, darunter seine Schriften Histoire de Charles XII und Le Siècle de Louis XIV riefen aufgrund ihrer bestreitbaren Akkuratesse wie unbestreitbaren Darstellungskunst Kritik hervor. Der historische Roman wird daher seitens Vertretern der Geschichtswissenschaft – obgleich es sich um ein Kunstwerk handelt – bezüglich der Richtigkeit aufgestellter Tatsachen wie aus geschichtspolitischer Sorgfalt kritisiert. Dagegen steht die deskriptive Herangehensweise der Literaturwissenschaft, die beispielsweise Anachronismen auch als eigenständige ästhetische Signale wertet.

Ein historischer Roman kann von fiktiven Personen handeln, die in einer bestimmten Epoche leben, oder von historischen Personen. Im letzteren Fall werden tatsächliche Erlebnisse der Person narrativ aufgearbeitet oder Erlebnisse erfunden. Da Romane den Gesetzen der Erzählkunst folgen und nicht denen der Geschichtswissenschaft, kann ein Schriftsteller dazu neigen, von historischen Fakten stark abzuweichen. Überschneidungen gibt es mit dem Zeit-, Künstler-, Gesellschafts- oder Liebesroman. Nach Walter Scotts Debüt liegen zwischen Zeitraum und Niederschrift des Romans mindestens sechzig Jahre. Die zeitliche Abgrenzung ist jedoch keine feste Größe, weil die beschleunigte Zeitwahrnehmung in der Moderne gleichfalls zur Veränderung der Wahrnehmung der vergangenen Zeit, besonders der jüngeren Vergangenheit als zeitliche Größe geführt hat; so widmen sich Historiker der Zeitgeschichte der jüngeren Vergangenheit. In zahlreichen historischen Romanen des 19. Jahrhunderts war die behandelte Epoche für den Autor eine wirklich historische Epoche, die er nicht selbst miterlebt hat. Der Glöckner von Notre-Dame von Victor Hugo spielt entsprechend dem romantischen Interesse im Mittelalter, I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni im 17. Jahrhundert, doch Die Kartause von Parma von Stendhal lediglich vierzig Jahre vor ihrer Niederschrift. Romane mit zeitgeschichtlichem Hintergrund werden daher nicht zu den typischen historischen Romanen gerechnet, da sie die Gegenwart des Autors zum Gegenstand haben, so wie zum Beispiel Sansibar oder der letzte Grund von Alfred Andersch oder Die Blechtrommel von Günter Grass.

Nicht zu den historischen Romanen zählt man die Fantasy-Romane, die mit Versatzstücken aus dem Mittelalter spielen und oft auch übernatürliche Elemente einführen. Auch die Neubearbeitungen von Sagen und Legenden gehören nicht dazu, ebenso wenig stark schematisierte Genres wie Wildwest- oder Rittergeschichten. Einer von vielen Grenzfällen ist die Romantetralogie Joseph und seine Brüder von Thomas Mann, die um den biblischen Joseph herum angelegt ist; doch sind Datierung und selbst Historizität der biblischen Figur nicht zu sichern. Populärwissenschaftliche oder feuilletonistische Darstellungen, die sich auf reale Personen und Ereignisse beziehen, sind ebenfalls nicht historische Romane. Beispiele sind die Biografien von Stefan Zweig über Marie-Antoinette (Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters) oder Joseph Fouché (Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen). Werden aber Personen und Ereignisse hinzuerfunden (etwa weil die überlieferte faktische Grundlage sehr dünn ist), handelt es sich wiederum um Romane, wie die Romanbiografien I, Claudius von Robert Graves und Geliebte Theophanu von Eberhard Horst.

Ein wichtiger antiker Vorläufer des modernen historischen Romans ist laut Tomas Hägg der wohl im 1. Jahrhundert n. Chr. entstandene Roman Chaireas und Kallirhoë des Chariton von Aphrodisias. Nachgedruckt in

Literaturgeschichte 19. Jahrhundert Der historische Roman in Deutschland hat seine Vorläufer im Barock mit Autoren wie Andreas Heinrich Bucholtz (1607–1671) und Daniel Casper von Lohenstein (1635–1683), an die die Schriftstellerin Benedikte Naubert (1752–1819) anknüpfen kann. Ihre historischen Romane wurden teilweise auch ins Französische und Englische übersetzt, so dass Walter Scott sie kennenlernte und von ihnen inspiriert wurde. In Romanen wie Ulrich Holzer, Walter von Montbarry und anderen nutzt sie bereits das Prinzip, Nebenpersonen der Geschichte zu Hauptpersonen ihrer Romane zu machen, das von Walter Scott übernommen wurde. Heute ist Benedikte Naubert im Gegensatz zu Walter Scott weitgehend unbekannt.

Die frühen historischen Romane in Europa gehören zu einem allgemeinen Strom, zum romantischen Interesse für die Geschichte, das auch andere Kunstgattungen und auch die Geschichtswissenschaft und Sprachwissenschaft gefördert hat. Das Erscheinen des Glöckners von Notre Dame von Victor Hugo förderte in Frankreich die Bewegung zur Erhaltung des gotischen Kulturguts, was zur Gründung der staatlichen Behörde Monuments historiques führte. Charles Dickens’ Roman Eine Geschichte aus zwei Städten beschreibt die Französische Revolution aus britischer Perspektive.

Zu den bedeutenden deutschsprachigen Beiträgen zum historischen Roman des 19. Jahrhunderts zählen Wilhelm Hauffs Roman Lichtenstein, Adalbert Stifters Witiko und Theodor Fontanes Vor dem Sturm. Gemein ist beiden erstgenannten Werken eine restaurative Tendenz. In der Nachfolge von Novalis romantisch motivierten Versöhnung von Adel und Volk, welche ein ungleiches Abhängigkeitsverhältnis zwischen beschützendem und mächtigen Landesherrn wie dem treu ergebenen Volk voraussetzt, lässt Hauff den Landesherrn Ulrich an seiner mangelnden Wertschätzung des Volkes zugrunde gehen. Obgleich Adalbert Stifter an Walter Scott anknüpft, kann sein Fragment Witiko als Anti-Scott gelesen werden.Hans Vilmar Geppert: Der historische Roman. Geschichte umerzählt. Von Walter Scott bis zur Gegenwart. Tübingen 2009, S. 128–129. Die politische Implikation des Geschichtsromans ist unübersehbar. Als Reaktion auf die 1848 Unruhen verfasste er die auf drei Bände angelegte Geschichte von der Begründung des Adelsgeschlechtes der Witigonen. Die mangelnde Entscheidungsfähigkeit des Protagonisten, die durch ihn verantwortete Aufrüstung der ländlichen Bevölkerung gegen den Usurpator Konrad von ZnaimHans Vilmar Geppert: Der historische Roman. Geschichte umerzählt. Von Walter Scott bis zur Gegenwart. Tübingen 2009, S. 129. sowie die Inszenierung entwicklungsfreier Landschaften und eine durch breite Gespräche undramatische wie emotionsschwache Handlung, konstruieren bewusst ein Gegenbild zu den blutigen Unruhen im Habsburgerreich. Das Genre des Bildungsromans wird gleichfalls atypisch erfüllt, denn Witiko gelangt zu höchsten Meriten nicht aufgrund einer inneren Reifung, sondern wegen der beharrlichen Einhaltung seiner antisubversiven Tugenden. Dennoch führte gerade Stifters Ansatz, historische Entwicklung und sittliche Reifung gleichzusetzen, zum unweigerlichen Eingeständnis, dass dies in einem ahistorischen Zustand mündet.Barbara Potthast: Die Ganzheit der Geschichte. Historische Romane im 19. Jahrhundert. Göttingen 2007, S. 268.Hans Vilmar Geppert: Der historische Roman. Geschichte umerzählt. Von Walter Scott bis zur Gegenwart. S. 133–134.

Zahlreiche Romane der Weltliteratur wie Krieg und Frieden (1867) von Leo Tolstoi, Gustave Flauberts Salambo, The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne oder I Promessi Sposi (1842) des Italieners Alessandro Manzoni, Valdemar Seier des Dänen Bernhard Severin Ingemann, Drottningens juvelsmycke (1834) des Schweden Carl Jonas Love Almqvist, Pigen fra NorgePigen fra Norge (1861) des Norwegers Andreas Munch, Az utolsó Bátori (1837) des Ungarn Miklós Jósika sind historische Romane.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erreichte der historische Roman im deutschen Sprachraum auch die breiten Massen (Unterhaltungsliteratur). Ein vielgelesener Autor war Willibald Alexis, der in seinem Roman mit dem bezeichnenden Titel Ruhe ist die erste Bürgerpflicht vor einer möglichen Degeneration des preußischen Bürgertums wie zur Zeit Napoleons warnte. Die Darstellungskunst seines Vorgängers Hauff vertiefte er durch die Psychologie seiner Figuren. Den größten Erfolg jedoch hatte der Franzose Alexandre Dumas der Ältere mit seinen Abenteuer- und Historienromanen, worunter die Die drei Musketiere (1844) und Der Graf von Monte Christo (1844–1845) die bekanntesten sind. Historische Romane dienten außerdem in vielen Fällen der Förderung des Nationalgefühls. Die Waverley-Romane von Scott (siehe unten) förderten bereits das Interesse an der Geschichte Schottlands. Felix Dahn schrieb mit Ein Kampf um Rom einen Bestseller, darin er sozialdarwinistisch das Germanentum verherrlichte und mit dem Sendungsbewusstsein des erstarkten Kaiserreichs zusammenbrachte. Der Pole Henryk Sienkiewicz, 1905 Literaturnobelpreisträger, beschrieb in seinen Romanen die Konflikte zwischen Polen und dem Deutschritterorden, rebellierenden Kosaken und den Schwedeneinfällen. Eine ähnliche Bedeutung für die norwegische Geschichte erlangte Sigrid Undset mit dem Roman Kristin Lavransdatter, mit dem sie 1928 ebenfalls einen Literaturnobelpreis gewann.

20. Jahrhundert In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Genre teilweise weiter trivialisiert, die nationalistische Stoßrichtung intensiviert oder als Kunstform wieder belebt. Adolf Bartels verherrlichte in Die Dithmarscher (1898) den Freiheitskampf der Dithmarscher Bauernrepublik gegen das Königreich Dänemark. Hermann Löns stilisierte in seinem Roman Der Wehrwolf die Heidebauern als Verteidiger ihrer Scholle gegen landloses Gesindel und marodierende Truppen. Die Bauern – eine soziale Gruppe die im 20. Jahrhundert aufgrund der Urbanisierung und vorangeschrittenen Industrialisierung stark marginalisiert wurde – stellen als verschworene, nichtzivilisierte Kampfgemeinschaften ein imaginiertes Gegengewicht zu der realen Mehrheitsbevölkerung der Städte dar. Weiterhin werden sie zu einer überhistorischen Größe erklärt, womit sie unabhängig von ihrer Zeit als Vorbild für eine geschlossene Gemeinschaft dienen.