mini|Heiliger Sand mini|Rabbinental mini|Grabstein des Jakob ha-Bachur, einer der ältesten Grabsteine (1076/77) des Friedhofs
Der Heilige Sand in Worms war der Friedhof der jüdischen Gemeinde Worms. Er gilt als ältester in situ erhaltener jüdischer Friedhof in Europa. Die ältesten der etwa 2500 Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert. Gemeinsam mit weiteren Stätten des aschkenasischen Judentums aus den beiden Städten Speyer und Mainz (SchUM-Städte) gehört er zum UNESCO-Weltkulturerbe.SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz sind Welterbe, Pressemitteilung der UNESCO vom 27. Juli 2021, abgerufen am 27. Juli 2021.
Geografie Der Heilige Sand erstreckt sich auf einer etwa dreieckigen Fläche über circa 1,6 ha.I. Spille: Stadt Worms. 1992, S. 176. Er lag ursprünglich südwestlich außerhalb des hochmittelalterlichen Mauerrings der Stadt Worms. Als im 14. Jahrhundert ein zweiter, die Stadt weiter umfassender Wall um Worms gezogen wurde, lag er zwischen den beiden Befestigungsanlagen. Die Anzahl der Grabsteine wird mit etwa 2500 angegeben.Epidat: Jüdischer Friedhof Worms Epidat.
Durch das Wachstum der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegt der Friedhof heute am Rand des Stadtzentrums, westlich begrenzt durch die Bahnstrecke Mannheim–Mainz, östlich durch den Willy-Brandt-Ring und nördlich durch die Andreasstraße.
Geschichte Entwicklungsgeschichte Die ältesten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem 11. Jahrhundert. Ob sie den Beginn der Belegung des Friedhofs dokumentieren oder ob er noch älter ist, ist nicht bekannt, auch wenn darüber immer wieder Vermutungen angestellt wurden.O. Böcher: Der alte Judenfriedhof zu Worms. 1992, S. 3. Auf dem ältesten erhaltenen Grabstein kann der Name des Bestatteten – es handelt sich auf jeden Fall um eine männliche Person – aufgrund einer Beschädigung nicht mehr gelesen werden. Er stammt nach heutiger Erkenntnis aus dem Jahr 1058/59.Epidat: Jüdischer Friedhof Worms. Inv.-Nr. wrm-9008. Lange Zeit galt der Grabstein des Jakob haBachur aus dem Jahr 1076/77 als der älteste.Epidat: Jüdischer Friedhof Worms. Inv.-Nr. wrm-9009.O. Böcher: Der alte Judenfriedhof zu Worms. 1992, S. 3, 6.
Um 1260 erhielt der Friedhof eine feste Mauer als Umfriedung. Im 15. oder 16. Jahrhundert wurde als Teil der neuen äußeren Befestigung ein unterirdischer Gang durch den Friedhof gegraben, der das innere und äußere Andreastor miteinander verband und bei dessen Bau auch zahlreiche Grabsteine des Friedhofs vermauert wurden. Der Gang war 36 Meter lang, 1,50 Meter hoch und 80 Zentimeter breit. Er wurde 1930 ausgegraben, dabei wurden die Grabsteine geborgen.O. Böcher: Der alte Judenfriedhof zu Worms. 1992, S. 4. Auch bei anderen Gelegenheiten kam es immer wieder vor, dass Grabsteine entwendet wurden.O. Böcher: Der alte Judenfriedhof zu Worms. 1992, S. 5.
Der Weg der Leichenprozessionen führte um die halbe Stadt, von der Nordostecke, wo das jüdische Viertel lag, um die innere Mauer in den Südwesten der Stadt, zum Friedhof. Seit dem Spätmittelalter bestand das Recht und die Pflicht der adeligen Familie Dalberg, die Leichenprozessionen auf dem Weg vom Judenviertel zum jüdischen Friedhof zu schützen. Die jüdische Gemeinde zahlte für den Judenschutz eine Abgabe, die Ende des 15. Jahrhunderts 80 Malter Korn betrug.Friedrich Battenberg: Die reichsritterschaftliche Herrschaft Dalberg und die Juden. In: Kurt Andermann (Hrsg.): Ritteradel im Alten Reich. Die Kämmerer von Worms genannt von Dalberg. (= Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission NF. Band 31). Hessische Historische Kommission, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-88443-054-5, S. 155–184 (169). Zur Entstehung dieses Geleitschutzes gibt es eine sagenhafte Geschichte, die von Juspa Schammes überliefert wurde. Danach gingen – zumindest im 17. Jahrhundert – immer zwei Beamte der Dalbergs mit dem Leichenzug.Juspa Schammes: Die Geschichte von der Familie Dalberg. In: F. Reuter, U. Schäfer: Wundergeschichten. 2005, S. 5.
mini|Der Friedhof kurz nach der Zerstörung der Stadt 1689; rechts im Bild der beschädigte Turm „Luginsland“ der inneren Stadtmauer Auch bei dem Pogrom von 1615 war der Friedhof Ziel von Vandalismus: Grabsteine wurden umgeworfen und beschädigt.Juspa Schammes: Die Zerstörung der Synagoge 1615. In: F. Reuter, U. Schäfer: Wundergeschichten. 2005, S. 21–24 (24). Die Gemeinde war durch das Pogrom geschwächt und 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus. 1620 wurde die Südwestecke der Stadtbefestigung verstärkt, wodurch 2/3 der Friedhofsfläche durch Schanzen überdeckt worden sein sollen.Juspa Schammes: Die Schanzen des Friedhofs. In: F. Reuter, U. Schäfer: Wundergeschichten. 2005, S. 32. Nach diesem Eingriff erfolgte 1625 eine umfassende Sanierung der Friedhofsanlage, die David Oppenheim spendete, was er auch beim Wiederaufbau der 1615 schwer beschädigten Synagoge tat. Der Eingangsbereich des Friedhofs bekam damals das heute noch erhaltene Eingangstor sowie das Taharahaus. Außerdem wurde die Umfassungsmauer saniert. Aber bereits 1661 wurde sie erneut beschädigt.Juspa Schammes: Der Friedhof. In: F. Reuter, U. Schäfer: Wundergeschichten. 2005, S. 30.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde vor allem der höher gelegene neue Friedhofsteil belegt. Dieser Teil ist ein Rest der äußeren Stadtbefestigung, die 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg durch Truppen König Ludwigs XIV. zerstört wurde. Im 19. Jahrhundert glichen sich die Grabsteine stilistisch denen christlicher Friedhöfe an, Inschriften wurden jetzt oft zweisprachig verfasst: Hebräisch und Deutsch.
1902 eröffnete die Stadt Worms den neuen Hauptfriedhof Hochheimer Höhe. 1911 wurde unmittelbar daran anschließend ein neuer jüdischer Friedhof angelegt, da der „Heilige Sand“ keinen Platz mehr bot und wegen der inzwischen vollständigen Umbauung auch nicht erweitert werden konnte. Letzte Bestattungen wurden aber noch in den 1930er Jahren durchgeführt. Es soll sich um Erbbegräbnisse gehandelt haben.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde auf dem Friedhof der Dachstuhl des Taharahauses in Brand gesteckt, sonst aber nichts beschädigt. 1941/42 entwickelte der Wormser Stadtbaurat Walter Köhler Pläne, die auch vorsahen, das Friedhofsgelände einzuebnen und hier Gebäude für die NSDAP-Kreisleitung zu errichten. Stephanie Zibell: Worms von 1945 bis zur Gegenwart. In: Gerold Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1679-7, S. 637. Der damalige Stadtarchivar Friedrich Maria Illert soll das Gerücht gestreut haben, dass der Reichsführer SS Heinrich Himmler Interesse an der Erhaltung des Friedhofs habe, den er bei einem Aufenthalt in Worms besucht hatte. Auch bei 1941 erneut aufgekommenen Plänen zur Überbauung des Friedhofs habe diese Behauptung den Friedhof geschützt.Georg Illert: Worms, so wie es war. Droste, Düsseldorf 1976, ISBN 3-7700-0432-9.
Der Friedhof erlitt allerdings während der Luftangriffe auf Worms erhebliche Schäden. Unter anderem wurde der Grabstein des Rabbi Baruch (gest. 1281) zerstört. Andere Steine konnten später aus Bruchstücken wieder restauriert werden. Allerdings gab es auch Fälle, in denen in Bombentrichtern verschüttete, bisher unbekannte Steine zu Tage traten.M. Brocke: Gedenken. 2010, S. 11. 1956 wurde das Taharahaus wieder in Stand gesetzt und die Eingangssituation saniert.
Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden Grabsteine auf dem Friedhof wiederholt bei zumeist antisemitisch motivierten Übergriffen beschädigt, so 1952, 1980, 1993Ronen Steinke: Terror gegen Juden. Berlin Verlag, München 2020, ISBN 978-3-8270-1425-2. und 2020.Historische Grabsteine beschmiert, Jüdische Allgemeine, 10. Juli 2020. Abgerufen am 13. Juli 2020.
Forschungsgeschichte Beim Entstehen einer modernen bürgerlich-städtischen Kultur in Worms war auch die Entdeckung der eigenen Geschichte ein wichtiges Element, auch in der jüdischen Gemeinde. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es mehrmals Ansätze, den Bestand der Anlage und die Inschriften zu dokumentieren, verbessert sichtbar zu machen und zu erhalten.M. Brocke: Der mittelalterliche Friedhof. 2017, S. 205ff. 1854 erfasste Ludwig Lewysohn eine Auswahl von Inschriften auf den Grabsteinen, veröffentlichte sie und nummerierte sie ein erstes Mal.Ludwig Lewysohn: Nafshot tsadiḳim: Sechzig Epitaphien von Grabsteinen des israelitischen Friedhofes zu Worms, regressiv bis zum Jahre 905 übl[icher] Zeitr[echnung], nebst biographischen Skizzen und einem Anhang. Baer, Frankfurt am Main 1855. (Online. Abgerufen am 11. Januar 2018). Angeregt durch David Kaufmann, der die beiden dabei unterstützte, schrieben ab etwa 1893 der Kantor Julius Rosenthal (1863–1934) und der Lehrer und Archivar Samson Rothschild (1848–1939) die Inschriften auf Grabsteinen ab.M. Brocke: Der mittelalterliche Friedhof. 2017, S. 205. Sie nummerierten die Grabsteine erneut, allerdings abweichend, erfassten sie auch nicht vollständig und hinterließen keinen Plan. Diese Dokumentation ist heute gleichwohl sehr wertvoll, weil damals noch Text gelesen werden konnte, der heute beschädigt oder zerstört ist.M. Brocke: Gedenken. 2010, S. 10. Die Dokumentation liegt im Stadtarchiv Worms.M. Brocke: Der mittelalterliche Friedhof. 2017, S. 206. Anlässlich dieser Arbeit wurden auch Restaurierungen vorgenommen: Umgefallene Steine wurden aufgerichtet, eingesunkene gehoben.Reuter, Wiesner: Der Judenfriedhof. S. 163. Eine weitere Dokumentation über 880 Grabsteine nahm 1938 der Wiener Rabbiner und Volkskundler Max Grunwald vor, publizierte sie in Form alphabetisch und nach Jahreszahlen sortierter Namenslisten, konnte sie aber nur noch in Frankreich veröffentlichen.Siehe Literaturverzeichnis.Dabei unterliefen Max Grunwald aber einige Fehler oder sie entstanden beim Transfer des Materials ins Französische: So sind z. B. alle Nachweise des Frauennamens Sara unter dem zahlreich auftretenden Männernamen Samuel verschwunden (Brocke: Der mittelalterliche Friedhof. S. 207, Anm. 11). Erstmals 1984 wurden die Grabsteine (insgesamt 1244) systematisch durch das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg fotografisch erfasst. Auch dabei wurde wieder eine neue Nummerierung eingeführt, die hebräischsprachigen Inschriften dokumentiert und ins Deutsche übersetzt.Reuter, Wiesner: Der Judenfriedhof. S. 164. Inzwischen ist in der Fachliteratur auch schon einmal von dem „Durcheinander von Nummerierungen aller Art“ die Rede.M. Brocke: Der mittelalterliche Friedhof. 2017, S. 213.
Derzeit kümmert sich das Salomon Ludwig Steinheim-Institut um eine Erfassung der Inschriften – komplett allerdings nur bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts, darüber hinaus fehlt die Finanzierung.Epidat: Jüdischer Friedhof Worms. Es hat eine Konkordanz aller bisher vorliegenden Informationen zu diesen Steinen erarbeitet und dabei eine weitere – wiederum abweichende – Nummerierung vergeben.M. Brocke: Gedenken. 2010, S. 11. Auch werden erstmals moderne, naturwissenschaftliche Methoden eingesetzt, um bisher nicht (mehr) lesbare Texte vielleicht doch noch entziffern zu können. Mit Unterstützung des Zentrums für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg wurde ein Streifenlichtscanner eingesetzt, aus dessen Aufzeichnungen ein dreidimensionales Bild der Oberfläche eines Steins errechnet werden kann, bei dem auch kleinste Oberflächenunterschiede sichtbar gemacht werden können.M. Brocke: Gedenken. 2010, S. 14. Archäologische Grabungen verbieten sich, da dem religiöse Vorschriften entgegenstehen und dies als Störung der Totenruhe gewertet würde.
Anlage Grabstätten mini|Grabsteine des Rabbi Meir ben Baruch, genannt von Rothenburg (links) und des Alexander ben Salomon Wimpfen (rechts) mini|Grabstein des Rabbi Jakob ben Moses haLevi Molin, genannt MaHaRil, 1427, im Rabbinental. Es ist auf seinen Wunsch hin freistehend und das einzige nach Osten ausgerichtete Grab des Friedhofs mini|Grabstein des Rabbi Naphtali Hirsch Spitz, Rabbinental