Burg-Gräfenrode, umgangssprachlich auch Roggau genannt, ist einer der sieben Stadtteile der Stadt Karben im hessischen Wetteraukreis. Der Ort liegt am nördlichen Rand des Rhein-Main-Gebiets, etwa 18 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main. Im Jahr 2023 hatte Burg-Gräfenrode 1459 Einwohner.
Geografie mini|Südlicher Dorfrand in den Hügeln der Wetterau
Burg-Gräfenrode liegt in der Kulturlandschaft der Wetterau (naturräumliche Teileinheit Heldenbergener Wetterau) auf rund 150 Metern über Normalnull auf einer sanft ansteigenden Terrasse rund einen Kilometer östlich des Flusses Nidda. Der tiefste Punkt der Gemarkung ist mit 110 Metern über Normalnull der Pegel der Nidda, nach Osten hin steigt das Gelände stetig an und erreicht im Rauwald eine Höhe von 217 Metern, die markantere Kaicher Höhe gipfelt bei 201 Metern.
Benachbarte Orte sind Ilbenstadt (1,2 km nördlich), Kaichen (zwei Kilometer östlich), Groß-Karben (zwei Kilometer südlich), Okarben (zwei Kilometer westlich), Nieder-Wöllstadt (zwei Kilometer nordwestlich).
Die Landesstraße 3351 (Berlinerstraße) verbindet den Ort mit Groß-Karben und Ilbenstadt, die anderen Nachbarorte sind über befestigte Wirtschaftswege zu erreichen.
Der aus Mergel und Kalkstein bestehende Gesteinsgrund und die darüberliegenden quartären Schotter- und Sandschichten wurden nach Ende der letzten Eiszeit deckend von einer meterhohen fruchtbaren Lössschicht überlagert, die sich sehr gut zum Ackerbau eignet. Der ganz überwiegende Teil der Gemarkungsfläche wird landwirtschaftlich genutzt; im Süden und Osten hat Burggräfenrode Anteil am Karbener Wald, zur Nidda hin liegt der kleine „Einsiedlerwald“.
Noch etwa um 1900 wurde zwischen dem Dorf und dem Rauwald Kalk abgebaut und gebrannt; Bausteine wurden jahrhundertelang aus einem Kalksteinbruch östlich des Hochwaldes (der „alten Steinkaute“) gebrochen. Mit Kies versorgten sich die Dörfler im alten Flussbett der Nidda in der Nähe des Einsiedelwäldchens.
Dank seiner erhöhten Lage bleibt Burg-Gräfenrode im Gegensatz zu den Nachbarorten Ilbenstadt, Nieder-Wöllstadt und Okarben von den häufigen Hochwassern der Nidda verschont. Allerdings kam es in der Vergangenheit wiederholt zu Schlammlawinen, die nach starken Regenfällen aus den zum Karbener Wald hin oberhalb des Dorfes gelegenen Feldern über den Ort hineinbrachen, so am 13. Mai 1948, am 5. Juni 1979 und zuletzt am 28. Mai 1999.
Geschichte Zum Ortsnamen Der Name des Dorfes leitet sich von den Burgsitzen derer von Carben her, von denen nur die Oberburg erhalten ist. Der Namensbestandteil rode deutet auf den Ursprung des als Rodungssiedlung entstandenen Ortes.
Wesentlich häufiger als den Vollnamen hört man im Ort wie in der Umgebung den Necknamen des Dorfes, Roggau. Dieser geht auf den Rodgau zurück, einen Landstrich südlich des Mains. Die Grafen von Hanau, die neben anderen Erbfolger der Münzenberger und damit anteilige Lehnsherren des Dorfes waren, besaßen auch den Rodgau. Der Umstand, dass Burg-Gräfenrode als zumindest teilweise hanauische Enklave im von der Reichsburg Friedberg bestimmten Freigericht Kaichen eine Sonderstellung einnahm, führte dann vermutlich im 18. Jahrhundert zur Entstehung des Necknamens.
Frühgeschichte und Römerzeit Das älteste Zeugnis menschlicher Besiedlung auf der Gemarkung Burg-Gräfenrodes ist ein Hügelgräberfeld im oberhalb des Dorfes gelegenen Rauwald. Es stammt aus der späten Jungsteinzeit und der beginnenden Bronzezeit (etwa 1800 bis 1500 v. Chr.). Diese Flur diente wohl noch lange Zeit als Begräbnisstätte. 1901 wurde hier bei einer Raubgrabung ein fränkisches Schwert gefunden, das vermutlich aus einem Grab aus der Zeit der Völkerwanderung stammte. Der Verbleib des Schwerts ist ungeklärt.
Nach der Eroberung der Wetterau durch das Römische Reich begann um 85 n. Chr. die Kolonisation dieser Gegend. Das zwei Kilometer entfernte Okarben geht auf ein Römerkastell dieser Zeit zurück, und im Schutz des Limes entstanden in der gesamten Wetterau römische Gutshöfe, sogenannte Villae rusticae. In der Gemarkung Burg-Gräfenrodes ist in der Flur „Auf der Steinrutsch“ ein römischer Hof zu vermuten, das verlassene Gehöft könnte dem Namen nach von späteren Siedlern abgetragen und zum Bau neuer Häuser verwendet worden sein. Auch nach dem Ende ihrer Herrschaft blieb der politische und kulturelle Einfluss der Römer noch bis in das 5. Jahrhundert beträchtlich. Ein bis heute sichtbares Zeugnis der römischen Zeit ist die schnurgerade Straße von Burg-Gräfenrode nach Ilbenstadt (die heutige Landesstraße 3351), die einst ein Teil der römischen Heerstraße von Friedberg nach Kesselstadt war.
Mittelalter Die Entstehung des heutigen Dorfes fällt in die Zeit des Hochmittelalters. Im 12. Jahrhundert wurde die Geschichte der Wetterau vom Geschlecht der Münzenberger bestimmt, das weite Teile der Gegend als reichsunmittelbares Lehen erhielt. Als Lehnsleute der Münzenberger wird erstmals 1184 das Geschlecht derer „von Carben“ erwähnt, das möglicherweise zunächst einen Sitz nahe dem heutigen Burg-Gräfenrode hatte. Im einen Kilometer westlich gelegenen Einsiedelwald, der später über Jahrhunderte persönliches Eigentum der Familie von Carben blieb, finden sich Reste der Wälle und Gräben einer wahrscheinlich hölzernen Wasserburg aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Einer vielleicht auf historischen Tatsachen beruhenden Legende nach geht der Name des Waldstücks darauf zurück, dass sich im frühen 16. Jahrhundert ein Angehöriger derer von Carben von seinem Burgsitz im Dorf zurückzog, um als Einsiedler im besagten Wald zu leben. Möglicherweise lebte er in den Ruinen der alten Wasserburg.
Das heutige Dorf entstand, begünstigt durch die noch wegbare römische Straße, im 12. Jahrhundert als Rodungssiedlung, worauf auch der Ortsname schließen lässt. Zu der Siedlung zählte ein befestigter Hof der Familie von Carben, auf die mit einiger Sicherheit die heutige Oberburg zurückgeht. Der Ort hieß zunächst nur Rode. Da es zahlreiche Siedlungen dieses Namens in der Umgebung gab, ist bei frühen Erwähnungen dieses Namens nicht festzustellen, ob es sich tatsächlich um das heutige Burg-Gräfenrode handelt. Die erste urkundliche Erwähnung, in der zweifelsfrei der heutige Ort gemeint ist, stammt aus dem Jahr 1405. Es handelt sich um einen Lehnsbrief der Herren von Hanau, die durch die Münzenberger Erbschaft anteilig Lehensherren geworden waren.Vgl.: Uta Löwenstein: Grafschaft Hanau. In: Ritter, Grafen und Fürsten – weltliche Herrschaften im hessischen Raum, ca. 900–1806. = Handbuch der hessischen Geschichte 3. = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 63. Marburg 2014. ISBN 978-3-942225-17-5, S. 196–230 (206). In diesem Lehensbrief wird dem strengin Ritter Hern Herman von Carbin das Lehen über das Dorff zum Rode bestätigt. Dass es sich hierbei um den heutigen Ort handelt, ist durch spätere Lehnsreverse gesichert. Auf die Existenz einer Kirche kann aus einer Urkunde von 1409 geschlossen werden, in der ein cappelan zum Rode bei Elwenstat [Ilbenstadt] genannt wird. 1411 wird dann erstmals in einer Kaufurkunde der gesamte Ortsname Burggräfenroden genannt.
Ein Lehnsrevers aus dem Jahr 1429 lässt auf die Existenz von zwei Burgsitzen schließen, die von Sprösslingen des Geschlechts Carben bewohnt wurden; das darin genannte Steynen Huß ist mit der heutigen Oberburg gleichzusetzen, daz Nidderste Gaden mit der heute verschwundenen Unterburg, in der eine Nebenlinie derer von Carben residierte, die so genannte „Herdan-Linie“. Es steht zu vermuten, dass zu dieser Zeit zudem auch schon die heute ebenfalls verschwundene Weißenburg (auch Waisburg) vorhanden war. Im 15. oder 16. Jahrhundert wurde das Dorf von einer Befestigungsanlage aus Wällen, Zäunen, Gebücken und Wassergräben umgeben, in die neben anderen gemauerten Gebäuden auch die drei Burganlagen integriert wurden. Die Ostseite der Befestigung lief entlang der Straße zwischen Groß-Karben und Ilbenstadt, der heutigen Hauptstraße. Der Zugang zum Dorf war ein befestigter Torbau an der Abzweigung der heutigen Burgstraße von der Hauptstraße, die noch bis in die jüngste Zeit als „die Pfort“ bezeichnet wurde. Der Torbau ist noch auf einer illustrierten Karte des 18. Jahrhunderts verzeichnet.
Um gegen die großen Höfe derer von Carben bestehen zu können und den Frondienst in Grenzen zu halten, schlossen sich die freien Bauern der Orte Burg-Gräfenrode, Groß-Karben, Klein-Karben und Kaichen wohl schon zu Beginn der Binnenkolonisation zur so genannten „Carber Mark“ zusammen. Die Mark war zunächst ein genossenschaftlich organisierter Zweckverband mit eigener Feldgerichtsbarkeit, dessen Rechte 1442 in einem kaiserlichen Schutzbrief bestätigt wurden. Die Hochgerichtsbarkeit oblag dem reichsunmittelbaren Freigericht Kaichen. Lehnsrechtlich gehörte Burg-Gräfenrode als hanauischer Besitz jedoch nicht zu diesem Territorialverband. Im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts geriet die Mark Carben zunehmend unter den Einfluss der Burggrafen von Friedberg. 1475 wurden die Friedberger auch Lehnsherren des Freigerichts und übernahmen ab 1534 ständig das Amt des Kaicher Obergrefen. Mit dem Machtzuwachs der Friedberger Burggrafen büßten die Bauern der Mark viele Freiheiten ein. Vom Bauernkrieg blieb die Wetterau zwar verschont, doch verschlechterte sich nach der Niederlage der süddeutschen Bauern der Status der Bauern hier wie im gesamten Reich. mini|Wappenplatten aus der Burgmauer Buntsandstein
Frühe Neuzeit 1549 wurde in Burg-Gräfenrode die Reformation eingeführt. Nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges wurde die Wetterau immer wieder von wechselnden Heerscharen und marodierenden Landsknechten heimgesucht. Zwar liegen für diese Zeit kaum Dokumente vor, die explizit auf Burg-Gräfenrode Bezug nehmen, doch steht zu vermuten, dass es dem Ort nicht besser erging als den Orten der Umgebung, deren Los besser dokumentiert ist. Ein erster Pestfall ist 1626 verzeichnet, 1635 raffte die Seuche viele Dörfler dahin. Auch wird vermutet, dass die Weißenburg, das dritte befestigte Anwesen des Dorfes, im Krieg zerstört wurde, denn die ohnehin sehr seltenen schriftlichen Hinweise auf ihre Existenz reißen um diese Zeit ab. Von Juli bis August 1646 schlug ein vereintes bayerisches und kaiserliches Heer sein Lager zwischen Burg-Gräfenrode und Ilbenstadt auf, um das nahe von Kasseler, schwedischen und französischen Truppen bedrohte Friedberg zu decken. In diese Zeit fällt die Krönung des habsburgischen Kronprinzen Ferdinand zum König von Böhmen. Die Friedberger Stadtchronik berichtet, dass aus diesem Anlass im kaiserlichen Lager zu Ilmstadt und Burggräfenroth dreimal aus allen Stücken und Musketen Salve gegeben wurde. Nachdem Schweden und Franzosen sich nach Süden absetzten, brachen die Kaiserlichen ihr Lager ab und nahmen die Verfolgung auf.
Die oft rücksichtslosen Steuereintreibungspraktiken der Burg-Friedberger sorgten im 18. Jahrhundert zunehmend für Unmut unter den Bauern. 1719 weigerten sich die Märker unter Berufung auf die vormalige Reichsunmittelbarkeit des Freigerichts Kaichen, den Friedbergern das Türkengeld zu entrichten. Als ihre Beschwerde von kaiserlicher Stelle zurückgewiesen wurde, erhoben sich die Bauern der Mark gegen die Burgtruppen, die den Aufstand blutig niederschlugen. Nach der Darstellung der Märker erschossen die Friedberger auch Kinder und Greise. Bei dem Aufstand stellten die Burg-Gräfenroder Bauern einige Rädelsführer, die in zeitgenössischen Darstellungen meist an erster Stelle genannt werden. Die geschlagenen Märker entsandten eine dreiköpfige Delegation nach Wien, um beim Reichshofrat Beistand zu ersuchen. Dieser urteilte aber in Causa Burggrafenroth & Consorten Contra Die Kayserl. und des Heil. Römischen Reichs Burg Friedberg am 17. Juli 1719 zu Gunsten Friedbergs. 1790 wurde die Carber Mark dann endgültig aufgelöst.