Der Seeotter, Kalan oder Meerotter (Enhydra lutris) ist eine Raubtierart aus der Unterfamilie der Otter (Lutrinae). Er ist neben dem Küstenotter des Südpazifiks die einzige Otterart, die nur im Meer lebt. Seeotter gelten als intelligent und lernfähig, bekannt sind sie vor allem wegen des regelmäßigen Gebrauchs von Werkzeugen. Die Art war bis Anfang des 20. Jahrhunderts wegen ihres Fells fast ausgerottet; nach dem Jagdverbot im Jahr 1911 erholten sich die Bestände wieder. Seeotter gelten heute als eine Schlüsselart.
Aussehen Körperbau mini|Ruhender Seeotter Der Seeotter gehört zusammen mit dem längeren, aber leichteren Riesenotter und dem wesentlich hochbeinigeren Vielfraß zu den größten Vertretern der Marderfamilie. Seeotter erreichen eine Länge von bis zu 150 cm, wobei davon etwa 30 cm auf den Schwanz entfallen. Das Gewicht eines männlichen Tieres kann bis zu etwa 40 kg betragen, die Weibchen wiegen weniger und bleiben kleiner. Das Fell ist dunkelbraun, der Kopf etwas heller.
Die Anpassung an das Wasserleben ist bei dieser Art noch stärker als bei anderen Otterarten. Die Hinterbeine sind nach hinten versetzt und die Zehen sind durch große Schwimmhäute verbunden. Die Vorderpfoten sind wesentlich kleiner. In seinen Bewegungsabläufen, sowohl an Wasser als auch Land, ähnelt der Seeotter daher den Ohrenrobben, die die Hinterflossen unter den Körper setzen und deswegen (im Gegensatz zu den Seehunden) auf vier Beinen laufen können. Der Schwanz ist nicht wie bei anderen Ottern rund, sondern abgeflacht und verjüngt sich zur Spitze hin nicht. Die Ähnlichkeiten zu Robben sind entwicklungsgeschichtliche Anpassungen an die gleichen Lebensbedingungen (konvergente Evolution).
Seeotter haben 32 Zähne, was für die Unterfamilie der Otter sehr ungewöhnlich ist. Fast alle anderen Otter haben 36, nur der asiatische Zwergotter 34 Zähne. Als einziges Raubtier hat der Seeotter im Unterkiefer nur zwei Paare Schneidezähne. Außerdem hat er kräftige, massive Backenzähne, die eine Anpassung an das Zerbeißen von Muscheln und Schnecken darstellen.
Fell mini|Nasses Fell eines Seeotters. In der Mitte ist erkennbar, dass das Wasser in großen Tropfen abperlt Der Seeotter hat als einziges im Meer lebendes Säugetier keine isolierende Fettschicht. Stattdessen schützt ihn ein extrem dichtes Fell vor der Kälte des Nordpazifiks. Auf einem Quadratzentimeter wachsen von 100.000 bis 400.000 Haare; etwa so viele, wie ein Mensch durchschnittlich auf dem gesamten Kopf hat. Damit ist der Otter das Tier mit dem dichtesten Fell. Das Fell, das als das feinste im Tierreich gilt, besteht aus gröberen, dunkleren Deckhaaren und einer sehr feinen, hellbraungrauen Unterwolle. Auf ein Haar des Deckfells kommen etwa 70 Haare der Unterwolle. Zwischen den seidigen Haaren sorgen normalerweise winzige, vom Otter regelmäßig in sein Fell geblasene Luftbläschen für eine gute Kälteisolierung. Diese Bläschen sorgen dafür, dass der Otter beim Schwimmen nicht bis auf die Haut nass wird. Die Haut des Fells, das der Otter regelmäßig pflegt, liegt locker am Körper an und bildet Falten und Taschen, in denen Nahrung transportiert werden kann. Durch die zahlreichen Falten ist das Fell deutlich größer als bei vergleichbar großen Tieren. Das Bild unter „Nutzung als Pelztier“ gibt einen ungefähren Eindruck von der Größe des Fells.
Die Fellpflege nimmt bei dieser Art sehr viel Zeit in Anspruch. Die Tiere können oft beobachtet werden, wie sie sich „kratzen“. Dieses Verhalten dient jedoch der Fellpflege. Vorder- und Hinterpfoten werden zum Reinigen auch geleckt. Ältere Tiere haben an Kopf, Hals und Schultern ein blasseres Fell als am übrigen Körper.
mini|Ursprüngliches und heutiges Verbreitungsgebiet des Seeotters
Verbreitung Seeotter leben an den Küsten des Beringmeers in Alaska, auf den Aleuten und den Kommandeurinseln; kleinere Bestände auch an der kanadischen und kalifornischen Pazifikküste. Ursprünglich war der Seeotter von Nordjapan über die gesamte Nordpazifikküste bis nach Mexiko (Niederkalifornien) verbreitet. Starke Bejagung hat das Verbreitungsgebiet verkleinert, die Bestände erholen sich allerdings heute dank der Schutzmaßnahmen wieder. Die Südgrenze des ursprünglichen Verbreitungsgebietes deckte sich etwa mit der Südgrenze des Aufstroms von kaltem Tiefenwasser an der amerikanischen Westküste. Nur hier kommen die großen Tangwälder vor, in denen sich der Otter besonders gern aufhält.
Heute ist der Seeotter von der Halbinsel Niederkalifornien und damit von den mexikanischen Küsten völlig verschwunden. In Kalifornien ist er noch präsent, fehlt aber vor Oregon und Washington, wo auch Wiederansiedlungen nicht erfolgreich verliefen. Von der kanadischen Pazifikküste erstreckt sich das Verbreitungsgebiet über Alaska, die Aleuten nach Sibirien. Ursprünglich war er auch an der Nordküste von Hokkaidō (Japan) beheimatet. Seit die Art geschützt ist, breitet sie sich beständig wieder aus.
Nach Norden hin wird das Verbreitungsgebiet offenbar durch die Grenze des Treibeises begrenzt. Das nördlichste gesicherte Vorkommen offensichtlich verdrifteter Seeotter wurde in der ostsibirischen See auf 70 Grad Nord festgestellt.
mini|Lebensraum für Seeotter: Felsige Küstenabschnitte in Kalifornien. Braun gefärbte Teile der Wasseroberfläche sind Tangbestände.
Lebensraum Seeotter verbringen den größten Teil des Lebens im Wasser. Sie verlassen dabei die Küstengewässer nicht und halten sich fast immer in Landnähe auf. Dabei bevorzugen sie felsige Küstenabschnitte.
Seeotter gelten als typische Arten der großen Tangwälder der amerikanischen Pazifikküste, in denen sie häufig auf Nahrungssuche gehen. Schwimmende Tiere können besonders häufig in großen Tangbeständen beobachtet werden.
Ernährung mini|Seeotter beim Knacken einer Muschel mini|Purpurner Seeigel, eine bevorzugte Beute des Seeotters
Allgemeines Der Stoffwechsel des Seeotters ist etwa dreimal höher als bei Landsäugern. Durch diese Anpassung kann er seine Körperinnentemperatur von 38 °C aufrechterhalten, ist so aber andererseits gezwungen, sehr große Mengen energiereicher Nahrung zu sich zu nehmen. Der Hauptteil seiner Nahrung besteht aus Seeigeln, auch Seesterne werden nicht verschmäht, außerdem Muscheln, verschiedenen Arten von Meeresschnecken, zum Beispiel Napf-, Käferschnecken und Seeohren, seltener auch langsam schwimmende Fische. Die Nahrung besteht zu weit über 70 Prozent aus Seeigeln, solange eine Population klein ist. Nähert sich der Bestand an einem Küstenabschnitt aber einem Maximum, so ist die Nahrung weitaus vielfältiger. Allerdings entwickeln einzelne Otter individuelle Vorlieben und spezialisieren sich auf bis zu drei verschiedene Beutetiere.
Einige männliche Tiere scheinen sich zudem auf die Jagd auf Wasservögel (z. B. Renntaucher oder Brillenenten) konzentriert zu haben, die sie von unten angreifen, während die Vögel an der Wasseroberfläche ruhen.
Werkzeuggebrauch Die harten Schalen der bevorzugten Beutetiere werden mit Steinen geöffnet, die als Werkzeug benutzt werden.Unlike Dolphins, Sea Otters That Use Tools Are Not Closely Related. Auf: smithsonianmag.com vom 30. März 2017 Warum Otter die cleversten Handwerker des Tierreichs sind. Auf: stern.de vom 30. März 2017 Dazu schwimmt der Otter auf dem Rücken, legt sich einen Stein als Amboss auf die Brust und schlägt die Beute darauf; umgekehrt legt er sich manchmal die Beute auf die Brust und zerschlägt sie mit dem Stein. Das an der Brust nicht fest am Körper anliegende, Falten und Taschen bildende Fell verhindert dabei eine Selbstverletzung. Der Otter benutzt Steine beispielsweise auch, um Muscheln am Meeresgrund loszubrechen. Werkzeuggebrauch bei Tieren ist sonst nur noch von sehr wenigen Arten (z. B. Schimpansen und Rabenvögeln) bekannt. Neben Steinen werden von Seeottern auch andere Gegenstände genutzt. So wurden schon Tiere beobachtet, die Schalentiere an Glasflaschen zerschlugen.
Eine bisher offene Frage ist, wie Seeotter ihren Werkzeuggebrauch erlernen. Offenbar scheint es eine genetische Komponente für ihr Werkzeugverhalten zu geben. So wurde entdeckt, dass verwaiste Seeotter ihr Spezies-typisches Werkzeugverhalten selbst entwickeln, ganz ohne es sich abgucken zu können. Außerdem hat sich gezeigt, dass die meisten (10 von 13, inklusive Seeotter) Otterspezies Stein-Spielverhalten zeigen – ganz ohne dass sie sich gegenseitig beobachtet haben konnten.
Um erbeutete Krabben am Weglaufen zu hindern, während andere Beute gefressen wird, können Seeotter diese Tiere fesseln: Sie umwickeln Krabben mit Seetangsträngen.
Ökologische Rolle An der amerikanischen Westküste wurde beobachtet, dass die Otter viel zum Schutz der Tangwälder beitragen, da sie sich in großem Maße von pflanzenfressenden Seeigeln ernähren. Der Einfluss der Otter ist dabei regional sehr unterschiedlich, lässt sich aber vergleichsweise leicht feststellen, da die Tiere inzwischen etliche Gebiete wiederbesiedeln, in denen sie im Zuge der Pelztierjagd (siehe unten) ausgerottet waren.
Besonderes Interessant ist die Fähigkeit des Seeotters, unversehrt Meerwasser zu trinken. Seine speziellen, relativ großen Nieren können das überschüssige Salz wieder ausscheiden.
Lebensweise Fortpflanzung Auch die Paarung findet im Wasser statt, und zwar in der für Säugetiere recht seltenen Bauch zu Bauch-Stellung, in der die Tiere sich regelrecht umarmen. Eine Begattung kann bis zu 35 Minuten dauern. Nach Marderart geht es dabei recht grob zu: Begattete Weibchen haben oft Wunden auf der Nase. Dieses Verhalten dient dem Männchen dazu, sich auf dem rutschigen, feuchten Bauchfell des Weibchens besser festzuhalten. Die Schwere der Verletzungen ist von Männchen zu Männchen sehr unterschiedlich.
mini|Seeotterweibchen mit Jungtier. Das häufige „Durcharbeiten“ des Fells dient dessen Pflege.
Paarungen können das ganze Jahr über stattfinden, eine große Zahl von Paarungen geschieht allerdings im Sommer und Herbst. Dabei wurde beobachtet, dass Weibchen die Paarungsbereitschaft erlangen, wenn sie gerade ein Junges verlassen oder verloren haben.
Seeotter bilden keine dauerhaften Paare. Männchen und Weibchen bleiben maximal einige Tage zusammen. Während dieser Zeit halten sie aber sehr engen Kontakt durch gemeinsames Fressen, Spielen, Fellpflege und Paarung. Derartige Paare lösen sich auf, wenn das Weibchen trächtig wird. Durch diese Paarbindung mit sehr intensivem Kontakt stellt das Männchen sicher, dass seine Gene weitergegeben werden.
Männchen werden mit fünf, Weibchen mit drei bis fünf Jahren geschlechtsreif. Ältere, stärkere Männchen beanspruchen innerhalb der Ruhezonen der Weibchen Reviere, die sie bewachen und in denen sie andere geschlechtsreife Männchen nur „auf der Durchreise“ dulden. Leben in einem Revier zeitweilig nur wenige paarungsbereite Weibchen, wird das Revier verlassen, die Männchen erweisen sich aber als standorttreu und kehren wieder hierher zurück.
Die Weibchen bringen nach einer Tragzeit von etwa sechs bis neun Monaten pro Wurf nur ein Junges zur Welt, das rund 1,8 Kilogramm wiegt. Die Tragzeit ist variabel, da sie, typisch für Marderartige, eine Keimruhe von unterschiedlicher Länge haben. Die Geburt findet in der Regel im Wasser statt, ist aber auch an Land möglich. Zwillingsgeburten wurden beim Seeotter schon beobachtet, es ist aber äußerst unwahrscheinlich, dass beide Jungen überleben.
Bei der Zahl der Jungen pro Jahr und Weibchen lassen sich regionale Unterschiede beobachten, ebenso bei der Zeit, die die Jungen bei der Mutter bleiben. Letztere ist in Alaska meist länger als in Kalifornien. In Alaska bringt ein Weibchen oft nur alle zwei Jahre ein Junges zur Welt. Die Gründe hierfür sind noch unklar.