mini|hochkant=1.5|In der Produktionswirtschaft werden oft komplexe Systeme aus mehreren Maschinen erforscht.

Die Produktionswirtschaft (auch Produktionswirtschaftslehre, abgekürzt PW beziehungsweise PWL) ist der Teil der Betriebswirtschaftslehre, die sich mit allen kaufmännischen Aufgaben der Produktion auseinandersetzt.Harald Dyckhoff: Produktionstheorie: Grundzüge industrieller Produktionswirtschaft. 5. Auflage. Springer, Berlin 2006, ISBN 3-540-32600-6, S. 3 und S. 5f.

Allgemeines Sie beschäftigt sich neben der Produktions- und Kostentheorie mit der Planung und Steuerung des Produktionsprogramms und des Produktionsprozesses, der Wahl des oder der Produktionsverfahren, der Organisation der Produktion und der Gestaltung der Produktionspotentiale. Sie unterscheidet sich von der Produktionstechnik, die die technischen Aspekte der Produktion betrachtet, und von anderen Bereichen der Betriebswirtschaftslehre wie der Finanzwirtschaft, Personalwirtschaft oder Absatzwirtschaft, indem sie die Planung, Steuerung und Überwachung der Produktion ganzheitlich unter ökonomischen, ökologischen und mitarbeiterbezogenen Gesichtspunkten betrachtet. Aktuelle Lehrmeinungen und Konzepte, wie beispielsweise das Advanced Planning and Scheduling, beziehen dabei auch angrenzende Bereiche wie die Beschaffung und Bereitstellung der Teile und Baugruppen sowie die Distribution der Produkte mit ein.

Die Produktionswirtschaft behandelt grundsätzlich auch die Erstellung von DienstleistungenGünther Zäpfel: Produktionswirtschaft: Operatives Produktions-Management, 1982, S. 1. in allen Arten von Betrieben, wird aber oft unausgesprochen auf die Industrie und SachgüterproduktionHans-Otto Günther/Horst Tempelmeier: Produktion und Logistik. 4. Aufl., Springer, Berlin, 1994 reduziert, teils auch explizit als industrielle Produktionswirtschaft oder Fertigungswirtschaft bezeichnet,Hans Corsten/Ralf Gössinger: Produktionswirtschaft. 12. Auflage. Oldenbourg, München 2009, S. 22. wobei sich der Begriff der Fertigung meist auf die Herstellung diskreter Sachgüter und deren Montage bezieht.

Die Produktionswirtschaft war während ihrer Anfänge in den 1950er Jahren auf rein wirtschaftliche Aspekte der Produktion in Unternehmen konzentriert; heute hat sie sich zu einer interdisziplinären Wissenschaft weiterentwickelt. Sie möchte die Fragen, die sich beim Managen von Betrieben stellen, beschreiben, theoretisch durchdringen und beantworten. Hierzu arbeitet sie mit weiteren Fachrichtungen zusammen – vor allem mit den Ingenieurwissenschaften und der Logistik – oder integriert die Erkenntnisse und Methoden von Hilfs- und Nachbarwissenschaften wie Mathematik, Operations Research, Wirtschaftsinformatik, Arbeitswissenschaft, Wirtschaftsrecht, Soziologie oder Wirtschaftspsychologie.

Geschichte mini|Dreharbeiten während der industriellen Revolution

Im Laufe der industriellen Revolution entstanden immer größere Manufakturen und Fabriken.Erich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 49. In ihnen arbeiteten überwiegend ungelernte Arbeitskräfte, deren Tätigkeit durch Vorarbeiter und Meister koordiniert wurde. Die in den Betrieben arbeitenden Ingenieure waren seitdem mit der Frage konfrontiert, wie die Produktion am besten organisiert werden kann. Der amerikanische Ingenieur Taylor begann 1883 mit seiner sogenannten wissenschaftlichen Betriebsführung (Scientific Management), bei der er mit Stoppuhren einzelne Arbeitsgänge optimierte.Hartmut F. Binner: Handbuch der prozessorientierten Arbeitsorganisation, Hanser Verlag, München 2004, ISBN 3-446-22703-2. Das Ehepaar Frank und Lillian Gilbreth entwickelte daraus schließlich die Systeme vorbestimmter Zeiten, die heute noch bei der Planung von Produktionssystemen verwendet werden. Die ersten produktionswirtschaftlichen Fragen wurden somit von in der Praxis tätigen Ingenieuren beantwortet. Eine theoretisch fundierte Erforschung der Thematik auf akademischerDie damaligen amerikanischen Ingenieure hatten noch keine akademische Ausbildung. Kaiser, König: Geschichte des Ingenieurs. S. 151. Ebene setzte erst später mit dem Entstehen der Betriebswirtschaftslehre ein.

Stellung der Produktionswirtschaft im System der Betriebswirtschaftslehre

Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Betriebswirtschaftslehre war anfangs branchen- und institutionenbezogen in spezielle Betriebswirtschaftslehren (Bankbetriebslehre, Industriebetriebslehre, Handelsbetriebslehre, Verkehrswirtschaftslehre, Versicherungsbetriebslehre und weitere) geteilt. Während sich die heutige Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit der Produktion im allgemeinen Sinne, dem Erstellen von materiellen Gütern (Sachgütern) und Dienstleistungen, beschäftigt, befasste sich zunächst nur die Industriebetriebslehre mit der Produktion im engeren Sinne, d. h. mit dem wirtschaftlichen Erstellen ausschließlich materieller Güter. Ihre Erkenntnisse bildeten die Basis der heutigen Produktionswirtschaft.Erich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 43. Den markt- und kundenbezogenen Gegenpol zur Produktionswirtschaft bildet die einzelbetriebliche Absatzwirtschaft.

Erich Gutenberg und Wirtschaftswunder Während des Wirtschaftswunders waren viele Unternehmen vor das Problem gestellt, dass es zwar ausreichend zahlungsbereite Kundschaft gab, die Unternehmen jedoch mit ihrer Produktion die Nachfrage nicht bedienen konnten (sogenannter Verkäufermarkt).Heribert Meffert: Marketing. Grundlagen der Absatzpolitik. 7. Auflage, Wiesbaden, 1986, S. 29 f. Fragen der Produktion rückten damit verstärkt ins Zentrum des Interesses der Betriebswirte. Es ging einerseits darum, die Produktionskapazitäten zu erhöhen, um möglichst viel absetzen zu können, andererseits darum, diese Kapazitäten optimal auszulasten, um die maximale Menge möglichst kostengünstig zu produzieren. Hierfür wurde die Produktions- und Kostentheorie ständig weiterentwickelt. Erich Gutenberg war einer der Ersten, die die Produktion als betriebliche Hauptfunktion begriffen, was sich im Titel seines 1951 erschienenen Hauptwerkes Die ProduktionErich Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Band 1: Die Produktion, Berlin/Heidelberg: Springer-Verlag 1951, 1983 (24. Auflage), ISBN 3-540-05694-7. widerspiegelt. Als Folge wurde die BWL immer stärker nach betrieblichen Funktionen wie Produktionswirtschaft, Absatzwirtschaft oder Finanzwirtschaft gegliedert. Jedoch besteht bis heute neben dieser Gliederung auch die nach Wirtschaftszweigen wie Industrie-, Handels- oder Bankbetriebslehre (sog. spezielle Betriebswirtschaft) weiter.

Gutenberg entwickelte die aus der Volkswirtschaftslehre bekannte Produktionstheorie weiter, um damit die innerbetriebliche Produktion besser beschreiben zu können. Ein Beispiel für eine solche Weiterentwicklung ist die nach ihm benannte Gutenberg-Produktionsfunktion. Mit ihr beschrieb er den Treibstoffverbrauch einer Maschine in Abhängigkeit von der Intensität der Produktion – der Drehzahl der Maschine – und ermittelte eine optimale Intensität. Bekannt ist auch die auf ihn zurückgehende Einteilung der Produktionsfaktoren in Arbeit, Werkstoffe und Betriebsmittel, im Gegensatz zur damaligen volkswirtschaftlichen Einteilung in Arbeit, Kapital und Boden. Zusätzlich führte er den dispositiven Faktor ein, der die planende, leitende und lenkende Tätigkeit der Unternehmensführung beschreibt und ein eigenes Einkommen rechtfertigt.

Während Gutenberg mit seinem faktortheoretischen AnsatzErich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 22–25. an der mathematischen Beschreibung der Zusammenhänge zwischen Input und Output interessiert war, begründete Edmund Heinen in den 1960er Jahren die entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre.Erich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 25–28. Sie beschäftigt sich mit dem Vorbereiten, Treffen, Umsetzen und Kontrollieren von Entscheidungen in Unternehmen. Heinen bemerkte dazu: „Betriebswirtschaften sind nicht ‚Veranstaltungen‘ irgendwelcher abstrakter Produktionsfaktoren, sondern Sozialsysteme, in denen Menschen […] zusammenarbeiten.“Edmund Heinen: Grundfragen der entscheidungsorientierten Betriebswirtschaftslehre In: Schweitzer (Hrsg.): Auffassungen und Wissenschaftsziele der Betriebswirtschaftslehre. Darmstadt 1978, S. 219–246. Zitiert nach: Erich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 25. Volles Zitat: „Betriebswirtschaften sind nicht ‚Veranstaltungen‘ irgendwelcher abstrakter Produktionsfaktoren, sondern Sozialsysteme, in denen Menschen unter Verwendung technischer Hilfsmittel arbeitsteilig und kooperativ zur Erreichung des Organisationsziels und eigener Ziele zusammenarbeiten.“ Somit wurde auch die Produktionswirtschaft um eine soziale Komponente erweitert, wobei die Gestaltungsentscheidungen z. B. bei der Organisations-, Produkt- oder Verfahrensgestaltung in den Blick rückten.

Vom Verkäufer- zum Käufermarkt Die meisten europäischen Märkte entwickelten sich in den 1970er Jahren von Verkäufermärkten weiter in Richtung von Käufermärkten.Heribert Meffert: Marketing. Grundlagen der Absatzpolitik. 7. Auflage, Wiesbaden, 1986, S. 29f. Das Marketing wurde ausgebaut, sowohl im akademischen Umfeld als auch in der betrieblichen Praxis. Für die betriebliche Produktion bedeutete der Umschwung vor allem, dass nicht möglichst viel zu produzieren war, sondern genau so viel wie abgesetzt werden konnte. Es gab also eine Sollproduktionsmenge, die möglichst nicht zu über- oder unterschreiten war. In der Systemtheorie und Regelungstechnik waren bereits Konzepte bekannt, die einem System eine Sollgröße vorgeben und die erreichte Istgröße laufend mit dieser Sollgröße vergleichen, um das Verhalten des Systems zu regeln. Hans Ulrich wandte Erkenntnisse der Systemtheorie und Kybernetik auf wirtschaftliche Fragen an und begründete so den systemtheoretischen Ansatz.Erich Zahn/Uwe Schmidt: Produktionswirtschaft. Band 1: Grundlagen und operatives Produktionsmanagement. UTB, Stuttgart, ISBN 978-3-8252-8126-7, S. 28–31. Niedergeschlagen hat sich seine Herangehensweise im Begriff des Produktionssystems, das ähnlich wie ein technisches System gesteuert und geregelt werden kann.