mini|Tempeki Tamais Shiatsu-hō – (1939)Auf der Buchhülle bezeichnet sich Tamai als Erfinder des Shiatsu. Das Buch ist zur Selbsttherapie konzipiert, um „die Gesundheit zu fördern, Krankheiten vorzubeugen bzw. zu behandeln“. Allen Kanji (chinesischen Schriftzeichen) wurde die Lesung in Silbenschrift beigefügt, um auch „leseschwachen“ Benutzern den Zugang zum Inhalt zu ermöglichen. Shiatsu (jap. ; Kyūjitai ) ist eine in Japan entwickelte Form der manuellen Therapie, deren historische Wurzeln in Tuina – eine medizinische Massage-Technik aus China – und den frühmodernen japanischen Formen des Anma – , auch liegen. Unter dem Druck der Einführung und Konsolidierung des westlichen Gesundheitswesens wurden Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Formen manueller Behandlungsmethoden unter dem Namen Shiatsu kombiniert, um den Status einer eigenständigen Therapieform und damit einen Platz im neuen Gesundheitswesen zu erlangen.Zum historischen Hintergrund siehe W. Michel-Zaitsu: Traditionelle Medizin in Japan. Kiener, 2017, S. 162–164, 288–292.

Die Definition in der 1957 vom Büro für medizinische Angelegenheiten des japanischen Gesundheitsministeriums publizierten Schrift ist nüchtern. Ihr zufolge handelt es sich bei der Shiatsu-Technik – Shiatsu-hō, – um eine .Kōseishō Imukyoku, Ijika: Shiatsu no riron to jitsugi. Tōkyō, Ishiyaku Shuppan, 1957 ()

Wörtlich bedeutet Shiatsu „Fingerdruck“, doch arbeiten die Therapeuten gewöhnlich weniger mit Muskelkraft in Fingern und Armen als mit ihrem Körpergewicht. Nach Auffassung repräsentativer späterer Vertreter dieser Therapie sucht der Therapeut während der Behandlung eine „energetische Beziehung“ (Energie hier im Sinne von Ki, auch Qi) zum Patienten herzustellen. Dieser wiederum trage zum Erfolg seiner Behandlung durch Achtsamkeit, Sensibilität und Offenheit bei.

Prägung des Namens Die Bezeichnung Shiatsu war eigentlich keineswegs neu; sie wurde bereits von Ingenieuren der Meiji-Zeit (1868–1912) in technischer Bedeutung verwendet. Unter den Therapeuten der ersten Generation reklamieren vor allem zwei Personen das Erfinderrecht für sich. Da ist zum einen Kazuma Fukunaga (), der seinen 1928 im Selbstverlag gedruckten „Kraftanwendungstherapien“ (Chikara ōyō ryōhō) einen Anhang „Methode des Shiatsu“ (Shiatsuhō) hinzufügte. Dies ist die älteste einschlägige Publikation. 1939 gab Fukunaga unter dem Autorennamen Tempeki Tamai () eine auf über 500 Seiten expandierte „Methode des Shiatsu“ (Shiatsu-hō) heraus, die als Hausbuch zur Selbsttherapie konzipiert ist. Hier bezeichnet er sich als Begründer des Shiatsu und verweist auf eine zwanzigjährige Praxis, weshalb mancher westliche Autor die Erfindung auf das Jahr 1919 datiert. Tamais Einfluss war beträchtlich, sein Buch wird auch im 21. Jahrhundert noch nachgedruckt (letzte Auflage 2008). Zur Schulbildung, d. h. zur Ausbildung von Anhängern, die Tamais Konzepte weiter verbreiteten, scheint es nicht gekommen zu sein. Zur Person Fukunagas und seinen weiteren Aktivitäten ist kaum etwas bekannt.

Der in dieser Hinsicht einflussreichere Tokujirō Namikoshi hingegen erzählt in seiner Autobiographie „Ein Leben für den Daumen“, dass er als Siebenjähriger, also um 1912, auf die Wirkungen des Drucks mit Daumen und Handballen aufmerksam wurde, als er die Arthritis-Schmerzen seiner Mutter lindern wollte.Namikoshi Tokujirō − oyayubi ichidai. Tōkyō: Jitsugyō no Nihonsha, 1975 (). Namikoshi therapierte namhafte Persönlichkeiten nicht nur in Japan – so z. B. Marilyn Monroe und Muhammad Ali. Hinsichtlich der Namensgebung sind seine Ausführungen jedoch diffus. Ein Foto seiner 1925 in Muroran (Hokkaidō) gegründeten Praxis zeigt die Bezeichnung Appakuhō (, wörtl. ‚Druckmethode‘).

Angesichts des administrativen Drucks auf die Praktiker von Anma und der Verbreitung westlicher Massagekonzepte in den medizinischen Fakultäten kam es Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Anhängern der traditionellen Medizin vielerorts zu Versuchen, neue Therapieformen zu entwickeln und abzusichern. Parallelentwicklungen und wechselseitige Impulse sind nicht auszuschließen.Mehr zum historischen Hintergrund siehe Michel-Zaitsu (2017), S. 162–164, 288–292.

Grundlagen Da es in der Frühphase des Shiatsu in Japan darum ging, einen Platz im neuen, westlich orientierten Gesundheitswesen zu sichern, spielen Vorstellungen der traditionellen Medizin zunächst keine Rolle. Die von Tokujiro Namikoshi entwickelte Form ist unter Nutzung westlicher Konzepte am gesamten Körper orientiert. Auch Tempeki Tamai baut seine Therapien auf westlicher Physiologie und Anatomie auf. Wir finden bei beiden weder das Meridiansystem (Leitbahnsystem) noch das Konzept der „Fünf Wandlungsphasen“ (Fünf-Elemente-Lehre) oder Hinweise auf Ki (chin. Qi).

Erst in der zweiten Generation beobachtet man einen Rückgriff auf Vorstellungen der traditionellen japanischen Medizin. Der Vorreiter dieser, heute unter dem Oberbegriff Keiraku Shiatsu (Meridian-Shiatsu) zusammengefassten Konzepte war Tadashi Izawa (1895–1990) mit seiner 1964 publizierten „Illustrierten Erläuterung der Meridiane, Punkte und Shiatsu-Behandlungsmethode“ (Zukai ni yoru keiraku, keiketsu to Shiatsuryōhō). In dieser Schrift nimmt er auch einen historischen Brückenschlag zu Ōta Shinsais „Illustrierte Erläuterung der Abdominalmassage“ (1827) vor.Izawa (1964), S. 17f. Ōta Shinsai: Anpuku zukai. 1827 () Mit der Weiterentwicklung durch Shizuto Masunaga erlebte dieses, mit der medizinischen Tradition Japans verschmolzene Shiatsu einen weiteren Durchbruch in eine neue Richtung. Heute dominiert in Japan die von Namikoshi initiierte, physiologisch-anatomisch begründete Form – nicht zuletzt auch, weil Namikoshis Ausbildungsgang durch das Gesundheitsministerium anerkannt wurde. Außerhalb Japans konkurriert das meridianbezogene, von Shizuto Masunaga begründete Zen-Shiatsu mit einer Reihe weiterer derivativer Neuentwicklungen.

Shiatsu gehört zu jenen Therapieformen, bei denen das, was man in Japan shindan soku chiryō (, etwa so viel wie „Diagnose und Soforttherapie“) nennt, möglich ist. Beim Berühren, Abtasten des Körpers werden Verhärtungen, Verspannungen, „Aufstauungen des Ki“, Ungleichgewichte u. a. m. deutlich, auf die der Therapeut unverzüglich einwirken kann.

Shiatsu wird auch im Wellnessbereich und zur Gesundheitspflege angewandt und in Kursen an Fachschulen und Privatinstituten vermittelt. Viele Vertreter neuerer Shiatsu-Richtungen leben außerhalb Japans. Die konzeptionelle und praktische Weiterentwicklung erfolgt zumindest zur Zeit vorwiegend in westlichen Ländern.

Lehrer und Konzepte Die hinsichtlich der Verbreitung einflussreichsten Pioniere des Shiatsu in Japan sind Tokujirō Namikoshi und Shizuto Masunaga.

Tokujirō Namikoshi (1905–2000 ) gründete, nachdem er 1925 eine Lizenz für Anma erworben hatte, zunächst in Hokkaido eine Praxis für Drucktherapie (Appakuhō). 1940 gründete er dann in Tokyo die „Japan Shiatsu Akademie“ (Nihon Shiatsu Gakuin).Heute „Japan Shiatsu College“ (Japan Shiatsu College (engl.) (Gesichtet am 1. Juli 2018)). 1953 folgte er einer Einladung des Chiropraktikers Bartlett Josua PalmerB. J. Palmers Vater Daniel David Palmer gilt als Begründer der Chiropraktik. in die USA. Diese Begegnung veranlasste ihn, seinen Sohn Tōru zu einer siebenjährigen Ausbildung bei Palmer zu schicken, um beide Therapieformen zu vergleichen und Shiatsu weiterzuentwickeln. Für sein Shiatsu entwickelten Vater und Sohn, unter Nutzung westlicher Physiologie und Pathologie, ein System von neuromuskularen Druckpunkten, 8 Arten von Druck und 16 Anwendungstechniken. Durch Heilungserfolge und geschickte Öffentlichkeitsarbeit leistete Namikoshi den entscheidenden Beitrag zur staatlichen Anerkennung von Shiatsu im Jahre 1955. Seit 1990 ist der Ausbildungsgang in seiner Schule auf drei Jahre expandiert.Namikoshi (1982)

Shizuto Masunaga (1925–1981 ), einer von Namikoshis Schülern, studierte Psychologie an der Universität Kyōto, was einen beträchtlichen Einfluss auf sein weiteres Werk hatte. Er griff traditionelle Konzepte auf, erweiterte das Meridiansystem (Leitbahnsystem) und entwickelte eigene Deutungen der „energetischen Struktur“ des menschlichen Körpers. Der Erfolg der jeweiligen Therapie hängt ihm zufolge auch vom meditativen Zustand des Therapeuten ab. 1968 gründete er in Tokyo ein „Iōkai Shiatsu Institut“ (Iōkai Shiatsu Kenkyūsho ).Mit iō (), wörtlich Medizin-König, bezeichnet man im Buddhismus den Bhaisajyaguru, . Iōkai bedeutet daher so viel wie Vereinigung des Bhaiṣajyaguru. In seinem, in westlichen Sprachen Zen-Shiatsu genannten Konzept, einer Synthese von westlicher Physiologie und Psychologie mit traditioneller sino-japanischer Medizin, spielen einzelne Punkte keine große Rolle. Masunaga behandelt mit einer Zwei-Hand-Technik jeweils den gesamten, von ihm erweiterten Meridian (Leitbahn), der über die diesem zugeordnete Diagnose-Zone des Abdomens (hara) verläuft. Neben der im 18. und 19. Jh. entstandenen „Hara-Diagnose“ entwickelte er die Rückendiagnose weiter und propagierte sechs spezielle Stimulierungsübungen (Keiraku Taiso – Meridian-Dehnübungen), um Störungen im Fluss des Ki aufzulösen. Sein 1974 in Japan unter dem Titel Shiatsu gedrucktes Buch erschien 1977 in englischer Übersetzung als Zen Shiatsu – How to Harmonize Yin and Yang for Better Health. Masunagas Gedanken und Techniken wurden besonders in westlichen Ländern verbreitet und weiterentwickelt.

Weitere Formen

Kazunori Sasaki führt die Konzepte seines Lehrers Masanaga unter dem Namen Iōkai Meridian Shiatsu fort. Er begründete u. a. die „European Iokai Shiatsu Association“ mit Vertretern in sieben Ländern und einem vierjährigen Ausbildungsprogramm.Origin of Iokai Shiatsu (Gesichtet am 1. Juli 2018); Iokai Shiatsu Deutschland (Gesichtet am 7. Juli 2018).

Akinobu Kishi (1949–2012, ), später Shinmei Kishi, absolvierte eine Ausbildung in der Akademie Namikoshis und an Masunagas „Iōkai Institut“, wo er für 10 Jahre als Assistent tätig war. Anlässlich einer Erkrankung im Alter von 29 Jahren entwickelte er auf dieser Grundlage eine Behandlungsform, die er zunächst Shintō-Shiatsu, dann Seiki Sōhō (, wörtl. Methode zur Regulierung des Ki) oder kürzer Seiki nannte und seit etwa 1980 bis zu seinem Tode vorwiegend im Ausland verbreitete. Spezielle Übungen wie das „Atmen mit gefalteten Händen“ (Gasshō-gyōki ), während der Therapie ausgelöste spontane Körper-Bewegungen (Katsugen Der Name stammt von Haruchika Noguchi (1911–1976), dem Entwickler des Seitai, doch sind derartige Schüttel-Bewegungen seit alters her auch im Shintō bekannt.), Rezitieren/Singen (Kotodama ) und Körperarbeit mit Partner sollen das Ki stimulieren, in Bewegung bringen und die angestrebte Einheit von Geist und Körper fördern.Kishi, Whieldon (2015).

Der seit 1971 in Kanada lebende Masunaga-Schüler Tetsurō Saitō () entwickelte unter Nutzung der Fingertestmethode des Akupunkteurs Tadashi Irie (1907–2002) ein „Shiatsu der tiefen Schichten“ (Shinsō Shiatsu, auch Shinsō Keiraku Shiatsu). Drei Grade der Disharmonie üben einen Einfluss auf die Meridiane aus, deren Lauf sich dadurch ändern kann. Hierzu entwarf er Karten des „tieferen Meridiansystems“. Wenn Disharmonien auf einer tieferen Ebene in einem Meridian aufgelöst werden, so reguliert dies auch die anderen Meridiane. Neben dem Fingerdruck kommen Ionen-Kabel, erwärmte Metallstifte (Yakihari), Moxibustion u. a. m. zur Anwendung. Saitōs Fingertestmethode dient nicht nur dazu, die zu behandelnden Ebenen mit ihren entsprechenden Systemen und Meridianen aufzuspüren. Sie wird auch genutzt, um Störungen im Raum oder in den Nahrungsmitteln usw. zu erkennen.Saito, Coull (2012).