mini|hochkant=1.3|Am gesamten Sonnentempel von Konarak finden sich Wagenräder – der Tempelbau ist somit in seiner Gesamtheit als ein riesiger Wagen (ratha) anzusehen.
Ratha (Sanskrit: रथ ratha [], Avestisch raθa, „Wagen“) ist die Bezeichnung für den indischen Tempelwagen, für frühe südindische Monolith-Tempel in Mahabalipuram und für eine Form des nordindischen Tempelturms, der je nach der Anzahl seiner Vorsprünge (rathas) als Triratha (drei), Pancharatha (fünf) usw. bezeichnet wird. Von dem Wort *rot-o der indogermanischen Ursprache stammen auch das avestische raθa, das lateinische rota und das deutsche Rad ab.
Vedischer Ursprung Der alte indoiranische Begriff ratha bedeutet „Wagen“. Er kommt in den Yashts vor, einer Abteilung von Texten, die in der altiranischen religiösen Textsammlung Avesta enthalten ist. Im zehnten Yasht (pahlavi Mihr-yasht) wird der ursprünglich höchste Himmelsgott Mithra als Sonnen- und Kriegsgott beschrieben, der auf einem von vier Pferden gezogenen Wagen (raθa) fährt. Als Zarathustra im Zoroastrismus die Rolle eines Propheten annahm, wurde er zum ersten Priester (āθravan) und zum ersten Wagenkämpfer (raθaēštar).Henrik Samuel Nyberg: Die Religionen des alten Iran. (1938) Neuauflage: Otto Zeller, Osnabrück 1966, S. 60, 301 So hieß zu jener frühen Zeit der Kriegerstand, der sich von den zu Fuß marschierenden Bauern abhob. Er entsprach den indischen Wagenkämpfern, den rathesta.Otto Günther von Wesendonk: Das Weltbild der Iranier. Ernst Reinhardt, München 1933, S. 52
Zur vedischen Zeit verstand man unter Ratha ein leichtes, schnelles, zweirädriges Fahrzeug mit Speichenrädern aus Holz, das gewöhnlich von Pferden gezogen und für den Einsatz im Krieg als Streitwagen, zur Jagd, für Rennveranstaltungen und für zeremonielle Zwecke verwendet wurde.Marcus Sparreboom: Chariots in the Veda. (Iconography of Religions). Brill Academic Publications, Leiden 1985, S. 10 Ein weites Thema für die Geschichtswissenschaft ist der Ursprung und das Verbreitungsgebiet der frühen Pferdewagen im asiatischen Raum; die Arbeitsmethoden haben sich in jüngster Zeit von der archäologischen Forschung auf die Analyse der überlieferten indoiranischen Texte verlagert.Peter Raulwing: Horses, Chariots and Indo-Europeans. Foundations and Methods of Chariotry Research from the Viewpoint of Comparative Indo-European Linguistics. Archaeolingua, Series Minor 13, Budapest 2000. Die ältesten archäologischen Nachweise waren Pferdewagen als Grabbeigaben in Zentralasien um 2000 v. Chr., aus derselben Zeit sind Karren mit Speichenrädern aus dem Zweistromland bekannt. Auf einem altsyrischen Siegel ist ein Kampfwagen mit zwei Pferden, einem Wagenlenker und einem hinter diesem stehenden weiteren Mann abgebildet. In Zentralindien gefundene Felszeichnungen mit erzählenden Darstellungen von Pferdewagen werden in das 1. Jahrtausend v. Chr. datiert.
Wie die Indo-Arier in den indischen Raum einwanderten, wird in den vedischen Texten nicht direkt erwähnt. Sie kamen im 2. Jahrtausend v. Chr. aus dem Norden als Krieger und nomadisierende Rinderhirten und hatten als Hauptwaffe schnelle, von Pferden gezogene Wagen, die in den Veden an zahlreichen Stellen als Rathas erwähnt werden.Heinz Mode: Das frühe Indien. Gustav Kilpper Verlag, Stuttgart 1959, S. 99 Bereits die ältere Industalkultur, in deren Gebiet die Arier einwanderten, muss, wie Funde von Spielzeugwagen zeigen, Pferdekarren besessen haben. Aus der Zeit der Maurya-Dynastie ab 320 v. Chr. in Nordindien wurden ebenfalls verschiedene Modelle von Transportkarren ausgegraben. Die frühesten realistischen Wagendarstellungen finden sich an den Toren (Toranas) der steinernen Umgangszäune am Sanchi-Stupa und an den buddhistischen Höhlentempeln (Chaitya) von Bhaja aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.Zwischen Mumbai und Pune. Columbia.edu Fotos von Bhaja. Oberste Abb.: Eingang zu Höhle 19. Links der Wagen von Sonnengott Surya mit Speichenrad, von vier Pferden gezogen. Aus dieser Zeit gibt es keine schriftlichen Quellen, die von buddhistischen Bildhauern als Inspirationsquelle verwendeten Jatakas geben keine Detailbeschreibungen zu den Rathas. Felszeichnungen in Chilas am oberen Indus in Nordpakistan aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zeigen ausnahmsweise, den Wegverhältnissen im Gebirge angemessen, nur wenige Pferdewagen. Dort wurden häufiger Pferde und Reiter abgebildet,Volker Thewalt: Pferdedarstellungen in Felszeichnungen am oberen Indus. In: Jakob Ozols, Volker Thewalt: Aus dem Osten des Alexanderreichs. Völker und Kulturen zwischen Orient und Okzident. Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien. DuMont-Dokumente, Köln 1984, S. 204–218. Text online auf die es in den Veden nur wenige Hinweise gibt.
mini|Die im Mahabharata geschilderte große Schlacht von Kurukshetra zwischen den verfeindeten Dynastien der Pandavas und Kauravas. Der Wagenlenker Krishna klein in der Mitte bei den Pferden, dahinter mit Pfeil und Bogen Arjuna. Manuskript vermutlich aus dem 18. Jahrhundert
Als es im Jahr 326 v. Chr. zur großen Schlacht zwischen der Armee Alexanders und den indischen Truppen kam, bestand die Armee von König Poros traditionsgemäß aus den vier Abteilungen (caturanga): Kavallerie, Infanterie, Elefanten und Pferdewagen, die mit einem Wagenlenker und einem Schützen, beide stehend, bemannt waren. Die Elefanten waren zu Anfang noch wirkungsvoll, dafür blieben die Pferdewagen schon bald im Schlamm stecken. Dennoch wurden sie, zumindest teilweise, in den Armeen der Maurya-Könige weiter verwendet.Sparreboom, S. 8
Die indischen Epen Mahabharata und Ramayana stellen Rathas als kostbare Fahrzeuge dar, mit denen die Helden ihre Schlachten kämpften. Zeigten die Abbildungen aus dem Zweistromland allgemein zwei vor den Karren gespannte Pferde, so werden hier im Überschwang vier Pferde und drei Wagenlenker an Wagen mit enormen Proportionen und fantastischer Ausgestaltung beschrieben. Die beiden mittleren Pferde wurden von einem Mann geführt, die anderen Pferde waren an den äußeren Enden der Achse angebunden und bedurften jeweils eines weiteren Lenkers. Möglicherweise handelte es sich dabei nur um die größten der eingesetzten Wagen.Asko Parpola: The Nasatyas, the Chariot and Proto-Aryan Religion. (PDF; 1,3 MB) Journal of Indological Studies, Nr. 16 und 17. 2004–2005, S. 15. Zitiert hier: Edward W. Hopkins: The social and military position of the ruling caste in India, as represented by the Sanscrit Epic. American Oriental Society, New Haven 1889, S. 195. Das Arthashastra, ein Lehrbuch der altindischen Kriegskunst, das kurz nach Alexanders Indienfeldzug verfasst wurde, macht genaue Größenangaben zu den Vehikeln und schildert ihren furchteinflößenden Effekt auf das Kampfgeschehen. Shamasastry – englische Übersetzung von 1915. Buch II, Kap. 33 Die Bauweise der Kampfwagen bestand, praktisch gesagt, aus einem Holzrahmen, der durch Rindslederriemen zusammengebunden war, darauf befand sich eine flache Plattform, ganz oder teilweise umgeben von einem Geländer. Militärisch eingesetzte Rathas waren um das 8. Jahrhundert verschwunden.
Vergöttlichung des Ratha Die vedischen Kriegswagen standen nur Königen und adligen Kriegern mit ihren Begleitern aus Bogenschützen zu, als „Wächter des Wagens“ war zu beiden Seiten je ein jüngerer Krieger positioniert, der aber denselben Rang besaß. Der soziale Status der Wagenlenker war ebenfalls hoch, aber eine Stufe unterhalb. Gemäß den Epen befanden sich die Wagen inmitten der Armee, von mehreren Elefanten umgeben und streng bewacht. Die Fahrzeuge selbst galten als wertvoll und heilig und waren ein Symbol der Königswürde. Mit den Kriegswagen verbreitete sich auch deren Kult.Parpola, S. 13–15 Das Sonnenrad Swastika ist ein Glückssymbol.
mini|Abb. rechts: Surya auf dem Sonnenwagen mit sieben Pferden, in zwei seiner vier Hände trägt er die Attribute Keule (gada) und Schneckenhorn (shankha). Abb. links: Der Windgott Vayu als Lenker auf seinem Luftfahrzeug (vayu-ratha), das von zwei Antilopen, Symbole für Luft und Lebenshauch, gezogen wird. Vayu hält zwei Flaggen in den Händen als Zeichen für Wind. Dahinter üblicherweise Agni, der vedische Feuergott und oberste Opferpriester. – Pandita Vamadhara: Indrajalakala. Meerut, UP 1884
Ab den ältesten Ritualtexten in den Veden gibt es die Ashvins als göttliches Zwillingspaar, pferdeköpfig dargestellte Halbgötter oder Himmelssöhne, deren Name und Kult mit Pferden und Heilkraft, besonders dem heiligen Getränk Soma verbunden ist. Das Ritual der Soma-Pressung wurde in den frühen Morgenstunden durchgeführt, damit die beiden Ashvins auf ihrem Pferdewagen herbeigerufen würden. Vor der aufgehenden Sonne fahren sie über den Himmel daher. Es ist die Verehrung der Morgenröte, die Ashvins wurden auch im Morgenstern und Abendstern gesehen. Wichtiger sind die beiden als vergöttlichte Zwei-Mann-Wagenbesatzung, denn sie waren als in den Hymnen besungene Nothelfer auf ihrem Wagen jederzeit rasch zur Stelle.Parpola, S. 10 Als vergöttlichte Zwillingskönige bilden sie eine Analogie zum auf dem Wagen stehenden König und seinem königlichen Priester, der diesen Wagen lenkt. In zahlreichen Mythen im europäischen und asiatischen Raum finden sich Wesensverwandte der Ashvins: göttliche Zwillinge, zwei Pferde und ein Sonnenwagen, der über den Himmel rollt, haben ihren Ursprung in Sumer.Duane W. Hamacher: University of Missouri, Columbia Gemäß dem Rigveda umkreisen die Ashvins Himmel und Erde in einem Tag, genauso wie Surya auf seinem Sonnenwagen, nur wird letzterer von sieben Pferden gezogen. Surya kann auch der Wagenlenker der Ashvins sein. Oder es verliebt sich Surya in der weiblichen Form als Tochter der Sonne in die beiden und sie ziehen so über den Himmel.Hermann Oldenberg: Die Religion des Veda. Wilhelm Hertz, Berlin 1894, S. 212
In der vedischen Frühzeit gab es neben Surya weitere Sonnen- oder Himmelsgötter: Mitra hatte eine achämenidische Entsprechung und war Namensgeber für den römischen Sonnengott Mithras. Der vedische Mitra bewachte, ebenso wie der Hüter der westlichen Welt Varuna, die kosmische Ordnung und den göttlichen Schwur. Beide gelten auch als Ebenbilder der Ashvins und verkörpern dann hell und dunkel, Sonne und Mond. Die eine Sonne kann Licht und Dunkelheit abwechselnd sein. Als Bezeichnung für Tag wird an dieser Stelle des Rigveda arjuna („hell“) und für Nacht krishna („dunkel“) gebraucht.Rigveda. 6.9.1. Englische Übersetzung: Ralph T. H. Griffith, 1896. Sacred Texts.com So heißen auch der göttliche Wagenlenker der berühmtesten indischen Schlacht und der tapferste Kämpfer, Krishna und Arjuna.
Opferzeremonien Im Zentrum vedischer Opferzeremonien stand der Altar, meist als Feueraltar. In den Shulbasutras,J. J. O’Connor, E. F. Robertson: The Indian Sulbasutras. einem Anhang der Veden, wird der Bauplan für den Altar (Mahavedi) ausgehend von Längenfestlegungen einzelner Wagenteile vorgegeben. Der Wagen der Götter musste hierzu als Metapher für Opfer im Allgemeinen verstanden worden sein, damit umgekehrt der nach Osten gerichtete Altar den Wagen repräsentieren konnte.Sparreboom, S. 12 Zum Ritual des Vajapeya-Opfers, bei dem jährlich im Herbst die Sonne um Kraft und Nahrung für die neue Jahreszeit gebeten wurde, gehörte ein Wagenrennen, eine heilige Zeremonie. Zuvor wurden die Pferde gebadet, es wurden heilige Schriften rezitiert oder gesungen, abschließend erhielt der Priester einen Topf mit Honig, Lieblingsnahrung der Ashvins, die Wagenlenker konsumierten viel vom alkoholischen Sura, einem Getränk, das ebenfalls mit den Ashvins in Beziehung steht (eine Art Sura war durch Honig fermentierte Milch).
Wiederholung und Reisen