mini|hochkant=0.85|Wolfgang Huber (2020)
Wolfgang Huber (* 12. August 1942 in Straßburg) ist ein deutscher evangelischer Theologe, Publizist und Hochschullehrer.Homepage von Wolfgang Huber. Er bekleidete von 1994 bis 2009 das Amt des Bischofs der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und seit der Fusion am 1. Januar 2004 das der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und war von 2003 bis 2009 als Nachfolger von Manfred Kock Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.EKD: Rat Wahlergebnisse.
Leben Hubers Vater war der in der Zeit des Nationalsozialismus führende Staatsrechtslehrer Ernst Rudolf Huber, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789 in acht Bänden veröffentlichte.Siehe Der Mahner des Herrn. In: Tagesspiegel vom 12. August 2007. Huber arbeitete mit seinem Vater bei der Quellensammlung zum Verhältnis von Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert zusammen. Wie sein Bruder wohnte er in der Studentenzeit in Göttingen auch wohngemeinschaftlich in Zweitwohnung zusammen mit seinem Vater. Seine Mutter Tula Huber-Simons war Rechtsanwältin in Freiburg im Breisgau; zur Zeit der Weimarer Republik war sie Assistentin des Staatsrechtlers Carl Schmitt. Huber ist mütterlicherseits Enkel des Reichsgerichtspräsidenten Walter Simons, der in dieser Funktion nach dem Tod Friedrich Eberts zwei Monate lang als Stellvertreter die Aufgaben des Reichspräsidenten wahrnahm. Huber wuchs als jüngster von fünf Brüdern in Straßburg, Falkau im Schwarzwald bei der Familie von Elisabeth und Hermann Heimpel (1945–1949) mit ebenfalls fünf Kindern, sowie in Freiburg im Breisgau auf. Er ist seit 1966 mit der Grundschullehrerin und Buchautorin Kara Huber verheiratet.Homepage von Kara Huber, abgerufen am 6. April 2015. Beide haben drei erwachsene Kinder und sechs Enkelkinder.Fernsehkanal Phoenix: , Reihe Im Dialog.
Nach dem Schulbesuch in den Jahren 1948 bis 1960 studierte Huber 1960 bis 1966 Evangelische Theologie in Heidelberg, Göttingen und Tübingen, wo er 1966 mit einer von Walther Eltester angeregten Forschungsarbeit zum frühchristlichen Verständnis von Ostern promoviert wurde, die er 1969 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft publizierte. Zu dieser Zeit erlebte er eine persönliche Glaubenskrise, die sich an der Frage festmachte, wie zentral der Glaube an die Auferstehung Jesu Christi für das Christentum sei.Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik. Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 53. 1972 habilitierte er sich in Heidelberg für Systematische Theologie. Nach Vikariat und Pfarrtätigkeit 1966 bis 1968 in Württemberg war er von 1968 bis 1980 Mitarbeiter und stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Hubers Frau Kara äußerte sich öffentlich über Diskussionen in ihrer Ehe, die während Hubers Anfangsjahren bei der FEST über die damalige Politisierung der Evangelischen Kirche sowie die radikal andere Sexualmoral geführt wurden., ISBN 978-3-374-02501-5.
Von 1973 bis 1994 war Huber Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), von 1975 bis 1980 Mitglied des Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche der Union (EKU) und von 1980 bis 1994 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Von 1980 bis 1984 hatte er eine Professur für Sozialethik an der Universität Marburg inne; 1984 bis 1994 war er Professor für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Ethik in Heidelberg. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Heinrich Bedford-Strohm, Peter Bubmann, Hans-Ulrich Dallmann, Helga Kuhlmann, Torsten Meireis und Joachim von Soosten.
In den Jahren 1983 bis 1985 war Huber Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, 1989 Lilly Visiting Professor an der Emory University in Atlanta/USA. Im Jahr 1993 wurde er zum Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und 1997 zum Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt, dessen Vorsitzender er von 2003 bis 2009 war. Von 1998 bis 2001 war Huber Mitglied des Zentralausschusses und des Exekutivausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).
Im Jahr 2001 berief ihn das Bundeskabinett zum Mitglied des Nationalen Ethikrates, jedoch schied er aus diesem Gremium aus, als er Ratsvorsitzender der EKD wurde; sein Nachfolger wurde Hermann Barth. Im Juni 2010 wurde Wolfgang Huber als Hermann Barths Nachfolger in den Deutschen Ethikrat berufen.Bischof Huber kehrt in den Ethikrat zurück. In: Morgenpost.de vom 12. April 2010 (nur im Abo verfügbar). Daneben führt und führte er im Ruhestand seine kirchlichen Ehrenämter, darunter als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und als Dechant des Domstifts Brandenburg, fort und engagiert sich in Fragen gesellschaftlicher Verantwortung. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit an Grundfragen der Ethik widmet er sich verstärkt der Wertevermittlung in Wirtschaft und Gesellschaft.
Huber hatte sich 1993 gegen ein Bundestagsmandat für die SPD entschieden und folgte stattdessen der Berufung zum Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Huber ist seither parteilos und wurde nach dem Rücktritt Horst Köhlers im Mai 2010 als überparteilicher Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt.Marcus Heithecker und Daniel F. Sturm: Die Favoriten. In: Die Welt vom 2. Juni 2010.Wolfgang Huber war bis 1994 Mitglied der SPD; er trat aus der SPD aus, als er das Amt des Bischofs übernahm. Zunächst wollte er die Mitgliedschaft ruhen lassen, was aber nach der Satzung der SPD nicht möglich war, siehe Wolfgang Huber „Auf Gott vertrauen, den Nächsten lieben und auch mit sich selbst sorgfältig umgehen“ – Interview im Deutschlandfunk, März 2014. Huber hat den Vorsitz der Jury des Richard-von-Weizsäcker-Journalistenpreises und war im Kuratorium der Evangelisationsbewegung ProChrist.
Im November 2009 trat Wolfgang Huber in den Ruhestand. Sein Bischofsamt übernahm der bisherige Koblenzer Superintendent Markus Dröge. Am 28. Oktober 2009 wurde Margot Käßmann als nachfolgende EKD-Ratsvorsitzende von der EKD-Synode und der Kirchenkonferenz gewählt.
mini|hochkant=0.85|Wolfgang Huber (2010)
Seit 2009 unternahm Wolfgang Huber mehrere Studien- und Vortragsreisen nach Südafrika. Seit 2010 ist er Fellow des Stellenbosch Institute for Advanced Study (STIAS)Homepage des STIAS. in Südafrika.Homepage von Wolfgang Huber. Im Jahr 2013 ernannte ihn die Universität Stellenbosch zum Honorarprofessor für Systematische Theologie.Meldung auf Evangelisch.de.
Innerhalb der Zeit Akademie referierte Huber 2012 als DVD-Seminar Ethik mit 16 Vorlesungen über Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod. Im Jahr 2012 war er Inhaber der Mercator-Professur an der Universität Duisburg Essen.Homepage Universität Duisburg Essen, abgerufen am 4. Januar 2013.
Einer der vier älteren Brüder von Wolfgang Huber ist der Bonner Wirtschaftsrechtler Ulrich Huber. Sein Neffe ist Berthold Huber, Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn AG.
Denken Huber hat über eine große Zahl theologischer und ethischer Themen gearbeitet. Wichtige Anregungen verdankt er der Theologie Dietrich Bonhoeffers; die Neuausgabe von Bonhoeffers Werken hat er federführend verantwortet.Dietrich Bonhoeffer Werke, 16 Bände, 1986 ff.; vgl. auch Dietrich Bonhoeffer Auswahl, 6 Bände, 2006. Mit seinem Vater gab er eine fünfbändige Sammlung von Dokumenten zum deutschen Staatskirchenrecht heraus.Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert, 1973–1995. Seine weiteren Veröffentlichungen umfassen unter anderem Kirche und Öffentlichkeit (1973), Menschenrechte. Perspektiven einer menschlichen Welt (1977, zusammen mit Heinz Eduard Tödt), Kirche (1979), Folgen christlicher Freiheit. Ethik und Theorie der Kirche im Horizont der Barmer Theologischen Erklärung (1983), Konflikt und Konsens. Studien zur Ethik der Verantwortung (1990), Friedensethik (1990, zusammen mit Hans-Richard Reuter), Die tägliche Gewalt. Gegen den Ausverkauf der Menschenwürde (1993), Gerechtigkeit und Recht. Grundlinien christlicher Rechtsethik (1996), Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche (1998), Vertrauen erneuern. Eine Reform um der Menschen willen (2005), Im Geist der Freiheit. Für eine Ökumene der Profile (2007), Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung (2008), Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod (2013), Glaubensfragen. Eine evangelische Orientierung (2017) und Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Porträt (2019). Mit Torsten Meireis und Hans-Richard Reuter hat er das Handbuch der Evangelischen Ethik (2015) herausgegeben.
Im Rahmen seiner Aufgaben als Bischof, Hochschullehrer und öffentlicher Intellektueller hat er durch eine große Zahl von Vorträgen und Predigten, Diskussionsbeiträgen und öffentlichen Wortmeldungen die Diskussion über viele Themen angeregt oder angestoßen.Wolfgang Huber: Dietrich Bonhoeffer – ein evangelischer Heiliger? (Vortrag im Ateneo Sant’Anselmo, Rom) 3. Mai 2007.
Eine wissenschaftliche Untersuchung seiner Arbeiten hebt die zentrale Stellung des Begriffs der „kommunikativen Freiheit“ hervor.Willem Fourie: Communicative freedom? Wolfgang Huber's critical engagement of modernity. Doctoral dissertation: University of Stellenbosch (South Africa) 2009. Seine Theologie und sein öffentliches Engagement sind in der Überzeugung begründet, dass das Christentum die Religion einer lebensdienlichen Freiheit ist. Die Neuentdeckung dieser Freiheitsbotschaft in der Reformation Martin Luthers bildet den Ausgangspunkt für Hubers Freiheitsverständnis, das er in jüngerer Zeit verstärkt auf den Begriff der „verantworteten Freiheit“ bringt. Dieses Freiheitsverständnis verbindet Individualität und Sozialität miteinander; es führt über eine verengte Vorstellung von Freiheit als Selbstverwirklichung im Dienst des bloßen Eigennutzes hinaus. Im Anschluss an den Soziologen Max Weber, den Theologen Dietrich Bonhoeffer und den Philosophen Hans Jonas entwickelt Huber eine Verantwortungsethik für das Leben unter den Bedingungen der Moderne. Dieser Ansatzpunkt bestimmt seine Beiträge zu den großen ethischen Fragen der Gegenwart. Immer wieder äußert er sich in diesem Sinn zu Fragen der Wirtschaftsethik,Huber: Wenn ihr umkehrt, wird euch geholfen. Oder: Anmerkungen zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, Frankfurt am Main 2010. der politischen EthikVerfassung ohne Gottesbezug? Zu einer aktuellen europäischen Kontroverse. Gemeinsam mit Helmut Goerlich und Karl Kardinal Lehmann, Leipzig 2004. und der Bioethik.Der gemachte Mensch. Christlicher Glaube und Biotechnik, Berlin 2002.
Huber engagierte sich nachdrücklich in der Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre. Ziviler Ungehorsam schien ihm in bestimmten Situationen als angemessen, in denen im demokratisch-parlamentarischen Verfahren lebenswichtige Fragen nicht genügend berücksichtigt würden.
Huber sprach sich gegen die Herstellung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken aus; er befürwortete die deutsche Stichtagsregelung, mit deren Hilfe grundlegende Forschungen mit embryonalen Stammzellen möglich wurden.
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