mini|Peter Paul Rubens: Perseus befreit Andromeda, ca. 1621.
Andromeda () ist in der griechischen Mythologie die Gattin des Perseus und die Tochter des äthiopischen Königs Kepheus und der Kassiopeia.Ovid, Metamorphosen 4,738; Bibliotheke des Apollodor 2,4,3; Hyginus, Fabulae 64. Um die Hybris ihrer Mutter gegenüber den Nereiden zu sühnen, soll Andromeda als Menschenopfer einem Seeungeheuer des Poseidon dargebracht werden und wird an einen Felsen gekettet, jedoch von Perseus gerettet und zur Frau genommen.
Die Erzählung von Andromedas Rettung gehört zu den bekanntesten Sagen der griechischen Mythologie. Zu den ältesten antiken Werken über Andromeda zählt die nur in Fragmenten erhaltene Tragödie Andromeda des Euripides aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.;Euripides, Fragmente 114–156+2. das auf die Andromeda-Rezeption am stärksten nachwirkende Werk sind die Metamorphosen des römischen Dichters Ovid (1. Jahrhundert n. Chr.).Ovid, Metamorphosen 4,663–739; 5, 1-235.
Aufgrund ihrer Popularität wurde die Geschichte um Perseus und Andromeda seit der Antike und bis heute umfangreich in der Kunst rezipiert, sowohl in der Literatur und bildenden Kunst als auch später in der Musik und dem Film. Dabei hat sich in vielerlei Hinsicht die Darstellung von Andromeda, Perseus und dem Seeungeheuer verändert.
Heute wird die Sage insbesondere aus feministischer Perspektive aufgrund der patriarchalen Darstellung Andromedas kontrovers diskutiert. Moderne Auseinandersetzungen thematisieren auch die Frage nach Andromedas Hautfarbe, deren Interpretation sich im Laufe der Zeiten verschob.
Der antike Mythos mini|Griechische Vorstellung der Welt, nach Herodot mini|Sternbild der Andromeda, Johann Bayer, um 1624
Neben den Fragmenten der im Jahr 410 v. Chr. uraufgeführten Andromeda-Tragödie des Euripides stellen Quellen aus der römischen Zeit des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. die wichtigsten literarischen Zeugnisse für die Andromeda-Sage dar.Euripides, Fragmente 114–156+2.; Ovid, Metamorphosen, 4,663–739; 5,1–235; Bibliotheke des Apollodor 2,43–49; Hyginus, Fabulae 64.
Demnach muss die Königstochter Andromeda für die Hybris ihrer Mutter Kassiopeia büßen,Ovid, Metamorphosen 4,670. die – je nach Überlieferungsvariante – sichBibliotheke des Apollodor 2,4,3; Lukian von Samosata, Meergöttergespräche 14. oder ihre Tochter AndromedaHyginus, Fabulae 64. für schöner als die Nereiden gehalten hat, die Nymphen des Meeres und Begleiterinnen des Meeresgotts Poseidon. Der erzürnte Poseidon sendet daraufhin das Seeungeheuer Ketos sowie eine Flut. Um das Land von dieser Plage zu befreien, wird Andromeda auf Weisung eines Orakels, das allgemein mit jenem des Ammoneion identifiziert wird,Bibliotheke des Apollodor 2,43; Ovid, Metamorphosen 4,671. bzw. auf Poseidons Forderung, an einen Felsen am Meer gekettet, um dem Ungeheuer geopfert zu werden.
Dort wird sie von Perseus entdeckt, der nicht ganz uneigennützig seine Hilfe anbietet. Nach Ovid, Manilius und der Bibliotheke des Apollodor eilt Perseus zu Andromedas Eltern und macht zur Bedingung für die Rettung ihrer Tochter, dass er sie als Braut mit sich nehmen darf, was die Eltern billigen.Bibliotheke des Apollodor 2,43; Manilius, Astronomica 5, 571-578; Ovid, Metamorphosen 4,695–705. Nach Euripides fragt Perseus Andromeda, welchen Dank er zu erwarten hat, wenn er sie befreit,Euripides, Fragmente 129. woraufhin Andromeda antwortet:
Perseus tötet daraufhin das Ketos mit dem Schwert,Ovid, Metamorphosen 4,718–734. befreit Andromeda und nimmt sie zur Frau. Dadurch zieht Perseus den Zorn von Andromedas Onkel und Verlobtem PhineusLaut Hyginus, Fabulae 64: Agenor. auf sich, der mit Waffengewalt sein Recht einfordertVgl. Ovid, Metamorphosen 5,1–235. bzw. Perseus in einem Hinterhalt ermorden will.Bibliotheke des Apollodor 2,44; Hyginus, Fabulae 64. Perseus tötet Phineus und dessen Männer daraufhin, indem er ihnen das abgeschlagene Haupt der Medusa entgegenhält und sie so zu Stein erstarren lässt. Daraufhin fliegt er mithilfe seiner Flügelschuhe mit Andromeda nach Seriphos, einer kleinen Kykladeninsel in der südlichen Ägäis.Ovid, Metamorphosen 5,242; Bibliotheke des Apollodor 2,4,3.
Andromeda gebiert zahlreiche Kinder, so den Perses, der – noch in Äthiopien geboren – bei seinem Großvater aufwächst und zum Stammvater der Perserkönige wird. Zudem gebärt sie dem Perseus die Söhne Alkaios, Sthenelos, Elektryon, Heleios und Mestor sowie die Tochter Gorgophone.Bibliotheke des Apollodor 2,4,3 und 5. Sie ist die Großmutter der Alkmene, des Eurystheus und des Amphitryon und somit eine Vorfahrin des Teleboerkönigs Pterelaos sowie des Herakles.Hesiod, catalogus feminarum und aspis 1–56; Bibliotheke des Apollodor 2,4,5; Tzetzes, ad Lycophronem 932; Scholion zu Homer, Ilias 14,323
Später wird Andromeda in angeketteter Position als Sternbild an den Himmel versetzt, genauso wie ihre Eltern Kepheus und Kassiopeia, Perseus und das Ketos. Das Sternbild ihrer Mutter Kassiopeia steht wegen deren Hochmut kopfüber am Firmament.Aratos von Soloi, Phainomena 197–201.
Nach Ansicht von Herodot und Euripides teilen sich Perseus und Andromeda über die Figur des Belos gemeinsame VorfahrenVgl. Stammbaum des Perseus nach der Bibliotheke des Apollodor., was jedoch zu einer der bekannten Zeitachsenkollisionen der griechischen Mythologie führen würde und Andromeda vier Generationen älter als Perseus werden ließe.
Die Andromeda-Sage in der Antike mini|Korinthische Vase aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Andromeda reicht Steine gegen den Ketos.
Anfänge des Mythos (6. Jahrhundert v. Chr.) Die Geschichte um Andromeda ist nachträglich als Ergänzung in den schon älteren Perseus-Mythos eingeflossen. Während die Tötung Medusas durch Perseus schon bei Homer und Hesiod Erwähnung findet und in der Bildkunst ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. belegt ist, taucht Andromeda in literarischen und ikonografischen Zeugnissen des antiken Griechenlands nicht vor dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf.Vgl. Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 1–4; Vgl. Ein Teil der Sage scheint aus einem syrischen Mythos um einen Gott der am Mittelmeer siedelnden Philister in Gestalt eines Fisches hervorgegangen zu sein.
Das erste sichere Zeugnis von Andromeda ist eine korinthische Vase aus der Mitte des 6. Jahrhunderts, die die Auseinandersetzung zwischen ihr, Perseus und dem Ketos zeigt – alle drei sind durch äußere Kennzeichnen und namentliche Erwähnung identifizierbar. Allerdings ist Andromeda nicht angekettet und passiv, sondern ungefesselt und aktiv daran beteiligt, das Ketos zu töten, indem sie einen Haufen Steine hält, die sich der Flügelschuhe tragende Perseus greift, um sie auf das Ketos zu werfen.Vgl. Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 2; vgl.
Deutlich jünger ist die erste literarische Erwähnung Andromedas in den Fragmenten der Genealogie des Pherekydes von Athen in dessen Perseus-Erzählung.Pherekydes von Athen, Fragmente 26 (in der Edition Karl Müller, Theodor Müller: Fragmenta historicorum graecorum (FHG). Band 1, Paris 1841, S. 76, digitale Version). Dazu Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 1–4; Vgl. Hier schildert Pherekydes den bekannten Ablauf der Sage, doch sind genau jene Teile verloren, die das Zusammentreffen mit Andromeda und den Kampf mit dem Ketos behandelt haben müssen.Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 3f. Es folgt die Rückkehr auf die Insel Seriphos, wo Perseus seine Mutter Danaë aus den Händen des Polydektes befreit, indem er diesen mit dem Haupt der Medusa versteinert. Danach begibt sich Perseus zusammen mit seiner Mutter und der nun genannten Andromeda nach Argos.Pherekydes von Athen, Fragmente 26 (in der Edition Karl Müller, Theodor Müller: Fragmenta historicorum graecorum (FHG). Band 1, Paris 1841, S. 77, digitale Version). Vgl. Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 3f.
Da alle nachfolgenden bildlichen Darstellungen und frühen literarischen Erwähnungen Andromedas erst aus der Zeit der Tragiker mehr als ein Jahrhundert später stammen, kann mangels Quellen nur spekuliert werden, ob die frühgriechische Erzählung von Andromedas Opferung denselben Ablauf hatte, wie sie spätere Autoren schilderten. Aufgrund der Darstellung auf der korinthischen Vase sind jedoch Zweifel daran angebracht.
Adaption durch das Theater in der Griechischen Klassik (5.–4. Jahrhundert v. Chr.) mini|Ruinen des Dionysus-Theaters in Athen, wo die Athener Andromeda-Dramen aufgeführt wurden mini|Rotfigurige Vasenmalerei, Apulien, 430–420 v. Chr.
Die nächsten Zeugnisse über Andromeda stammen aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., aus der Zeit der attischen Tragiker. Zu dieser Zeit war die Geschichte von Perseus und Andromeda derart bekannt und populär, dass sie während der Perserkriege sogar politische Bedeutung erhielt. Herodot berichtet, dass die Griechen die Perser als Nachfahren des Perses betrachteten, des Sohnes des Perseus und der Andromeda.Herodot, Historien 7,61. Der Bote des Perserkönigs Xerxes führte gegenüber den Einwohnern von Argos genau diese vermeintliche Verwandtschaft der Leute von Argos und der Perser als Argument an, warum Argos gegen die Perser nicht zu den Waffen greifen solle.Vgl. Herodot, Historien 7,150; vgl. Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993, S. 4.
In der Zeit der Griechischen Klassik war die Andromeda-Sage ein beliebtes Motiv des griechischen Theaters geworden, doch sind die Bühnenstücke, darunter auch eine Andromeda-Tragödie des Sophokles, verloren gegangen.Zu diesen vgl. Rainer Klimek-Winter: Andromedatragödien. Sophokles – Euripides – Livius – Andronikus Ennius – Accius. Text, Einleitung und Kommentar. Walter de Gruyter/B. G. Teubner, Stuttgart 1993. Lediglich einige erhaltene Fragmente der Andromeda-Tragödie des Euripides geben einen gewissen Einblick in den Inhalt des im Jahr 412 v. Chr. uraufgeführten Stücks, das zu Euripides’ beliebtesten Werken gehörteEuripides: Sämtliche Tragödien und Fragmente. Band 6, Artemis Verlag, München 1981, S. 581. und starke Wirkung auf das Theater und die Kunst entfaltete.Zu Euripides und seiner Wirkung auf die Kunst So bezogen sich die Tragiker und Komödienschreiber auch aufeinander. Aristophanes etwa erwähnte Andromeda in seiner Komödie Die FröscheAristophanes, Die Frösche 52. und parodierte Euripides’ Andromeda-Tragödie in seinen Thesmophoriazusen.Aristophanes, Thesmophoriazusen, 4. Szene.