mini|hochkant=1.3|Lage von Baltrum innerhalb der Ostfriesischen Inseln mini|Übersichtskarte der Insel Baltrum mini|Baltrum von Westen aus der Luft gesehen; im Hintergrund Langeoog mini|Baltrum von Osten aus der Luft gesehen; im Hintergrund Norderney

Baltrum (früher Balteringe) ist eine deutsche Düneninsel in der südlichen Nordsee vor der Küste Ostfrieslands in Niedersachsen. Sie liegt in der Mitte der Kette der sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln. Baltrum ist nach Einwohnern die kleinste Einheitsgemeinde Niedersachsens und nach Fläche die kleinste Einheitsgemeinde Ostfrieslands.

Geographie Geografische Lage Baltrum gehört zur Inselkette der Ostfriesischen Inseln und ist der Ostfriesischen Halbinsel vorgelagert. Die Insel hat eine Länge von fünf Kilometern und eine Breite von bis zu 1,4 Kilometern. Die Fläche beträgt derzeit rund 6,5 Quadratkilometer. Sie ist damit die flächenmäßig kleinste der sieben dauerhaft bewohnten Ostfriesischen Inseln. Die geringste Entfernung zum Festland beträgt rund 4,5 Kilometer. Zwischen den Inseln und dem Festland befinden sich die Wattflächen. Teile der Insel und das Wattenmeer gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.

Im Westen wird Baltrum durch das Seegatt Wichter Ee von Norderney und im Osten durch das Seegatt Accumer Ee von Langeoog getrennt. Die höchste Erhebung der Insel ist eine in der Inselmitte befindliche Aussichtsdüne mit .

Der besiedelte Teil im Nordwesten der Insel besteht aus drei Teilen, dem „Westdorf“, dem „Ostdorf“ und dem „alten Ostdorf“. Baltrum verfügt über einen Fährhafen, ein Flugfeld und verschiedene Fremdenverkehrseinrichtungen. Mit knapp 600 Einwohnern ist Baltrum die zweitkleinste ostfriesische Gemeinde nach Hagermarsch und mit einigem Abstand die kleinste Einheitsgemeinde. Nach Fläche ist Baltrum die neuntkleinste Gemeinde der Region und ebenfalls die kleinste unter den Einheitsgemeinden.

Flächennutzung Die Flächenaufteilung der Insel Baltrum ist in der folgenden Tabelle angegeben:NLS-Online: Tabelle Z00100001 Flächennutzungsarten – 452002 Baltrum Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen-Online (LSKN), abgerufen am 24. Juli 2011.

Flächennutzung (Stand 2005) Fläche in ha Anteil in % Bauflächen 30 4,6 Flächen für den Gemeinbedarf 3 0,5 Verkehrsflächen 8 1,2 Grünflächen 20 3,1 sonstige Flächen 589 90,6 Gesamtfläche ohne Küstengewässer 650 100,0

Flächen für die Ver- und Entsorgung, Flächen für die Land- und Forstwirtschaft, Wasserflächen sowie die Flächen für Aufschüttungen und Abgrabungen werden seit 2001 nicht mehr separat ausgewiesen, sondern befinden sich mit in den „Sonstigen Flächen“. In der letzten Statistik von 1997 waren folgende Werte angegeben: Flächen für die Ver- und Entsorgung (ein Hektar), Wasserflächen (fünf Hektar) sowie die Flächen für Aufschüttungen und Abgrabungen (ein Hektar). Flächen für die Land- und Forstwirtschaft sind auf Baltrum nicht vorhanden.

Klima Das Klima der Insel Baltrum unterliegt dem direkten Einfluss der Nordsee und liegt damit im Bereich eines gemäßigten, sommerkühlen und vom Golfstrom beeinflussten Seeklimas. Aufgrund der ausgleichenden Wirkung der Nordsee herrschen insgesamt geringere tages- und jahreszeitliche Temperaturschwankungen sowie eine hohe Luftfeuchtigkeit. Im Durchschnitt sind die Temperaturen auf der Insel im Sommer kühler und im Winter milder als die auf dem Festland gemessenen Werte. Der Frühling setzt rund zwei Wochen später ein. Von Januar bis Juli werden auf der Insel geringere, von August bis Dezember vermehrte Niederschlagsmengen als auf dem Festland gemessen. Im Mittel ist die Niederschlagsmenge niedriger und die Sonnenscheindauer höher als auf dem Festland.Klima im Bereich der Ostfriesischen Inseln, abgerufen am 13. Juli 2011.

Nach der Klimaklassifikation von Wladimir Peter Köppen befindet sich Baltrum in der Einteilung Cfb. Klimazone C: Warm-Gemäßigtes Klima Klimatyp Cf: Feucht-Gemäßigtes Klima Klimauntertyp b: warme Sommer

Die nächstgelegene Wetterstation befindet sich auf der Nachbarinsel Norderney und wird vom Deutschen Wetterdienst betrieben. Die Station Norderney mit der Stations-Kennziffer 10113 liefert seit 1947 frei verfügbare Daten zur Wetter- und Klimabeobachtung.

Ostwanderung der Insel mini|Historisches Pfahlschutzwerk Die Gezeiten, die Strömungen, die Wellen und der Wind bewirkten im Laufe der Zeit große Veränderungen an der Insel Baltrum. Wie auf allen ostfriesischen Inseln wandert der Sand der Strände mit der vorherrschenden Windrichtung von West nach Ost. So lag das Westende von Baltrum um 1650 noch rund 4½ Kilometer westlicher und damit an einer Stelle, an der sich heute der Ostteil der Nachbarinsel Norderney befindet. Das Ostende der Insel verschob sich in dieser Zeit aufgrund des im Osten liegenden Seegatts Accumer Ee nur um rund 1,4 Kilometer. Effektiv verlor die Insel also mehrere Kilometer Länge. Bereits mehrmals mussten Kirchbauten aufgrund der starken Landverluste versetzt werden. Seit 1872/1873 versucht der Mensch, die Landverluste mit gezielten Küstensicherungsmaßnahmen aufzuhalten. Zu diesem Zweck sind auf der Insel 14 Buhnen (Buhne A bis M) gebaut worden. Der Westkopf der Insel zwischen Buhne B und D wird zusätzlich durch eine im Verhältnis 1:4 geneigte Schrägdeckwerkskonstruktion aus schweren Wasserbausteinen geschützt, die im oberen Teil auch als Promenade mit zwei Wandelbahnen genutzt wird. Im Bereich der Buhne B und E bis N schließt sich ein weiteres Schrägdeckwerk mit Berme an. Trotzdem verursachen die Sturmfluten in den Wintermonaten immer wieder erhebliche Schäden.Informationsbroschüre Küstenschutz für die Insel Baltrum, abgerufen am 25. Juli 2011.

Geschichte Durch die antiken Schriftsteller Strabon und Plinius gab es bereits im 1. Jahrhundert nach Christus Hinweise auf die Existenz der Insel.

Häuptlingszeit: erste urkundliche Erwähnung Während der Häuptlingszeit von 1350 bis 1464 gehörten die Ostfriesischen Inseln zum Herrschaftsgebiet der Familie tom Brok. Baltrum wurde erstmals 1398 urkundlich erwähnt, als Widzel tom Brok Balteringe (wie auch die anderen ostfriesischen Inseln) dem Herzog Albrecht von Bayern übereignete und sie anschließend von diesem als Lehen zurückerhielt.

Unter den Cirksena Am 1. Oktober 1464 erhob Kaiser Friedrich III. Ulrich Cirksena in den Reichsgrafenstand. Nach der Verleihung der Grafenwürde an die Cirksena gingen diese daran, ihr Herrschaftsgebiet in einzelne Verwaltungseinheiten aufzuteilen, es entstand eine Ämterstruktur. Dazu nutzten die Grafen die vorhandenen Burgen Ostfrieslands als zentrale Anlaufstellen, so auch die Burg Berum nahe Hage. Die Insel Baltrum gehörte fortan zum Amt Berum, das die Angelegenheiten der Insel für den Landesherrn in Aurich überwachte und zu diesem Zweck einen Inselvogt bestellte. Dabei handelte es sich oft zugleich um den Inselpastor.Gerhard Canzler: Baltrum. Die Geschichte der Nordseeinsel. Verlag A. H. F. Dunkmann, Aurich 1986, S. 14.

Im 17. Jahrhundert hatte Baltrum die typische langgestreckte Form einer Barriere-Insel wie Norderney oder Juist heute. Im Laufe der folgenden Jahre verlor sie massiv Land am Westende, ohne dass im Gegenzug vergleichbar Land am Ostende dazugewonnen wurde. Zwischen 1650 und 1960 ist die Insel am Westende etwa fünf Kilometer nach Osten gewandert, das Ostende wurde dagegen nur um etwa 1½ Kilometer nach Osten verlagert. Von der Bereisung durch eine Kommission 1650 wird berichtet, dass die 14 damaligen Bewohner der Düneninsel durch das Meer gefährdet waren.

Die Bewohner Baltrums lebten um 1700 vor allem vom Fischfang und von anderen Tieren im Meer und auf der Insel. Dementsprechend zahlten sie auch Abgaben in erster Linie in Naturalien. Das ostfriesische Grafenhaus erhielt 1700 pro Kopf der Bevölkerung 26 getrocknete Schollen. 200 von ihnen erhielt der Pastor in Hage, den Rest der Amtmann in Berum. Darüber hinaus hatten die Insulaner die auf den Ostfriesischen Inseln zahlreichen Kaninchen abzuliefern sowie Eier von Vögeln wie Kiebitz, Möwe oder Seeschwalbe.

1737 gab es ein Inseldorf mit Inselkirche, das um 1800 wegen Übersandung durch Wanderdünen aufgegeben wurde. Als neues Dorf entstand etwa 800 Meter westlich der heutigen Insel (im Bereich der heutigen Othelloplatte, einer Sandbank zwischen Baltrum und Norderney) das Westdorf. Außerdem bestand im Osten das Ostdorf. Nach einer Sturmflut im Jahr 1825, die die Insel in mehrere Teile zerriss und fast unbewohnbar machte, wurde das Westdorf aufgegeben.

Preußische Zeit In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden auf bzw. bei Baltrum Austern gezüchtet und gefangen. Teils fingen die Inselbewohner die Austern in Eigenregie, teils waren die Austernbänke an inselfremde Personen verpachtet, wobei der preußischen Landesherrschaft sehr daran gelegen war, dass die Fänge „mit der genauesten Attention“ nachzuzählen seien. Auch diese Aufgabe fiel dem Inselvogt zu. Der Fischfang ging in jenen Tagen nicht nur auf Schollen, sondern auch auf Aal, Schellfisch oder Kabeljau, wobei ersterer besonders mit Reusen in Inselnähe gefangen wurde.

Ein Exportgut besonderer Art war Schill, der aus aufgelesenen leeren Schalen der Herzmuscheln im Watt gewonnen wurde. Durch Seegang und Strömungsverhältnisse lagern sich die Muschelschalen von gestorbenen Tieren in Prielen oder den Ausbuchtungen der Seegaten ab. Sie wurden entweder bei Niedrigwasser vom Strand oder per Boot eingesammelt. Den Schill verkauften sie anschließend an Kalkbrennereien auf dem Festland, die daraus Kalkmörtel als Baumaterial herstellten. Nach einem Bericht des Amtes Berum waren sommers sämtliche Schiffe zum Schillfang unterwegs, der von Anfang April bis Anfang November dauert. Durch den Verkauf hätten sich die Lebensverhältnisse der Insulaner deutlich verbessert.Gerhard Canzler: Baltrum. Die Geschichte der Nordseeinsel. Verlag A. H. F. Dunkmann, Aurich 1986, S. 17. Außer den Muschelschalen toter Tiere fingen die Insulaner jedoch auch lebende Herzmuscheln zum Verzehr.

19. Jahrhundert mini|links|Karte mit Inseldorf von Karl Ludwig von Le Coq (1805) mini|Franzosenschanze Baltrum Während der Franzosenzeit wurde auf Baltrum ab dem Jahr 1810 zur Durchsetzung der Kontinentalsperre eine französische Küstenbatterie errichtet. Ab etwa 1870 wurden Inselschutzwerke durch Buhnen, Holzpalisaden und halbmassive, später massive Deckwerke geschaffen. Auf der Insel schützen Deiche das bebaute Gebiet gegen Überflutungen.

Im Jahr 1876 folgte Baltrum dem Beispiel der anderen ostfriesischen Inseln und wurde „Seebad“. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich der Tourismus nur sehr langsam. 1892 wurde mit dem „Hotel Küper“ das erste Hotel der Insel eröffnet, 1895 folgte mit dem „Hotel zur Post“ das zweite. 1900 wurden 450 Gäste, 1912 540 Gäste gezählt. Ab 1912 stellten erstmals Motorsegelschiffe den Verkehr zwischen dem Festland und Baltrum sicher, eine regelmäßige Linie gab es aber nicht.Geschichte der Baltrum-Linie (PDF; 1,2 MB), abgerufen am 18. November 2018.

20. Jahrhundert mini|Fähre Baltrum I, Baujahr 1915 der Reederei Baltrum Linie (1936) mini|Topographische Karte von Baltrum, 1955 Im Herbst 1923 kam der Maler Paul Klee mit seiner Ehefrau Lily und Sohn Felix zur Sommerfrische auf die Insel. Während seines dreiwöchigen Aufenthalts auf der Insel entstanden insgesamt 16 Aquarelle und drei Zeichnungen. Heute gelten die als Nordseebilder bezeichneten Werke als eine eigene Stilepoche in Klees Werk.Hamburger Abendblatt: Baltrum – Das Dornröschen der Inseln, abgerufen am 16. Juli 2011.