Das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin hat seinen Sitz im Humboldt Forum im Berliner Schloss. Gegründet 1873 als Königliches Museum für Völkerkunde, umfasst es ca. 500.000 Objekte aus Afrika, Amerika, Asien und Australien sowie etwa ebenso viele Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumente. Die Sammlung des Ethnologischen Museums gehört zu den bedeutendsten ihrer Art.

Geschichte

Vorgeschichte mini|hochkant|Adolf Bastian, erster Direktor des Museums

Die Wurzeln des Ethnologischen Museums reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück, da die ersten ethnografischen Objekte sich bereits in der brandenburgisch-preußischen Kunstkammer des Großen Kurfürsten im Berliner Schloss befanden.Viola König (Hrsg.): Ethnologisches Museum Berlin. Prestel, München 2003, S. 14. So gelangten über Handelsbeziehungen etwa mit der Holländischen Ostindien-Compagnie ab 1671 Waffen, Geräte und Kleidungsstücke aus Ceylon, den Molukken und Japan, chinesisches Porzellan, Manuskripte aus Indien und Objekte aus Afrika nach Berlin.

Nachdem der Prediger und Bibliothekar Jean Henry (1761–1831) erst zum Aufseher und dann zum Direktor der königlichen Antiken-, Münz- und Kunstkammer ernannt worden war, wurden die Bestände ab 1794 erstmals systematisch geordnet. Er erweiterte zudem die Sammlung um weitere Objekte. So kaufte Henry 1802 etwa Objekte aus Tahiti, 1803 Waffen aus dem Orient und 1806 Bronzen aus Indien. Zudem fertigte er 1805 ein Inventar der Kunstkammer an. In der Kunst- und Raritätenkammer bildeten die außereuropäischen Objekte eine eigene Sammlung, die bereits seit 1798 in einem separaten Raum untergebracht war. 1819 gelang es Jean Henry, auf einer Auktion in London Teile der Sammlung des Entdeckungsreisenden James Cook zu ersteigern. Er erwarb zudem Objekte, die von den preußischen Handelsschiffen Prinzess Louise und Mentor ab 1822 nach Berlin gebracht wurden. Eines der herausragenden Stücke, die so in die Sammlung gelangten, war der Federmantel, den Kamehameha III., König von Hawaii, als Geschenk für König Friedrich Wilhelm III. dem Kapitän der Prinzess Louise überreichte, und der 1828 aufgenommen werden konnte.

Im Jahr 1829 löste Leopold Freiherr von Ledebur, ein ehemaliger Hauptmann und Historiker, Jean Henry als Direktor der Kunstkammer ab. Unter seiner Leitung wuchs die Sammlung der ethnologischen Objekte weiter, da er unter anderem ganze Sammlungen erwarb. Dabei wurde Ledebur vom Generaldirektor der königlichen Sammlungen, Ignaz von Olfers, unterstützt, der Gesandter in Brasilien gewesen war und deshalb gegenüber der Ethnologie aufgeschlossen war. 1844 erschien der Führer Leitfaden für die Königliche Kunstkammer und das Ethnographische Cabinet, in dem Ledebur die Ethnographische Sammlung als eigenständige Abteilung der königlichen Museen unter Leitung des Directorial-Assistenten Hofrat F. Förster führte. Förster verfasste in diesem Führer auch das Kapitel über die ethnologische Sammlung.

Nachdem ab 1830 bereits die Gemälde und Skulpturen aus der Kunstkammer ausgegliedert und im neugebauten Alten Museum präsentiert wurden, befand sich das Konzept der Kunstkammer im Auslaufen, da es den wachsenden Sammlungen und deren zunehmender wissenschaftlichen Betrachtung nicht mehr gerecht wurde. Deshalb wurde zwischen 1843 und 1859 das Neue Museum errichtet, in dessen Untergeschoss die ethnologische Sammlung neben den ägyptischen und prähistorischen Sammlungen gezeigt wurde. Bereits 1856 war die Sammlung in das Neue Museum umgezogen. Die drei Räume mit insgesamt 750 m², in denen sie gezeigt wurde, wurden in einem Führer 1865 bereits als „Ethnographisches Museum“ bezeichnet.Viola König (Hrsg.): Ethnologisches Museum Berlin. Prestel, München 2003. S. 15. Diese Etablierung als eigenständiger Teil der Königlichen Museen von Berlin ist im eigentlichen Sinne die Gründung des Ethnologischen Museums, wenn auch noch kein eigener Direktor berufen wurde. 1861 umfasste die Sammlung 5192 Objekte.

Im Jahr 1869 wurde Adolf Bastian, der als Schiffsarzt weit gereist war, Directorial-Assistent der Ethnographischen Sammlung. Er baute die Bestände weiter aus und setzte sich für ein eigenes Museumsgebäude ein. Bastian beförderte auch das akademische Fach der Ethnologie in Berlin und gründete zusammen mit Rudolf Virchow und weiteren Gelehrten 1869 die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.

Gründung des Museums und Aufbau der Sammlung mini|Königliches Museum für Völkerkunde in Berlin, 1895 Der Beschluss zur Gründung eines selbstständigen ethnologischen und anthropologischen Museums in Berlin durch Kaiser Wilhelm I. fiel im Jahr 1873 auf Antrag der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Der Grundstein für ein eigenes Museumsgebäude konnte aber erst 1880 gelegt werden. Es war vom Berliner Architektenduo Ende und Böckmann entworfen worden. Die Bauarbeiten für den monumentalen Prachtbau dauerten sechs Jahre, bis 1886 das „Königliche Museum für Völkerkunde“ eröffnet wurde, das neben der ethnologischen auch die prähistorischen und anthropologischen Sammlungen und die Geschäftsräume der Berliner Gesellschaft für Völkerkunde beherbergte. Das Gebäude mit einem 3/4-Rundbau als Eingangshalle an der Ecke der Königgrätzer Straße und der Prinz-Albrecht-Straße war aber mehr auf Repräsentation ausgelegt als ein adäquater Ort für die Präsentation der Sammlung. Es war bereits bei der Eröffnung zu klein, um die 1880 bereits 40.000 ethnologischen Objekte vollständig zu beherbergen.Viola König (Hrsg.): Ethnologisches Museum Berlin. Prestel, München 2003, S. 16.

Adolf Bastian wurde 1876 zum Direktor des dreiteiligen Museumskomplexes ernannt. Er entwickelte das Konzept des Museums weiter, sodass sich der Stellenwert der Objekte von Kuriositäten zu Dokumenten der Kulturen außerhalb Europas veränderte. Unter Bastians Leitung setzte die organisierte Sammeltätigkeit ein, die zum Ziel hatte, die Kulturen außereuropäischer Völker so vollständig wie möglich zu dokumentieren. Die Arbeitsmethode Adolf Bastians war die komparativ-genetische, die eine möglichst große Zahl von Vergleichsobjekten benötigte.Viola König (Hrsg.): Ethnologisches Museum Berlin. Prestel, München 2003, S. 17. Aus ihrer Reihung wollte er gemeinsame Ursprünge ableiten und eine naturgesetzliche und historische Perspektive in die Darstellung der menschlichen Entwicklung einbringen. Dies führte zu einem Fokus auf schriftlose, als geschichtslos und unzivilisiert verstandene Völker und auch dazu, dass etwa europäische Objekte, die sich auch in der Sammlung befanden, nicht ausgestellt wurden. Dies wiederum führte 1889 zur Gründung des Museums für deutsche Trachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes, der Vorgängerinstitution des Museum Europäischer Kulturen, durch Virchow, in dem dieser versuchte, die im Zuge der Industrialisierung im Verschwinden begriffenen bäuerlich-ländlichen Sachgüter aus Deutschland zu bewahren.Gesellschaft für Ethnographie (Hrsg.): Berliner Blätter. LIT Verlag, Münster 1997, , S. 76. Im Völkerkundemuseum selbst entstand noch vor dem Ersten Weltkrieg ein veritabler Rundgang durch die vergangenen Hochzivilisationen der Welt, darunter auch ein Schwerpunkt zu Asien mit Indien, Indonesien bis China. Wenig bekannt ist bis heute, dass das Völkerkundemuseum zu dieser Zeit – in nachweislicher Konkurrenz zu ähnlichen Sammlungsinitiativen in Frankreich – auch die größte Gipsabguss-Sammlung der berühmten Bas-Reliefs des kambodschanischen Tempels von Angkor Wat ausstellte.

Die Sammlungsreisen wurden ab 1881 von dem neugegründeten Hilfscomité für Vermehrung der Ethnologischen Sammlungen unterstützt. Ziel war es die fremden Kulturen, die vom Aussterben bedroht waren, so umfassend wie möglich zu dokumentieren. Dieser Zweck zeigte sich auch in der Konzeption des Museums, das ein Ort zur Aufbewahrung und wissenschaftlichen Erschließung der Sammlung war und keine didaktisch aufbereitete Präsentation für die Besucher bot.Viola König (Hrsg.): Ethnologisches Museum Berlin. Prestel, München 2003, S. 19.

Entwicklung nach Dahlem mini|Bruno-Paul-Bau in Berlin-Dahlem, 2012

Aufgrund des immer größer werdenden Platzmangels und der überfüllten Vitrinen begann aber das Nachdenken darüber, die Sammlung in eine Schausammlung und Arbeitssammlung zu trennen. 1906 wurde auf dem Gelände der Domäne Dahlem ein Schuppen errichtet, der einen Teil der Sammlung aufnahm. Für die endgültige Lösung des Raumproblems sollte am projektierten Wissenschafts-Standort Dahlem ein großer Museumskomplex entstehen, der aus vier Neubauten für die vier Erdteile Asien, Afrika, Ozeanien und Amerika bestehen sollte. Der Architekt Bruno Paul begann 1914 mit dem Bau des Gebäudes für die asiatische Sammlung, die Arbeiten wurden jedoch aufgrund des Ersten Weltkriegs eingestellt. 1921 wurde der Bau dann endlich fertiggestellt, für die weiteren Gebäude fehlten aber die finanziellen Mittel. Der Bruno-Paul-Bau wurde in der Folge als Magazin der Sammlung genutzt, was nach der durch die Phase der großen Sammlungsexpeditionen – die mit Beginn des Ersten Weltkriegs endete – in den Grundzügen bereits auf die heutige Breite und Größe gewachsene Sammlung auch dringend nötig war.Gesellschaft für Ethnographie (Hrsg.): Berliner Blätter. LIT Verlag, Münster 1997, S. 77.

Im Museumsgebäude in der Innenstadt wurde ab 1926 eine Schausammlung eingerichtet, die extra für ein allgemeines Publikum konzipiert war. Karten und Texte sollten dem Publikum nun vermehrt Kenntnisse über die außereuropäischen Kulturen vermitteln. Diese Entwicklung beruhte auch auf einem Wandel des Verständnisses der Ethnologie selber. Adolf Bastian verstand die Sammlung als Mittel, die Universalgeschichte des Menschen komparativ darzustellen und ließ dabei europäische Einflüsse außen vor. In den 1920er Jahren veränderte sich jedoch die Wahrnehmung dahingehend, dass Kulturen als dynamisch betrachtet wurden. Der ständige Wandel, in dem sie sich befanden, sollte sich nun auch in der musealen Präsentation niederschlagen.Gesellschaft für Ethnographie (Hrsg.): Berliner Blätter. LIT Verlag, Münster 1997, S. 77 und 78. Die ausgestellten Objekte wurden von ihrem Belegzweck für die Entwicklung des Menschen gelöst und selbst in den Mittelpunkt gerückt und in ihren eigenen jeweiligen Kontext ihrer Kultur und ihres Gebrauchs gesetzt. Diese Entwicklungen wurden dennoch nicht in ihrer vollen Stärke in der Sammlungspräsentation berücksichtigt, da diese von 1926 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kaum verändert wurde.Gesellschaft für Ethnographie (Hrsg.): Berliner Blätter. LIT Verlag, Münster 1997, S. 78.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Das Museum für Völkerkunde diente sich in der Zeit des Nationalsozialismus in seiner Präsentation der Sammlung im Gegensatz zu etwa dem Museum für deutsche Volkskunde nicht der herrschenden Ideologie an, sie wurde fast unverändert beibehalten. 1935 wurde nach der Selbstständigkeit des Museums für deutsche Volkskunde im Museum für Völkerkunde unter der Leitung des Afrikanisten Hermann Baumann eine eigene Sammlung für eurasische Objekte gegründet, womit eine Trennung der europäischen Ethnografika vollzogen wurde. Die Abteilung Eurasien setzte einen Schwerpunkt auf ländlich-bäuerliche Kulturen Ost- und Südosteuropas und stand damit im Einklang mit der nationalsozialistischen Suche nach „Lebensraum im Osten“. Dies hatte keine wissenschaftliche Begründung, sondern war eine kalkulierte politische Entscheidung.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs war die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich. Dann wurde sie zusammen mit den magazinierten Beständen an verschiedenen Orten innerhalb und außerhalb Berlins eingelagert, um sie vor Schäden und Verlusten infolge des Kriegs zu schützen. Nach Kriegsende wurden die Sammlungen von den Siegermächten beschlagnahmt. Die westlichen Alliierten gaben sie in den 1950er Jahren an Berlin zurück, während die sowjetische Trophäen-Kommission sie als Kriegsbeute nach Leningrad verbrachte.

Während der Teilung