mini|hochkant=1.3|Nikolaikirche Wismar

Die Nikolaikirche, auch St.-Nikolai-Kirche, in Wismar wurde 1381 bis 1487 als Kirche der Seefahrer und Fischer erbaut. Sie gilt als Meisterwerk der Spätgotik im nordeuropäischen Raum. Die Nikolaikirche ist als Teil der Wismarer Altstadt seit 2002 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes verzeichnet. Sie ist zurzeit Eigentum der Stadt (siehe Geistliche Hebungen) und dient der Kirchengemeinde St. Nikolai in der Propstei Wismar, Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.Informationen zur Gemeinde

Geschichte mini|Grundriss der Nikolaikirche

Nach neueren Forschungsergebnissen in Bezug auf die Siedlungsgeschichte der Stadt wird schon für die alte Kaufmannssiedlung in der Nähe der Grube eine dem Nikolaus geweihte Kirche vermutet;Hans Christian Feldmann, Gerd Baier, Dietlinde Brugmann, Antje Heling, Barbara Rimpel: Dehio-Handbuch Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Mecklenburg-Vorpommern Deutscher Kunstverlag, 2000, ISBN 3-422-03081-6, S. 683. für diese Annahme gibt es allerdings keinen Beleg.Nikolaikirche zu Wismar. 1. Auflage. Verlag Schnell & Steiner, München / Zürich 1990 / Berliner Verlagsanstalt Union, 1990, S. 3 (Schnell Kunstführer, Nr. 1861). Das Kirchspiel St. Nikolai bestand schon vor der Mitte des 13. Jahrhunderts und hatte wohl eine Kirche aus der Zeit der Stadtgründung um 1230 als Mittelpunkt. Mit dem Bau des heutigen Kirchengebäudes wurde um 1370 begonnen.Antje Grewolls, Steven Ludwig: Die Bauorganisation an den Wismarer Pfarrkirchen im Mittelalter. In: Wismarer Beiträge, 1996, Heft 12, S. 21–32. Der Wismarer Rat mit dem Bürgermeister Johann Dargetzow als Kirchenvorsteher beauftragte 1381 den Baumeister Heinrich von Bremen, der ab 1379 Baumeister des Michaelisklosters in Lüneburg war, mit der Fertigstellung des Chores. Zahlreiche Formsteine aus Lüneburg fanden Verwendung, was an den Ziegelstempeln erkennbar ist.Hans Christian Feldmann, Gerd Baier, Dietlinde Brugmann, Antje Heling, Barbara Rimpel: Dehio-Handbuch Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Mecklenburg-Vorpommern. Deutscher Kunstverlag, 2000, ISBN 3-422-03081-6, S. 684. Die Weihe des Hochaltares ist für 1403 belegt. Der Maurermeister von Bremen arbeitete noch bis 1415 am Kirchengebäude. Im Jahr 1434 wurden Arbeiten am nördlichen Seitenschiff durchgeführt und 1437 am südlichen Seitenschiff. Unter Werkmeister Peter Stolp und Baumeister Hermann von Münster waren 1459 die praktischen Arbeiten soweit erledigt, dass die Kirche geweiht werden konnte. Von 1485 bis 1487 errichtete Maurermeister Hans Mertens und Werkmeister Hans Schröder die beiden Turmobergeschosse, der Turmhelm wurde 1508 aufgesetzt. Am 8. Dezember 1703 zerstörte ein außergewöhnlicher Sturm den Spitzhelm des Turms. Seine Teile durchschlugen das Dach und die Gewölbe des Mittelschiffs. Dabei wurden viele Stücke der Inneneinrichtung, auch der mittelalterlichen Ausstattung zerstört. Danach erhielt der Turm ein querliegendes Satteldach und das Mittelschiff eine Flachdecke. Die Erneuerung der Ausstattung dauerte bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Erst 1867 wurde wieder ein Gewölbe errichtet. Eine umfassende Renovierung der Kirche ist für die Zeit von 1880 bis 1881 belegt. Aus dieser Zeit stammt auch die Raumfassung, die sich an mittelalterlichen Vorbildern orientiert. Die figürliche Ausmalung aus dem Mittelalter wurde gleichzeitig restauriert. Der östliche Dachreiter, der sogenannte Steigerturm, wurde 1890 aufgebaut. Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg verursachten an der Kirche nur geringe Schäden. Aus den stark betroffenen Kirchen St. Georgen und St. Marien fanden etliche Ausstattungsstücke hier einen neuen Platz. Die umfassenden Sicherungsmaßnahmen der letzten Jahre betrafen überwiegend die Dächer (1963), die Strebebögen und das aufgehende Mauerwerk.Hans Christian Feldmann, Gerd Baier, Dietlinde Brugmann, Antje Heling, Barbara Rimpel: Dehio-Handbuch Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Mecklenburg-Vorpommern. Deutscher Kunstverlag, 2000, ISBN 3-422-03081-6, S. 3.

Baubeschreibung Außenbau mini|Außenansicht von Südwesten mini|Außenansicht von Südosten

Der gewaltige Baukörper von St. Nikolai bildet mit seinem hohen Kirchenschiff einen markanten Punkt in der Stadtsilhouette Wismars, zusammen mit den anderen beiden großen Kirchen St. Marien und St. Georgen. Das Bauwerk ist eine dreischiffige Basilika mit Einsatzkapellen, Chorumgang und Kapellenkranz und wurde im Stil der norddeutschen Backsteingotik errichtet. Anders als bei anderen großen Sakralbauten der Spätgotik in Norddeutschland (z. B. der Wismarer Georgenkirche oder der Stralsunder Marienkirche) ist hier das Strebewerk präsent, 16 Strebebögen geben dem hochaufragenden Mittelschiff die notwendige Stabilität. Die Strebepfeiler trennen die Seitenkapellen und treten nach außen nicht in Erscheinung. Die Einbuchtungen zwischen den Chorkapellen sind „begradigt“, sodass ein durchgehendes Dach das Chorpolygon abdeckt. Die Pultdächer der Querarme sind vom Langhaus gelöst und unterbrechen nicht die Reihe der Strebebögen und Obergadenfenster. Den Turm mit seinem heutigen quergestellten Satteldach und einer Höhe von 64 m muss man sich ursprünglich fast doppelt so hoch vorstellen.

Der Giebel der Südhalle weist einen für die Backsteingotik ungewöhnlich reichen Schmuck auf. Er ist durch Motivfriese gegliedert, die im Backstein eingefügt sind. Die einzelnen Figuren stellen die Mutter Gottes, den heiligen Nikolaus, Drachen, Löwen und Menschenköpfe dar. Oberhalb der Motivfriese befindet sich eine Rosette aus Backstein. Der von der Stadtmitte abgewandte Nordgiebel ist ebenfalls mit einer Rosette, doch einfacher geschmückt. Der Bau orientiert sich im Wesentlichen an der Ratskirche St. Marien, die ebenso wie St. Nikolai die Urform der Lübecker Marienkirche aufgreift.

Inneres mini|Blick zum Hauptaltar

Der Raum wirkt gewaltig aufstrebend und einheitlich; der Chor und die sieben Joche des Mittelschiffs sind nicht voneinander abgetrennt. Die Betonung der Vertikalen mit hohen und dicht gestellten Arkaden zu den Seitenschiffen und kürzeren Fenstern im Obergaden verleiht dem Innenraum eine besondere Höhenwirkung. Dazu trägt ebenso die relativ geringe Breite des Hauptschiffes von nur 10,50 Metern bei. Die Laibungen der dreibahnigen Obergadenfenster sind bis auf das Gurtgesims herabgeführt, kleine spitzbogige Öffnungen erinnern hier an ein Triforium.

Langhaus, Seitenkapellen und Vorhalle sind mit Kreuzrippen gewölbt. Die fünf Chorkapellen sind durch sechsteilige Gewölbe mit dem Umgang verbunden.Hans Christian Feldmann, Gerd Baier, Dietlinde Brugmann, Antje Heling, Barbara Rimpel: Dehio-Handbuch Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Mecklenburg-Vorpommern. Deutscher Kunstverlag, 2000, ISBN 3-422-03081-6, S. 685. Beiden Seitenschiffen gliedern sich, ähnlich wie in Doberan, querhausartige Vorhallen von jeweils zwei mal zwei Jochen um einen Mittelpfeiler an, die sich jedoch nicht wie ein Querschiff zum Mittelschiff öffnen und auch nicht dessen Höhe erreichen. Der Chor besitzt einen Fünfachtelschluss.

Das Hauptschiff ist mit 37 Metern Gewölbehöhe das vierthöchste Kirchenschiff Deutschlands und das zweithöchste im Sakralbau der Backsteingotik, wobei die Marienkirche in Lübeck nur um 1,5 m höher ist als die Nikolaikirche.

Im Inneren des Turmes ist ein 1616 entstandenes Wandgemälde eines Totentanzes, das aber nicht mehr erkennbar ist.

Maße Turmhöhe: 64 m (ehemals etwa 120 m) Gesamtlänge: 85 m Größte Breite: 58 m Mittelschiff: 37 m × 10,5 m Gewölbehöhe Mittelschiff: 37 m Seitenschiffe: 18,5 m × 5,5 m Wandstärke des Turmschaftes: 4,5 m Wandstärke der Kapellen: 1,20 m Umfang der Mittelschiffpfeiler: 8 m Verbaute Steine: ca. 3 Millionen

Ausstattung Das Innere der Nikolaikirche ist geprägt vom Zusammenspiel verschiedener Epochen. Die barocke Renovierung nach der Katastrophe von 1703 fügte einzelne zeitgenössische Ausstattungsstücke hinzu, überformte aber nicht die gotische Architektur des Raumes. Die Neueinziehung der Gewölbe 1867 hat dazu geführt, dass nur noch einzelne Elemente der Originalfassung erhalten sind.

Viele Teile der reichhaltigen Ausstattung stammen ursprünglich aus ehemaligen oder zerstörten Wismarer Kirchen. So wurde in der südlichen Vorhalle das Hochaltarretabel und das Triumphkreuz von 1430 aus St. Georgen untergebracht. Der Flügelaltar ist mit zehn Metern Breite bei geöffneten Flügeln das größte Retabel seiner Art im gesamten Ostseeraum. Auch in der Nordhalle befinden sich Relikte der Ausstattung von St. Marien und St. Georgen. Das gotische Gestühl im Chorumgang stammt ebenfalls aus St. Georgen.

Hauptaltar Der Hochaltar ist 1774 datiert und ist ein großartiges Zeugnis des Spätbarock. Der Altaraufsatz ist nach architektonischen Prinzipien streng gegliedert, Die Entstehungszeit des Rokoko ist nur an dem begleitenden, goldenen Rahmendekor ablesbar. Er umschließt zwei Gemälde: In der Sockelkartusche das Abendmahl. Im Hauptgeschoss ist ein älteres Gemälde des Malers Benjamin von Block eingefügt. Er hatte das Bild 1653 nach der berühmten Kreuzabnahme von Rubens kopiert. Das Hauptgeschoss ist von Säulen flankiert. Über dem Gemälde ist eine Uhr montiert und darüber das Jahwe-Tetragramm im Strahlenkranz. Die Spitze bildet eine Statue des auferstehenden Christus mit der Siegesfahne. Seitliche Portale des Altaraufbaues zeigen ein Stifterbild und Wappen. Der Aufbau wurde vermutlich in der Werkstatt des Johann Heinrich Bülle aus Wismar angefertigt.Nikolaikirche zu Wismar. 1. Auflage. Verlag Schnell & Steiner, München / Zürich 1990 / Berliner Verlagsanstalt Union, 1990, S. 11 (Schnell Kunstführer, Nr. 1861).

Retabel aus der Georgenkirche Dieses in der südlichen Vorhalle aufgestellte, um 1430 entstandene Hauptwerk unter den gotischen Schnitzaltären an der Ostseeküste wird im Artikel über die Georgenkirche (Wismar) #Hauptaltar beschrieben.

Schifferaltar Der Schifferaltar ist der einzige erhaltene mittelalterliche Altarschrein im Bestand der Kirche. Er wurde am Anfang des 16. Jahrhunderts in einer Wismarer Werkstatt für die Schifferbruderschaft angefertigt.Informationsschrift: Das Schiffer-Retabel in St. Nikolai, um 1500. Ohne Datumsangabe, Auslage in der Kirche, Inaugenscheinnahme im April 2015. Zentrale Figur ist eine Mondsichelmadonna, die von den Figuren Nikolaus und Jakobus dem Älteren, zwei von Seefahrern besonders verehrten Heiligen, begleitet wird. Sie sind sinnbildlich für zwei der bedeutendsten Pilgerstätten des Mittelalters dargestellt: Santiago de Compostela und Bari. Das äußere Flügelpaar ist verloren, ebenso fehlt die Predella.

In den beiden Kastenflügeln stehen je vier Heiligenfiguren: links oben Katharina von Alexandrien mit Rad und Schwert, darunter Elisabeth von Thüringen mit einer Märtyrerpalme in der rechten Hand sowie einem Kelch in der linken. Auf der gegenüberliegenden Seite ist Ursula von Köln mit einem Pfeil sowie darunter Margareta von Antiochia mit einem Prozessionskreuz zu sehen. Es ist möglich, dass an Stelle der Heiligen Ursula ursprünglich die Heilige Barbara dargestellt war. Sie wäre die vierte der Heiligen Jungfrauen, der virgines capitales. Auch von den weiter innen positionierten männlichen Heiligen sind nur der Evangelist Johannes sowie Erasmus von Antiochia eindeutig zu bestimmen, während bei den anderen Figuren wegen der starken Beschädigungen mit willkürlichen Ergänzungen der Attribute zu rechnen ist. Die Außenseiten der Flügel sind mit Szenen aus dem Marienleben geschmückt. Sie wurden im 19. Jahrhundert von C. C. Michaelsen stark überarbeitet und befinden sich in einem schlechten Erhaltungszustand. Aus dieser Zeit stammt auch das farbliche Erscheinungsbild. Links oben beginnt der Marienzyklus mit der Heimsuchung Mariens, anschließend die Geburt Jesu mit der Verkündigung an die Hirten, die Darbringung im Tempel sowie die Ermordung der bethlehemitischen Kinder durch Herodes.

Altaraufsatz der Krämergilde mini|Krämeraltar